mini|Mastzelltumor der Haut der seitlichen Bauchwand bei einem Deutschen Boxer mini|Mastzelltumor an der Pfote bei einem Labrador Retriever Der Mastzelltumor des Hundes ist eine von Mastzellen ausgehende Neubildung (Neoplasie) beim Haushund, die vor allem in der Haut und Unterhaut auftritt. Mastzelltumoren sind bei Hunden nicht nur außerordentlich häufig, sondern neigen bei ihnen auch wesentlich häufiger zu bösartigen Verläufen als bei anderen Tierarten. Die mittlere Überlebenszeit beträgt bei bösartigen Tumoren nur vier Monate, bei gutartigen dagegen über zwei Jahre.

Mastzellen sind Zellen des Immunsystems, die eine Rolle bei der angeborenen Immunantwort spielen. Sie produzieren eine Reihe von biologisch aktiven Substanzen, darunter vor allem Histamin. Mastzelltumoren machen etwa ein Fünftel aller Hauttumoren des Hundes aus. Sie zeigen sich als Knoten oder erhabene Flecken, bei etwa einem Fünftel betroffener Tiere treten Geschwüre und Blutungen im Magen und Zwölffingerdarm auf. Tochtergeschwulste bei bösartigen Mastzelltumoren treten vor allem in Lymphknoten, Leber, Milz und im Knochenmark auf. Jeder Knoten in der Haut oder Unterhaut kann ein Mastzelltumor sein. Der Nachweis ist nur durch eine Gewebeentnahme mit einer feinen Kanüle (Feinnadelbiopsie) mit anschließender Färbung und mikroskopischer Untersuchung (Zytodiagnostik) möglich.

Obwohl die Einteilungen nach den klinischen Erscheinungen und dem Zellbild in der Zytodiagnostik Hinweise auf das biologische Verhalten (gut- oder bösartig) und damit die Heilungsaussicht geben, ist diese Tumorerkrankung unberechenbar und sollte frühzeitig behandelt werden. Mittel der Wahl ist die vollständige chirurgische Entfernung, die eventuell auch mit einer Strahlen- oder Chemotherapie kombiniert wird. Tumoren, bei denen eine chirurgische Entfernung nicht oder nur unvollständig möglich ist, können auch mit Tyrosinkinase-Inhibitoren behandelt werden.

Mastzelltumoren kommen auch bei Hauspferden, Frettchen und Hauskatzen häufiger vor, verhalten sich bei diesen Tierarten aber meist gutartig. Bei anderen Tierarten und beim Menschen sind Mastzelltumoren sehr selten.

Mastzelle

mini|Mastzellen in der Zellkultur Mastzellen (Mastozyten) sind Zellen des Immunsystems und stellen ein wichtiges Bindeglied zwischen der angeborenen und erworbenen Immunantwort dar. Sie entstehen aus Vorläuferzellen im Knochenmark und wandern als unreife Zellen in viele Gewebe, vor allem in solche mit engem Kontakt zur Außenwelt, wo sie ausdifferenzieren.

Reife Mastzellen sind rundliche Zellen im Bindegewebe, deren Cytoplasma Granula mit abweichendem Färbeverhalten (Metachromasie) enthält. Die Granula sind gespeichertes Histamin, Heparin sowie Zytokine wie der Tumornekrosefaktor-α. Auf der Zelloberfläche tragen Mastzellen Bindungsstellen (Rezeptoren), von denen zwei funktionell die größte Bedeutung haben: Der Stammzellfaktor-Rezeptor (Tyrosinkinase KIT) reguliert über die Bindung des Stammzellfaktors die Differenzierung, Vermehrung, Aktivierung und Lebensdauer der Mastzellen. Der Immunglobulinrezeptor FcεRI (high-affinity IgE receptor) bindet Immunglobulin E (IgE) mit hoher Bindungsstärke (Affinität).R. J. Mayoral et al.: MiR-221 influences effector functions and actin cytoskeleton in mast cells. In: PloS one. Band 6, Nummer 10, 2011, S. e26133, . doi:10.1371/journal.pone.0026133. PMID 22022537. . Nicht nur der Stammzellfaktor, sondern auch eine Reihe von InterleukinenC. P. Shelburne und J. J. Ryan: The role of Th2 cytokines in mast cell homeostasis. In: Immunological Reviews. Band 179, Februar 2001, S. 82–93, . PMID 11292031. (Review). und UltraviolettstrahlungS. Ch'ng et al.: Mast cells and cutaneous malignancies. In: Modern Pathology. Band 19, Nummer 1, Januar 2006, S. 149–159, . doi:10.1038/modpathol.3800474. PMID 16258517. (Review). führen zu einer Aktivierung und Vermehrung von Mastzellen. Bei der Aktivierung von Mastzellen werden von ihnen Entzündungsmediatoren, Zytokine und Proteasen entweder aus den Granula freigesetzt oder in kurzer Zeit neu gebildet und abgegeben.

