mini|Der Bericht des Arthur Gordon Pym, Erstausgabe (1838) The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket (Die Erzählung des Arthur Gordon Pym aus Nantucket) ist der einzige Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe. Er wurde erstmals im Jahre 1838 veröffentlicht. Der Erzähler beschreibt darin das Leben des Arthur Gordon Pym von der vor der Nordostküste der USA liegenden Insel Nantucket. Pym suchte von Jugend an Abenteuer auf See, die im Laufe der Jahre seine Einstellung zum Leben veränderten. Die Art der Abenteuer sind zum Teil realistisch (Schiffbruch und Meuterei), zum Teil phantastisch (heiße Strömungen und Stromschnellen im Ozean des Südens). Der Roman ist das längste Prosawerk Poes und gilt als eine seiner rätselhaftesten Arbeiten.
Der Roman wurde mehrfach ins Deutsche übersetzt, wobei der lange Titel häufig gekürzt oder anderweitig verändert wurde. Die erste bekannte Übersetzung mit dem Titel Seltsame Seeabenteuer Arthur Gordon Pym’s stammt von Adolf von Winterfeld aus dem Jahre 1883. Weitere Übersetzungen stammen von Hedda Moeller und Hedwig Lachmann: Die Abenteuer Gordon Pyms (1901) und von Gisela Etzel Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym von 1918. 1966 folgte die Neuübersetzung von Arno Schmidt mit dem Titel Umständlicher Bericht des Arthur Gordon Pym von Nantucket. Erst vier Jahrzehnte später, 2008, kam eine umfangreich kommentierte und mit einer Bibliografie versehene Neuübersetzung von Hans Schmid unter dem Titel Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket auf den Markt. Die jüngste deutsche Übersetzung erschien 2022 unter dem Titel Arthur Gordon Pyms Abenteuer von Andreas Nohl.
Inhalt mini|Pyms Boot wird zerstört, Ausgabe Downey & co., 1898 Der Roman ist in 25 Kapitel und ein Vor- und ein Nachwort gegliedert.
Vorwort Im Vorwort erklärt der Ich-Erzähler Pym dem Leser, dass er, von einer Reise in die Südsee zurückkehrend, einigen Herren, darunter E.A. Poe, von seinen Erlebnissen auf dieser Reise erzählt habe und man ihn aufgefordert habe, diesen Bericht auch der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Er habe sich anfangs gesträubt, da die Ereignisse auf dieser Fahrt teilweise so unglaubhaft gewesen seien, dass man ihn für einen Phantasten halten könnte. Außerdem habe er kein Tagebuch geführt, wodurch sich manche Unrichtigkeiten ergeben würden. Anfangs habe er sich daher nicht in der Lage gesehen, diesem Verlangen nachzukommen. Da habe sich Herr Poe angeboten, mit seiner, Pyms, Zustimmung diesen Bericht zu schreiben und in der Monatsschrift Southern Literary Messenger zu veröffentlichen, deren Herausgeber er gewesen sei, unter Angabe seines, Poes, Namens und damit als reine Dichtung gekennzeichnet. Diesem Vorschlag habe er, Pym, zugestimmt und später selbst zur Feder gegriffen, so dass der überwiegende Teil des Berichts letztlich von ihm, Pym, stamme.
1. Teil (Kapitel 1) Pym und sein Freund Augustus Barnard unternehmen schon als Jugendliche auf Pyms Segelboot die tollsten Streiche. Einer davon ist eine Nachtfahrt ohne Proviant und Ausrüstung bei aufziehendem Sturm, in dem Augustus sich als betrunken herausstellt, während Pym nüchtern, klar und schreckensvoll ist. In der Dunkelheit werden sie schließlich von einem Walfänger überfahren, dadurch entdeckt und dann gerettet.
2. Teil (Kapitel 2–4) Einige Jahre später versteckt sich Pym im Bauch des Walfängers „Grampus“, den Augustus’ Vater als Kapitän führen und den Augustus begleiten soll. In der Dunkelheit unter Deck, zwischen den ausdünstenden Tranfässern und ohne genügend Wasser und Nahrung, verliert Pym fast den Verstand. Nach einigen vergeblichen Befreiungsversuchen gibt sich Pym schon auf, aber Augustus befreit ihn nach 11 Tagen aus dem Dunkel: Er hat es nicht früher tun können, da eine Meuterei auch ihn gefangen gesetzt und ihn fast das Leben gekostet hat.
