mini|hochkant=1.5|Rekonstruktion der spätpleistozänen Wildpferdeart Equus latipes (Paläokünstler Roman Uchytel)
Wildpferd ist eine unscharfe Sammelbezeichnung für verschiedene Vertreter der Gattung der Pferde aus der Familie der Equidae, die in zweierlei Bedeutungen verwendet wird: Alle Arten der Pferde, einschließlich der ausgestorbenen, die in einem näheren Verwandtschaftsverhältnis zum Hauspferd (Equus caballus) stehen (die sogenannte caballine Gruppe), aber nicht domestiziert wurden. Dazu gehört auch der bisher nicht genau identifizierte wildlebende Vorläufer des Hauspferdes. Als rezente Vertreter gelten häufig der Tarpan (Equus ferus) und das Przewalski-Pferd (Equus przewalskii). Der Wildpferdestatus beider wird durch einige genetische Studien in Frage gestellt, was Gegenstand kontroverser Diskussionen ist. Im Ergebnis der genetischen Untersuchungen können aber weder der Tarpan noch das Przewalski-Pferd in die direkte Abstammungsfolge zum Hauspferd eingeordnet werden. Beide Formen wurden eine Zeitlang in eine gemeinsame Art gestellt, die im Deutschen die Bezeichnung „Wildpferd“ trug. Im weiteren Sinne schließt der Begriff Wildpferd auch alle pleistozänen caballinen Pferdearten ein. Nicht näher mit dem Hauspferd verwandte wildlebende Pferdeformen werden als Wildesel oder Zebras ausgewiesen. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden auch (mehr oder weniger) wildlebende Pferderassen als „Wildpferde“ bezeichnet. Dabei handelt es sich ausnahmslos um verwilderte Hauspferde (zum Beispiel der amerikanische Mustang sowie das australische Brumby) oder halbwild lebende Rassen (zum Beispiel das Dülmener Pferd in Deutschland beziehungsweise das Camargue-Pferd in Frankreich). Sie werden auch als halbwilde Pferde bezeichnet.
„Echte“ Wildpferde Rezente Formen mini|Tarpan. 1866 als Fohlen in der Steppe von Zagradovsk eingefangen und mit drei Jahren kastriert. Bis 1880 lebte er in Novovorontsovka, bevor er 1884 in den Moskauer Zoo kam und fotografiert wurde. Auf dem Bild ist er 18 Jahre alt, 133 cm groß und „dunkelgrau“. Seine Mähne war lang, sein Schweif musste geschnitten werden. Er war möglicherweise nicht reinrassig. Dies ist die einzige bekannte Fotografie der Art. Während des Holozäns wurden hauptsächlich zwei Vertreter in Eurasien als Wildpferde angesehen. Der Tarpan (Equus ferus) besiedelte den westlichen Teil, wurde aber im 18. und 19. Jahrhundert ausgerottet. Sein Auftreten ist für die westrussischen und ukrainischen offenen Steppenlandschaften verbürgt. Weiter westlich, in Polen und im Baltikum kam er auch in geschlossenen Waldgebieten vor. Höchstwahrscheinlich trat der Tarpan auch in Mittel- und Westeuropa auf, doch ist er hier schon wesentlich früher verschwunden. Das Aussehen der Tiere ist weitgehend nur über historische Überlieferungen rekonstruierbar, lediglich von einem Individuum, dessen Reinerbigkeit aber nicht eindeutig ist, liegt eine Fotografie vor. Nach sich wiederholenden Aussagen zeitgenössischer Quellen war der Tarpan ein eher kleines Pferd, dessen Schulterhöhe wohl um die 140 cm maß, mit großem Kopf und spitzen Ohren. Das Fell wies offensichtlich eine mehr oder weniger graue Färbung auf, wobei die Bauchseite wahrscheinlich eine hellere und die Gliedmaßen eine dunklere Tönung besaßen. Häufig wird eine dunkle, struppige Mähne und ein dunkler Schwanz angegeben, ebenso kam ein Aalstrich vor. Bezüglich der Mähne ist unklar, ob diese stehend oder hängend ausgebildet war. Aus genetischer Sicht stellt der Tarpan eine Mischung aus westeurasischen Wildpferden und Hauspferden dar.
