mini|Statue in der Stadt Porto von Vímara Peres zu Pferd. Auf dem Territorium des späteren Portugal entwickelte sich ab 868 in der Gegend um die Stadt Porto die „erste“ Grafschaft Portucale (Condado Portucalense) innerhalb des Königreiches Asturien-León.
Ausgangspunkt dafür war die Presúria von Portucale durch Vímara Peres im Auftrag und im Namen des Königs von Asturien-León. Entscheidend an dieser Presúria ist, dass von Portucale die politische und administrative Reorganisation des gesamten Territoriums Entre-Douro-e-Minho ausging. In diesem Sinne wurde die Grafschaft Portucale zu einem wichtigen Zentrum für die Wiederbesiedlung bzw. Repovoamento des Nordens des späteren Königreiches Portugal.
Ausgangsbedingungen Bereits unter Alfons I. von Asturien vermochten christliche Truppen, in mehreren Feld- bzw. Raubzügen südlich des Flusses Minho gelegene und von den Mauren beherrschte Städte wie Braga, Porto oder Chaves kurzzeitig zu besetzen und zu plündern. Dabei gelangten sie bis nach Viseu. Da der asturische König über nicht genügend militärische Macht zur Verteidigung und wirtschaftliche Macht zur Besiedlung und Entwicklung dieser Territorien verfügte, ordnete er an, die Region nördlich des Douro zu verwüsten und die christliche bzw. mozarabische Bevölkerung umzusiedeln. Inwieweit ihm das vollständig gelang, ist in der historischen Forschung umstritten. Mit Sicherheit hinterließ er jedoch eine sehr unsichere, ziemlich zerrüttete Grenzregion mit halb verlassenen und halb abgebrannten Städten, verarmt und dünn besiedelt, aus der alle Bischöfe (das heißt der größte Teil der Obrigkeit) geflohen waren.Marques, 2001: 17 Obwohl die Mauren sich in den 740er Jahren aus ganz Galicien zurückgezogen hatten, führten sie mehrere gewaltige Gegenschläge, die 793–795 das asturische Königreich an den Rand der Vernichtung brachten. Dieses ständige militärische Auf und Ab kennzeichnete die Situation bis zur Machtübernahme durch Alfons III. in Asturien. In der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts war die heute portugiesische Region zwischen den Flüssen Minho und Douro teilweise entvölkert. Nur kleine christliche Bevölkerungsgruppen versuchten hier zu überleben. Im Landesinneren und im Nordwesten des heutigen Portugals handelte es sich mit Ausnahme des schwach besiedelten Chaves um eine fast vollständige Entvölkerung. Südlich des Douro besonders in den Regionen von Coimbra und Santarém lebten neben Muslimen auch mozarabische Christen.Serrão, 2001: 60 Dies war die Ausgangssituation als Alfons III. von Asturien im Rahmen der Reconquista eine neue Offensive gegen die muslimischen Herrscher begann.
Entstehung und Entwicklung der Grafschaft von Portucale „Era DCCCCVIª Prenditus est Portucale ad Vimara Petri.“ (Chronicon Laurbanense)So zitiert bei Barroca, 2004: 182. Hierzu muss angemerkt werden, dass es sich bei der Jahresangabe um den hispanischen Kalender handelt, d. h. es müssen 38 Jahre abgezogen werden, um die Zeitangabe unseres heutigen Kalenders zu erhalten. Dieser kurze Text aus den Archiven des Klosters Lorvão ist der einzige Hinweis auf die Presúria von Porto durch Vímara Peres im Jahre 868. Dies war jedoch nicht die einzige Maßnahme zur Entwicklung dieser Region. 872 erfolgte die Presúria von Chaves und des Territoriums von Alto Lima durch den Conde Odoário.Mattoso, 1970: 36. Es gibt keine überlieferten Nachkommen des Grafen Odoário im Gebiet Entre-Douro-e-Minho. Damit begann auch die Wiederbesiedlung der nördlichen Zone von Trás-os-Montes.Barroca, 2004: 183