3. Teil (Kapitel 5–9) Die Rückeroberung des Schiffes durch Augustus, Pym und ihren neuen Freund, Dirk Peters, einen früheren Meuterer, gelingt. Die Meuterer werden dadurch überrascht, dass sich Pym als Gespenst eines von seinen Kameraden ermordeten Meuterers verkleidet. Parallel zum Kampf der Menschen tobt der nächste Kampf der Naturkräfte, ein Sturm, der das Schiff in ein treibendes Wrack verwandelt.
4. Teil (Kapitel 9–13) miniatur|Illustration des Todes von Augustus von Albert Edward Sterner, 1895 Etwa drei Wochen harren Pym, Augustus und Peters sowie ein weiterer überlebender Meuterer namens Richard Parker auf dem gefluteten Wrack aus, das nur dank der leeren Tranfässer im Laderaum noch schwimmt. Mit wechselndem Erfolg versuchen sie immer wieder, im Laderaum des Schiffes nach Proviant zu tauchen. Hunger und Durst quälen die vier schließlich so sehr, dass sie unter sich auslosen, wer den anderen als Nahrung dienen soll. Es trifft schicksalhaft den Meuterer, der diese Idee zuerst aufgebracht hat. Augustus stirbt infolge einer Wundinfektion. Pym und Peters werden schließlich von einem Segler von ihrem inzwischen kieloben treibenden Wrack geborgen.
Anmerkung: Diese Episode trug sich im Jahre 1884, also lange nach Poes Roman, tatsächlich so ähnlich zu und führte zu einem der berühmtesten Rechtsfälle des 19. Jahrhunderts (R v Dudley and Stephens). Der Name des Ermordeten war – so wie in Poes Werk (!) – Richard Parker. 5. Teil (Kapitel 14–24) mini|Illustration des Endes der Geschichte von A. D. McCormick, 1898 Der sie rettende Segler, die „Jane Guy“, treibt Handel in der Südsee und jagt Robben. Der Kapitän hofft aber auch auf Reichtum, indem er unsicher lokalisierte Inseln wieder findet. Auf der Suche nach ihnen dringt er in große Eisfelder und weiter nach Süden vor als alle Segler vor ihm. Sie durchstoßen die Eisfelder und kommen in wieder wärmere Regionen, getragen von einer Strömung zum Südpol. Sie stoßen auf eine Inselgruppe mit schwarzen Eingeborenen, die die Farbe Weiß nicht oder nur als Vorboten von Unglück oder des Todes kennen. Die „Wilden“ nehmen die Europäer scheinbar zuvorkommend auf, obgleich ein Rest von Pyms Misstrauen nicht zerstreut werden kann, der ungeduldig der Strömung nach Süden folgen will. Überrascht beobachten sie z. B., dass das Wasser hier aus farblich unterschiedlichen Adern besteht, die sich nicht miteinander vermischen. Die Wilden locken die Europäer in eine Falle, indem sie einen Hohlweg zum Einsturz bringen und danach den Schoner erobern. Nur Peters und Pym können sich aus der Verschüttung befreien und nach einigen Tagen mit einem Kanu von der Insel fliehen.
6. Teil (Kapitel 25) Peters und Pym, die einen der Wilden gekidnappt haben, fliehen mit dem Kanu aufs offene Meer. Die Strömung führt sie weiter nach Süden, das Meer erhitzt sich zunehmend, weiße Vögel fliegen umher, es regnet weiße Asche, das Meer wird milchig weiß und kocht, das Wasser leuchtet, Strudel bilden sich … Der Eingeborene stirbt vor Grauen. Sie scheinen sich einer lautlosen Stromschnelle zu nähern, Bildgestalten tauchen auf, „ungeheure und fahlweiße Vögel“ fliegen umher, und im Katarakt erblicken Peters und Pym im Stürzen eine verhüllte, gewaltige, übermenschliche Gestalt, kein „Menschengezeugter“, mit einer Haut von „makellosem Weiß des Schnees“.
Nachwort Mr. Poe informiert: Mr. Pym sei plötzlich verstorben und er wolle die noch fehlenden 2 bis 3 Kapitel nicht ohne ihn rekonstruieren. Mr. Poe wendet sich dann den genau beschriebenen und gezeichneten Klüften auf der Insel und ihren Einkerbungen zu, deren Formen er als ähnlich den äthiopischen und ägyptischen Worten für das Dunkle und das Helle erkennt.
Erzählweise Diese für Poe lange Erzählung von über 200 Druckseiten ist 1837 erschienen, also mehr als zehn Jahre vor Poes Tod. Auch wenn das Werk selbst im Nachwort von seiner Unvollständigkeit spricht (zwei oder drei abschließende Kapitel fehlen angeblich), ist es inhaltlich durch die nicht steigerbare mysteriöse Erscheinung am Ende und formal durch das Nachwort und seine Erklärungen eigentlich abgeschlossen, also fertig – alle Deutungsansätze können sich daher auf das Gegebene stützen, ohne mit „Lücken“ argumentieren zu müssen.
