mini|Wang Shu, Januar 2012
Wang Shu (, * 4. November 1963 in Ürümqi, Xinjiang, Volksrepublik China) ist ein chinesischer Architekt und Hochschullehrer an der China Academy of Art in Hangzhou. Gemeinsam mit seiner Frau Lu Wenyu () verbindet Wang traditionelle chinesische Bautechniken und -materialien mit der architektonischen Moderne.Robin Pogrebin: For First Time, Architect in China Wins Top Prize. In: New York Times. 27. Februar 2012. Wangs Architektur verwendet das lokale Baumaterial, nutzt die regionalen Handwerkskenntnisse, berücksichtigt die umgebende LandschaftHing-wah Chau: City, Tradition and Contemporary China: From Wang Shu’s Works to review his Critical Practice with the City. In: APCBEE Procedia. 5. Januar 2012: „... he advocates the use of local resources, continuity of craftsmanship and dialogue between architecture and surrounding landscape.“ „und schöpft daraus eine poetische und atmosphärische Kraft.“Wang Shu & Lu Wenyu / Amateur Architecture Studio. In: Erich-Schelling-Architekturpreis. 2010. 2012 wurde Wang als erster Chinese mit der angesehensten Auszeichnung in der Architektur ausgezeichnet, dem Pritzker-Preis.
Leben Wang Shu ist der Sohn eines Musikers und Zimmermanns, seine Mutter arbeitete als Lehrerin und Bibliothekarin. Ursprünglich wollte er Künstler oder Autor werden, doch seine Eltern legten ihm ein Studium der Natur- oder Ingenieurwissenschaften nahe. Nach einem Kompromiss durfte er Architektur studieren und tat dies am Nanjing Institute of Technology (heute: SEU South East University Nanjing), an dem er als Bachelor und danach als Master abschloss. Seine erste Anstellung erhielt er bei der Zhejiang Academy of Fine Arts, wo er hauptsächlich über Architektur recherchierte. 1990 wurde sein erstes Gebäude gebaut, ein Jugendzentrum in Haining.
Ein Jahrzehnt lang hatte er in der Zusammenarbeit mit Handwerkern in verschiedenen Architekturbüros Erfahrungen gesammelt. „Auf der Baustelle mit den Bauarbeitern zusammen zu sein – das war meine bisher glücklichste Zeit“. 1998Profil: Amateur Architecture Studio. In: world-architects.com, aufgerufen am 25. November 2018. gründeten Wang und seine Frau Lu Wenyu ihr eigenes Architekturbüro in Hangzhou, das Amateur Architecture Studio. Erst seit 1995 ist es in der Volksrepublik China erlaubt, private Architekturbüros zu gründen.Shirley Surya: Mediating an Architecture of Autonomy, Authorship and Auteurism in China since 1995. In: Royal College of Art (RCA), 2011, Dissertation, siehe in: Abstract. Der Amateur-Begriff nimmt einen besonderen Bezug zu den Handwerkern auf, die früher ihre Kenntnisse und Fertigkeiten nur durch mündliche und praktische Überlieferung vermittelten. Außerdem ist der Name in Absetzung zu den großen staatlichen Planungsbüros gewählt worden, den Professional Architecture Studios, „die oft über tausend Mitarbeiter beschäftigen“.Corinne Elsesser: Jenseits des Mainstreams. In: NZZ. 23. Juni 2012. Zum Namen gab das Ehepaar noch weitere Deutungen an.
2000 wurde er an der Tongji-Universität in Shanghai in Architektur promoviert.Internationales Gartenfestival: 30. Le jardin des nuées qui s’attardent – Garten von Wang Shu. In: Schloss Chaumont, (deutsch), 25. April 2012 – 21. Oktober 2012. Seit dem Jahr 2000 lehrt Wang Shu Architektur an der China Academy of Art in Hangzhou und wurde dort auch zum Dekan an der Kunstakademie. 2011 hielt er Gastvorlesungen an der Harvard University,Vorlesung: Kenzo Tange Lecture: Wang Shu, “Geometry and Narrative of Natural Form”. In: Harvard University, Graduate School of Design, 4. November 2011. der University of PennsylvaniaChinese architect Wang Shu wins Pritzker Prize. In: The Globe and Mail. 28. Februar 2012. und der University of Texas at Austin.2012 Pritzker Prize Awarded to China's Wang Shu. In: University of Texas at Austin, School of Architecture, 2012, aufgerufen am 25. November 2018. Am 11. Juli 2016 hielt er mit seiner Frau die jährliche Architekturvorlesung (Annual Architecture Lecture)Vorlesung: Wang Shu and Lu Wenyu. Annual Architecture Lecture 2016. In: Royal Academy of Arts. 11. Juli 2016, mit Video. an der britischen Royal Academy of Arts.
