mini|hochkant|Mit hoher Wahrscheinlichkeit Rüstem Pascha Ausschnitt aus einer Miniatur aus dem Süleymān-nāme des Ârifî Fethullah Çelebi, 16. Jahrhundert. Istanbul, Bibliothek des Topkapi-Serail-Museums, Hazine, Nr. 1517, fol. 498b Rüstem Pascha (, geb. um 1500; gest. 10. Juli oder 12. Juli 1561 in Istanbul) war ein osmanischer Großwesir und der Schwiegersohn (dāmād) Sultan Süleymans des Prächtigen. Im historischen Gedächtnis blieb er vor allem durch seine Stiftungen, insbesondere die berühmte Rüstem-Pascha-Moschee in Istanbul.
Herkunft und Laufbahn Die Herkunft Rüstem Paschas ist nicht mit Sicherheit zu ermitteln. Vermutlich wurde er in einem Dorf bei Sarajevo als Sohn einer bosniakischen Familie mit dem ursprünglichen Familiennamen Opukovič oder Čigalič geboren.Christine Woodhead: Rüstem Pasha. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 8, S. 640 f.Ş. Altundağ, Ş. Turan: Rüstem Paşa. In: İslâm Ansiklopedisi. Band 9, S. 800–802. Manche Quellen führen auch eine kroatischeİbrāhīm Peçevī: Tārīḫ-i Peçevī. Band 1, Maṭbaʿa-ʾi ʿĀmire, Istanbul 1866, S. 21 f. (* in SkradinJohn Van Antwerp Fine: When Ethnicity Did Not Matter in the Balkans. A Study of Identity in Pre-Nationalist Croatia, Dalmatia, and Slavonia in the Medieval and Early-Modern Periods. The University of Michigan Press, Ann Arbor 2006, ISBN 0-472-11414-X, S. 215 m.w.N.), serbische oder albanischeMeḥmed S̲üreyyā: Sicill-i ʿOs̲mānī yāḫūd Teẕkire-ʾi Meşāhīr-i ʿOs̲mānīye. Band 2, Maṭbaʿa-ʾi ʿĀmire, Istanbul 1893, S. 377. Herkunft an.Erhan Afyoncu: Rüstem Paşa. In: Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Ansiklopedisi. Band 35, TDV Yayınları, Istanbul 2008, S. 288–290. In seinen Stiftungsurkunden von 1557 und 1560 wird sein Vater Abdurrahman und Abdurrahim genannt. Dass sein Vater in Rüstem Paschas Stiftungsurkunde von 1561 und in der Stiftungsurkunde seines Bruders, des osmanischen Großadmirals Sinan Pascha, von 1557 als Mustafa aufgeführt wird, bedeutet, dass sein Vater wie auch seine Schwester Nefise zum Islam konvertiert ist.Gülru Necipoğlu: The Age of Sinan. Architectural Culture in the Ottoman Empire. Reaktion Books, London 2005, S. 317.
