Die Paraceratheriidae, auch Indricotheriidae, sind eine ausgestorbene Familie aus der näheren Verwandtschaft der Nashörner. Ihre Mitglieder lebten vom Mittleren Eozän bis zum Unteren Miozän vor 41 bis 20 Millionen Jahren. Das hauptsächliche Verbreitungsgebiet umfasste das heutige Asien. Als bedeutende Fundgebiete erwiesen sich dort das nördliche China und die Mongolei, darüber hinaus das zentrale und östliche Kasachstan sowie das zentrale Pakistan. Die Funde streuen indes bis nach Südosteuropa, wo der Nachweis allerdings insgesamt eher spärlich ist.
Abweichend von den Nashörnern trugen die Tiere keine Hörner. Ihr Körperbau war zudem durch einen langen Hals und ebenfalls lange Gliedmaßen gekennzeichnet. Vor allem spätere Vertreter der Gruppe entwickelten riesige Formen. So gehört Paraceratherium zu den größten bekannten Landsäugetieren der Erdgeschichte. Aufgrund der enormen Körperausmaße lebten die Paraceratherien in offenen Waldsavannen. Sie ernährten sich dort überwiegend von weicher Pflanzenkost. Gleichfalls bedingt durch die Körpergröße bewegten sich die Tiere vermutlich eher langsam fort, dennoch finden sich in der Anatomie ihres Skelettes noch Hinweise auf eine Abstammung von eher schnellläufigen Vertretern aus der weiteren Nashornverwandtschaft.
Die ersten Fossilreste der Paraceratherien kamen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu Tage. In dieser frühen Zeit kam es zu einer intensiven Forschung an den Tieren, die in den verschiedenen Fundregionen Asiens durch unterschiedliche Institutionen getätigt wurde. Dabei wurden in kurzen Abständen mehrere Gattungen benannt, die sich später als synonym zueinander herausstellten. Dies trifft auch auf die Benennung der höheren taxonomischen Ebenen zu. So wurden im Jahr 1923 nahezu zeitgleich mehreren Namen für die Unterfamilie vorgeschlagen, wodurch heute ihre Bezeichnung sowohl als Paraceratherien als auch als Indricotherien in Gebrauch ist. Die Anerkennung als eigenständige Familie erfolgte endgültig erst in den 2010er Jahren. Sie war aber zuvor schon in Diskussion, als die Paraceratherien weitgehend noch als Mitglieder der Nashörner oder der ausgestorbenen Gruppe der Hyracodontidae angesehen wurden.
Merkmale Die Paraceratheriidae (Paraceratherien) umfassen große bis sehr große Tiere. Vor allem frühe Vertreter waren noch vergleichsweise klein und erreichten mit Juxia eine Kopf-Rumpf-Länge von rund 3 m und möglicherweise ein Gewicht von rund 1 t. Spätere Angehörige wie Urtinotherium und Paraceratherium dagegen entwickelten riesige Formen, so zählen einige Formen von Paraceratherium mit einer Länge von teils über 8 m und einem Körpergewicht von rund 15 bis 20 t zu den größten bekannten Landsäugetieren der Erdgeschichte. In ihrem Habitus wichen die Tiere von dem der nashörner ab. Charakteristisch waren ein langer Hals und ebenfalls lange Gliddmaßen.
mini|links|Schädel von Paraceratherium Der Schädel war in Relation zu den übrigen Körperproportionen recht klein, was im Gegensatz zu den Nashörnern mit ihren großen Köpfen steht. Dabei wies dieser eine recht langgestreckte und in Seitenansicht eher flache, mitunter leicht domartige aufgewölbte Form auf. Das Rostrum war gestreckt. Ebenso zeigte sich das Nasenbein langgestreckt und stand im vorderen Abschnitt frei. Hier war es auch relativ grazil gebaut. Es besaß auf der Oberseite keine sichtlichen Aufrauungen als Hinweise auf eine Ausbildung von Hörnern. Der Naseninnenraum reichte weit zurück und endete oberhalb des dritten Prämolaren bis zweiten Molaren. Der hintere Teil des Schädels war niedrig, ein Scheitelkamm fehlte und der Hinterhauptskamm ragte nicht weit nach hinten aus.
