mini|Lunaraine Nerzmantel in ausgelassener Verarbeitung (2008) Das Auslassen oder die Auslasstechnik bezeichnet eine Arbeitsmethode der Kürschnerei, das Herstellen gewünschter Fellformen und eines gewünschten Fellaussehens durch das Verlängern von Fellen auf Kosten der Breite durch V- bzw. A-förmige Schnitte.
Wieder zusammengenäht entstehen schmale Streifen in der Länge des herzustellenden Kleidungsstücks, das als Nebeneffekt dadurch einen besonders fließenden Fall aufweist. Auch komplizierte Streifenführungen lassen sich hiermit verwirklichen. So wird die Taillierung eines Mantels durch die ebenfalls taillierten Streifen zusätzlich betont. Insbesondere in der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis zum Ende des letzten Jahrhunderts wurden schätzungsweise um die 90 Prozent der Nerzmäntel ausgelassen verarbeitet. Für die neu hinzugekommenen Großmärkte Asiens einschließlich Russland sind Nerze in ausgelassener Verarbeitung auch heute ein Hauptartikel der Pelzmode.
Wohl jede geeignete Fellart wurde auch schon ausgelassen gearbeitet. Die hauptsächlichen dafür gebrauchten Fellsorten sind, auch einhergehend mit der Häufigkeit ihrer Nutzung, die Marderarten, allen voran der Nerz, gefolgt von Baum- und Steinmarder, Otter, Zobel, früher auch Skunks usw. Ungeeignet sind gefleckte Felle wie die heute nicht mehr genutzten Felle von Ozelot, Leopard und Jaguar, sehr kleine und flachhaarige Felle wie Hamster oder Wiesel. Bei Fellen mit zu kurzem Haar oder mit hartem Grannenhaar und wenig Unterwolle bleiben die Schnitte sichtbar, insbesondere beim Seehundfell. Neben der jeweiligen Mode spielt für die Entscheidung, ob die Felle arbeitsaufwändig ausgelassen oder nur übereinandergesetzt werden, die Frage der Wirtschaftlichkeit eine entscheidende Rolle, der erreichte Wertzuwachs muss dem Mehraufwand entsprechen. Häufig ausgelassene Felle waren beispielsweise auch Nutria, Bisam und Kanin, bis sich durch die in der Bundesrepublik erheblich gestiegenen Löhne etwa in den 1980er Jahren das Auslassen für diese preiswerteren Fellarten immer weniger lohnte.
Zum „unsichtbaren“ Auslassen eignen sich in erster Linie nur geradhaarige Fellarten, deren Haare lang und biegsam genug sind, um die durch das Nähen mit der Pelznähmaschine mit einer einfädigen Überwändlich-Kettenstich-Naht am Ledergrund auftretenden Haarverbiegungen bis zur Felloberfläche hin aufzufangen. Außerdem sollten möglichst keine extremen Haarlängen- und Haarfarbunterschiede vorhanden sein. Das lebhaftest geformte und gefärbte Haarkleid hat das Iltisfell, das damit ganz besondere Anforderungen an den Kürschner stellt, insbesondere bei einer ausgelassenen Verarbeitung.
Varianten sind unter anderem das seltener angewandte Einlassen, es erzielt die gegenteilige Wirkung, das Fell wird kürzer und breiter, und das Rundlassen.
Allgemein, Geschichte Vor der Entwicklung des Ein- und Auslassens wurde die Form eines Felles nur durch Strecken in die Länge oder die Breite verändert. Größere Längen oder Breiten wurden ausschließlich durch das Zusammennähen mehrerer Felle oder Fellteile erzielt.
Der Leipziger Pelzhändler Heinrich Lomer schrieb 1864: „Auf der vierten und fast schon auf der höchsten Stufe [der Pelzverarbeitung] stehen die Chinesen; sie wissen ihre Zobel, Eichhörnchen, Katzen,Füchse, Luchse und Tigerfelle gut zu bereiten, die Zusammenstellung der Felle ist musterhaft ordnungsmässig; sie verstehen das bei den Kürschnern sogenannte Auslassen und Einlassen der Felle, wodurch man z. B. ein Zobelfell durch verschiedene Einschnitte noch einmal so lang oder noch einmal so breit machen kann, wie es von Natur war, ohne dass man auf der Haarseite des Felles die Einschnitte und Näthe bemerkt.“Heinrich Lomer: Der Rauchwaaren-Handel. Geschichte, Betriebsweise und Waarenkunde. Leipzig 1864, S. 54–55.