Nach der Einnahme von Portucale setzte sich die Reorganisation der Macht im Territorium von Entre-Douro-e-Minho fort. Nach 870 begann die Wiederbesiedlung von Braga, erfolgte die Gründung der Burg von Vimaranis (Guimarães) im Jahre 879, aber es kam auch zu Presúrias kleinerer Orte wie z. B. die Presúria von Negrelos durch den (wahrscheinlichen) Sohn von Vímara Peres, Lucídio Vimaranes, oder die Presúria von Lardosa durch die beiden Mozaraber Muzara und Zamora.Barroca, 2004: 182 Bald wurde der Douro in Richtung Süden überschritten. Im Auftrag und im Namen des Königs von Asturien-León erfolgte im Jahre 878 die Presúria von Coimbra durch D. Hermenegildo Guterres. Guterres wurde als Conde von Coimbra (Chronicon Laurbanense: „Era DCCCCXVIª prendita est Conimbria ad Ermenegildo Comite“)Barroca, 2004: 183 einer der mächtigsten Herren südlich des Douro. Er übte wichtige Ämter am Hofe Alfons III. von Asturien-León aus und wurde 898 auch als Graf (conde) von Tui und Portucale bezeichnet. Es folgten die Eroberungen von Viseu, Lamego und Idanha.Die heute eher kleine Ortschaft war bis 1199 Bischofssitz. Bis Ende des 9. Jahrhunderts wurden die Diözesen von Coimbra, Porto, Lamego und Viseu wieder errichtet. Bis zu diesem Zeitpunkt waren alle Bischöfe südlich des Minho mit Ausnahme derjenigen von Braga und Idanha in ihre Diözesen zurückgekehrt.Marques, 2001: 17
Es zeigte sich, dass es unter der politischen und administrativen Führung von durch den König beauftragten Grafen gelang, die Eroberungen militärisch zu sichern, schrittweise zu bevölkern und wirtschaftlich zu entwickeln sowie eine religiöse Betreuung der Bevölkerung aufzubauen. Während der Regierungszeit Alfons III. etabliert sich in unmittelbarer Nähe des Douro, aber auch in der Region von Coimbra ein Hochadel, der sich sowohl mit dem Königshaus als auch untereinander verschwägerte und dessen Oberhäupter auch die wichtigsten Initiatoren des Repovoamento waren.Mattoso, 1970: 36 Mit Gonçalo Mendes, Sohn von Mumadona Dias und Mendo Gonçalves, beginnt 950 (wird Conde von Portucale) die Linie der bekannten duces. Nach ihm sorgte eine Dynastie von fünf bis sechs Statthaltern dafür, dass das Gebiet als echtes Lehen bis Mitte des 11. Jh. in derselben Familie vereint blieb. Eine Art rudimentäre Zentralregierung (ein Hof von „Herzögen“) entwickelte sich nördlich des Douro in Portucale, Vimaranis (Guimarães) und Braga.Marques, 2001: 19
Zu Beginn des 10. Jahrhunderts folgte die Grenze zwischen Christen und Muslimen dem Tal des Rio Mondego von der Küste aus Fluss aufwärts, blieb auf der linken Seite des Rio Côa bis zu dessen Einmündung in den Douro, der dann Fluss aufwärts im Landesinnern und in Richtung Asturien-León die Grenze bildete.
Der durch die Könige von León mit der Verteidigung und der Besiedlung beauftragte hohe Militäradel erhielt für diese Dienste vom König das ErbrechtSerrão, 2001: 63 und hatte die Aufgabe, die Region sowohl gegen die ständigen Angriffe der Mauren, aber auch gegen Plünderungszüge der Wikinger zu sichern. Immer wieder kam es zu Rebellionen verschiedener Grafen gegen das Königshaus sowie zu unterschiedlichen Fraktionsbildungen bei Fragen der Thronfolge sowie Erbauseinandersetzungen innerhalb der königlichen Familie.