Bauwerke Das Büro trat von Beginn an mit „spektakulären Neuinterpretationen einer traditionsbewussten Architektur“ auf.Luigi Monzo: Erstmals chinesischer Architekt mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet. In: luigimonzo.wordpress.com, 28. Februar 2012. Die „Archaik ihrer Bauten“ weckt bei vielen Betrachtern Assoziationen zum reichen chinesischen Bauerbe. Zu den bisher bedeutendsten Bauwerken des Büros gehören die Bibliothek vom Wenzheng College der Universität Suzhou (1999–2000), ein großteils eingegrabener Gebäudekomplex mit der Nutzung regenerativer Energiequellen, der sich durch seine Einfügung in die Landschaft zwischen See und Bergen nach den Regeln chinesischer Gartenkunst auszeichnet.Heiner Scharfenorth: Architektur nach der Ästhetik der Moderne. In: Architektur & Wohnen, 2012, Nr. 4, S. 4. Große Anerkennung fand Wang für den Xiangshan-Campus der China Academy of Art in Hangzhou (2002–07). Für das Dach wurden mehr als zwei Millionen Ziegel aus abgerissenen Gebäuden wiederverwendet. Das Gästehaus Wa Shan der China Academy of Art (2011–2013) wurde entlang dem Ufer eines kleinen Flusses teilweise aus Stampflehm errichtet und vermittelt durch einfache Versetzungen der Wände seit- und rückwärts immer neue Raumerlebnisse.Dokumentarfilm: Baukunst. Das Gästehaus von Wa Shan. In: ARD / arte, 18. Oktober 2015.
mini|Fassade des Ningbo-Museums mit alten Ziegeln Das vorwiegend geschichtlich orientierte Ningbo-Museum (2003–08) in der Hafenstadt Ningbo verblendete er vor allem an den Wänden mit alten, gereinigten Dach- und Wandziegeln, die teilweise Jahrhunderte alt sind. Den Entwurf für das Ningbo-Museum habe er in einer schlaflosen Nacht aus der Vision eines massiven kubischen Steinquaders entwickelt: „Er begann zu zeichnen, und wie von Geisterhand entstanden Strukturen, Plätze, Eingänge und Ausstellungsräume. Als alles fertig war, setzte er sich und trank Tee.“Sarah Elsing: Festungen des Spieltriebs. In: Die Welt. 29. Februar 2012.
Die Inspiration für die Wiederverwendung alter Ziegel kam ihm bei einer Reise in den östlichen Teil der Provinz Zhejiang in der Nähe des Meeres. Dort machen die Verwüstungen durch Taifune den Menschen das Leben schwer. „Sie haben nicht viel Zeit, um sie [die Häuser] wieder aufzubauen, also setzen sie die Steine zufällig wieder zusammen. Ich finde die sich daraus ergebende Architektur wunderschön.“Bert de Muynck: Local Hero | An Interview with Wang Shu (CN). In: Mark magazine. April-May 2009: “They don’t have a lot of time to rebuild them, so they put the bricks back together randomly. I find the resulting architecture very beautiful.”
2006 wurde Wang zur Architektur-Biennale in Venedig eingeladen. Dort installierte er „Tiled Garden“ (Ziegelgarten), „ein sanft abfallendes Feld aus 66.000 Abbruch-Dachziegeln aus China, über die ein schmaler Bambussteg führte.“ Diese Installation in Venedig war sein erstes Werk außerhalb Chinas. 2010 wurde der „Decay of a Dome“ (Zerfall einer Kuppel), eine Kuppel „aus übereinander balancierenden Holzlatten an den Grenzen des Nichts“, bei der Biennale di Venezia mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet.Wang Shu erhält als erster Chinese den Pritzker-Preis für Architektur. In: Deutschlandfunk, Kultur Heute, 28. Februar 2012. Architekt Wilfried Wang im Gespräch mit Christoph Schmitz.
