mini|hochkant|WHW-Spende (1936/37): Türplakette
Der nationalsozialistische Weihnachtskult zielte darauf, die NS-Ideologie auf deutsche Weihnachtsbräuche zu übertragen. Die nationalsozialistische Propaganda sollte den Einfluss des christlichen Glaubens auf die Volksgemeinschaft zurückdrängen.Foitzik: Rote Sterne, Braune Runen. S. 122. Nach Ansicht des Psychologen Wilfried Daim sollte anstelle Jesu Christi Adolf Hitler die Rolle des Messias und Welterlösers einnehmen.Wilfried Daim: Der Mann, der Hitler die Ideen gab: Von den religiösen Verirrungen eines Sektierers zum Rassenwahn des Diktators. Isar-Verlag, München 1958, S. 216 f. Neuauflage unter dem Titel: Der Mann, der Hitler die Ideen gab: Jörg Lanz von Liebenfels. VMA-Verlag, Wiesbaden 2000, ISBN 3-928127-73-X. Der nationalsozialistische Weihnachtskult verband patriotische, „jugendbewegte“ und völkische Weihnachtsmystik,Doris Foitzik: Weihnachten. In: Francois Etienne, Hagen Schulze (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte. Band 3. C. H. Beck, München 2001, ISBN 3-406-47224-9, S. 161–162. vermeintlich aus der germanischen Mythologie entliehene SymbolikCornelius: Genese und Wandel. S. 21 f. sowie übersteigerte Mütter-Judith Breuer, Rita Breuer: Von wegen Heilige Nacht. S. 91. und Heldenglorifizierung.Esther Gajek: Weihnachten im Dritten Reich: Der Beitrag von Volkskundlern an den Veränderungen des Weihnachtsfestes (= Ethnologia Europaea, Band 20). 1990, S. 133 f.
Die germanisierte Ausdeutung der Weihnacht stand zu Beginn besonders im Interesse germanophiler Kreise innerhalb der SS, des Amts Rosenberg und der Volkskunde. In der Vorkriegszeit beeinflusste das Propagandaministerium über das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes das Weihnachtsfest. Es wurde vor der Bevölkerung als „Fest des ganzen Volkes […] über Klassen, Stände und Konfessionen hinweg“ inszeniert. Während des Zweiten Weltkrieges vereinnahmte die nationalsozialistische Führung das Weihnachtsfest für die Kriegspropaganda. Der Versand von Feldpostpäckchen, die Produktion und Ausstrahlung von sogenannten Weihnachtsringsendungen im Rundfunk sowie die Ausrichtung von Weihnachten als Fest der Helden- und Totenverehrung gehörten zum festen Bestandteil in jenen Jahren.
Trotz aller Bemühungen gelang es in weiten Teilen der Bevölkerung nicht, das traditionelle christliche Weihnachtsfest zu verdrängen.
Weihnachten und die Interpretation im Nationalsozialismus mini|„Hohe Nacht der klaren Sterne“ im Bozner Tagblatt vom 23. Dezember 1944 Die Verehrung der Sonne und des wiederkehrenden Lichtes im ausgehenden Monat Dezember geht auf Traditionen in prähistorischer Zeit zurück.Edgar Charles Polomé: Germantum und religiöse Vorstellungen. In: Heinrich Beck (Hrsg.): Germanenprobleme aus heutiger Sicht (= Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Ergänzungsbände, Band 1). de Gruyter, Berlin/New York 1999, ISBN 3-11-016439-6, S. 278. Die jahreszeitlichen Wendepunkte (Sonnenwende) schlugen sich entsprechend in Ritus und Mythologie nieder. Die Sonne hatte essentielle Bedeutung für das irdische Überleben. Die Sommersonnenwende trug einen Aspekt des Todes und der Vergänglichkeit in sich. Dem gegenüber standen die längerwerdenden Tage nach der Wintersonnenwende, die Leben und Auferstehung verkörperten. Es ist jedoch umstritten, wie groß die Rolle der Sonnenwende in der nordischen und späten germanischen vorchristlichen Mythologie war. Bemerkenswert ist, dass im „abendländischen“ Kulturkreis der Sonne das männliche Prinzip zugeordnet war, jedoch hier im germanischen Sprachraum eine Ausnahme besteht, welche die Sonne dem weiblichen Ursprung zurechnet. Die Germanen sollen das Julfest mit Feuer- und Lichtsymbolik zur Wintersonnenwende gefeiert haben. Historisch belegbare schriftliche Zeugnisse sind nur wenige bekannt, überwiegend in Form von Kalenderstäben mit Runenzeichen.
