Ernest Bueding (* 19. August 1910 in Frankfurt am Main; † 18. April 1986 in Baltimore), geboren als Ernst Boris BüdingDer Zweitname Boris bleibt in vielen Dokumenten unerwähnt., war ein Emigrant, der als Student schon zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus das Deutsche Reich verlassen musste. Über Exil-Stationen in Paris und Istanbul traf er im Januar 1939 in den USA ein, wo er sich eine wissenschaftliche Karriere als Parasitologe, Pharmakologe, Biochemiker und Krebsforscher aufbaute.
Ernst Büdings Leben bis zur Machtübernahme der Nazis Ernst Büding war der Sohn von Friedrich (* 28. Juli 1868 in Kassel; † 4. November 1924 in Frankfurt am Main)Über Friedrich Büding ist wenig bekannt. Weiterhelfen könnte da die digitalisierte Sammlung im Center for Jewish History: Bueding Family Collection und Katia Büding (geborene Margoulieff [auch: Morgoulieff], * 26. August 1879 in Odessa; † 15. Juli 1963 New York).Über die Schreibweise von Katia Büdings Geburtsname und ihr Geburtsdatum gibt es unterschiedliche Angaben. Das hier verwendete Geburtsdatum stammt aus der Wiedergutmachungsakte Katia Bueding, die auch die Kopie ihrer Polizeilichen Abmeldung aus Frankfurt zum 31. März 1936 enthält. Dort ist das ursprüngliche Geburtsdatum „27. XII. 1888“ (eventuell auch 1880) durchgestrichen und durch das Datum 26. August 1879 ersetzt. Dieses Geburtsdatum gilt dann auch für die gesamte Akte, in der sich auch noch eine Versicherung an Eides statt eines New Yorker Rechtsanwalts befindet, der am 18. Juli 1955 die Richtigkeit des Geburtsdatums 26. August 1879 bestätigte. Die beiden waren seit dem 3. November 1904 verheiratet, was sie schon vorab, am 31. Oktober 1904, zu einer Spende von 500,00 Mark an das Israelitischen Waisenhauses, genannt die Philipp Feidel und Emilie Goldschmidt’sche Stiftung zu CASSEL veranlasst hatte.Bericht des Israelitischen Waisenhauses für den Zeitraum September 1899 bis Januar 1908Zur Geschichte des Israelitischen Waisenhauses siehe: Das Israelitische Waisenhaus in Kassel (1856-1938) auf alemannia-judaica.de In dem Stiftungsbericht des Israelitischen Waisenhauses wird „Frau Dr. Katia Margoulieff Büding in Frankfurt a. M.“ ab dem 12. Oktober 1905 als eines der „weiblichen Mitglieder des Kuratoriums (Ehrenmütter)“ der Stiftung erwähnt. Der Doktortitel dürfte ihr, wie damals üblich, von ihrem Mann entliehen worden sein; in der Wiedergutmachungsakte aus den 1950er Jahren wird sie als „Oberlehrerin“ geführt. Einen Monat vor ihrer Berufung zur Ehrenmutter war Katia Büding Mutter einer Tochter geworden: Julia (* 17. September 1905 in Kassel; † 11. Juli 1974 in Zürich).Laut den Unterlagen bei Ancestry war Julia Büding seit dem 17. März 1929 mit dem Arzt Gustav Rosenburg (1891–1974) verheiratet. Die Datenbank von Ellis Island verzeichnet die erste Ankunft von ihr und ihrem Ehemann in den USA im Januar 1936. mini|Frankfurt, Zeppelinallee 25 Wie der Stiftungsbericht besagt, lebten die Büdings 1905 bereits in Frankfurt. In den Adressbüchern der Stadt FrankfurtAdressbücher der Stadt Frankfurt für die Jahre 1905 bis 1924 findet sich ein Eintrag für den „Privatier Dr. F. Büding, Schumannstr. 49“ erstmals in der Ausgabe 1908, und unter dieser Adresse lebte die Familie auch noch, als Sohn Ernst 1910 zur Welt kam. Erstmals im Adressbuch von 1914 ist für die Familie dann die bis zur Emigration gültige Adresse Zeppelinallee 25 eingetragen. Die von ihr dort bewohnte und heute unter Denkmalschutz stehende VillaDenkmalschutz in Hessen: Zeppelinallee 25 und 27 Frankfurt-Bockenheim war 1913 erbaut worden. Eigentümer des Hauses war zunächst dessen Architekt Johann Peter Walluf, bevor es dann in den Besitz von Friedrich Büding gelangte.
