Friedrich Gustav Kadgien (* 23. Juni 1907 in Elberfeld; † 1978 in Mar del Plata) war ein deutscher Jurist und nationalsozialistischer Sonderbevollmächtigter der Vierjahresplanbehörde. Kadgien war als Ministerialrat einer der wichtigsten Finanzfachleute Adolf Hitlers und zuständig für die Verwertung jüdischen Vermögens. Er schaffte Millionensummen nach Südamerika. Jahrelang fahndeten die Alliierten vergeblich nach dem Mann, den der amerikanische Ermittler Daniel J. Reagan kurz nach Kriegsende als „Schlange übelster Art“ charakterisierte.Luc van Dongen: Un purgatoire très discret: la transition helvétique d'anciens nazis, fascistes et collaborateurs après 1945. Paris: Perrin 2008, ISBN 978-2-262-02650-9, S. 465 Karriere Vorkriegszeit Kadgiens Familie stammte aus dem Samland in Ostpreußen. Er war ein Sohn des Elberfelder Landrichters und späteren Frankfurter Oberlandesgerichtsrats und Universitätsrichters Arthur Kadgien und dessen Ehefrau Marie, geb. Wulfert.Lebenslauf in der Diss. Er wuchs in Frankfurt am Main auf und besuchte dort ab 1917 das Lessinggymnasium sowie von 1920 bis zum Abitur Ostern 1926 das Humanistische Gymnasium, die heutige Diltheyschule, in Wiesbaden. Danach studierte er Rechtswissenschaft an den Universitäten Tübingen, Wien, Frankfurt a. M. und Universität Köln, wo er 1930 mit einer wirtschaftsrechtlichen Dissertation über Die rechtliche Natur des animus non recipiendi in § 685 B.G.B. und dessen Bedeutung für das Zustandekommen einer Schenkung des Geschäftsführers an den Geschäftsherrn zum Dr. iur. promoviert wurde. Als Referendar trat er in den preußischen Staatsdienst und kam in die dem Reichswirtschaftsministerium unterstellte devisenwirtschaftliche Verwaltung. Zum 1. November 1932 trat er der NSDAP (Mitgliedsnummer 1.354.543)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/18820555 und 1935 der SS bei. 1934 war er Gerichtsassessor im Reichswirtschaftsministerium. 1936 wurde er als Regierungsassessor in die allgemeine Staatsverwaltung übernommenDeutsche Justiz 1936, S. 411 und 1938 Regierungsrat. Im August 1938 wechselte er in die Vierjahresplanbehörde. 1939 erfolgte seine Beförderung zum Oberregierungsrat.Nach Ralf Banken: Edelmetallmangel und Großraubwirtschaft. Die Entwicklung des deutschen Edelmetallsektors im „Dritten Reich“ 1933–1945. Berlin 2009, ISBN 978-3-05-004380-7, S. 257 Anm. 70 Kadgien war Experte für die Ausarbeitung des nationalsozialistischen Devisenrechts.Kurzbiografie bei Schweizerische Aussenwirtschaftspolitik 1930–1948. chronos-verlag.ch. Abruf am 5. Mai 2015. Ab 1938 war Kadgien Sonderbevollmächtigter unter dem Beauftragten für den Vierjahresplan, Hermann Göring. Kadgiens Referat war für Devisen und Edelmetalle sowie für Zwangsarbeiter zuständig.Ralf Banken: Edelmetallmangel und Grossraubwirtschaft: die Entwicklung des deutschen Edelmetallsektors im "Dritten Reich" 1933–1945. Akademie Verlag, 2009, ISBN 978-3-05-004380-7, S. 734ff. Er koordinierte den Verkauf geraubter Aktien und Wertpapiere über Schweizer Tarnfirmen und Banken. Kadgien verknüpfte maßgeblich die Geschäfte mit deutschen Großunternehmen und Banken und deren Beziehungen zu schweizerischen Partnern.Schmetterling Verlag: Interview mit dem Historiker Janis Schmelzer, Autor des Buches «Devisen für den Endsieg» Friedrich Kadgien galt im Dritten Reich als rechte Hand Hermann Görings.

