mini|hochkant|Attila Hildmann (2020) Attila Klaus Peter Hildmann (* 22. April 1981 in West-Berlin) ist ein deutsch-türkischer Neonazi und Verschwörungstheoretiker, der ursprünglich als Kochbuch-Autor bekannt wurde.

Im Verlauf der COVID-19-Pandemie trat Hildmann als Verbreiter von Verschwörungsideologien rund um die Virusinfektion in Erscheinung. Er bediente sich an Ideen aus dem Spektrum der Reichsbürger, äußerte sich rechtsextrem und antisemitisch und drohte öffentlich Straftaten an. Daraufhin distanzierten sich Geschäftspartner, seine Social-Media-Kanäle wurden geschlossen und es wurden mehrere Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet. Einem im Februar 2021 erlassenen Haftbefehl entzog er sich durch Ausreise in die Türkei, die 2023 bekanntgab, ihn aufgrund seiner türkischen Staatsbürgerschaft nicht auszuliefern.

Leben Attila Hildmann wurde im West-Berliner Bezirk Kreuzberg als Sohn türkischer Eltern geboren. Noch als Baby wurde er zur Adoption freigegebenAlexander Kühn: Wutkoch Attila Hildmann – Auf der Suche nach dem Sinn falsch abgebogen. In: Spiegel Online, 21. Mai 2020, abgerufen am 25. Juli 2020 (Anmeldung erforderlich). und wuchs bei deutschen Adoptiveltern auf. Durch die Adoption erwarb er die deutsche Staatsangehörigkeit. Hildmann berichtet selbst von einer Jugend voller Gewalterfahrungen, im Laufe der Zeit sei er vom Opfer zum Täter und auch straffällig geworden. Dreieinhalb Monate habe er in Untersuchungshaft verbracht. An der Lise-Meitner-Schule in Berlin-Rudow legte er das Abitur ab. Hildmann wurde nach eigenen Angaben Veganer, nachdem sein Adoptivvater 2000 einem Herzinfarkt erlegen war.Frank Joung: „Vegan ist das neue Viagra“. Interview mit Attila Hildmann. In: Spiegel Online. 27. September 2012, abgerufen am 1. Juli 2020. Hildmann machte den Fleischkonsum seines Vaters für dessen Tod verantwortlich.Wie sich Attila Hildmann vom Vegan-Koch zum Verschwörungstheoretiker wandelte. In: watson.de. 4. Juli 2020, abgerufen am 4. Juli 2020. Hildmann, damals selbst stark übergewichtig, wollte nicht dasselbe Schicksal erleidenKatja Bigalke: Berlin goes vegan. In: deutschlandfunkkultur.de. 16. Januar 2014, abgerufen am 25. Juli 2020. und verzichtete daraufhin zunächst auf Fleisch- und Fischprodukte. Neben der vegetarischen Ernährung begann er Sport zu treiben. Nach einiger Zeit verzichtete Hildmann auf fast alle tierischen Produkte und ernährte sich überwiegend vegan. mini|Attila Hildmann auf dem Veggie-Street-Day in Dortmund 2010 Hildmann startete ein veganes Koch-BlogChristina Hucklenbroich: Veganismus als Lifestyle – Unser Schrot und Korn gib uns heute. In: faz.net. 26. September 2014, abgerufen am 25. Juli 2020 (Anmeldung erforderlich). und lud Kochvideos von sich auf seinen YouTube-Kanal hoch. 2009 schrieb er als Autodidakt das Vegan-Kochbuch und veröffentlichte davon bis 2010 – teilweise als Book-on-Demand – insgesamt drei Ausgaben. Ab 2011 stand er beim Verlag Becker Joest Volk unter Vertrag. Sein Buch Vegan for Fun wurde 2012 vom Vegetarierbund Deutschland als „Kochbuch des Jahres“ ausgezeichnet. Sowohl Vegan for Fun als auch das ein Jahr später folgende Vegan for Fit wurden zu Bestsellern.Anja Streichan: Attila Hildmann bekämpft das Altern: Warum Veganer jünger bleiben. In: rp-online.de. 27. November 2013, abgerufen am 25. Juli 2020. Seit 2013 kann Hildmann von den Erlösen seinen Lebensunterhalt bestreiten,Katharina Heckendorf: Attila Hildmann – „Was ich anfange, bringe ich auch zu Ende“. Interview. In: zeit.de. 4. April 2016, abgerufen am 25. Juli 2020. bis 2020 wurden seine Kochbücher über eine Million Mal verkauft. Hildmann wurde in Deutschland „so etwas wie der Jamie Oliver der veganen Küche“, die Boulevardpresse nannte ihn „Veganer-König“. Erfolg mit seinem Konzept hatte Hildmann, da er die vegane Küche so interpretierte, „dass Menschen, die gerne Fleisch mögen, keinen Verzicht mehr üben müssen“. Seine Kreationen sollten sich deshalb geschmacklich nicht zu sehr von alten Gewohnheiten unterscheiden, er erstellte vegane Varianten von Bolognese, Burgern, Currywurst, Döner oder Sandwiches.Attila Hildmann: Der Star der veganen Küche. In: kochbar.de. 5. Mai 2017, abgerufen am 25. Juli 2020 (nicht mehr online verfügbar).Christoph Cöln: So schmeckt Attila Hildmanns Vegan-Burger wirklich. In: welt.de. 23. Oktober 2017, abgerufen am 25. Juli 2020. Mit seiner Kombination aus einem Fitness-, Diät- und Anti-Aging-Programm trug Hildmann dazu bei, veganes Kochen aus der Tierrechtsecke zu holen und daraus ein Lifestyle-Thema zu machen. Eine wichtige Rolle in seinen Büchern nahmen Bio-Lebensmittel und Fairer Handel ein. Als „hipper Gesundheitskoch“ absolvierte er Fernsehauftritte in verschiedenen TV-Magazinen.Alexander Kühn, Jean-Pierre Ziegler: Waldspaziergang mit Attila Hildmann – „Seit 75 Jahren hat sich in Deutschland keiner so aus dem Fenster gelehnt wie ich“. In: Spiegel Online. 24. Juli 2020, abgerufen am 24. Juli 2020 (Anmeldung erforderlich). Unter anderem war er bei Bauerfeind, DAS!, Galileo, Kuttner, Maischberger, Stern TV, TV total, Unter uns, Volle Kanne, im Nachtcafé und in der Sendung daheim + unterwegs zu Gast. mini|Restaurant Vegan Food in der Schillerstraße 71 in Berlin-Charlottenburg vor der Schließung An der Freien Universität Berlin studierte er „lange und mit wenig Erfolg“ Physik. 2014 fehlten ihm laut Eigenaussage nur „noch zwei mündliche Prüfungen“, danach wollte er sich zur Promotion anmelden. Im Sommer 2015 habe er seine Diplomarbeit abgegeben und ihm fehlten „noch drei Prüfungen“. Hildmann fiel zweimal durch die Diplomprüfungen und verließ die Universität schließlich ohne Abschluss.