Am besten ist die Funktion der Mastzellen bei Allergien erforscht, darüber hinaus sind sie auch an Autoimmunerkrankungen und an der Verstärkung der Entzündungsreaktionen bei bakteriellen Infektionen beteiligt. Anderseits können Mastzellen auch entzündungshemmend wirken, da sie vor schädigenden Faktoren wie Bakterien und Parasiten schützen.S. J. Galli, M. Tsai: Mast cells in allergy and infection: versatile effector and regulatory cells in innate and adaptive immunity. In: European Journal of Immunology. Band 40, Nummer 7, Juli 2010, S. 1843–1851, . doi:10.1002/eji.201040559. PMID 20583030. (Review). Zudem können Mastzellen durch ihr großes Repertoire biologisch aktiver Substanzen zur Entstehung und zum Wachstum anderer Hauttumoren beitragen.

Vorkommen und Entstehung Mastzelltumoren kommen beim Hund vor allem in der Haut und Unterhaut vor. Sehr selten sind sie in inneren Organen wie dem Dünndarm,Erwin Dahme und Eugen Weiss: Grundriss der speziellen pathologischen Anatomie der Haustiere. 6. Auflage, Parey Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8304-1048-5, S. 143. der Maulschleimhaut,L. A. Hillman et al.: Biological behavior of oral and perioral mast cell tumors in dogs: 44 cases (1996–2006). In: Journal of the American Veterinary Medical Association. Band 237, Nummer 8, Oktober 2010, S. 936–942, . doi:10.2460/javma.237.8.936. PMID 20946081. der NasenschleimhautA. K. Patnaik et al.: Extracutaneous mast-cell tumor in the dog. In: Veterinary pathology. Band 19, Nummer 6, November 1982, S. 608–615, . PMID 6815869. oder der BindehautM. Fife et al.: Canine conjunctival mast cell tumors: a retrospective study. In: Veterinary ophthalmology. Band 14, Nummer 3, Mai 2011, S. 153–160, . doi:10.1111/j.1463-5224.2010.00857.x. PMID 21521438. anzutreffen. Etwa 20 % aller HauttumorenMartin Kessler: Mastzelltumoren, Mastozytom (Mastzellsarkom). In: Hans Georg Niemand, Peter F. Suter (Hrsg.): Praktikum der Hundeklinik. 10. Auflage, Parey Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-8304-4141-0, S. 1135–1136. beziehungsweise 6 % aller TumorenAnthony S. Stannard und L. Thoma Pulley: Mastocytoma of the dog. In: Jack E. Moulton (Hrsg.): Tumors in domestic animals. 2. Auflage, University of California Press, Berkeley [u. a.] 1978, ISBN 0-520-02386-2, S. 26–31. beim Hund sind Mastzelltumoren. Gehäuft treten sie bei einigen Rassen auf: Deutscher Boxer und verwandte kurzköpfige Rassen, Golden Retriever, Beagle, Irish Setter, Dackel und Berner Sennenhund. Eine Abhängigkeit vom Geschlecht des Tieres besteht nicht.F. Riva et al.: A study of mutations in the c-kit gene of 32 dogs with mastocytoma. In: Journal of veterinary diagnostic investigation. Band 17, Nummer 4, Juli 2005, S. 385–388, . PMID 16131001. Das mittlere Alter betroffener Hunde beträgt acht Jahre, ein Mastzelltumor kann aber bereits bei vier Monate alten Hunden oder erst in einem sehr hohen Alter entstehen. Die Erstbeschreibung des Mastzelltumor des Hundes stammt aus dem Jahr 1942 von Frank Bloom.Frank Bloom: Spontaneous solitary and multiple mast cell tumors (“mastocytoma”) in dogs. In: Arch Pathol Band 33, 1942, S. 661–676.

