Orchon-Runen oder türkische Runen, auch als Turk-Runen oder alttürkische Schrift bezeichnet, sind ein zur Verschriftung der frühen Turksprachen verwendetes Alphabet. Die auf Türkisch auch als Orhun Yazıtları („Orchon-Inschriften“) bezeichneten Schriftzeichen wurden allgemein von rechts nach links geschrieben. Manche Inschriften sind jedoch mit um 90 Grad verdrehten Buchstaben vertikal geschrieben worden. Sie werden dann von unten nach oben gelesen.

Auch einzelne handschriftliche Zeugnisse dieser Runenschrift sind aufgefunden worden. In dieser Runen-ähnlichen Schrift sind die alttürkischen Inschriften aus der nördlichen Mongolei, am Orchon und an der Selenga sowie weitere vom oberen Jenissei verfasst.Karl Jettmar: Geschichte Mittelasiens. Band 5, Ausgabe 5. Brill Archive, Leiden 1966, S. 163. Der einzig fast vollständig erhaltene längere handschriftliche Runentext ist das Irk Bitig, ein in der Höhle von Dunhuang aufgefundenes Orakelbuch, das die Deutung von 65 Omen aus einer Kombination von je 3 Würfeln enthält und wahrscheinlich aus dem 9. Jahrhundert stammt.Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die alttürkische Literatur. Einführung in das vorislamische Schrifttum. Verlag auf dem Ruffel, Engelschoff 2005, ISBN 3-933847-14-1, S. 32, 47 f., 92–93, 94.

mini|Zwei Seiten aus dem Irk Bitig, 9. Jahrhundert, Dunhuang, China Ähnliche Schriftsysteme vom Talas schließen sich ihnen an.Franz Altheìm: Attila und die Hunnen. Baden-Baden 1951, S. 47. Aber auch türkisch-nestorianische Handschriften, die den gleichen runenartigen Duktus aufweisen,Georg Stadtmüller, in: Saeculum. Band 1. K. Alber, 1950, S. 302. haben sich gefunden, vor allem in der Oase Turfan und in der Festung Miran.Volker Adam, Jens Peter Loud, Andrew White: Bibliography old Turkish Studies. Harrassowitz, Wiesbaden 2000, S. 40.University of Bonn. Department of Linguistics and Cultural Studies of Central Asia, Issue 37, VGH Wissenschaftsverlag GmbH Verlag, 2008, S. 107. Die Benutzung von zwei Punkten zum Trennen der Worte macht die Texte den zentralasiatischen Runen deutlich nahestehend.Klaus Röhrborn, Wolfgang Veenker: Runen, Tamgas und Graffiti aus Asien und Osteuropa. Harrassowitz, Wiesbaden 1985, S. 5.

Bezeichnungen und Verwandtschaft Wegen ihrer Ähnlichkeit mit den nordisch-germanischen Runen werden die Schriftzeichen Runen genannt. Die Bezeichnung Orchon-Runen bezieht sich auf den Hauptfundort der Inschriftenstellen am Orchon. Nach den Kök-Türken, die damals am Orchon lebten, werden die alttürkischen Schriftzeichen türkische RunenWerner Leimbach: Landeskunde von Tuwa. Das Gebiet des Jenissei-Oberlaufes. J. Perthes, Gotha 1936, S. 98. oder köktürkische Runen genannt. Die mit diesen Zeichen geschriebene Sprache wird auch als „Runentürkisch“ bezeichnet.

Der deutsche Sprachwissenschaftler Hans Jensen bezeichnete dieses alttürkische Schriftsystem auch als sibirische Schrift, eine Bezeichnung, die sich jedoch nicht durchsetzen konnte:

An vielen Stellen in Tuwa sind bis heute an Felsen, Platten und Steinsäulen ebenfalls alttürkische Inschriften erhalten, die beweisen, dass auch die dortige turksprachige Bevölkerung in diesem Runen-artigen Schriftsystem verwendete. Diese turksprachige Bevölkerung wird heute den Jenissei-Kirgisen zugerechnet.

Die Inschriften am oberen Jenissei, die gleichfalls in diesem Schriftsystem abgefasst sind, sind wesentlich jünger und vermutlich kirgisischer Herkunft, jedoch im Vergleich zu den köktürkischen Denkmälern in Gedanken und Sprache primitiver.Herbert Franke: Saeculum Weltgeschichte. Herder, Freiburg 1965, S. 576.

