Der Weichkäse (Originaltitel: ) ist ein Film des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1963. Er bildet die dritte Episode des gesellschaftskritischen Episodenfilms RoGoPaG. Die weiteren Episoden stammen von Roberto Rossellini, Jean-Luc Godard und Ugo Gregoretti.
Handlung
Dem Film sind zwei Texttafeln vorangestellt, die erste zeigt zwei Bibelzitate ohne Ton:
Denn es ist nichts Verborgenes, das nicht offenbar gemacht werden soll, auch ist nichts Geheimes, das nicht ans Licht kommen soll. Wenn jemand Ohren hat zu hören, der höre! – das Evangelium nach Markus ()
… und die Münzen der Wechsler schüttete er aus, und die Tische warf er um; und zu den Taubenverkäufern sprach er: Nehmt dies weg von hier, macht nicht das Haus meines Vaters zu einem Kaufhaus! – das Evangelium nach Johannes ()
Die zweite Texttafel präsentiert eine von Pasolini auch selbst gesprochene Erklärung:
Der Film spielt vor den Toren Roms auf dem Set eines Bibelfilms, auf dem ein resignierter Regisseur versucht, sein höchst weltliches, ignorantes Filmteam zu dirigieren. Hier arbeitet auch Stracci (il straccione bedeutet auf Italienisch der Lump), ein einfacher Komparse und Darsteller des guten Schächers. Er ist von heftigem Hunger geplagt, doch die eigene Essensration bringt er pflichtbewusst seiner Familie, ohne davon selbst etwas abzubekommen. Als Frau verkleidet gelingt es ihm, sich eine zweite Ration zu erschleichen, aber bevor er dazu kommt, seinen Hunger zu stillen, macht sich der Hund der Diva, ein kleiner Spitz, über das Essen her.
mini|Rosso Fiorentinos Kreuzabnahme (1521) diente als Vorlage für die erste der beiden Szenen des fiktiven BibelfilmsWährenddessen taucht ein Journalist am Set auf und bittet um ein Interview mit dem Regisseur. Dieser gewährt ihm vier Fragen, die er dann aber nur mit sarkastischen Sentenzen beantwortet. Als der Journalist, offenbar zufrieden mit diesen Antworten, gehen will, ruft er ihn zurück und rezitiert ein Gedicht (Pasolinis): im Original: . In: , Garzanti, Mailand 1964. Eine deutsche Übersetzung findet sich im veröffentlichten Drehbuch, in: Ali mit den blauen Augen. Piper, München 1990, S. 83–84. Von Pasolini selbst gesprochen ist das Original auf zu finden. Im Film wird deutlich auf Pasolini als Autor verwiesen, das Buch, aus dem der Regisseur zitiert, trägt gut lesbar den Titel von Pasolinis letztem Film Mamma Roma (1962). Der Journalist versteht kein Wort,Der Journalist antwortet, er habe verstanden, dass er (der Regisseur) auf der Via Tuscolana umhergehe. Diese Straße liegt, wie die ebenfalls im Gedicht erwähnte Via Appia, in unmittelbarer Nähe des realen Drehortes, dort befinden sich auch die Cinecittà Studios. also diktiert ihm der Regisseur eine Reihe drastischer Beleidigungen in die Feder, in denen er seine tiefe Verachtung für ihn und das italienische Bürgertum zum Ausdruck bringt. Er entlässt ihn mit dem Hinweis, dass der Verleger des Journalisten auch der Produzent dieses Filmes ist.
Der Journalist geht, da trifft er Stracci, der ihm den Hund der Diva verkauft. Nun hat er endlich das Geld, sich etwas zu essen zu besorgen: in chaplineskem Zeitraffer rast er zum Stadtrand, kauft sich einen riesigen Laib Ricotta, und kehrt zum Set zurück. Doch wieder kommt er nicht zum Essen, er wird zu seinem Einsatz gerufen und an ein Kreuz gebunden. In der Wartezeit machen die anderen sich über den Gefesselten und seinen Hunger lustig, eine Komparsin legt vor ihm einen Strip hin.
Die Szene wird verschoben, aber Stracci bleibt ans Kreuz gefesselt, erst in einer Drehpause kann er endlich zu seinem in einer Höhle versteckten Ricotta zurück. Gierig verschlingt er den Käse, das belustigte Team ist ihm gefolgt, beobachtet ihn und bringt ihm immer mehr zu essen, unter ihrem höhnischen Gelächter stopft Stracci alles in sich hinein.
