Innerhalb der Psychologischen Diagnostik bezieht sich die Anamneseerhebung auf das Erfragen der Kranken- bzw. Vorgeschichte der untersuchten Person.K. D. Kubinger: Psychologische Diagnostik: Theorie und Praxis psychologischen Diagnostizierens. 2. überarb. und erw. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8017-2254-8, S. 11.

Begriffsbestimmung

Etymologie: Griechisch „anamnesis“ = die ErinnerungK. D. Kubinger: Anamnese. In K. D. Kubinger, R. S. Jäger (Hrsg.): Schlüsselbegriffe der Psychologischen Diagnostik. Beltz, Weinheim 2003, ISBN 3-621-27472-3, S. 13–19.

Unter Anamnese versteht man die Vorgeschichte eines Tatbestands, insbesondere einer Erkrankung oder einer Störung.H. Häcker, K. H. Stapf (Hrsg.): Dorsch Psychologisches Wörterbuch. 15. Auflage. Huber, Bern 2009, ISBN 978-3-456-84684-2.

Da es innerhalb der Psychologischen Diagnostik nicht nur um den klinischen Bereich geht, wird aus Gründen der Präzision empfohlen, anstatt von „(psychologischer) Anamnese“ besser von der „Sammlung der typischerweise mit dem gegebenen Sachverhalt in Verbindung stehenden Informationen“ zu sprechen.K. D. Kubinger, G. Deegener: Psychologische Anamnese bei Kindern und Jugendlichen. Hogrefe, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8017-1278-5.K. D. Kubinger: Psychologische Diagnostik: Theorie und Praxis psychologischen Diagnostizierens. 2. überarb. und erw. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8017-2254-8.

Von Interesse sind dabei biologische, psychosoziale und psychische Chancen oder Risiken.

Arten der Anamnese

somatische Anamnese (schließt die biologische Entwicklung, auch die der Familie, mit ein) biografische Anamnese sozioökonomische Anamnese

Themen

Die Sammlung der typischerweise mit dem gegebenen Sachverhalt in Verbindung stehenden Informationen kann auf unterschiedlichen theoretischen Ausrichtungen (z. B. Psychotherapieformen) beruhen.

BoernerK. Boerner: Das psychologische Gutachten. Ein praktischer Leitfaden. 7., erw. Auflage. Beltz, Weinheim/Basel 2004, ISBN 3-407-22163-0, S. 19. führt die folgenden relevanten Bereiche an:

Formaler Rahmen der Entwicklung und der Lebensumstände Verhältnis zu Eltern Verhältnis zu Geschwistern Entwicklungsauffälligkeiten und besondere einschneidende Ereignisse Kindergartenzeit Sozialkontakt während der ganzen Entwicklung Schulzeit, Ausbildung und Beruf Interessen, Vorlieben und Hobbys Selbsteinschätzung bezüglich typischer Verhaltensweisen und Einstellungen Zukunftsaussichten und -erwartungen, Selbstkonzept

Techniken

Nach Kubinger unterscheidet sich die Durchführung der Anamneseerhebung nach:

1. dem Grad der Strukturiertheit (Standardisierung): a. Bei dem vollständig strukturierten Interview sind sowohl der Wortlaut als auch die Reihenfolge der Fragen verbindlich vorgegeben. b. Das halbstrukturierte Interview wird durch einen Gesprächsleitfaden vorbereitet. c. Bei dem nichtstandardisierten Interview ist lediglich ein thematischer Rahmen vorgegeben, innerhalb dessen die Gesprächsführung offen erfolgt. 2. Schriftlicher versus mündlicher Befragung

3. Eigen- oder Fremdanamnese

4. Positionierung innerhalb des diagnostischen Prozesses.

Regeln

Schaffung einer Atmosphäre der Offenheit und des Vertrauens Anstreben eines partnerschaftlichen Verhältnisses mit den Klienten Sensibilisierung gegenüber der eigenen Beobachtungsgabe und Beurteilungsweise Forderung nach Selbstkritikfähigkeit, -erfahrung und -infragestellung Beachtung von „Lasterkatalogen“ (Monologisieren, Dogmatisieren, Distanzieren, Involvieren, Bewerten, Etikettieren, Bagatellisieren u. a. m.) kurze und verständliche ErklärungenK. Westhoff, M. L. Kluck: Psychologische Gutachten schreiben und beurteilen. 3. Auflage. Springer, Berlin 1998, ISBN 3-540-64372-9. einfaches, klares und genaues Deutsch Vermeidung von Fremdwörtern und Fachausdrücken Vermeidung von Suggestivfragen

Sonstiges

Da die Daten, die in der Anamneseerhebung gewonnen werden, Bestandteil des diagnostischen Prozesses sind und wesentlich zur diagnostischen Urteilsfindung beitragen, ist die Anamnese ebenfalls im Hinblick auf die Testgütekriterien zu bewerten.

Häufige Ursachen für Versäumnisse bei der Sammlung der typischerweise mit dem gegebenen Sachverhalt in Verbindung stehenden Informationen:

Anstatt von Hypothesenbildung samt systematischer Überprüfung erfolgt der Behandlungszugang aufgrund von Spekulationen Routinebedingte „Betriebsblindheit“ Zeitdruck

Diverse publizierte Anamnesefragebogen unterstützen das Abfragen der interessierenden Fakten, z. B.

„Anamnestischer Elternfragebogen“ von Deegener Existenzanalytische Exploration von Wurst, Leiss, Polacek, Herle & Tutsch Systemisch Orientiertes Erhebungsinventar von Kubinger

Siehe auch Psychologisches Gutachten

Einzelnachweise

Kategorie:Psychologische Diagnostik