Unter Charakter versteht man traditionell – ausgehend von der aristotelischen Ethik – und erneut in der modernen Psychologie diejenigen persönlichen Kompetenzen, die die Voraussetzung für ein moralisches Verhalten bilden.

In einer zweiten, in der antiken Naturphilosophie wurzelnden Traditionslinie versteht man unter dem Charakter eines Menschen auch dessen Temperament bzw. dessen auffällige Verhaltensgewohnheiten.

Begriffsgeschichte Griechisches Altertum Das Wort geht auf zurück und bedeutet dort ursprünglich „Prägestempel“, „Prägung“, und im übertragenen Sinne auch „Eigenart“.Anja Ansorg: ABC des Glaubens, Münster: Edition Octopus, 2. Auflage 2008, ISBN 978-3-86582-388-5, S. 13 Galens Temperamentenlehre, die auf der hippokratischen Humoralpathologie basierte, unterschied zwischen melancholischen, cholerischen, sanguinischen und phlegmatischen Charaktertypen (oft auch als Temperamente bezeichnet), in der Hoffnung, daraus Schlüsse über die Behandlung von Krankheiten ziehen zu können. Diese Lehre inspirierte viele spätere Temperamentenlehren, wurde aber immer wieder in Frage gestellt und gilt, seit Rudolf Virchow im 19. Jahrhundert der Zellularpathologie zum Durchbruch verhalf, als vollständig überholt.

Ein weitaus moderneres Charakterkonzept entwickelte Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr. in seiner Nikomachischen Ethik. Aristoteles stellt darin fest, dass der Mensch, um gut und glücklich zu leben, Tugenden (aretai) besitzen müsse. Dabei unterscheidet er zwischen Verstandestugenden, die durch Belehrung erworben werden, und Charakter- bzw. ethischen Tugenden (aretai ēthikai), die der Mensch sich durch Übung und Gewohnheit aneigne. Zu den letzteren zählt er ‒ neben den drei platonischen Kardinaltugenden Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit ‒ unter anderem die Freigiebigkeit, die hohe Gesinnung und die Wahrhaftigkeit.; Otto Willmann: Geschichte des Idealismus, Braunschweig: Vieweg und Sohn, 1907, S. 522 Der Mensch werde mit solchen sittlichen Tüchtigkeiten nicht geboren, bringe jedoch die Anlage mit, um diese zu entwickeln. Die Kultivierung des Charakters (ἕξις, hexis) ist für Aristoteles ein langwieriger Prozess des moralischen Übens und Eingewöhnens. Den idealen Rahmen hierfür bilde die Polis, die mit ihren Regelsystemen gewährleiste, dass das Individuum nicht nur belehrt, sondern an gleichförmiges tugendhaftes Handeln gewöhnt werde.Otfried Höffe: Aristoteles’ Politische Anthropologie, S. 21–35, in: Otfried Höffe (Hrsg.): Aristoteles, Berlin: Akademie Verlag, 2001, ISBN 3-05-003575-7, S. 29; Hava Tirosh-Samuelson: Happiness in Premodern Judaism: Virtue, Knowledge, and Well-Being, Hebrew Union College Press, 2003, ISBN 0-87820-453-9, S. 24

Judentum, Christentum und Islam Zentrale Bedeutung hat das Konzept des Charakters als moralische Größe seit jeher auch im Judentum. So wird im Talmud Charakter als Summe gottgefälliger Verhaltensmuster verstanden.Rabbi Ben Zion Bokser: The Wisdom of the Talmud, New York: Philosophical Library, 1951 Maimonides, der im 12. Jahrhundert rabbinische Lehren im Lichte der aristotelischen Ethik neu interpretierte, lehrte, dass der Mensch gute Charakterzüge erwirbt, indem er gewohnheitsmäßig gut handle, wobei eine Tat dann gut sei, wenn sie die Extreme meide und „gerade richtig“ sei.Hilchot De'ot 1:7; Hava Tirosh-Samuelson: Happiness in Premodern Judaism: Virtue, Knowledge, and Well-Being, Hebrew Union College Press, 2003, ISBN 0-87820-453-9, S. 234 Vor Maimonides hatten bereits Solomon ibn Gabirol und Bachja ibn Pakuda zum jüdischen Charakterkonzept beigetragen.Hava Tirosh-Samuelson: Happiness in Premodern Judaism: Virtue, Knowledge, and Well-Being, Hebrew Union College Press, 2003, ISBN 0-87820-453-9, S. 234, S. 144f Der Aggada nach dient auch das Studium und das Sammeln von Weisheit allein der Verbesserung des Charakters.Hayim Zalman Dimitrovsky: Exploring the Talmud, Band 1, New York: Ktav Publishing House, 1976, ISBN 0-87068-254-7