Als Kind wurde Rüstem nach Istanbul gebracht, wo er zusammen mit seinem Bruder Sinan in der Palastschule (Enderûn) erzogen wurde und die Militärlaufbahn einschlug. 1526 nahm er als Silāḥdār („Waffenträger“) an der Schlacht bei Mohács teil. Danach begann sein rascher Aufstieg in der osmanischen Staatsverwaltung mit dem Amt des Ersten Stallmeisters (mīr-āḫūr-ı evvel).Gülru Necipoğlu: The Age of Sinan. Architectural Culture in the Ottoman Empire. Reaktion Books, London 2005, S. 314. Um 1533 wurde er vermutlich Statthalter von Teke, danach Beylerbey von Diyarbakır und 1538 Beylerbey von Anatolien. 1539 wurde er zum Dritten Wesir befördert. Ende 1539 vermählte ihn der Sultan mit seiner Tochter Mihrimah Sultan. Diesen bisherigen Lebensweg fasste ein im Dienst der Fugger zu großem Vermögen gekommener Reisender, der im Gefolge einer Gesandtschaft König Ferdinands I. Rüstem Pascha persönlich erlebte,„Adì 26 Aug. seind die botschaffter zw dem Rustan bascha geritten, so des khaysers ayden ist; vnd wjr alle mit gangen.“ Zitat aus Franz Babinger (Hrsg.): Hans Dernschwam’s Tagebuch einer Reise nach Konstantinopel und Kleinasien (1553/55). Nach der Urschrift im Fugger-Archiv. 2., unveränderte Auflage. Duncker und Humblot, Berlin/München 1986, ISBN 3-428-06097-0, S. 30. so zusammen:
Zweiter Wesir wurde Rüstem 1541. Im Ramadan des Jahres 951 AH (Ende 1544) setzte der Sultan den Großwesir Hadım Süleyman Pascha ab und übertrug die höchste Würde des Reiches seinem Schwiegersohn. Nachdem der Prinz Mustafa im Oktober 1553 „zur Wahrung der Weltordnung“ erdrosselt worden war, forderten die Janitscharen die Bestrafung des Großwesirs, dem die Schuld am Tod des Prinzen gegeben wurde.Das Todesjahr Mustafas 960 AH (1553) wird oftmals mit (dem Abdschad-System nach 960) umschrieben; vgl. İbrāhīm Peçevī: Tārīḫ-i Peçevī. Band 1, Maṭbaʿa-ʾi ʿĀmire, Istanbul 1866, S. 303 a.E. Rüstem Paschas Schwiegermutter Roxelane beschwor Süleyman, den Verleumdern kein Gehör zu schenken und den Schwiegersohn ihrer Tochter und ihr zuliebe zu verschonen.Siehe Brief Roxelanes an Süleyman, Topkapı Sarayı Arşivi Evrak № 5038; teilweise und in Umschrift veröffentlicht von M. Çağatay Uluçay: Harem’den Mektuplar. 2. Auflage. Ötüken Neşriyat, Istanbul 2011, ISBN 978-975-437-833-7, S. 80. Rüstem Pascha wurde abgesetzt und verbrachte die nächsten Jahre in Üsküdar. Dank der intriganten Unterstützung seiner Ehefrau Mihrimah Sultan und insbesondere seiner Schwiegermutter Roxelane, auf deren Einfluss die Hinrichtung des 1553 statt seiner eingesetzten Großwesirs Kara Ahmed Paschas zurückzuführen ist,So Josef Matuz: Süleyman der Prächtige (Soliman). In: Kurt Fassmann (Hrsg.): Die Großen der Weltgeschichte. Band 4, Kindler, Zürich 1973, S. 961–977 (968 a.E. ff.). wurde er 1555 erneut Großwesir. Er starb am 10. oder 12. Juli 1561 (26. oder 28. Schawwal 968 AH) vermutlich an Wassersucht„[A]qua extinctus intercute“ bei Ogier Ghiselin de Busbecq: LEGATIONIS TVRCICÆ Epistolæ quatuor. Hanoviæ 1605, S. 224. und wurde im Komplex der Prinzen-Moschee zu Istanbul in seiner eigenen, von Mihrimah Sultan gestifteten und von Mimar Sinan geplanten Türbe beigesetzt.Gülru Necipoğlu: The Age of Sinan. Architectural Culture in the Ottoman Empire. Reaktion Books, London 2005, S. 327.
