mini|hochkant=1.2|Das Gemälde The County Election von George Caleb Bingham soll eine Wahl 1850 in Saline County, Missouri, darstellen.

Politische Partizipation (auch politische Beteiligung oder politische Teilhabe) ist die Teilhabe und Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen.Carsten Lenz, Nicole Ruchlak: Partizipation. In: Carsten Lenz, Nicole Ruchlak: Kleines Politiklexikon. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München/Wien 2001, ISBN 3-486-25110-4. Sie kann sich sowohl auf die grundlegende politische Richtung als auch auf sehr spezielle politische Einzelfragen und -Entscheidungen beziehen. Der Begriff der politischen Partizipation gilt als abhängig von den historischen Entwicklungen der politischen Beteiligung. Darüber hinaus existieren verschiedene wissenschaftliche Definitionen der politischen Partizipation, die sich nach mehreren Merkmalen unterscheiden.

Die verschiedenen Aktivitäten politischer Teilhabe werden in der politischen Partizipationsforschung systematisch erfasst, differenziert und untersucht. Unter anderem gelten der Sozioökonomische Status und das Geschlecht als wichtige Faktoren, welche die politische Partizipation beeinflussen.

Die politische Teilhabe der Bürger gilt als Voraussetzung, Bestandteil und wesentliches Merkmal einer Demokratie.Oskar Niedermayer: Bürger und Politik. Politische Orientierungen und Verhaltensweisen der Deutschen. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. VS Verlag, Wiesbaden 2005, ISBN 3-531-14845-1, S. 192.

Definitionen politischer Partizipation International vielzitierte Definitionen politischer Partizipation kommen von Samuel P. Huntington und Joan M. Nelson () sowie von Sidney Verba, Norman H. Nie, Jae-on Kim (). Diesen Bestimmungen ist die Eingrenzung der politischen Partizipation auf Aktivitäten, die Staat oder Regierung und deren Handeln beeinflussen können oder sollen, gemeinsam.Carole Jean Uhlaner: Political Participation. In: N. J. Smelser, P. B. Baltes (Hrsg.): International Encyclopedia of the Social Behavioral Sciences. Elsevier, Amsterdam 2001, S. 11078 ff. Besonders in der deutschsprachigen Partizipationsforschung ist die Definition von Max Kaase weit verbreitet. Danach sind unter politischer Partizipation Max Kaase: Partizipation. In: Dieter Nohlen (Hrsg.): Wörterbuch Staat und Politik. Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 1995, S. 521–527. Zitiert nach Jan W. van Deth: Soziale und Politische Beteiligung: Alternativen, Ergänzungen oder Zwillinge? (PDF; 144 kB). In: Achim Koch, Martina Wasmer, Peter Schmidt (Hrsg.): Blickpunkt Gesellschaft 6. Politische Partizipation in der Bundesrepublik Deutschland. Empirische Befunde und theoretische Erklärungen. Leske + Budrich, Opladen 2001, ISBN 3-8100-3062-7. zu verstehen. Wegen des Kriteriums der Freiwilligkeit ist es zunächst fraglich, ob das Wählen in Staaten mit Wahlpflicht wie Australien nach dieser Definition eine Form der politischen Partizipation ist. Bestehen allerdings trotz Wahlpflicht die Möglichkeiten, zwischen verschiedenen Kandidaten (bzw. Wahloptionen) zu entscheiden und ungültig zu wählen, so kann die Teilnahme an politischen Wahlen bei bestehender Wahlpflicht auch nach dieser Definition der politischen Partizipation zugerechnet werden.Jaime Sperberg: Von der Stadtteilbewegung zur Zivilgesellschaft: Urbane Armut und Politische Partizipation in Chile. Lit Verlag, Hamburg 2000, ISBN 3-8258-5064-1, S. 42. In Anlehnung an die Begriffsbestimmung von Max Kaase kann politische Partizipation in verschiedener Hinsicht abgegrenzt werden: durch ihren Politikbezug von sozialer Partizipation, durch ihre „(unmittelbare) Beobachtbarkeit“ von politischen Einstellungen, durch die Absicht der Einflussnahme von reinen Unterstützungs- oder Kommunikationshandlungen und durch eine mögliche Eingrenzung auf Handlungen privater Bürger von beruflicher Beschäftigung mit Politik.Oscar W. Gabriel: Politische Partizipation. In: Dieter Fuchs, Edeltraud Roller (Hrsg.): Lexikon Politik. Hundert Grundbegriffe. Reclam, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-15-018714-2, S. 224–226.

Weitergefasste Bestimmungen der politischen Partizipation beziehen allerdings auch Beteiligung und Aktivitäten zur Unterstützung der politischen Führung und das Lesen über Politik, die gezielte Wahrnehmung politischer Informationen, ein. Nach sehr weit gefasstem Verständnis des Begriffes kann er auf alle Handlungen und Einstellungen mit unmittelbar erkennbarer oder zu erwartender politischer Bedeutung bezogen werden. Demnach können also nicht nur äußere Handlungen, sondern – bei zu Grunde liegen einer entsprechend weiten Definition – auch mentale Beschäftigung mit Politik und politische Einstellungen als politische Partizipation beschrieben werden.Oscar W. Gabriel, Kerstin Völkl: Politische und soziale Partizipation. In: Oscar W. Gabriel/Everhard Holtmann (Hrsg.): Handbuch Politisches System der Bundesrepublik Deutschland. 3., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Oldenbourg, München/Wien 2005, ISBN 3-486-27343-4, S. 523–573.