mini|Obere hintere Zahnreihe von Paraceratherium mit der typischen „π“-förmigen Zahnschmelzfaltung auf den Mahlzähnen (rechte drei Zähne) mini|Unterkiefer von Urtinotherium mit der typischen „L“-förmigen Zahnschmelzfaltung auf den Mahlzähnen (rechte drei Zähne untere Bildreihe) Das Gebiss umfasste bei den ursprünglichen Vertretern die vollständige Bezahnung der modernen Säugetiere, bestehend aus drei Schneidezähnen, einem Eckzahn, vier Prämolaren und drei Molaren je Kieferbogen. Stammesgeschichtlich jüngere Angehörige reduzierten vor allem ihr vorderes Gebiss, so dass einige Arten nur noch einen Schneidezahn je Kieferast besaßen, ebenso wie der Eckzahn fehlte. Die Zahnformeln für die frühen Formen lauten , für die späten hingegen . Somit variierte die Zahnanzahl zwischen 44 und 26. Die Schneidezähne waren konisch gestaltet, sofern ein Eckzahn bestand, übetraf dieser den letzten Schneidezahn nur geringfügig an Höhe. Bedeutend ist, dass bei den späten Vertretern der Paraceratherien mit reduziertem Vordergebiss die verbliebenen Schneidezähne eine vergrößerte Form annahmen, wodurch sie kleinen Stoßzähnen ähnelten. Häufig wird angenommen, dass es sich hierbei um den jeweils zweiten oberen (I2) und ersten unteren Schneidezahn (i1) handelt. Die Konfiguration steht im Kontrast zu den Nashörnern, bei denen nur im unteren Gebiss konisch spitze Schneidezähne vorkommen, im oberen hingegen meißelartige. Die Backenzähne waren mit niedrigen (brachyodonten) Zahnkronen ausgestattet. Die Prämolaren wiesen kaum Ähnlichkeiten mit den Molaren auf, waren also nicht molarisiert. Die hinteren Backenzähne hatten einen bilophodonten Aufbau, also zwei querverlaufende Zahnschmelzleisten, die die Haupthöcker miteinander verbanden. Auf Kauflächen der oberen Molaren bildeten die Zahnschmelzleisten ein „π“-förmiges Muster, auf den unteren wiederum ein „L“-förmiges. Beides charakterisiert die Paraceratherien als Mitglieder der näheren Nashornverwandtschaft.
mini|Skelettrekonstruktion von Juxia Im postcranialen Skelett fällt vor allem die verlängerte Halswirbelsäule auf, deren Gesamtlänge jener des Schädels übertraf. Die beiden ersten Wirbel, der Atlas und der Axis, waren weiter als hoch und mit zahlreichen großen Öffnungen versehen. Ebenso tendierten die weiteren Halswirbel zu einer sehr breiten Gestalt. An der Rumpfwirbelsäule fehlte ein echter diaphragmatischer Wirbel, also jener, der den höchsten Punkt am Körperskelett markiert. Das Kreuzbein setzte sich aus vier verwachsenen Elementen zusammen, die wiederum mit dem hinteren Teil der Lendenwirbelsäule fusionierten. Letzteres Merkmal ist von urtümlichen Nashörnern nicht bekannt. Die Beinknochen waren eher lang und schlank, entsprechend der Größe der Tiere aber massiv gebaut. Schulterblatt und Oberarmknochen waren etwa gleichlang, jedoch kürzer als die Knochen des Unterarms. Am Oberarmknochen bestand ein oval gestalteter Gelenkkopf. Eine markante Aufrauung am Schaft als Ansatz für die Schultermuskulatur war nur spärlich ausgebildet, ebenso wie das untere Gelenkende wenig auskragte. Die Elle verlief weitgehend gerade und war micht mit der Speiche verwachsen. Am oberen Gelenkende saß ein nur kurzes Olecranon auf. Der Oberschenkelknochen bildete den längsten Gliedmaßenknochen. An seinem Schaft war der Dritte Rollhügel war schwach entwickelt oder fehlte vollständig. Hände und Füße besaßen jeweils drei Strahlen (II bis IV). Eine Ausnahme bilden hier stammesgeschichtlich ältere Formen, bei denen noch ein zusätzlicher vierter Strahl an der Hand vorkam, der dann aber verloren ging. Der mittlere Strahl war ausgesprochen massiv, die beiden seitlich ansetztenden hingegen stark reduziert und etwas rückwärts gelehnt. Gegenüber den langen Mittelhand- und Mittelfußknochen wirkten die Finger- und Zehenglieder kurz und breit.