Nachkriegszeit mini|Portrait einer Dame (Contessa Colleoni), Gemälde von Giuseppe Ghislandi, mutmaßlich durch Kadgien als Nazi-Beutekunst nach Argentinien verbracht. Als sich das Ende des Zweiten Weltkriegs und damit der Naziherrschaft abzuzeichnen begann, setzte sich Kadgien am 1. März 1945 über Kreuzlingen in die Schweiz ab. Er kam im Hotel Verenahof, einem noblen Kurhotel in Baden, unter. Am 19. Juni 1945 meldete er sich offiziell in Baden an, am 27. Januar 1949 wieder ab. Trotzdem wurde er im Dezember 1950 erneut in Baden von der Polizei aufgegriffen. Als 1951 eine Klage bei der Bezirksanwaltschaft Zürich einging, hatte er sich bereits ins Ausland abgesetzt.aargauerzeitung.ch In der Schweiz hatte er Zugriff auf geheime Konten der Nazis. Schätzungen gehen von einem bei Kriegsende dort versteckten Vermögen von zwischen einer und drei Milliarden Reichsmark aus. Im Jahr 1948 ließ er über den als Strohmann handelnden Zürcher Anwalt Ernst Imfeld in Sarnen die Imhauka AG (aus den Initialen der Gründer Imfeld, Haupt, Kadgien), eine Handels- und Finanzierungsgesellschaft, ins örtliche Register eintragen.A NAZI COLLABORATOR INSIDE PERMINDEX. somesecretsforyou.blogspot.pt. Abruf am 5. Mai 2015. Im selben Jahr spürten ihn amerikanische Fahnder auf und befragten ihn, was aber zunächst ohne Konsequenzen für ihn blieb. Gleichwohl verließ er 1949 mit einem falschen Pass die Schweiz und tauchte erst 1951 in Rio de Janeiro wieder auf."Friedrich Kadgien – Brasil, Cartões de Imigração, 1900–1965," Arquivo Nacional, Rio de Janeiro (National Archives, Rio de Janeiro); FHL microfilm. familysearch.org. Abruf am 5. Mai 2015. Wie und auf welchem Weg er dorthin kam, ist nicht bekannt. Möglicherweise benutzte er eine der so genannten Rattenlinien.

Er wohnte dort im Stadtteil Santa Teresa und betrieb mit seinem ehemaligen Kollegen der Vierjahresplanbehörde und damaligen Partner Ludwig Haupt, sowie der mit ihm nach Brasilien geflohenen Frau seines Schweizer Strohmanns Imfeld, Anna Imfeld, eine im Dezember 1955 gegründete Filiale an der Avenida Rio Branco mit dem Namen Imhauka Brasileira Industrial e Comercial S.A.Diário Oficial da União. jusbrasil.com.br. Abruf am 5. Mai 2015. Im Mato Grosso legten die beiden das mitgebrachte Geld in Form von 85.000 Hektar Land (eine Fläche wie ganz Berlin) an. 1953 wurde die Fazenda am Rio Taquari mitsamt den 20.000 Rindern weiterverkauft. In: WDR. Abruf am 12. April 2018.

Etwa zur selben Zeit etablierte Kadgien auch im Jahre 1951 in Buenos Aires die Imhauka Argentina S.A. und war als Vertreter seiner Firma in Argentinien sowie Brasilien tätig. Er kaufte ein Haus im Stadtteil Vicente López. Kadgien fädelte Geschäfte als Mittelsmann zwischen deutschen Firmen (u. a. Siemens) und der Regierung Argentiniens von Juan Perón ein. Der brasilianischen Militärjunta verkaufte er auch im Auftrag von Rheinmetall Waffen in Millionenhöhe wie das HK G3 mit 5 % Provisionsanspruch. In: WDR. Abruf am 13. April 2018.