Ernst Büding legte an Ostern 1929 am Frankfurter Goethe-Gymnasium die Reifeprüfung ab und studierte ab April 1929 zwei Semester Medizin in Berlin und danach an der Goethe-Universität in Frankfurt.Ernst Büding: Curriculum vitae, in: Arın Namal: Junge jüdische Emigranten aus Deutschland und Österreich, Folie 14 Im Juli 1931 bestand er mit der Gesamtnote „gut“ das Physikum und begann im Oktober des gleichen Jahres – parallel zur Fortsetzung seines Medizinstudiums – unter der Leitung des Biochemikers Gerhard SchmidZu Gerhard Schmidt siehe Liste der in der NS-Zeit verfolgten und vertriebenen Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät der Goethe-Universität und den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: :en:Gerhard Schmidt (biochemist). im physikalisch-chemischen Labor des Pathologischen Instituts zu arbeiten. Diese Phase von Büdings Leben und Ausbildung endete im Frühjahr 1933.
Wie sehr Ernst Büding von nationalsozialistischen Verfolgungen bedroht war, zeigt eine Verfügung von Ernst Krieck, dem ersten Nazi-Rektor der Goethe-Universität. Dieser verfügte am 12. Juli 1933 die Zwangsexmatrikulation von sieben Studentinnen und Studenten, die sich aktiv in linken Studentengruppen betätigt hatten. 15 namentlich genannte weitere Personen wären wegen Betätigung „in kommunistischen Sinn“ relegiert worden, wenn sie die Universität nicht schon von sich aus verlassen hätten. Zu dieser Gruppe gehörte auch Ernst Büding, dem Krieck wie einigen anderen vorwarf, „Vorstandsmitglied oder Ferienvertreter der Kommunistischen Studentengruppe in den vergangenen Semestern“ gewesen zu sein.Verfügung von Rektor Ernst Krieck, zitiert nach Christoph Dorner, Lutz Lemhöfer, Reiner Stock, Gerda Stuchlik, Frank Wenzel: Die braune Machtergreifung. Universität Frankfurt 1930 – 1945, AStA der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt am Main 1989, S. 82 Ob Ernst Büding tatsächlich in einer sozialistischen oder kommunistischen Studentengruppe aktiv war, konnte nicht verifiziert werden.
Exil in Paris und in der Türkei Noch im April 1933 wurde Ernst Büding Mitarbeiter von Auguste PettitSiehe: Auguste Pettit sowie auch: PETTIT Auguste auf der Webseite des Comité des travaux historiques et scientifiques – Institut rattaché à l’École nationale des chartes am Pariser Institut Pasteur und setzte ab Oktober 1933 auch sein Medizinstudium fort. Wie er so nahtlos in Paris Fuß fassen konnte, ist nicht bekannt. Ein möglicher Hinweis hierzu findet sich allerdings in einer Biografie seines Frankfurter Lehrers Gerhard Schmidt. Dieser wollte von Schweden kommend, wo er nach seiner Flucht aus Deutschland 1933 eine Stelle gefunden hatte, die 1934 nicht mehr verlängert worden war, nach Italien reisen und dabei einen Zwischenstopp in Paris einlegen.
Bei diesem Onkel handelte es sich vermutlich um A. B. Margoulieff, dessen Adresse, „30 Ave Henri Martin, Paris, France“, findet sich in den Unterlagen von Ernst Büdings Schwester Julia Rosenburg in der Datenbank von Ancestry.
Ernst Büding bestand Ende Juli 1934 die anstehenden Examina und strebte für Ende 1935 die medizinische Promotion an. Parallel dazu wollte er noch eine physiologisch-chemische Dissertation an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Sorbonne einreichen.
Am Institut Pasteur hatte auch Büdings langjährige Freundschaft mit Albert Schweitzer ihren Anfang.
Diese frühe Begegnung fand eine Fortsetzung nach Büdings abgeschlossener Ausbildung als Parasitologe und Pharmakologe und dem danach sich entwickelnden Interesse an Schweitzers Arbeit zur Bekämpfung der Lepra. Büding half ihm bei der Beschaffung von Medikamenten und pflegte eine langjährige Korrespondenz mit Schweitzer, die heute den Kern einer Sammlung an der Johns Hopkins University bildet.
Die zuvor von Büding in seinem Lebenslauf skizzierte Planung für seinen weiteren wissenschaftlichen Werdegang verlief anders. Der Lebenslauf war schon Teil seiner Bewerbung für eine Stelle am Institut für Biochemie der Universität Istanbul, wo er von 1935 bis 1938 wissenschaftlicher Mitarbeiter von Werner Lipschitz war.Arın Namal: Junge jüdische Emigranten aus Deutschland und Österreich, Folie 16 Wie es zu dieser Verbindung kam, ist nicht dokumentiert, und von den angestrebten Promotionen scheint nur die in Medizin realisiert worden sein: Recherches sur la dégénérescence graisseuse du foie, 1 janvier 1936 (Recherchen zur fettigen Degeneration der Leber).Die unvollständige Titelangabe in der Hoehems Genealogie konnte mit Hilfe amazon.fr vervollständigt werden; der Titel ist auch im WorldCat gelistet.