Lange Zeit hielt man das christliche Weihnachtsfest („die Geburt der wahren Sonne“ Jesus Christus) für eine Überprägung des römisch-heidnischen Kaiserkults und des Kults zu Ehren des Gottes Sol. Dass Kaiser Aurelian den 25. Dezember im dritten Jahrhundert zum reichsweiten dies natalis solis invicti erklärt hat, ist in der jüngsten Forschung umstritten. Heute geht man von einer parallelen Entwicklung aus. Der Tag der Wintersonnenwende wurde wahrscheinlich durch die Christen zuerst besetzt, da kein paganes Hochfest zu diesem Zeitpunkt stattfand. Für das Jahr 354 ist die erste gesicherte Erwähnung des heidnischen Festes „Sol invictus“ in der Stadt Rom nachweisbar. Furius Dionysius Filocalus beschrieb im Chronograph von 354 diesen 25. Dezember als das Datum der Geburt von Jesus Christus.Susan B. Roll: Toward the Origins of Christmas. Kampen 1995, ISBN 90-390-0531-1, S. 83 ff. Die Entwicklung der Feste zu Ehren des jeweiligen Gottes hatte die gleichen neuplatonisch-solarmythologischen Wurzeln und sie standen in engem Austausch. Beide Seiten assoziierten sich mit der „neu entstehenden Sonne“ zur Wintersonnenwende.
Im frühen Mittelalter adaptierten christliche Missionare germanische Bräuche und Rituale wie etwa den Lichterbaum zur Wintersonnenwende. Sie taten dies nicht wegen der Faszination für das germanische Brauchtum. Sie glaubten, das Ziel der Missionierung, die Christianisierung, sei leichter zu erreichen, wenn die Bräuche der Bevölkerung in ihre Religion eingebunden würden. Im deutschen Sprachraum wurde Weihnachten zum ersten Mal auf der „Bairischen Synode“ erwähnt und 813 auf der Mainzer Synode eingeführt.Manfred Becker-Huberti: Weihnachten im katholischen Festjahr. Abgerufen am 17. Februar 2013.
In der Zeit des Nationalsozialismus versuchten die NS-Ideologen diese christliche Diktion des Weihnachtsfestes zurückzudrängen. Die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe und das Amt Rosenberg suchten nach historischen und archäologischen Belegen für die Deutung germanischer Riten und Mythen. Eine nationalsozialistische „Ersatzreligion“Die Schaffung einer Ersatzreligion ist in der Forschungsliteratur umstritten. Siehe: „Hier ist sehr deutlich der Anspruch formuliert, nicht Ersatzreligion zu sein, sondern etwas, das die Religion als Stifterin von Lebenssinn ersetzt, ein Religionsersatz, der in der Praxis gleichwohl ohne kultische Überhöhung nicht auskam.“ S. 347. – Und: „Insbesondere im Kontext des Nationalsozialismus ist der Begriff der politischen Religion in den letzten Jahren wieder verstärkt diskutiert worden.“ (vor 2012) „Zum Wesen einer Religion gehört der Glaube an die Existenz einer übernatürlichen Macht, eine Jenseitsvorstellung, eine Heilslehre und anderes mehr, was wir im Nationalsozialismus nicht finden.“ In: Ernst Piper: Der Nationalsozialismus steht über allen Bekenntnissen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, S. 344. sollte das Ziel der gesamten ideologischen Arbeit sein. In dieser Auffassung ist man sich aber nicht einig.Josef Thomik: Nationalsozialismus als „Ersatzreligion“. Einhard, Aachen 2009, ISBN 978-3-936342-73-4, S. 25–37. In die äußere Form der nationalsozialistischen Feiern übernahm man christliche Kultformen und -rituale. Das Erlebnis, „das das Herz höher schlagen ließ“, sollte den durchschnittlichen Volksgenossen gewinnen. Deshalb wurde die Feiergestaltung für die Formung des nationalsozialistischen Staates sehr wichtig.Ernst Piper: Der Nationalsozialismus steht über allen Bekenntnissen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, S. 347?