1978 starb Friedrich Kadgien in Mar del Plata. Er ist in Buenos Aires auf dem deutschen Friedhof begraben. Ein Enkel von ihm lebt heute in Santiago de Chile als Repräsentant des Motorradherstellers Harley-Davidson.Harley-Davidson inaugura tienda ícono en Santiago. yofui.com. Abruf am 5. Mai 2015. Ein veröffentlichtes FotoLucas Oberst Kadgien auf Flickr. flickr.com. Abruf am 5. Mai 2015. von seinem Enkel im Internet brachte den WDR-Reporter Ingolf Gritschneder auf die Idee, eine TV-Dokumentation über den Nazi Friedrich Kadgien zu drehen. Die Reportage wurde im Frühjahr 2015 in der ARD ausgestrahlt. In: WDR. Abruf am 13. April 2018.

2025 wurde von einem Immobilienmakler in Argentinien ein Bild veröffentlicht, worauf ein Gemälde von Giuseppe Ghislandi, Portrait einer Dame (Contessa Colleoni), zu sehen war, das einst dem jüdischen Kunsthändler Jacques Goudstikker in Amsterdam gehörte und als Nazi-Beutekunst gilt. Nachdem die argentinischen Behörden auf das Gemälde aufmerksam geworden waren, leitete die Polizei umfangreiche Ermittlungen ein. Die Wohnung einer der beiden Töchter Kadgiens wurde durchsucht, zudem wurden Fahndungsmaßnahmen angeordnet und gegen die mutmaßlich beteiligten Personen Hausarrest verhängt. Das Bild konnte von den Behörden nicht gesichert werden und war zunächst versteckt worden. Schließlich übergab der Anwalt der Familie das Gemälde jedoch den zuständigen Behörden. Ein argentinischer Kunstsachverständiger untersuchte das Werk von 1710 und attestierte den Zustand des Gemälde als gut. Den Wert des Gemäldes bezifferte er auf umgerechnet 43.000 Euro. Patricia Kadgien, eine Tochter Friedrich Kadgiens, legte gegen die Beschlagnahmung des Bildes Widerspruch ein. Sie vertrat die Auffassung, dass das Gemälde ihr rechtmäßig gehöre. Zur Begründung berief sie sich auf das argentinische Recht, nach dem Ansprüche früherer Eigentümer nach einem langen Zeitraum verfallen seien. Marei von Saher, die Schwiegertochter Jacques Goudstikkers und seine einzige Erbberechtigte, kündigte hingegen an, rechtliche Schritte einzuleiten, um die Rückgabe des Gemäldes an die Familie zu erwirken. Im September 2026 gab das Bundesgericht von Mar del Plata bekannt, dass zwischen den beiden Parteien eine Vereinbarung erzielt worden ist. Patricia Kadgien verzichtete demnach auf sämtliche Ansprüche an das Gemälde. Das Gemälde soll zunächst öffentlich in Argentinien ausgestellt werden, bevor es anschließend in die Niederlande überführt und an Marei von Saher zurückgegeben wird. Der Wert des Gemälde wurde von Gutachtern mittlerweile auf etwa 250.000 Euro geschätzt.

Werke Die rechtliche Natur des animus non recipiendi in § 685 B.G.B. und dessen Bedeutung für das Zustandekommen einer Schenkung des Geschäftsführers an den Geschäftsherrn. Wiesbaden 1930, zugl. Köln, Rechtswiss. Diss., 1930

Weblinks

Pirmin Kramer: Friedrich Kadgien: der ranghohe Nazi, der jahrelang im Verenahof unbehelligt lebte. bz Basel, 26. Februar 2018. Ingolf Gritschneder: Die Spur der Schlange: Auf der Suche nach den Nazi-Milliarden In: WDR die story vom 4. Mai 2015

Einzelnachweise

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