Da nähert sich der Produzent des Films mit großem Gefolge dem Set. Zu diesem Anlass ist ein großes Buffet vor der Kreuzigungsszene aufgebaut, die in seiner Anwesenheit gedreht werden soll. Der Regisseur und die Stars begrüßen noch diensteifrig die Gäste, die Vorbereitungen für die Szene sind fast beendet. Stracci leidet nach der riesigen Mahlzeit sichtbar an seinem Kreuz, während ein Assistent mit ihm noch einmal seinen Text durchgeht. Doch als die Kamera schließlich läuft, bleibt er stumm: er hat sich überfressen und ist am Kreuz gestorben. kommentiert der Regisseur lakonisch,
Hintergrund
Vorgeschichte
Das Buch zu La ricotta entstand während der Dreharbeiten zu Mamma Roma. Die Finanzierung des nächsten großen Projektes, die Verfilmung des Evangeliums nach Matthäus, gestaltete sich schwierig und zog sich hin, Pasolini wollte daher einen kleineren Film einschieben. Dieser war ursprünglich für einen Episodenfilm des Produzenten Roberto Amoroso gedacht, der mit dem Drehbuch jedoch nichts anfangen konnte und die Umsetzung ablehnte.vgl. Enzo Siciliani: Pasolini, 1985, S. 324; etwas anders bei Pasolini über Pasolini: im Gespräch mit Jon Halliday, 1995, S. 65. Alfredo Bini, der bis 1967 die meisten Filme Pasolinis produzierte, bot Pasolini daher an, den Film im Rahmen eines von ihm geplanten Episodenfilms zu drehen, der Filmtitel RoGoPaG setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der beteiligten Regisseure Rossellini, Godard, Pasolini und Gregoretti zusammen.
Die Grundidee von RoGoPaG stammte von Roberto Rossellini: der Film sollte sich mit den Auswirkungen des italienischen Wirtschaftswunders und der Konsumgesellschaft auf den Einzelnen auseinandersetzen. Die einzelnen Episoden des Filmes waren dabei aber völlig unabhängig voneinander, zu einem inhaltlichen Austausch oder einer Zusammenarbeit der Regisseure kam es nicht. Pasolini war mit dem Ergebnis des Gesamtprojektes nicht zufrieden: Gregoretti berichtete, dass er sogar Bini dazu drängte, nur seine und Gregorettis Episode zu veröffentlichen.vgl. Faldini und Fofi: Pier Paolo Pasolini. Lichter der Vorstädte. 1986, S. 61–62.
Produktion RoGoPaG entstand als italienisch/französische Koproduktion der Arco Film (Rom) des Produzenten Alfredo Bini mit der Cineriz (Rom), die auch den Verleih in Italien übernahm, und der Société Cinématographique Lyre (Paris). Für die dritte Episode hatte Pasolini die Verantwortung für Buch und Regie, Kamera und Schnitt übernahmen Tonino Delli Colli und Nino Baragli, die beide über lange Jahre hinweg an den meisten Filmen Pasolinis mitwirkten. Die Ausstattung besorgten Danilo Donati (Kostüme) und Flavio Mogherini (Bauten), die musikalische Leitung hatte Carlo Rustichelli.zu den Produktionsdetails vgl.: Deutsche Kinemathek: Pier Paolo Pasolini. Dokumente. 1994, S. 56.
Drehorte
Der Film wurde im Oktober und November 1962 auf einem Acqua Santa genannten Brachland am (damaligen) südlichen Stadtrand von Rom gedreht, in unmittelbarer Nähe zu den Cinecittà Studios, in denen die Szenen des fiktiven Bibelfilms entstanden. Das Gelände liegt im an antiken Monumenten reichen und ist heute Teil des . Hier befindet sich mit der Calixtus-Katakombe auch die Grablege der ersten frühchristlichen Gemeinde.
Besetzung
Pasolini arbeitete am liebsten mit Darstellern, die möglichst aus dem gleichen Milieu stammen sollten wie ihre Charaktere, er bevorzugte daher die Arbeit mit Laiendarstellern. Bei La ricotta hingegen galt es, ein Filmteam darzustellen. Folgerichtig besetzte er die Rolle des Regisseurs mit einem Regisseur. War zunächst Peter Ustinov im Gespräch, konnte er später Orson Welles für die Rolle gewinnen, er wurde im Original von Giorgio Bassani synchronisiert. Auch für die Statisten, die er normalerweise direkt am Drehort suchte, setzte er hier Berufsstatisten der Cinecittà ein, die sich selbst spielten. Mario Cipriani (Stracci) und Vittorio La Paglia (der Journalist) hatten bereits Rollen in Accattone und Mamma Roma übernommen. Mit der Schauspielerin Laura Betti (die Diva) verband Pasolini eine lebenslange enge Freundschaft.