Persönlichkeit und Amtsführung Das oben gezeigte Idealbildnis eines Großwesirs auf einer Miniatur im Süleymān-nāme des Ârifî Fethullah Çelebi ist höchstwahrscheinlich das einzige überlieferte, zeitgenössische Porträt Rüstem Paschas.Melchior Lorichs nachträglich von einem unbekannten Stecher mit dem Namen RUSTAN=BASSA versehenes Porträt aus dem Jahr 1562 zeigt nicht Rüstem Pascha, sondern Ismael, den Botschafter Persiens am Hof Süleymans I. Siehe dazu das Bild bei europeana.eu. Das Bild zeigt ihn in einer Szene aus der Zeit seines ersten Großwesirates, sagt aber über ihn als Person nichts aus.Esin Atıl (Hrsg.): Süleymanname. The Illustrated History of Süleyman the Magnificent. Washington/New York 1986, ISBN 0-8109-1505-7, S. 198 f. Sein individuelles Aussehen, seine Gestalt und seine Wirkung dagegen wurden wenig beschönigend von dem venezianischen Bailò Bernardo Navagero 1553 beschrieben: Rüstem Pascha sei eher von kleiner Gestalt und habe ein gerötetes, aufgequollenes Gesicht, das an das eines Leprösen erinnere. In seinen Augen sei eine große Gerissenheit zu bemerken, die zeige, dass er als Geschäftsmann geboren worden sei. Er wirke „leutselig und freundlich“Bernardo Navagero zitiert und übersetzt in: Johann Wilhelm Zinkeisen: Geschichte des osmanischen Reiches in Europa. Dritter Theil, Gotha 1855, S. 86. und nichts sei ihm lieber, als dass gesagt werde, kein anderer osmanischer Herrscher als Süleyman I. habe je einen so weisen und klugen Ratgeber gehabt wie ihn.Bernardo Navagero zitiert in: Gülru Necipoğlu: The Age of Sinan. Architectural Culture in the Ottoman Empire. Reaktion Books, London 2005, S. 315 f.
Heutigen Wissenschaftlern gilt Rüstem Pascha einerseits als Meister der politischen Intrige und als zwiespältige Person, andererseits wird ihm bestätigt, er sei unbestechlich und in keiner Weise an irgendwelchen Formen von Korruption beteiligt gewesen.Klaus Kreiser: Istanbul. Ein historischer Stadtführer. 2. Auflage. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59063-4, S. 132 f. Bereits zu Lebzeiten wurde er allerdings mehrfach der Korruption bezichtigt.Siehe dazu M. Tayyib Gökbilgin: Rüstem Paşa ve Hakkındaki İthamlar. In: Tarih Dergisi. Band 8, Nr. 11–12, Istanbul 1956, S. 11–50. Osmanische Geschichtsschreiber des 16. und 17. Jahrhunderts dagegen schreiben ihm korrektes Verhalten, Nüchternheit und Frömmigkeit zu. Sie führen an, dass er Fehler, wie beispielsweise die Fehlbesetzung des damals eher unbedeutenden Postens eines DefterdarsKlaus Röhrborn: Untersuchungen zur osmanischen Verwaltungsgeschichte. Walter de Greyter, Berlin/New York 1973, S. 20. mit einem Richter, bereue und nicht wiederhole,Andreas Tietze (Hrsg., Übers.): Mustafā 'Ālī's Councel for Sultans of 1581. Band I. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1979. S. 67 (Übersetzung), S. 165 (Transliteration), H 56 v (Faksimile). und kritisieren bestenfalls seine Abneigung gegen Derwische und Dichter,Muṣṭafā ʿĀlī, zitiert in: Jan Schmidt: Pure water for thirsty Muslims: a study of Muṣṭafā ʿĀlī of Gallipoli’s Künhü l-aḫbār. Leiden 1991, S. 159. die ihm einen spöttischen Zweizeiler des Dichters Taşlıcalı Yahyâ Bey eingebracht hat:Gelibolulu Mustafa Âlî: Künhü’l-Ahbâr. 4. Rükn, Türk Tarih Kurumu Basımevi, Ankara 2009, ISBN 978-975-16-2225-9, S. 423.