Mit der Durchdringung des Alltags durch neue Feiern, Symbole und Mythen und mit der Umdeutung der in der Bevölkerung verankerten religiösen Festbräuche zielten die nationalsozialistischen Feiergestalter darauf, über eine emotionale Bindung nationalsozialistisches Gedankengut und Werte zu vermitteln.Cornelius: Genese und Wandel. S. 7.Wilhelm Beilstein: Lichtfeier. 6. Auflage. Deutscher Volksverlag, München 1943, , S. 15 ff. Hitlers führender Ideologe Alfred Rosenberg ließ in die Feiern, seiner Anschauung nach, Anleihen aus dem germanischen Sonnenkult einfließenVondung: Magie und Manipulation. S. 185.Otto Hentschel: Sonnenwende. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1933, S. 3 ff. und band okkulte sowie theosophische Elemente in das neu zu entwickelnde Volkstum und dessen Brauchtum ein.E. R. Carmin: Das schwarze Reich: Geheimgesellschaften. Nicol, Hamburg 2005, ISBN 3-933203-62-7, S. 54–188. Zur Verknüpfung dieses neuen Glaubens mit christlichen Traditionen benutzte Rosenberg eine bewusst eingeführte nationalsozialistische Sprache, die an die sakrale Kirchensprache angelehnt war. Diese Sprache griff Elemente der kirchlichen Liturgie auf.Victor Klemperer: LTI – Notizbuch eines Philologen. 22. Auflage. Philipp Reclam jun, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-15-020149-7, S. 15 ff. Verbreitung fand beispielsweise das sogenannte „nationalsozialistische Glaubensbekenntnis“ und das „Sieg Heil!“ (Hitlergruß) als Anlehnung an das in der Liturgiefeier gebräuchliche „Amen!“.Hans-Jochen Gamm: Der braune Kult: Das Dritte Reich und seine Ersatzreligion: Ein Beitrag zur politischen Bildung. Rütten und Loening, Hamburg 1962, S. 162.
Nach nationalsozialistischer Darstellung hatten Christen und Juden das Weihnachtsfest den Deutschen „geraubt“. In Publikationen leitete man, historisch nicht belegbar, Weihnachten aus dem germanischen Julfest her.„Viel problematischer und auf alle Fälle politischer ist dann das, was im Umfeld der Völkischen und damit auch der Nazis aufgekommen ist: daß die Christen, und die Christen sind dann nur ein Sonderfall von Juden, den Deutschen, den Germanen das Weihnachtsfest geraubt hätten. In seiner ursprünglichen Form habe es sich bei diesem um das ‚Julfest‘ gehandelt, jedenfalls um die Wintersonnenwende: das Fest, an dem Wotan mit den toten Kriegern in Form der ‚Wilden Jagd‘ durch die Lüfte zieht. Und dieses ursprüngliche Fest müsse restauriert, das enteignete, jüdisch-christlich gewordene Weihnachtsfest regermanisiert werden.“ In: Richard Faber im Gespräch mit Johannes Wendt: Politische Weihnacht in Antike und Moderne. In: Richard Faber, Brigitte Niestroj, Peter Pörtner (Hrsg.): Philosophie, Kunst und Wissenschaft. Denkschrift für Heinrich Kutzner. Königshausen & Neumann, Würzburg 2001, ISBN 3-8260-2036-7, S. 197. Man suchte die „angebliche Mischung“ zu trennen. Diese gewollte „Regermanisierung“ wurde nicht von allen Parteimitgliedern getragen.„Zu unserem Schaden verstand es eine fremde Weltanschauung sich gerade dieses innigsten deutschen Festes zu bemächtigen und ihm fremdes Gedanken- und Ideengut zu unterschieben, so dass wir heute in der klaren Erkenntnis einer deutschen Weltschau das Echte und Unechte scheiden und sichten müssen“. In: Karl-Heinz Bolay: Deutsche Weihnachten – Ein Wegweiser für Gemeinschaft und Familie. Widukind-Verlag, Berlin 1941, S. 6.Führerhauptquartier 14. Oktober 1941 zu Gast Reichsführer SS H. Himmler; Hitler äußert: „Man darf der Masse das eine nicht nehmen, solange sie das andere nicht schon besitzt. Das Bessere muß vielmehr bereits von ihr Besitz ergriffen haben, bevor – worauf es ankommt – das wenige Gute in ihrer Vorstellung verblaßt. Es ist ein Irrtum zu glauben, ein Neues brauchte, um ein Altes abzulösen, nur an das Alte herangerückt zu werden. Es erschien mir unsagbar töricht, einen Wotanskult wieder erstehen zu lassen. Unsere alte Götter-Mythologie war überholt, war nicht mehr lebensfähig, als das Christentum kam. Es verschwindet immer nur, was reif ist unterzugehen!“ In: Heinrich Heim, Werner Jochmann (Hrsg. und kommentiert): Adolf Hitler – Monologe im Führerhauptquartier 1941–1944. Sonderausgabe. Orbis Verlag, München 2000 (Original erschienen bei Albrecht Knaus Verlag, Harburg 1980), S. 84.
Weihnachten zwischen Säkularisierung und Sakralisierung