mini|Przewalski-Pferd Das Przewalski-Pferd (Equus przewalskii) wurde als östlicher Strang der eurasischen Wildpferde eingestuft. Die Art galt seit den 1960er Jahren als in freier Wildbahn ausgestorben. Ihre letzten Vertreter fanden sich in der Gobi im nördlichen Ostasien. Ob dies jedoch tatsächlich das angestammte Verbreitungsgebiet war oder ein Rückzugsgebiet repräsentierte, ist nicht eindeutig geklärt. Durch engagierte Zuchtprogramme seitens verschiedener zoologischer Institutionen konnte das Przewalski-Pferd seit den 1990er Jahren wieder in drei Schutzgebieten in der Mongolei ausgewildert werden. In der Regel wird das Przewalski-Pferd an der Schulter 134 bis 146 cm hoch, das Gewicht variiert zwischen 200 und 300 kg. Typische Kennzeichen der Art finden sich in der gedrungenen Körpergestalt, dem großen Kopf, dem rötlich- bis gelblich braunen Körperfell und der hellen Unterseite. Als charakteristisch kann hier eine M-förmige oder sattelartige Markierung an den Seiten angesehen werden, die den Übergang von der dunkleren Rücken- zur helleren Bauchfärbung hervorhebt. Der Kopf ist dunkel gefärbt, die Mähne kurz und stehend und der Schwanz buschig mit langen Haaren nur im unteren Abschnitt. Als besondere Abzeichen können der Aalstrich und die mitunter auftretenden Beinfesseln angesehen werden. Die Einstufung des Przewalski-Pferdes als letzte verbliebene Form der Wildpferde wurde jedoch von einer genetischen Studie aus dem Jahr 2018 in Frage gestellt, Dieser zufolge handelt es sich hier um die Nachkommen eines ehemals domestizierten Pferdes der Botai-Kultur, das möglicherweise bereits vor rund 5000 Jahren wieder verwilderte. Darüber hinaus ist das Przewalski-Pferd kein direkter Vorfahr des heutigen Hauspferdes (Equus caballus). Teilweise wird die Ansicht, dass die Botai-Pferde bereits domestiziert waren, abgelehnt, so etwa durch eine Studie aus dem Jahr 2021. Dass das Przewalski-Pferd nicht der direkte Vorläufer des heutigen Hauspferdes ist, unterstützen allerdings weitere genetische Analysen. Diese veranschlagen die Trennung der Linien, die einerseits zum Przewalski-Pferd, andererseits zum Hauspferd führten, auf einen Zeitraum vor rund 117.000 Jahren, mit einer Spannweite je nach Datengewichtung zwischen 45.000 und 364.000 Jahren.
Entwicklung der caballinen Pferde im Pliozän und Pleistozän sowie im Frühholozän mini|Skelettrekonstruktion von Equus occidentalis aus dem Spätpleistozän Nordamerikas Die Gattung Equus entstand genetischen Untersuchungen zufolge vor rund 4,5 bis 4 Millionen Jahren, also noch im Pliozän, in Nordamerika. Wenig später spaltete sie sich in die caballinen (die Linie des heutigen Hauspferdes, Tarpans und des Przewalski-Pferdes) und nicht-caballinen Pferde (die Linie der heutigen Zebras und Esel) auf. Die frühesten Fossilfunde liegen mit etwa 3,5 Millionen Jahren vor heute, stammen aber bisher nur von Vertretern der nicht-caballinen Verwandtschaftsgruppe. Von der caballinen Gruppe dagegen liegen Funde erst im Unterpleistozän mit Equus scotti aus den US-Bundesstaaten Texas und Nebraska vor. Hierbei handelt es sich um eine sehr große Form mit einem Körpergewicht um 550 kg. Die caballinen wie auch die non-caballinen Pferde gelangten zu noch nicht endgültig geklärter Zeit über die Bering-Landbrücke nach Eurasien. Erste Datierungen sind aus dem Villafranchium bekannt. Im Folgenden entwickelten sich die caballinen Pferde Nordamerikas und Eurasiens genetisch weit auseinander. Aus dem Mittelpleistozän bildet Equus mosbachensis die in Europa bedeutendste und recht zahlreich belegte Form. Hierbei handelt es sich um ein massives Tier mit rund 165 cm Schulterhöhe und etwa 600 kg Körpergewicht, dessen Zugehörigkeit zu den caballinen Pferden auch genetisch untermauert ist. In der Folgezeit kam es zu einer starken Auffächerung der caballinen Pferde, teilweise verbunden mit einer deutlichen Größenreduktion. Typische Formen werden durch Equus steinheimensis oder Equus taubachensis angezeigt.