Leben und Forschen in den USA 1938 lief der Vertrag von Werner Lipschitz in Istanbul aus, und er wechselte in die USA. Das dürfte auch das Ende für Büdings Vertrag bedeutet haben, der ebenfalls in die USA auswanderte. Von Istanbul über Frankreich kommend, traf er am 17. Januar 1939 in New York ein. Am 31. Mai 1939 stellte er unter dem Namen Ernest Boris Bueding (mit Verweis auf seinen Geburtsnamen Ernst) in New York einen Einbürgerungsantrag.Alle Angaben aus der bei ancestry.com als Digitalisat vorhandenen Declaration of Intention/Naturalization Declaration vom 31. Mai 1939.
Ernest Büdings private und berufliche Stationen in den USA lassen sich nur punktuell rekonstruieren. Am 4. April 1940 heiratete er in New York die „Dress Designerin“ Raya Palzeff (* 4. November 1905 in „Olesso, Russia“ [Odessa]).Die Schreibweisen von Namen in amerikanischen Dokumenten. soweit sie nicht dem englischen Sprachraum entstammen, sind oft sehr willkürlich. Der vermeintliche Geburtsort Olesso stammt aus ihrem Einbürgerungsantrag vom 28. Februar 1941. In einem anderen Dokument, in dem sie unter dem Namen Raisna Palzeff geführt wird, ist eindeutig Odessa als Geburtsort benannt. Dort ist auch aufgeführt, dass sie vor ihrer Ehe mit Ernest Bueding vom 11. Juli 1935 bis zum 7. Dezember 1938 mit René Albert Philippe (1899–1973) verheiratet war und in Paris lebte. Der Einbürgerungsantrag besagt, dass sie von Paris über Genua in die USA emigriert ist, wo sie am 1. April 1940 eintraf. Obwohl sie zum Zeitpunkt der Antragstellung bereits Bueding hieß, lautet dort ihr "correct name" „Raissa Briding Formerly Reissa Palzeff“. Alle zitierten Dokumente befinden sich als Digitalisate in der Datenbank von Ancestry. Ein „Einberufungsbescheid für junge Männer“ (Draft Card Young Men) vom 16. Oktober 1940 besagt, er sei beim „Departement of Medicine“ der New York University beschäftigt. Seine New Yorker Adresse ist aber durchgestrichen und überschrieben mit Western Reserve University, Dept of Pharmacology, Cleveland, Ohio. Wann er von der einen zur anderen Universität gewechselt ist, ist ebenso wenig belegt wie eine tatsächliche Einberufung zum Militärdienst. Ein Aufsatz von ihm deutet aber an, dass die Adressänderung zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt sein muss, denn in einem 1941 verfassten Aufsatz heißt es zu den beiden Autoren Ernest Büding und Walter Goldfarb: „From the Medical Service of the Psychiatric Division, Bellevue Hospital, and the Departments of Medicine and Psychiatry, New York University, College of Medicine, New York“.THE EFFECT OF SODIUM FLUORIDE AND SODIUM IODOACETATE ON GLYCOLYSIS IN HUMAN BLOOD, 7. Juli 1941 Auch 1942 hieß es über ihn noch: „Assistant in chemistry, New York University College of Medicine; fellow in medicine, Medical Service of the Psychiatric Division, Bellevue Hospital“.Herman Wortis, M.D., Ernest Bueding, M.D., and Norman Jolliffe, M.D.: Pyruvic Acid Studies in the Peripheral Neuropathy of Alcohol Addicts, The New England Journal of Medicine, March 5, 1942, Vol. 226 NO. 10 Eingebürgert wurde Büding 1944 mit dem falschen Geburtsjahr 1911, und der „Naturalization Place New York, Cuyahoga, Ohio“ legt die Vermutung nahe, dass es zu dem Zeitpunkt noch zwei Wohnsitze gab. Raissa Büding wurde 1946 in „Cleveland, Cuyahoga, Ohio“, eingebürgert. Seinen Antrag „auf Grund des Gesetzes zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“ stellte Ernest Bueding am 12. Juli 1950 als Professor an der Western Reserve University in Cleveland mit Wohnsitz dort seit 1947.Arcinsys Hessen: Wiedergutmachungsakte Ernst Boris Bueding, Signatur HHStAW, 518, 51664