Fossilfunde mini|Verbreitung wichtiger Fossilfundstellen mit Resten von Paraceratherien aufgeschlüsselt nach den einzelnen Gattungen Fossilfunde von Paraceratherien sind lediglich aus Eurasien bekannt, wobei als bedeutende Nachweisgebiete das nördliche Ostasien, Zentralasien und Südasien hervortreten. Die ältesten Reste datieren in das ausgehende Mittlere Eozän vor rund 41 bis 38 Millionen Jahren und werden in der Regel Juxia zugeschrieben. Die Gattung blieb weitgehend auf das heutige Ostasien beschränkt. Hervorzuheben ist hierbei das Erlian-Becken in der chinesischen autonomen Region Innere Mongolei, woher der Erstbeleg in Form eines Teilskeletts kommt. Einzelne Funde sind darüber hinaus aus der östlichen Mongolei und möglicherweise auch aus weiter südlich gelegeneren Bereichen in den chinesischen Provinzen Henan und Shanxi bekannt. Ein aus Kaschmir stammender Schädel ist in seiner Zuweisung nicht eindeutig. Das Erlian-Becken erbrachte darüber hinaus einen Unterkiefer als Typusfund der Gattung Urtinotherium. Diese trat überwiegend im Oberen Eozän von 38 bis 34 Millionen Jahren auf und verschwand weitgehend wieder im Verlauf des Oligozän. Sie war schon deutlich weiter verbreitet, so dass Fossilreste auch aus dem südlichen und westlichen China stammen, in letzterer Region ist sie aus der Turpan-Senke dokumentiert und wird dort als Turpanotherium bezeichnet. Unter gleichem Namen werden auch einige Funde aus dem Lanzhou-Becken in der nordzentralen chinesischen Provinz Gansu und dem Lingwu-Becken in der östlich benachbarten autonomen Region Ningxia geführt. Weiter westlich anschließend konnte Urtinotherium zudem mit einigen Einzelzähnen im östlichen Kasachstan belegt werden, während ein Schienbeinfragment aus dem nördlichen Rumänien möglicherweise die damalige östliche Verbreitungsgrenze anzeigt.
Die weitaus häufigsten Nachweise entfallen auf die Gattung Paraceratherium und die darin wohl eingeschlossenen Formen Dzungariotherium und Aralotherium. Als stammesgeschichtliches Endglied der Paraceratherien bestand die Gattung vom Oligozän bis in das Untere Miozän vor 34 bis 22 Millionen Jahren. Von China, wo wichtige Fundstellen das Erlian-Becken in der Inneren Mongolei, das Lanzhou- und Lingxia-Becken in Gansu sowie das Dschungarische Becken und die Turpan-Senke in Xinjiang umfassen, streuen die Belege nach Norden bis zum „Weißen See“ (Tsagaan Nuur) in der Gobi in der zentralen Mongolei, nach Süden bis in die Bugti-Berge des zentralen Pakistan und nach Osten bis in die Regionen nördlich des Aralsees im zentralen Kasachstan. Vor allem die letzten drei genannten Gebiete bildeten wegweisende Forschungsfelder in den 1910er bis 1920er Jahren, wobei das Typusmaterial von Paraceratherium, ein Unterkiefer und einzelne Wirbel, aus den Bugti-Bergen dokumentiert wurde. Weitere wichtige Überreste sind aus dem östlichen und zentralen Anatolien berichetet worden. Darüber hinaus reicht der Fossilbericht bis nach Südosteuropa, das dortige Fundaufkommen fällt mit lediglich einzelnen Zähnen aus Bulgarien und Montenegro gegenüber jenem des östlichen und dzentralen Asiens allerdings eher spärlich aus.
Paläobiologie mini|Lebendrekonstruktion von Paraceratherium