mini|Scipio-Büste aus der Villa dei Papiri in Herculaneum (Archäologisches Nationalmuseum Neapel)

ScipioneLaut Original-Libretto von 1726Hallische Händelausgabe von Reinhard StrohmEditionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 141, 142, 143Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 604 oder (englisch, deutsch) ScipioAnthony Hicks: Scipione (‘Scipio’), in: Grove music online, 1992/2002 (vollständiger Abruf nur mit Abonnement)Friedrich Chrysander: G. F. Händel. Zweiter Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 140 f. (auch: Publio Cornelio ScipioneIm Händel-Handbuch Band 1 wird als Überschrift des Artikels Publio Cornelio Scipione verwendet, aber im folgenden Text der offensichtliche Original-Titel Scipione. Die dort gelisteten zeitgenössischen Libretti und Notenausgaben verwenden entweder Scipione oder das englische Scipio. Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck: Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 251.Manuela Jahrmärker: Publio Cornelio Scipione (HWV 20), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 162; HWV 20) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die ihre Uraufführung am 12. März 1726 im King’s Theatre am Haymarket in London erlebte.

Thema der Handlung ist die sogenannte „Enthaltsamkeit des Scipio“ (italienisch: „la continenza di Scipione“), die als ideales Vorbild für Tugend, Moral und ehrenhaftes Verhalten – insbesondere für die Mäßigung und Beherrschung eigener Leidenschaften – von der Renaissance bis ins 18. Jahrhundert ein beliebter Gegenstand in der Malerei wie auch auf der Opernbühne war.

Entstehung Die siebente Opernsaison der Royal Academy of Music war am 30. November 1725 mit einer Wiederaufnahme des Pasticcios L’Elpidia, ovvero Li rivali generosi (mit Musik von Leonardo Vinci) eröffnet worden; es folgten Wiederaufnahmen von Rodelinda und OttoneChristopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1992, S. 359 sowie im Januar 1726 eine Oper namens Elisa, deren Musik möglicherweise von Nicola Porpora stammte.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 141

Scipione war die letzte Oper, die Händel vor der lang erwarteten Ankunft der berühmten prima donna Faustina Bordoni schrieb. In der Literatur wird oft davon ausgegangen, dass die Oper eigentlich nur als „Lückenbüßer“ und in großer Eile geschrieben wurde, weil sich Bordonis Ankunft in London wegen ihres vorhergehenden Engagements in Wien und am dortigen Kaiserhof verzögert habe.Manuela Jahrmärker: Publio Cornelio Scipione (HWV 20), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 162Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, Allitera Verlag, München 2010, S. 140–141Wolfgang Hochstein & Saskia Woyke: Faustina Bordoni, in: MGG online, 2000/2016 (vollständiger Abruf nur mit Abonnement; abgerufen am 17. Januar 2026)Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 24Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 142. Zumindest hatte Händel anscheinend schon vorher (oder gleichzeitig?) mit der Komposition seines Alessandro begonnen, der als Londoner Debut der Bordoni vorgesehen war. Das geht aus der Tatsache hervor, dass er eine Sinfonia aus Alessandro (aus dem zweiten Akt) in den Scipione übertrug.

Wann Händel mit Scipione begann, ist nicht bekannt, aber sein Librettist Paolo Antonio Rolli behauptete, sie sei innerhalb von nur drei Wochen entstanden.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 617 Die Fertigstellung der Komposition ist am Ende des Autographs notiert: „Fine dell’Opera GFH March 2 1726.“

Schon zehn Tage später, am 12. März, wurde die Oper im King’s Theatre in London erstmals aufgeführt, mit den folgenden Sängern:Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck: Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 21. Scipione – Antonio Baldi (Alt-Kastrat) Lucejo – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Alt-Kastrat) Berenice – Francesca Cuzzoni (Sopran) Lelio – Luigi Antinori (Tenor) Ernando – Giuseppe Maria Boschi (Bass) Armira – Livia Costantini, genannt „La Polacchina“ (Sopran)

Die Oper kam auf dreizehn Vorstellungen bis zum 30. April.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 141–142.

Wiederaufnahme Eine Wiederaufnahme erfolgte ab dem 3. November 1730 für sechs Aufführungen, in der allerdings zahlreiche Umarbeitungen vorgenommen wurden. Weniger als die Hälfte der originalen Gesänge blieb erhalten, dafür fügte Händel Arien aus früheren Opern ein – wie bei einem Pasticcio – und komponierte einiges neu. Die größten Änderungen betrafen die Titelrolle des Scipione, die für den Tenor Annibale Pio Fabri wegen der anderen Stimmlage ganz neu gestaltet werden musste, sowie die Partie der Armira, die für Antonia Margherita Merighi größer ausgebaut wurde. Nach Meinung von Winton Dean waren diese Änderungen kein Gewinn, außer eventuell für die Rolle der Armira.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 618–619.

Moderne Aufführungsgeschichte Die erste moderne Aufführung fand am 20. Juni 1937 bei den Göttinger Händel-Festspielen in einer deutschen Textfassung von Emilie Dahnk-Baroffio und unter der musikalischen Leitung von Fritz Lehmann statt.