Aber die Mauren waren längst noch nicht geschlagen. Im Februar 977 begann Muhammad ibn Abi Amir, genannt Almansor, eine mehr als zwei Jahrzehnte andauernde erfolgreiche Offensive gegen seine christlichen Widersacher im Norden der Iberischen Halbinsel. Nachdem die Stadt bereits 986 angegriffen wurde, gelang es Almansor nach nur zweitägiger Belagerung 987 Coimbra zu erobern. Ob dieses urbane Zentrum tatsächlich komplett verwüstet wurde und sieben Jahre lang unbewohnt blieb, wie es die Chronica Gothorum vermerkt, ist zweifelhaft.Alarcão, 2004: 27 Auch das stark befestigte Montemor-o-Velho geriet 990 erneut unter die Herrschaft der Muslime. Ausgehend von den militärischen Kapazitäten zur dauerhaften Sicherung der Grenze machte Almansor den Douro wieder zur Grenzlinie zwischen Muslimen und Christen, obwohl er 997 bei seinem berühmten Kriegszug gegen den Wallfahrtsort Santiago de Compostela weit über den Douro hinaus nach Galicien hinein vorstieß. Ergänzt werden muss hierbei, dass Teile der Region südlich von Porto und damit südlich des Douro, die heutige Tourismusregion Rota da Luz, etwa bis zum Fluss Vouga ebenfalls unter christlicher Verwaltung blieb.Vergleiche die Karte 2 „Fronteira no Ano 1000“ bei Barroca, 2004: 200 Die Politik der Sicherung der Eroberungen zwischen Mondego und Douro diente auch der 994/95 beginnende Neuaufbau von Coimbra durch Almansor mit muslimischen und mozarabischen Siedlern. Das durch eine bedeutende Garnison gesicherte Coimbra wurde erneut zum wichtigsten städtischen Zentrum der Mauren an deren Nordgrenze. Bei seinen Feldzügen wie auch bei der Sicherung des Erreichten hatte Almansor auch die Unterstützung von Christen, die, um ihren Besitz zu schützen, entweder zum Islam konvertiertenAlarcão, 2004: 27 oder auf Grund wirtschaftlicher Zwänge bzw. politischer Feindschaften die Mauren als Bündnispartner ganz offen unterstützten. Ibn Idhari, der auch eine Abhandlung über Almansors Feldzug von 997 verfasste, berichtete, dass Almansor auf dem Weg nach Santiago de Compostela in Viseu mit einer großen Anzahl Condes zusammentraf, die seine Oberhoheit anerkannten.Barroca, 2004: 192 Eine wichtige Rolle spielte dabei der aus dem Geschlecht von Hermenegildo Guterres stammende christliche Herr, Froila Gonçalves, der als Verbündeter von Almansor an der Zerstörung von Santiago de Compostela beteiligt war und danach als Herr über Montemor-o-Velho seine Macht bis 1017 unter maurischer Oberhoheit aufrechterhalten konnte.Alarcão, 2004: 28
Mit Ferdinand dem Großen erwuchs den Christen im Königreich León erneut ein Herrscher, der die Eroberung von Muslimen beherrschter Gebiete zu einem wesentlichen Bestandteil seiner außenpolitischen Aktionen machte. Dabei nutzte er geschickt den Zerfall des Kalifats von Córdoba in eine Reihe von selbständigen Taifa-Reichen für seine Interessen aus und stellte die muslimischen Machthaber vor die Wahl: Tribut oder Krieg. Falls sich muslimische Herrscher unterwarfen, blieben sie, wie in einigen Gebieten der Beira, sogar im Besitz ihrer Burgen.Serrão, 2001: 66
Einer seiner größten Erfolge war nach sechsmonatiger Belagerung die endgültige Rückeroberung von Coimbra am 25. Juli 1064. Ein Teil der Muslime geriet in Gefangenschaft und wurde versklavt. Alle anderen zwangen die Sieger den Mondego zu überqueren und das christliche Gebiet zu verlassen. Der mozarabische Führer der Belagerer, Sesnando Davides, wurde sofort zum Governador der Grafschaft Coimbra ernannt, die alle Gebiete zwischen Douro und Mondego sowie die Stadt Coimbra selbst umfasste. Im Auftrage des Königs und unter Führung von S. Davides gelang ein schneller Wiederaufbau der Stadt und ihres Umlandes mit Hilfe von Siedlern aus dem Norden (Entre-Douro-e-Minho und der Beira) sowie einer beachtlichen Anzahl mozarabischer Christen.Serrão, 2001: 67 f
Das Ende der „ersten“ Grafschaft von Portucale Die wechselvollen Kämpfe zwischen Muslimen und Christen, aber auch die Raubzüge der Wikinger machten deutlich, dass das traditionelle, auf große Territorien ausgelegte System der Condes, als Stellvertreter des Königs, nicht mehr in der Lage war, die Territorien militärisch zu sichern. Die hochadligen Familien, die in der Zeit vor Almansor die Hauptakteure von Eroberung und Besiedlung waren, verloren im Verlaufe des 11. Jahrhunderts immer mehr an Einfluss. Das war nicht nur den militärischen Niederlagen geschuldet, sondern auch der erbseitig bedingten Aufsplitterung ihrer Besitzungen sowie ihren Bestrebungen nach Autonomie und somit der Opposition zu den Königen von León.Mattoso, 1970: 43