Folgt man den Kürschnermeistern und Gewerbelehrern Malm und Dietzsch, dann war es in Deutschland kurz nach dem Jahr 1850 der Kürschner Leberecht Giese aus Leipzig, der erstmals eine „seitliche Zunge“ schnitt (am Fellrand) und damit die Entwicklung nicht nur des heutigen „Zungeziehens“ (siehe unter → Anbrachen), sondern auch des Auslassens von Fellen anstieß. Der Geselle arbeitete in der Firma Starke im Geschäftshaus „Zur Goldenen Kanne“, Richard-Wagner-Straße, auf dem Gelände des heutigen „Seaside Parkhotels“.Friedrich Malm, August Dietzsch: Die Kunst des Kürschners. Fachbuchverlag Leipzig 1951, S. 92.
Dagegen spricht jedoch, dass bereits 1837 für die Meisterprüfung im Fürstenbistum Würzburg unter anderem verlangt wird, einen Baummarder mit zwölf Zungen zur Länge von einer Elle auszulassen. Noch viel früher, Mitte des 16. Jahrhunderts, wird in ebenfalls in der Würzburger Meisterpüfungsordnung das „Ausslassen“ erwähnt, allerdings in einem Text, der für uns heute schwer zu deuten ist.Punkt 3 der Meisterordnung, in der Übertragung von Paul Schöps: „Einen Marder «ausslassen» wie folgt: soll in 3/4 Einer Eben lang machen, dass man an haaren mit sieht, auch soll er die Kehrl von seinern aigen fiedrig den Marder ohn schaden, volen halben Elen lang, und viertheils braid. Ess soll ihm auch von demselbig fleckig, nichts über bleiben, auch nichts zurinne. Er soll auch das schwerkh zur Kappen und den Marder bidern. und bereiten, nie rechts ist.“Dr. Paul Schöps, Manuskript vom 17. Februar 1978: Meisterstücke. S. 3–4. Sammlung G. & C. Franke Eine Zeichnung aus dem Jahr 1777 zeigt bereits das Auslassen eines Fells im sogenannten „Treppenschnitt“.Denis Diderot und Jean de Rond d’Alembert: Encyclopédie, ou dictionaire raisonne des sciences, des arts et des métiers. Abbildung 17 Fourreur, Coupe de Peaux. Paris, 1762–1777. An anderer Stelle wird als Beginn des Auslassens das Rundlassen durch einzelne Schnitte angenommen, deren erste Anwendungen im 19. Jahrhundert vermutet werden. Simon Greger beschrieb 1883 bereits, wie für ein Pelzfutter aus vier Zeilenhöhen die fehlende Länge nicht durch eine unschöne, zusätzliche halbe Zeile ergänzt wird, sondern durch das Auslassen der einzelnen Felle in jeder Zeilenhöhe.Simon Greger: Die Kürschnerkunst. 4. Auflage, Bernhard Friedrich Voigt; Weimar 1883, S. 188–190, 198 (130. Band der Reihe Neuer Schauplatz der Künste und Handwerke).
Der Kürschnergeselle Wilhelm Schnell beschrieb in seinem Lebenslauf, dass in einer Wiener Kürschnerei, etwa im Jahr 1905, die Auslassnähte noch mit der Hand genäht wurden. Es war das Jahr, in dem die Wiener Kürschnergesellen mit Streikdrohung den 9-Stunden-Arbeitstag durchsetzten.