2012 begann er ein Pilotprojekt zur Dorferneuerung in Wencun, einem Dorf von etwa 1.800 Einwohnern in der Provinz Zhejiang, anderthalb Autostunden von Hangzhou gelegen.Kenneth Frampton: The Work of Wang Shu and Lu Wenyu. In: ArchDaily.com, 23. März 2017, (englisch). Bei ersten Gesprächen mit den Einwohnern wurde zunächst der Wunsch nach Abriss und neuen, jedoch konventionellen Häusern geäußert. Wang und Lu konnten schließlich die Bewohner davon überzeugen, einen anderen Weg einzuschlagen. 30 neue Häuser mit dem früher üblichen Innenhof, davon 14 mit drei bis vier Etagen, ließ er mit traditionellem Baumaterial wie Stampflehm, behauenen Natursteinen und Bambus aufbauen. Hinzu kamen neue Brücken, eine Uferböschung mit geschichteten Natursteinen, Pavillons und eine Schule, um auch den übrigen Teil Wencuns den neu-alten Baustil näher zu bringen.Nate Berg: Renovation of Wencun Village. Amateur Architecture Studio. In: architectmagazine.com, 3. März 2017, (englisch). Mittlerweile dient das Dorf als Vorzeige-Objekt für andere Kommunen, die ebenfalls auf der Suche nach neuen Wegen in der Dorfsanierung sind.Ralf Breier und Claudia Kuhland: Nachhaltige Architektur. Wang Shu – Tradition und Zukunft. In: ARD / arte, 18. November 2018, online-Video. Wang hat mit seinen Studenten vor, noch weitere Dörfer auf eine beispielgebende Weise zu erneuern.Wang Shu: The possibility of co-existence of the urban and rural areas. In: Royal Academy, 11. Juli 2016, im Video ab Min. 59.
2014 beteiligte sich Wang mit Lu Wenyu an dem Wettbewerb Bus:Stop in Krumbach (Vorarlberg), bei dem sieben internationale Architekten jeweils eine Bushaltestelle entwarfen und die Durchführung begleiteten.Claudia Diemar: Kunstgenuss mit Busanschluss. In: Stuttgarter Zeitung. 23. Februar 2016.
Baustil Wangs Architektur wird durch eine „Klarheit der Formen“ und eine nur scheinbare Einfachheit der Strukturen charakterisiert. Er gilt als ein „begnadeter Szenograf“, da er stets auf einen Wechsel der Perspektiven in seinen Häusern und Gebäuden achtet. Zugleich steht sein Baustil für einen bewussten Umgang mit dem regionalen Bauerbe und eine neue wie behutsame Verwendung der Ressourcen im Material und der Landschaft. Die Verwendung von Ziegeln aus den abgerissenen Wohnvierteln stellt die Kontinuität zur Umgebung und Geschichte wieder her, die durch den großflächigen Abriss der chinesischen Städte verloren gegangen war.
Seine Entwürfe sind geprägt durch eine intensive Beschäftigung mit dem Standort des Projektes. Wang lebt für möglichst lange Zeit am Projektort und berät sich schon beim Entwurf mit den Handwerkern, die den Bau ausführen werden. In seinen Bauwerken nimmt er die örtlichen Traditionen und Materialien auf. Seine Entwürfe entstehen zunächst manuell, als Handskizzen mit dem Bleistift, in einigen Fällen spontan. Im weiteren Verlauf der Ausführung kommen dann Computer zum Einsatz.
Zu seinen Vorbildern zählt Wang die chinesischen Architekten Tong Jun und Yang Tingbao, welche die moderne Architektur mit chinesischen Formen vereinten.Gu Cun: The Ivy League Architects Who Revitalized Design in China. In: sixthtone.com, 3. Juli 2017.
Wangs grundlegendes und weitreichendes Verständnis von Architektur demonstriert etwa diese architekturhistorische Ausführung:
Werkschau
Werkliste Fertiggestellt Jugendzentrum (1990), Haining bei Hangzhou Bibliothek des Wenzheng College an der Universität Suzhou (1999–2000), Suzhou Kunstmuseum in Ningbo (2001–05) Xiangshan-Campus, China Academy of Art, Phasen I & II (2002–07), Hangzhou Vertikale Innenhof-Apartments (2002–07), Hangzhou Sanhe-Haus (2003), Nanjing Lehrgebäude der Musik- und Tanz-Fakultät (2003–05), Dongguan Keramikhaus (Café) (2003–06), Jinhua mini|hochkant=1.3|Ningbo Tengtou Pavillon, Shanghai Expo (2010) Fünf verstreute Häuser (2003–06), Ningbo Historisches Museum in Ningbo (2003–08) Ziegelgarten (Tiled Garden), Architektur-Biennale in Venedig (2006), Italien Altstadt-Erhaltung an der Zhongshan-Straße (2007–09), Hangzhou Ausstellungshalle der Kaiserlichen Straße der Südlichen Song-Dynastie (2009), Hangzhou Ningbo Tengtou Pavillon, Shanghai Expo (2010) Wa Shan, Gästehaus der China Academy of Art, Hangzhou (2011–2013) Dorferneuerung in Wencun, Provinz Zhejiang (2012–16) Bus:Stop in Krumbach, Österreich (2014)
Quelle: Biografie: Wang Shu. In: Pritzker-Preis, Februar 2012, (englisch).
In Bau- oder Entwurfsphase
Heyun Culture and Leisure Centers (2009), Kunming City Cultural Center (2010), Jinhua