Die ungarischen und protobulgarischen Schriftzeichen scheinen ebenfalls große formale Ähnlichkeit zu den Orchon-Runen zu haben. Die urbulgarischen Entsprechungen verwenden sogar fast den gleichen Lautwert wie das alttürkische Alphabet und können somit von jedem gelesen werden, der das Orchon-Alphabet beherrscht, wohingegen das altungarische Schriftsystem meistens einen anderen Lautwert aufweist. Jedoch lässt die Forschung den Schluss zu, dass die protobulgarischen Schriftzeichen die älteste Form bewahrt haben.Franz Altheim: Geschichte der Hunnen. Band 1. Walter de Gruyter, Berlin 1959, S. 285.

Auch die Tatsache, dass das aramäische Alphabet in Georgien beheimatet ist, führt darauf zurück, dass die Orchon-Runen dem äußersten Westen des alttürkischen Bereichs entstammen. Man kann davon ausgehen, dass diese Schriftsysteme miteinander verwandt sind. Inwieweit sie sich gegenseitig beeinflusst haben oder gar von wem sie ursprünglich stammen, kann mit heutigem Wissensstand nicht zweifelsfrei bewiesen werden.

Die Schrift ist als Old Turkic im Unicode vorhanden und belegt dort den Bereich U+10C00–U+10C4F.

Herkunft mini|250px|Kul-Tigin-Monument

Über die Herkunft gibt es im Wesentlichen drei Theorien: Die köktürkische Schrift hat sich aus den verschiedenen Klanabzeichen (Tamgas) der Stämme entwickelt, die in den vorchristlichen Jahrhunderten entstanden.Franz Altheim: Geschichte der Hunnen. Band 1, S. 118 f. Die Orchon-Runen wurden aus der zentralasiatischen sogdischen Schrift übernommen und von den Kök-Türken weiterentwickelt. Kombination der beiden ersten Theorien; zu den so entstandenen Zeichen seien dann noch iranische, griechische und neu erfundene Zeichen hinzugefügt worden. Diese Theorie wurde vor allem von Vilhelm Thomsen vertreten.

Heute wird mehrheitlich angenommen, dass sich das köktürkische Alphabet aus einem semitischen entwickelt habe und über die Vermittlung der iranischsprachigen Völker Zentralasiens zu den Kök-Türken gelangt sei.Gleb Kubarev und Napil Bazylchan: Die türkischen Imperien des 6.-10. Jh. n. Chr. Ein Überblick zur Politikgeschichte, zu den ethnokulturellen Besonderheiten, den schriftlichen Quellen sowie archäologischen Denkmälern. In: Thomas Stöllner und Zajnolla S. Samašev (Hrsg.): Unbekanntes Kasachstan. Archäologie im Herzen Asiens. Katalog zur Ausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum vom 26. Januar bis zum 30. Juni 2013. Deutsches Bergbau-Museum, Bochum 2013, ISBN 978-3-937203-64-5 (Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum. Bd. 192), S. 847–860 (online). Diese Vermutung hat nach Franz Altheim jedoch wenig Aussicht, sich zu bestätigen, da die Übernahme zur Entstehung der ersten alttürkischen Inschriften des Typs Orchon I im Talas-Tal kurz vor 600 n. Chr. stattgefunden haben muss.Franz Altheim: Geschichte der Hunnen. Band 1, S. 271. Gegen eine Herleitung aus der sogdischen Schrift spricht seiner Meinung nach der Mangel an eindeutigen Übereinstimmungen.

Geschichte mini|Silberschale von Issyk mit Schriftzeichen in Kuschana-schrift Die Orchon-Runen ähneln der Kuschana-Schrift aus dem 4.–3. Jahrhundert v. Chr. Eine Beziehung zur alttürkischen Schrift ist jedoch ungeklärt und wird teilweise sogar angezweifelt.

Eine schmalere Variante der Orchon-Runen aus dem 8. Jahrhundert wurde in Sibirien gefunden. Nach diesem Fundort werden sie auch als Jenissei-Runen bezeichnet. Die wichtigsten Inschriften entstanden in der Zeit des zweiten Khaganats (682–745), besonders in den 20er- und 30er-Jahren des 8. Jahrhunderts und während des uigurischen Khaganats (745–840). Im 9. Jahrhundert wurden die Orchon-Runen durch die von der aramäischen Schrift abstammende uigurische Schrift ersetzt. Weitere alttürkische Relikte sind Felsbilder mit eingekerbten Tieren, meist als Steinbock, und menschlichen Figuren, dazu mit türkischen Runen.Zentralasiatische Studien. Bde. 23–25. O. Harrassowitz, Wiesbaden 1993, S. 27.

Franz Altheim deutet darauf hin, dass nicht die im Osten befindlichen Turkstämme als Schöpfer des alttürkischen Schriftsystems in Betracht kämen, sondern allein die Hunnen, und zwar die aus dem 3. Jahrhundert im Kaukasus sitzenden.