Erst durch die Erfindung der Pelznähmaschine (Balthasar Krems aus Mayen in der Eifel ist die Grundkonstruktion zuzuschreiben, etwa 1800) und späteren Einführung (nach 1870) wurde es wirtschaftlich sinnvoll, ganze Mäntel ausgelassen zu arbeiten, also mit einem auf Mantel- oder Jackenlänge veränderten Fell, oder noch aufwändiger, aus anderthalb, zwei oder mehr vorher ineinander geschnittenen Fellen. Auf der Pariser Weltausstellung zeigte Révillon Frêres 1900 die ersten Großteile aus ausgelassenen Nerzfellen, darunter ein bodenlanger Mantel aus 164 kanadischen Nerzfellen und einem Otterfell. Diese Teile waren jedoch noch ganz von Hand genäht, was allein für die Näherinnen bei diesem Mantel eine Arbeitszeit von 1400 Stunden bedingte.Paul Larisch, Josef Schmid: Das Kürschner-Handwerk. 1. Jahrgang Nr. 1 + 2, Oktober/November 1902, Selbstverlag, Paris, S. 4. Die durch Fußpedale angetriebenen Pelznähmaschinen erfassten in den Nähten anfangs noch so viel Fell, dass sie für feinere Arbeiten nicht zu gebrauchen waren, schon gar nicht zum Nähen der schmalen Auslass-Schnittstreifen. Auch fehlten zu dieser Zeit wohl noch ausreichend „geübte Näherinnen“.Jean Heinrich Heiderich: Das Leipziger Kürschnergewerbe. Inaugural-Dissertation an der philosophischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg, Heidelberg, 1897, S. 101. Gegen diese Annahme spricht allerdings, dass Revillon Frères gleichzeitig eine Decke aus 22.000 Nerzschweifen ausstellte, „mit feinem Leder galloniert und mit der Maschiene [!] genäht“. Die schöne und exakte Arbeit erregte „allseitige Bewunderung“.Paul Larisch, Josef Schmid: Das Kürschner-Handwerk. 1. Jahrgang, Nr. 1 + 2, Selbstverlag, Paris, Oktober-November 1902, S. 31.
mini|hochkant|Nicht ausgelassener (aufgesetzter) Samtnerzmantel (Kiel, 2007) Der amerikanische Kürschner und Fachautor Samuel Raphael hat vergeblich versucht herauszufinden, wo die Ursprünge des Auslassens zu finden sind. Er gelangte jedoch zu dem Schluss, dass die kommerzielle Nutzung der Arbeitstechnik Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Skunksmode begann. Um 1916 wurden dann in den USA auch ausgelassene Nerzmäntel angeboten. Aus Leipzig wusste er zu berichten, dass dort um 1908 Nerzmäntel anstatt aus 2 ½ oder 3 übereinandergesetzten Fellen nur aus 2 Fellen gearbeitet wurde, der Rest war mit wenigen Doppel-Zickzack-Schnitten („N“) ausgelassen worden. Eine weitere Theorie, von der Raphael selber meint, dass sie etwas legendär anmutet, hat ihm sein Vater oft erzählt. Danach hatten vor langer Zeit, Sohn Samuel erinnert sich im Jahr 1948, französische Kürschner Nerzfelle an verschiedenen Stellen versehentlich schräg eingeschnitten. Beim Versuch, diese Felle zu reparieren, legte der Kürschner spiegelgleiche Schnitte auf die andere Fellhälfte und ließ sie nähen. Er stellte fest, dass diese Nähte von der Haarseite nicht zu sehen waren. Dieser Überlieferung nach erkannte er dabei, dass sich durch die Veränderung des Schnittwinkels beim Nähen ein Fell verlängern lässt. Heute wurden fast alle dafür verwendeten Pelzarten auch ausgelassen verarbeitet, die Arbeitstechnik ist jedoch vor allem mit der zoologischen Familie der Marder, und ganz besonders mit dem marderartigen Nerz, verbunden. Es spricht zwar vieles dafür, dass das Auslassen sich langsam entwickelte, letztlich bleibt es jedoch ungewiss, ob es nicht doch die Idee eines einzelnen Kürschners war.
Die Entscheidung, Felle ganzflächig für ein Kleidungsstück auszulassen, geschieht nicht eigentlich um das Fell zu verlängern, dies ist einfacher und vor allem preiswerter durch das schachbrettartige Zusammensetzen zu erreichen. Es ist die harmonische, das Modell unterstreichende Streifenzeichnung, im Gegensatz zu der rustikalen Optik rechteckig nebeneinander und übereinander genähter Felle, die die Designer hierzu veranlasst. Bestand anfangs noch eine gewisse Befürchtung, der Kunde könnte einen für ihn vielleicht als aus Stücken gearbeiteten erachteten Mantel für weniger wertvoll halten, setzte sich die Technik in den USA recht schnell durch, lohnte sich der hohe Aufwand doch vor allem bei den kostspieligeren Pelzarten. Von Amerika ausgehend kam die Mode ausgelassener Pelze nach dem Zweiten Weltkrieg, kriegsbedingt verspätet, auch verstärkt nach Europa. Die Kürschner probierten das Auslassen an praktisch allen, mehr oder weniger dazu geeigneten Fellarten, vom gelockten Persianer bis zum glatthaarigen Seehund, bei dem jeder Schnitt sichtbar wird.