Bedeutende Unterschiede zwischen den verschiedenen Definitionen politischer Partizipation bestehen auch in den Fragen, ob die Absicht des Handelnden, politischen Einfluss zu nehmen, notwendige Voraussetzung der politischen Partizipation ist, ob die Freiwilligkeit des Handelnden notwendiger Bestandteil ist und ob nur legale oder auch illegale Handlungen unter den Begriff der politischen Partizipation fallen sollen.Definitions of political participation. Oxford University Press: Online Resource Centres; abgerufen am 28. März 2013.

Instrumentelles und normatives Verständnis politischer Partizipation Entsprechend unterschiedlichen Demokratiemodellen und Politikbegriffen werden instrumentelles und normatives Verständnis der politischen Partizipation unterschieden. Ein instrumentelles Verständnis erfasst die Handlungen, die von Bürgern unternommen werden, um politische Entscheidungen zu ihren Gunsten und in ihrem Interesse zu beeinflussen. Nach normativem Verständnis wird die politische Partizipation über das Mittel zum Zweck der Interessendurchsetzung hinaus als eigenständiger Wert im Sinn (direkt-)demokratischer Verfasstheit, partizipativer Demokratie und umfassender gesellschaftlicher und politischer Teilhabe wahrgenommen.Rainer-Olaf Schultze: Partizipation. In: Dieter Nohlen, Rainer-Olaf Schultze (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft. Theorien, Methoden, Begriffe. C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-47604-X, S. 635 f.

Die in der deutschen Partizipationsforschung weit verbreitete und auch international zitierte Begriffsbestimmung von Max Kaase, unter politischer Partizipation „alle Handlungen“ zu verstehen, „die Bürger einzeln oder in Gruppen freiwillig mit dem Ziel vornehmen, Entscheidungen auf den verschiedenen Ebenen des politischen Systems (Gemeinden, Land, Bund, evtl. supranationale Einheiten) zu beeinflussen und/oder selbst zu treffen“,Max Kaase: Partizipation. In: Everhard Holtmann (Hrsg.): Politik-Lexikon. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2000, S. 466–470. repräsentiert ein instrumentelles Verständnis des Begriffs. Insbesondere legt sie einen Schwerpunkt auf unterstellte Versuche, politische Entscheidungen zu beeinflussen. Auch bezieht sich diese Definition explizit auf die Rolle der Menschen als Bürger, versteht politische Partizipation als Tätigkeit, was ein passives Interesse an Politik vom Begriff der Partizipation ausschließt, und schränkt den Begriff weiter ein, indem politische Partizipation freiwillig erfolgen sollte. Diese Merkmale der Definition Kaases sind für ein instrumentelles Verständnis der politischen Partizipation charakteristisch.Jan W. van Deth: Politische Partizipation. In: Viktoria Kaina, Andrea Römmele (Hrsg.): Politische Soziologie. VS Verlag, Wiesbaden 2009, S. 141 ff.

Formen politischer Partizipation mini|Die Nutzung des aktiven Wahlrechts ist eine legale, mittelbare und verfasste Form der politischen Partizipation und gehört daher zu den konventionellen Formen der politischen Beteiligung. Das Bild zeigt eine Stimmzettelabgabe beim zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2007. mini|Hausbesetzungen sind ein Beispiel für illegale politische Partizipationsformen und können dem zivilen Ungehorsam zugerechnet werden. Das Bild zeigt besetzte Häuser in der Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain (1990).

Der Begriff politische Partizipation wurde in der Politikwissenschaft bis etwa Ende der 1970er Jahre hauptsächlich auf die Teilnahme der Bürger an politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen im Rahmen institutionalisierter Beteiligungsformen wie Wahlen und Mitgliedschaft und Arbeit in politischen Parteien bezogen.Brigitte Geißel, Virginia Penrose: Dynamiken der politischen Partizipation und Partizipationsforschung. Politische Partizipation von Frauen und Männern. (PDF; 1,2 MB) 2003, S. 3 f. Seitdem hat dieser Terminus eine deutliche Erweiterung erfahren und heute werden in der Partizipationsforschung direkte (unmittelbare) von indirekten (mittelbaren), legale von illegalen, verfasste (bzw. institutionalisierte) von nicht verfassten (bzw. nicht-institutionalisierten) und konventionelle von unkonventionellen Formen der politischen Partizipation unterschieden.Brigitte Geißel, Virginia Penrose: Dynamiken der politischen Partizipation und Partizipationsforschung. Politische Partizipation von Frauen und Männern. (PDF; 1,2 MB) 2003, S. 4 f.

Während generalisierende Handlungen und Handlungsvollmachten, beispielsweise bei Wahlen, als indirekte Partizipation definiert sind, ist mit direkter Partizipation das direkte Einwirken auf Sach- und Personalentscheidungen gemeint.Brigitte Geißel, Virginia Penrose: Dynamiken der politischen Partizipation und Partizipationsforschung. Politische Partizipation von Frauen und Männern. (PDF; 1,2 MB) 2003, S. 4 f.

Im Gegensatz zur legalen Partizipation bewegt sich die illegale Partizipation außerhalb des rechtlichen Rahmens. Hausbesetzungen, wilde Streiks und die Teilnahme an verbotenen Demonstrationen sind Beispiele für illegale politische Partizipationsformen. Illegale aber nicht gewaltsame Formen der politischen Partizipation werden auch als ziviler Ungehorsam bezeichnet.Max Kaase, Friedhelm Neidhardt: Politische Gewalt und Repression – Ergebnisse von Bevölkerungsumfragen. Band IV. In: Hans-Dieter Schwind, Jürgen Baumann et al. (Hrsg.): Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Analysen und Vorschläge der Unabhängigen Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt. Duncker & Humblot, Berlin 1990, S. 8.