Die erste vollständige Aufführung des Stückes seit 1726 und in historischer Aufführungspraxis war eine konzertante Aufführung am 24. Juni 1993 beim „Festival International de Musique Baroque“ in Beaune mit den Les Talens Lyriques, unter Leitung von Christophe Rousset.

Libretto Händels Libretto wurde von Paolo Antonio Rolli auf der Vorlage von Antonio Salvis Publio Cornelio Scipione erstellt, welches 1704 im Auftrag des Prinzen Ferdinando de’ Medici entstanden und in Livorno aufgeführt worden war (Komponist unbekannt)Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 607 (auch: Fußnote 6).. Vor Händel entstanden zahlreiche andere Opern über das Thema der „Enthaltsamkeit des Scipio“, über Libretti von Nicolò Minato (Scipione affricano, Venedig 1664, Musik von Francesco Cavalli),Martha Novak Clinkscale: Scipione affricano, in: Grove music online, 1992/2002 (vollständiger Abruf nur mit Abonnement) Apostolo Zeno (Scipione nelle Spagne, 1710)Elena Sala Di Felice: Zeno, Apostolo, in: Grove music online, 2001 (vollständiger Abruf nur mit Abonnement) und Agostino Piovene (Publio Cornelio Scipione, Venedig 1712; vertont von Carlo Francesco Pollarolo und Leonardo Vinci)Zu Komponisten siehe Abschnitt Writings, in: Michael Talbot, Kurt Markstrom: Piovene, Agostin, in: Grove music online, 1992/2002 (vollständiger Abruf nur mit Abonnement). Während vor allem Zenos Libretto häufiger vertont wurde – u. a. von Alessandro Scarlatti, Caldara und Albinoni –,Zu den Komponisten siehe unter Theatrical Works, in: Elena Sala Di Felice: Zeno, Apostolo, in: Grove music online, 2001 (vollständiger Abruf nur mit Abonnement) ist Händels Scipione die einzige spätere Bearbeitung nach Salvi.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 607.

Rollis Textbuch gilt allgemein als eher schwach, was zumindest teilweise der Eile zugeschrieben wird, unter denen die Oper anscheinend entstand. Wie immer wurden die Rezitativ-Texte für das Londoner Publikum stark gekürzt. Rolli ersetzte aber auch die originalen Arien-Texte und strich die meisten Nebenfiguren von Salvis Vorlage. Die Rolle der Armira, die bei Salvi gleiches Gewicht wie Berenice und Lucejo hat, wurde stark beschnitten. Stattdessen wurde als neue Figur Berenices Vater Ernando eingeführt.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 607–608. Ursprünglich war auch ein Part für Berenices Mutter Rosalba geplant, der aber bereits während der Komposition wieder gestrichen wurde, weil die Altistin Anna Vicenza Dotti nicht mehr verfügbar war; die bereits komponierte Musik teilte Händel dem Part des Ernando zu.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck: Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 261. Insgesamt ist die Handlung im Vergleich zu Salvi stark vereinfacht und auf die Liebesintrigen zentriert, die meisten politischen Zusammenhänge sowie komische Szenen entfielen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 608–610.Manuela Jahrmärker: Publio Cornelio Scipione (HWV 20), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 161–162 Ein Pluspunkt ist die Tatsache, dass das lieto fine, anders als in vielen anderen Barockopern, organisch aus der Handlung entwickelt wird, glaubwürdig wirkt und nicht zuletzt auch der historischen Überlieferung entspricht.

Handlung Historischer und literarischer Hintergrund mini|Sebastiano Ricci: Die Zurückhaltung des Scipio (Royal Collection, London) Von den zahlreichen römischen Persönlichkeiten mit dem Namen Scipio ist hier Publius Cornelius Scipio Africanus Major gemeint, der während des Zweiten Punischen Krieges 218–204 v. Chr. Carthago Nova (das heutige Cartagena) eroberte, die wichtigste Handelsniederlassung der Karthager auf europäischem Boden. Der historische Hintergrund wird berichtet in den Historiae (10. Buch) des griechischen Geschichtsschreibers Polybios und in dem römischen Geschichtswerk Ab Urbe Condita von Titus Livius. Im 50. Kapitel des 26. Buches berichtet Livius, ohne ihren Namen zu nennen, von einem ausnehmend schönen Mädchen, welches sich unter den Gefangenen nach der Eroberung Neu-Karthagos befand. Von einer Verliebtheit Scipios, wie in der Oper, ist bei keinem der beiden Historiker die Rede. Statt die junge Frau als „Beute“ und Sklavin für sich zu beanspruchen, behandelte er sie sehr respektvoll, gab sie ihrem Bräutigam, dem keltiberischen Häuptling Allucius, unversehrt zurück und gewann ihn dadurch zum Verbündeten.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 271 ff. Das von ihren Eltern für den Freikauf bestimmte Gold nahm Scipio nur an, um es sofort dem Liebespaar als Brautgeschenk zu überreichen. Allucius schwor daraufhin Scipio Treue und begann sofort unter seinen Leuten mit der Rekrutierung von Soldaten für das römische Heer: Schon nach wenigen Tagen konnte er Scipio 1400 Reiter schicken.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 606.

Erster Akt