Der Roman beginnt und endet mit einem Verwirrspiel um die Autorenschaft, in dem Poe zu einer Figur seiner eigenen Erzählung wird: In der „Einleitenden Bemerkung“ blickt er mit den Augen Pyms auf sich als schreibenden „Poe“, in der Nachbemerkung (vermutlich) mit den Augen „Poes“ auf den inzwischen verstorbenen Pym und seine Erlebnisse. Diese Rahmenkonstruktion und der identische Silbenrhythmus der vollen Namen Pyms und Poes legen daher den Gedanken einer irgendwie „autobiografischen“ Deutung nahe.
Die Handlung läuft ab wie in einer Nummernrevue, von einer Notlage über eine zeitweilige Entspannung in eine neue Gefahr voranstürmend. Durch das Auftürmen der Katastrophen stehen Peters und Pym schon nach der Kenterung des Wracks der Grampus kurz vor dem Wahnsinn – und doch sind die folgenden Gefahren „ebenso groß, wenn nicht größer“. Nicht die Tagesdaten strukturieren das Leben Pyms und seiner Freunde, sondern die Art der Katastrophen. Nichts ist so grauenhaft, dass es von den folgenden Ereignissen nicht zu übertreffen wäre, und in diesem Klimax des menschlichen Ausgeliefertseins ist die letztmögliche Steigerung die Begegnung der Geschöpfe mit ihrer ultimativen Erscheinung – vermutlich dem Schöpfer selbst.
Mehrere Exkurse liefern Zusatzinformationen über das Stauen auf Segelschiffen, über das Beidrehen im Sturm, über Albatrosse und Pinguine, über die Annäherung von Segelschiffen an den Südpol, über das Leben und die Zubereitung einer bestimmten Muschelart. Hierdurch wird der Fortgang zwar verlangsamt, aber die Erzählung bekommt den Anstrich eines „Tatsachenberichts“, auf den der Ich-Erzähler trotz seiner „wunderlichen“ Erlebnisse schon in der Einleitung Wert legt.
mini|Ein Teil der Geschichte wurde zuerst im Januar 1837 in der Zeitschrift Southern Literary Messenger veröffentlicht
Entstehungsgeschichte Ein Bekannter Poes, James Kirk Paulding (1778–1860), hatte sich vergeblich bemüht, die Geschichten des Folio-Clubs bei Verlagen unterzubringen. In dem Brief vom 17. März 1836, in dem er Poe davon berichtete, empfahl er ihm, es doch einmal mit einem umfangreicheren Format, „einer Erzählung in zwei Bänden zu versuchen, denn das ist die Zauberformel!“ Poe, der wie immer in Geldnot war, ließ sich hiervon motivieren; bei der Stoffwahl dürfte sein Erfolg mit MS. Found in a Bottle ausschlaggebend gewesen sein – Poe hatte die Dämonie des Meeres selbst erlebt, sie reizte ihn und er fühlte sich ihr literarisch gewachsen. Dennoch überforderte das gewählte Format den Kurzgeschichtenautor, weshalb er, um das angestrebte Volumen zu erreichen, Exkurse nautischer, geografischer und biologischer Art einfügte und damit die von seinem Zeitgenossen Herman Melville in Moby Dick angewandte und vielgerühmte Struktur vorwegnahm. Eine der wichtigsten Quellen für den Roman dürften die Denkschriften von Jeremiah N. Reynolds (1799–1858) gewesen sein, der sich auf politischer Ebene für die Erforschung der Südsee einsetzte. Poe hat sie mehrfach rezensiert und Passagen aus ihnen übernommen. Nach diesem Reynolds hat Poe noch kurz vor seinem Tod immer wieder gerufen.
Historische und regionale Bezüge Der Walfang war in dem County Nantucket im US-Bundesstaat Massachusetts im 17. und 18. Jahrhundert ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.
Deutungen Der Bericht des Arthur Gordon Pym wurde sehr unterschiedlich rezipiert und es gibt bis heute keine allgemein akzeptierte Interpretation. Für Peeples ist der Roman gleichzeitig eine pseudo-nichtfiktionale Entdeckungsgeschichte, eine Abenteuersage, ein Bildungsroman, ein Jux, eine stark plagiierte Reiseschilderung und eine allegorische Seelenlandschaft. Poes Werk sei einer der am schwersten fassbaren, bedeutendsten Texte der amerikanischen Literatur.Scott Peeples: Edgar Allan Poe Revisited. New York 1998.