Im März 2016 war Hildmann Teilnehmer der neunten Staffel der Fernsehsendung Let’s Dance.Let’s Dance 2016: Kochbuchautor Attila Hildmann muss in Show drei das Tanzparkett räumen. In: rtl.de. 31. Mai 2016, abgerufen am 6. November 2020. Im Januar 2017 war er als Koch bei der Sendung MasterChef zu sehen. Im selben Jahr gewann er als Kandidat in der TV-Sendung Schlag den Star gegen Luke Mockridge.

Im Frühjahr 2017 eröffnete Hildmann einen veganen Imbiss in Charlottenburg.Susanne Kippenberger: Berliner Imbisse im Test – „Das Scheiß-Matcha-Eis!“ In: tagesspiegel.de. 19. Oktober 2017, abgerufen am 24. Juni 2021. Von April 2018 bis November 2019 betrieb er einen weiteren in Kreuzberg. Eine geplante dritte „Snackbar“ in Köln scheiterte 2018 kurz vor ihrer Eröffnung.Christin Otto: Snackbar-Eröffnung geplatzt: Attila Hildmann „scheißt auf angebliche Partner“. In: koeln.mitvergnuegen.com. 17. Mai 2018, abgerufen am 23. Juli 2020 (nicht mehr online verfügbar). Im Frühjahr 2021 wurde Hildmanns Imbiss in Charlottenburg geschlossen.Amazon und Lieferando werfen Corona-Leugner Attila Hildmann raus. In: focus.de. 29. April 2021, abgerufen am 8. Mai 2021 (nicht mehr online verfügbar).

Über seinen Onlineshop verkaufte Hildmann seine veganen Produkte wie Brotaufstriche, Erfrischungsgetränke und Energy-Drinks, Käseersatz oder Matcha. Über die 2016 gegründete Attila Hildmann Empire GmbH vertrieb er diese bis 2020 auch in Supermärkten. Hildmann verwies darauf, einen Teil seiner Einnahmen an gemeinnützige Tierschutz-Organisationen zu spenden; hauptsächlich unterstützte er ein Projekt gegen Wilderei im indischen Kaziranga-Nationalpark. In: tag24.de, archiviert vom Original am 19. Mai 2018; abgerufen am 23. Juli 2020.