Für das Jungpleistozän wurden zahlreiche weitere Formen beschrieben. Hierzu zählen etwa Equus gallicus im westlichen, Equus germanicus im westlichen bis zentralen und Equus latipes im östlichen Europa sowie Equus lenensis im nördlichen oder Equus dalianensis im östlichen Asien. Teilweise waren diese Formen genetisch enger miteinander verwandt. Die Schulterhöhen der Tiere verringern sich in dieser Zeitperiode auf etwa 137 bis 145 cm. Auch in Nordamerika treten im Jungpleistozän verschiedene caballine Pferde auf. Dabei kann man im zentralen und südlichen Teil des Kontinentes einzelne große Formen wie Equus occidentalis und kleinere wie Equus mexicanus und Equus cedralensis unterscheiden. Im Norden hingegen trat mit Equus lambei eine sehr kleine Form mit einer Schulterhöhe von nur rund 122 cm auf. Für Südamerika ist mit Equus neogeus nur eine valide caballine Form verzeichnet, aber mit beträchtlichen Größenvariationen. Als bisher einzige afrikanische Form der Wildpferde erreichte Equus algericus den Norden des Kontinentes. Ihre Funde gehören dem Jungpleistozän an und verweisen auf ein Tier mit rund 144 cm Schulterhöhe. Ansonsten ist Afrika ausschließlich von Eseln und Zebras bewohnt. Die Vielfalt der jungpleistozänen caballinen Pferde wirft die Frage auf, ob es sich dabei tatsächlich jeweils um eigenständige Arten handelt. Neben den variierenden Ausmaßen lassen sich auch Abweichungen in den Skelettproportionen erkennen, was sich unter anderem in kräftigeren oder schlankeren Beinen beziehungsweise in schmaleren oder breiteren Schnauzen ausdrückt. Verbunden mit einer stärkeren Fragmentierung der Landschaften im Ausklang der letzten Kaltzeit vermuten einige Wissenschaftler hierbei eher „Ökomorphotypen“ mit Anpassungen an offenere oder geschlossenere Lebensräume.
Zum Ende des Pleistozäns starben alle nord- und südamerikanischen Wildpferde einschließlich ihrer näheren Verwandten (Haringtonhippus und Hippidion) im Zuge der quartären Aussterbewelle aus. In Eurasien bestanden einzelne Wildpferdformen weiter, verschwanden aber weitgehend in der ersten Hälfte des Holozäns. Einer der wichtigsten Vertreter ist Equus lenensis, welches den hohen Norden Asiens oberhalb des 70. Breitengrades besiedelte. Wichtige Funde sind aus Jakutien bekannt. Ein Teil davon gehört noch dem Jungpleistozän an, der jüngste bekannte Fund datiert auf rund 2200 Jahre vor heute. Die insgesamt geringe Anzahl von Funden lässt aber vermuten, dass die Art zu dieser Zeit wohl nur aus kleinen Populationen bestand. Das „Lena-Pferd“ war relativ klein mit kurzen Ohren und kurzem Schwanz. Die Größe der Tiere betrug vermutlich zwischen 125 und 140 cm an der Schulter. Im äußeren Erscheinungsbild glich es wahrscheinlich dem Przewalski-Pferd, was durch einige mumifizierte Kadaverfunde aus dem Permafrostgebiet belegt werden kann. Genetischen Daten zufolge ist Equus lenensis nahe mit dem Hauspferd verwandt. Beide Linien spalteten sich zu Beginn des Jungpleistozäns voneinander ab (ausgehend von einer Trennung des Przewalski-Pferdes vor rund 45.000 Jahren).
Belege des Aussehens der Wildpferde Mumifizierte Wildpferdkadaver