Veröffentlichung
RoGoPaG startete am 19. Februar 1963 in Rom in den Kinos, in der Bundesrepublik gelangten weder der Gesamtfilm noch La ricotta in den Verleih. Pasolinis Episode war das erste Mal am 9. Juni 1967 im Spätprogramm des ZDF zu sehen. 1976 wurde sie im Internationalen Forum des jungen Films auf der Berlinale gezeigt.
Skandal und Prozess
Nach der Premiere von RoGoPaG kam es wegen Pasolinis Episode zu einem Skandal. Sie war vom zuständigen Ministerium Anfang Februar 1963 für den Verleih freigegeben worden, wenn auch mit einer Altersbeschränkung ab 18 Jahren. Doch schon kurz nach dem Kinostart beschlagnahmte die Polizei am 1. März aus einer laufenden Vorführung eine Kopie aufgrund einer Anklage wegen Verunglimpfung der Staatsreligion. Auch die weiteren Kopien wurden eingezogen, der Film durfte nicht mehr gezeigt werden. Schon am 7. März verurteilte das Gericht Pasolini nach einem Schnellverfahren zu 4 Monaten Freiheitsentzug auf Bewährung.
Im Mai 1964 wurde Pasolini in einem Berufungsverfahren freigesprochen. Das Gericht stellte dabei ausdrücklich fest, dass der Film als Ganzes den Straftatbestand der Verunglimpfung nicht erfülle, die isolierte Betrachtung einzelner Szenen zur Bewertung des Filmes sei nicht zulässig und stelle eine falsche Auslegung des zugrundeliegenden Gesetzes dar. Die Staatsanwaltschaft ging in die Revision, die im Februar 1967 vom Kassationsgerichtshof zurückgewiesen wurde, dabei erging formal kein Urteil mehr, da der Straftatbestand seit 1966 aufgrund einer Amnestie nicht mehr bestand. Das Gericht bestätigte in seiner Begründung jedoch ausdrücklich noch einmal die inhaltliche Position des Berufungsgerichtes.zum Prozess vgl.: Enzo Siciliano: Pier Paolo Pasolini. Leben und Werk. Aus dem Italienischen von Christel Galliani. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1985, S. 327–330, 336–337 (ital. Originalausgabe: Rizzoli, Mailand 1978), sowie die .
Auch Pasolinis letzter Film Mamma Roma (1962) war in der Öffentlichkeit heftig angegriffen worden, vor allem aber hatte sein Début Accattone (1961) einen beispiellosen Skandal verursacht, die öffentliche Aufmerksamkeit für den Prozess war daher groß. Die bisherigen Auseinandersetzungen mit Strafanzeigen, tätlichen Angriffen, scharfen Polemiken bis hin zu einer parlamentarischen Aussprache und der Stürmung von Vorführungen durch militante Kräfte rechter Gruppierungen hatten zu einer Solidarisierung (in den Worten des zuständigen Staatsanwaltes Giuseppe Di Gennaro) mit Pasolini geführt, während sich in den Medien und auf der Straße von Seiten der Konservativen und Rechten ein (Pasolini) äußerte: dass ausgerechnet ein offen homosexuell lebender Kommunist es sich erlaubte, der Gesellschaft (Bini). Bini und Pasolini vermuteten daher, dass der Film von konservativer Seite zum Anlass genommen wurde, um an Pasolini als einem (Di Gennaro) ein Exempel zu statuieren.vgl. Faldini und Fofi: Pier Paolo Pasolini. Lichter der Vorstädte. 1986, S. 70–72 (Di Gennaro, Bini) und Pasolini über Pasolini: im Gespräch mit Jon Halliday, 1995, S. 70–71; zu den Reaktionen auf Accattone und Mamma Roma vgl. Spila: Pasolini. 2002, S. 27–28, 34.
Gewicht bekommt diese These auch durch den Umstand, dass Pasolini der Figur des vom Regisseur beschimpften Journalisten im Drehbuch mit Pedote den Namen eines Staatsanwaltes gegeben hatte, der sich in früheren Prozessen bei Befragungen als besonders unfair profiliert hatte. Bini forderte ihn auf den Namen zu ändern, aber Pasolini variierte ihn nur leicht zu Pedoti. Die Anklage wies auf diese Provokation im Prozess dann auch ausdrücklich hin.