Hildmann wohnte zuletzt im brandenburgischen Wandlitz, Anfang 2021 flüchtete er in die Türkei, wo er sich zunächst in Gömeç und später in Kartepe aufhielt. Aufgespürt wurde er von einer Gruppe privater Ermittler, die unter anderem die von Hildmann in sozialen Medien geposteten Bilder analysiert hatten, auf denen er sich in Immobilien zeigte, die auf einschlägigen Buchungsportalen identifiziert werden konnten.Lisa Füllemann: Wie Attila Hildmanns Verstecke in der Türkei aufflogen. In: tagesanzeiger.ch. 9. April 2021, abgerufen am 8. Mai 2021.

Rezeption und Kontroversen Hildmann trägt ein großes Selbstbewusstsein nach außen. „Hinzu kommt eine leicht verschobene Selbstwahrnehmung, die ihn von sich selbst häufig in Superlativen sprechen lässt.“ Vielfach präsentiert sich Hildmann mit freiem, durchtrainiertem Oberkörper. In seinen Werbekampagnen sind spärlich bekleidete Frauen zu sehen.

Hildmann machte das Fahren eines Porsches zu einem seiner Markenzeichen: „Auf der Tür ist das Hildmann-Logo abgebildet, Finger zu einem ‚V‘ geformt. Das steht bei ihm für ‚Vegan‘.“ Da sein erstes Fahrzeug über Ledersitze verfügte, was für viele ein Widerspruch zu seinem sonst propagierten veganen Lebensstil war, kam es zu einem Shitstorm.

Die Flüchtlingskrise in Europa ab 2015 begleitete Hildmann „in einer groben und schnellen Art […], oft halb gar“, und bediente dabei „klassische xenophobe Klischees“. Aussagen wie „Integration ist in Deutschland ein heikles Thema aufgrund der deutschen Vergangenheit, was zu einer aktuellen Selbstverstümmelung deutscher Werte und Kultur führt“ brachte das Magazin Zündfunk des Bayerischen Rundfunks in Zusammenhang mit „Rechtsradikalismus in Symbiose mit grenzenloser Tierliebe“. Im Jahr 2016 verbreitete Hildmann über seinen Facebook-Account die Meinung, Deutschland werde von Kriegstreibern regiert. Er fühle sich von keiner Partei repräsentiert und mache deshalb schon lange nicht mehr von seinem Wahlrecht Gebrauch.

Hildmanns Auftreten im Rahmen der TV-Sendung Schlag den Star 2017 wurde von vielen Zuschauern als arrogant gewertet. Seinen Wettstreiter Luke Mockridge behandelte er „wie einen Idioten“, online kam es zu umfänglichen negativen Meinungsäußerungen. Hildmann pöbelte daraufhin über seine Social-Media-Kanäle zurück und zeigte im Zuge dessen, dass er „zu verbaler Gewalt neigt“, so das Nachrichtenportal Watson.

Nachdem sein Imbiss 2017 eine negative Kritik im Tagesspiegel erhalten hatte, beschimpfte Hildmann die Redakteurin Susanne Kippenberger auf Facebook und erteilte der gesamten Redaktion Hausverbot.„Dreckiger Kackartikel“: Attila Hildmann beschimpft Journalistin nach Restaurant-Kritik. In: welt.de. 20. Oktober 2017, abgerufen am 23. Oktober 2017. Später hob er dies wieder auf und lud die Journalisten in seinen Imbiss ein, drohte aber zugleich, bei ähnlicher KritikNach Wutausbruch: „Veganerkönig“ Attila Hildmann spricht seltsame Einladung aus. In: welt.de. 22. Oktober 2017, abgerufen am 23. Oktober 2017. werde er diesmal „komplett ausrasten“.Bernd Matthies: Von Tag zu Tag – Fall Hildmann: Vom Saulus zum Paulus? In: tagesspiegel.de. 23. Oktober 2017, abgerufen am 29. Juli 2021. Wegen seiner Drohungen, unter anderem mit einer Pumpgun, wurde er von der Polizei vorgeladen.Nach Facebook-Post – Koch Attila Hildmann wird von der Polizei vorgeladen. In: tagesspiegel.de. 25. Oktober 2017, abgerufen am 26. Januar 2021. Der Politologe Frank Überall verbindet mit Hildmanns Vorgehensweisen eine „findige und amüsante Strategie der Wut-PR“.

Ein Jahr später kam es nach Falschparken zu einem Streit zwischen Hildmann und der Polizei Berlin, in dessen Folge mehrere Streifenwagen zum Ort der Auseinandersetzung gerufen wurden und Hildmann in Handschellen zu einem Drogentest abgeführt wurde. Hildmann fühlte sich behandelt „wie ein Schwerstkrimineller“, auf Instagram schrieb er: „Niemand wird mich brechen. Irgendwann regiere ich dieses Land, einschließlich der Exekutive.“