Gülmez idi yüzi maḥşerde daḫi gülmiyesi Çoḳ iş ėtdi bize ol ṣaġlıġile olmıyası Weil er nie gelacht, soll er auch am jüngsten Tag nicht lachen, Viel hat er gemacht, nur misch’ er sich nicht in unsere Sachen.Übersetzung Joseph von Hammer: Geschichte des Osmanischen Reiches. Dritter Band, Pest 1828, S. 715
In der osmanischen Öffentlichkeit war der als geiziger und habgieriger „Teufelswesir“ verschriene Rüstem Pascha wenig angesehen,Heinz Jürgen Sauermost/Wolf-Christian von der Mülbe: Istanbuler Moscheen. Verlag F. Bruckmann, München 1981, ISBN 3-7654-1830-7, S. 144 vor allem nachdem ihn Taşlıcalı Yahyâ Bey in einer rasch verbreiteten, weithin zustimmend aufgenommenen Elegie (mers̲iye) der Mittäterschaft an der Ermordung des Sultanssohnes Mustafa bezichtigt und ihn einen Teufel genannt hatte. Rüstem Pascha verfügte daraufhin Yahyâ Beys Hinrichtung und nach Süleymans I. Widerstand dagegen des Dichters lebenslange Verbannung nach Zvornik.Gencay Zavotçu: Bir Ölümün Yankıları ve Yahyâ Bey Mersiyesi. Echoes Of One Killed And Yahyâ Bey’s Elegy. In: Atatürk Üniversitesi Türkiyat Araştırmaları Enstitüsü Dergisi. Band 14, Nr. 33, Erzurum 2007, S. 69–80; (PDF; 286 kB).Cornell H. Fleischer: Bureaucrat an Intellectual in the Ottoman Empire. The Historian Mustafa Âli. Princeton University Press, Princeton 1986, S. 63 f.
Europäische Diplomaten und Reisende, die Rüstem Pascha selbst gesprochen oder gesehen haben, bescheinigen ihm, „ein Mann von scharfem, durchdringendem Verstand“ zu sein,Im Original: „vir acri ingenio praeditus,& perspicaci“. Zitat aus Ogier Ghiselin de Busbecq: LEGATIONIS TVRCICÆ Epistolæ quatuor. Hanoviæ 1605, S. 36.Deutsche Übersetzung in Wolfram von den Steinen (Hrsg., Übers.): Vier Briefe aus der Türkei von Ogier Ghiselin von Busbeck. Verlag der Philosophischen Akademie Erlangen, Erlangen 1926, S. 37. halten ihn aber auch für „immer finster, immer schroff“Im Original: „semper tristis, semper atrox“. Zitat aus Ogier Ghiselin de Busbecq: Legationis Tvrcicæ Epistolæ quatuor. Hanoviæ 1605, S. 232.Deutsche Übersetzung in Wolfram von den Steinen (Hrsg., Übers.): Vier Briefe aus der Türkei von Ogier Ghiselin von Busbeck. Verlag der Philosophischen Akademie Erlangen, Erlangen 1926, S. 188. oder bezichtigen ihn, seine privaten und gestifteten Bauten „von geraubten, vnrecht gewunnen geld“Franz Babinger (Hrsg.): Hans Dernschwam’s Tagebuch einer Reise nach Konstantinopel und Kleinasien (1553/55). Nach der Urschrift im Fugger-Archiv. 2., unveränderte Auflage. Duncker und Humblot, Berlin/München 1986, ISBN 3-428-06097-0, S. 31. gebaut zu haben. Er sei immer habsüchtig, und seine ersten Erwägungen seien stets der Nutzen und das Geld.Wolfram von den Steinen (Hrsg., Übers.): Vier Briefe aus der Türkei von Ogier Ghiselin von Busbeck. Verlag der Philosophischen Akademie Erlangen, Erlangen 1926, S. 190. Am Tod des Sultanssohnes Mustafa wird ihm eine Mitschuld gegeben.Franz Babinger (Hrsg.): Hans Dernschwam’s Tagebuch einer Reise nach Konstantinopel und Kleinasien (1553/55). Nach der Urschrift im Fugger-Archiv. 2., unveränderte Auflage. Duncker und Humblot, Berlin/München 1986, ISBN 3-428-06097-0, S. 56.