mini|Oberflächenmodell des Stammzellfaktor-Rezeptors mit gebundenem Stammzellfaktor (grün) Beim Menschen sind eine Reihe von Mutationen und Chromosomenveränderungen bekannt, die zur krankhaften Vermehrung von Mastzellen (Mastozytosen) führen. Mutationen des Gens für den Stammzellfaktor-Rezeptor (c-KIT) führen zu einer verlängerten Zelllebensdauer und vermehrten Neubildung von Mastzellen. Die D816V-Mutation ist die häufigste dieser c-KIT-Mutationen und tritt bei 80 % der Patienten mit Mastozytose auf. Es gibt aber auch Mastozytose-Patienten ohne Veränderungen am Stammzellfaktor-Rezeptor. Insgesamt sind beim Menschen über 20 Chromosomenveränderungen bekannt, die zu Mastozytosen führen können, wobei am häufigsten die Chromosomen 2, 7, 12, 13, 14 und X betroffen sind.H. Sadrzadeh, O. Abdel-Wahab, A. T. Fathi: Molecular alterations underlying eosinophilic and mast cell malignancies. In: Discovery medicine. Band 12, Nummer 67, Dezember 2011, S. 481–493, . PMID 22204765.

Auch beim Hund scheinen c-KIT-Veränderungen eine Rolle zu spielen. Dabei können sowohl eine gesteigerte Genexpression als auch eine Mutation mit Phosphorylierung des Stammzellfaktor-Rezeptors, die zu einer Aktivierung ohne Bindung des Stammzellfaktors (Liganden-unabhängig) führt, auftreten. Mittlerweile sind über 30 solcher Mutationen bekannt, von denen die häufigste eine Verdopplung (Tandemmutation) des Exon 11 ist, welches den direkt an der Innenseite der Zellmembran liegenden Anteil (Juxtamembrandomäne) des Stammzellfaktor-Rezeptors codiert.Y. Takeuchi et al.: Aberrant autophosphorylation of c-Kit receptor in canine mast cell tumor cell lines. In: Veterinary immunology and immunopathology. Band 137, Nummer 3–4, Oktober 2010, S. 208–216, . doi:10.1016/j.vetimm.2010.05.009. PMID 20591500. Aber auch beim Hund kommen Mastzelltumoren ohne c-KIT-Mutation vor;K. Ohmori et al.: Identification of c-kit mutations-independent neoplastic cell proliferation of canine mast cells. In: Veterinary immunology and immunopathology. Band 126, Nummer 1–2, November 2008, S. 43–53, . doi:10.1016/j.vetimm.2008.06.014. PMID 18687474. im Gegensatz zu US-amerikanischen Studien wurden bei Mastzelltumoren deutscher Hunde sogar fast keine relevanten c-KIT-Mutationen nachgewiesen. Ob dies zufällig oder methodisch bedingt war oder genetische Unterschiede in den Zuchtlinien reflektiert, muss durch weitere Untersuchungen geklärt werden.Heike Aupperle et al.: Neue diagnostische Aspekte bei kaninen Mastzelltumoren – Ein Überblick zur aktuellen Studienlage. In: kleintier konkret. S1 (2011), S. 44–48. (; PDF; 1,3 MB) Die Ursachen für das gehäufte Auftreten von Mastzelltumoren beim Hund sind bislang ungeklärt, vermutlich gibt es mehrere Ursachen (multifaktorielles Geschehen).M. M. Welle et al.: Canine mast cell tumours: a review of the pathogenesis, clinical features, pathology and treatment. In: Veterinary dermatology. Band 19, Nummer 6, Dezember 2008, S. 321–339, . doi:10.1111/j.1365-3164.2008.00694.x. PMID 18980632. (Review).

Klinisches Bild mini|Geschwürig zerfallender Mastzelltumor an der Lefze eines Labrador Retrievers mini|Mastzelltumor an der Innenseite des Oberschenkels bei einem Springer Spaniel Mastzelltumoren der Haut zeigen sich als Knötchen (Papel), erhabene Flecken (Plaque) oder Knoten (Nodus), die oberflächlich geschwürig zerfallen können. Ihre Konsistenz reicht von weich bis derb-knotig. Lokal können Rötung und Juckreiz auftreten (Darier-Zeichen). Gelegentlich treten Satellitenknoten auf, das heißt Absiedlungen des Tumors über Lymphgefäße in benachbarte Hautgebiete,James Warland und Jane Dobson: Hauttumore bei Hunden und Katzen. In: Veterinary Focus. Band 21, 2011, S. 34–41. in etwa 10 % der Fälle sind von Anfang an mehrere Mastzelltumoren ausgebildet (primäre Multiplizität).Martin Kessler: Der Mastzelltumor des Hundes: ein Tumor mit vielen Gesichtern.

Mastzelltumoren können Tochtergeschwulste (Metastasen) in die für das Gebiet zuständigen (regionären) Lymphknoten sowie in andere Organen wie Leber, Milz und Knochenmark bilden, andere Lokalisationen sind sehr selten. Bei gutartigen Mastzelltumoren liegt die Metastasierungsrate unter 10 %, bei bösartigen über 50 %.