Entdeckung mini|Kyzyl-Inschrift in den mit den Orchon-Runen verwandten Jenissei-Runen (ca. 730 n. Chr.) Als der junge Schwedenkönig Karl XII. 1709 in der Schlacht bei Poltawa eine schwere Niederlage gegen die Russen erlitt, gerieten einige schwedische Offiziere in russische Gefangenschaft. Unter ihnen war auch Philipp Johann Tabbert, der später den Familiennamen Strahlenberg annahm. Die Reise dieser Gefangenen nach Westsibirien endete 1711 in Tobolsk (Sibirien).

Als Strahlenberg 1722 nach Schweden zurückkehrte, veröffentlichte er die in Russland und Sibirien gesammelten Beobachtungen unter dem Titel „Europa und die nördl. und östl. Teile Asiens“ (Stockholm 1730). Die von Strahlenberg mitgeteilten Kenntnisse erweckten nicht nur in Schweden, sondern in ganz Europa großes Interesse. Das Buch wurde in kurzer Zeit ins Englische, Französische und Spanische übersetzt.

In seinem Buch machte Strahlenberg auch auf eine Ansammlung von Denkmälern mit runenähnlichen Steininschriften am Ufer des Jenissei aufmerksam. Dabei prägte er die Bezeichnung der damals noch unentzifferten sibirischen Schrift als „Runen“.

Die Nachricht von der Entdeckung von „Runen“ in Sibirien weckte in Europa jedoch nicht nur Begeisterung, sondern auch Ablehnung. Obwohl die Runenfunde aus Sibirien im 19. Jahrhundert in Europa schon hinlänglich bekannt waren, leugneten zuletzt der dänische Archäologe Jens Jacob Asmussen Worsaae und der Runologe Ludvig Wimmer die Entdeckungen und die damit verbundenen Schlussfolgerungen:„Namentlich würde es von besonderem interesse und von besonderer bedeutung sein, wenn es glücken könnte, in irgend einem teile von Rußland aus einer so frühen zeit wie ungefähr dem Jahre 700 spuren der jüngeren skandinavischen runenschrift nachzuweisen, die, wie man gemeint hat, nicht aus der älteren entwickelt, sondern gerade das kennzeichen für ein in den Norden neu eingewandertes Volk sein sollte. Es ist jedoch bekannt, daß noch in ganz Rußland nicht die mindeste spur von runenschrift entdeckt ist, weder aus einer älteren noch aus einer jüngeren periode des eisenalters.“

Entzifferung Dagegen führten finnische Archäologen die Erforschung der nahezu vergessenen und zerstreuten Denkmäler fort und gaben 1889 den ersten relativ vollständigen Korpus der Inschriften am Jenissei in einem Atlas heraus. Als im Jahre 1889 Nikolai Jadrinzew aus Irkutsk noch zwei ähnliche Inschriften an der Mündung des Orchon in die Selenga (Nördliche Mongolei) fand, stieg das Interesse weiter. Im Namen der finno-ugrischen Gesellschaft ging A. O. Heikel 1890–91 ins Orchon-Tal und kopierte alle Inschriften, die er fand. Ein neuer Atlas mit den gesammelten Kopien und Bildern der Orchon-Runen erschien 1892.

Unter Vorsitz des deutschen Turkologen Wilhelm Radloff begannen 1891 auch die russischen Wissenschaftler, an diesen Steinen zu arbeiten und ebenfalls bald einen Atlas zu veröffentlichen.

Durch die Funde vom Orchon-Tal hatte sich die Lage unerwartet verändert. Zu Strahlenbergs beschrifteten Steinen kamen zwei lange Inschriften hinzu. Die eine befand sich auf einem 332 cm hohen Stein, der an seiner ursprünglichen Stelle stand; beschriftet war ein Anteil von 231 cm Höhe. Das andere Monument lag um die Basis in vier einzelnen Bruchstücken verstreut.

Auf beiden Denkmälern gab es auch chinesische Texte. Aus diesen konnte man entnehmen, dass die Gedenksteine von den Kök-Türken stammten. Dementsprechend musste sich in der unbekannten Inschrift eine alte Turksprache verbergen. Nun begann unter den Sprachwissenschaftlern der Wettlauf um die Entzifferung der Buchstaben, den 1893 der dänische Sprachforscher Vilhelm Thomsen (1842–1927) gewann. Er schickte seine Lösung an die Königlich Dänische Akademie der Wissenschaften.Vilhelm Thomsen: Déchiffrement des inscriptions de l’Orkhon et de l’Iénisséi. Notice préliminaire. In: Bulletin de l’Academie Royale du Danemark. 1893, S. 285–299 (). Diese Entdeckung besagte, dass es sich um eine Schrift mit 38 Zeichen handelte. Die Inschriften stammten aus den Jahren 732 und 734 und haben als älteste Dokumente der alttürkischen Sprache großen Wert.

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