Im Christentum wird, allgemein zusammengefasst, bei jeweiligen menschlichen Entscheidungen, ein Mittelweg zwischen Gut und Böse als noch nicht ausreichend gesehen, um als „Gerechter“ vor Gott zu gelten, um letztlich als solcher in „verherrlichter Gestalt“ in das Ewige Leben einzuziehen (siehe auch ). Petrus beschreibt den Weg zum guten Menschen und zur Gnade Gottes, indem er in sagt, der Mensch soll Gutes tun und dadurch sein Leben dem treuen Schöpfer „anbefehlen“. Ein „guter Mensch“ setzt demnach solche Handlungen, die „primär“ von der Liebe Gottes her motiviert sind, insbesondere gute Taten, denen er, nach einem inneren Konflikt mit einem sündhaften Bedürfnis aus den Trieben der Natur (vgl. z. B. , , ), den Vorzug gab. Ein Konzept des Charakters als Repräsentation von Tugenden innerhalb des Menschen erscheint auch sehr früh in der christlichen Ethik. So begriff bereits Augustinus (354–430) den sittlichen Charakter des Menschen als Ausdruck des Lebens im Heiligen Geist und als Voraussetzung für das Ewige Leben (nach dem Tod), in Vereinigung und Verähnlichung mit Gott (vgl. auchJosef Mausbach: Die Ethik des Heiligen Augustinus, 1. Band: Die sittliche Ordnung und ihre Grundlagen, Hamburg: Severus, 2010, ISBN 978-3-942382-71-7, S. 380f). Diesbezüglich kritisierte er den aristotelischen Tugendkanon – virtutes wie die Selbstbeherrschung bezeichnete er deshalb, wenn sie nicht allein darauf zielten, den Menschen Gott näher zu bringen, als ein Laster – und ließ allein christliche Demut (humilitas) und Liebe (caritas) als heilsbringend gelten (siehe auch Christian Tornau: Zwischen Rhetorik und Philosophie, Berlin: Walter de Gruyter, 2006, ISBN 3-11-019130-X, S. 144f). Thomas von Aquin (um 1225–1274), der seine Tugendlehre ebenfalls auf die von Aristoteles aufbaut, spricht vom „Habitus“ des Menschen, der gewohnheitsmäßig entweder gute oder böse Handlungen wähle, wobei ihn als Theologen besonders die menschliche Willensfreiheit interessiert.Martin Rhonheimer: Die Perspektive der Moral. Philosophische Grundlagen der Tugendethik, Berlin: Akademie Verlag, 2001, ISBN 3-05-003629-X, S. 177; Ludwig Hödl: Philosophische Ethik und Moral-Theologie in der Summa Fr. Thomae, S. 36f, in: Albert Zimmermann (Hrsg.): Thomas von Aquin: Werk und Wirkung im Licht neuerer Forschungen, Walter de Berlin: Gruyter, 1987, ISBN 3-11-011179-9, S. 23‒42 Für Luther widerspricht die Vorstellung, dass untugendhafte Menschen sich durch wiederholt gute Taten einen tugendhaften Habitus selbst erwerben können, dem Evangelium, das verkündet, so ein Mensch müsse zuerst in eigener Buße bzw. Umkehr durch die Gnade Gottes Vergebung erfahren und – bevor er das Himmelreich schauen kann – von seinen Sünden erlöst werden (Vgl. auch Luca Baschera: Tugend und Rechtfertigung. Peter Martyr Vermiglis Kommentar zur Nikomachischen Ethik im Spannungsfeld von Philosophie und Theologie, Theologischer Verlag Zürich, 2008, ISBN 978-3-290-17506-1, S. 123).

Eine von der aristotelischen Ethik beeinflusste Charakterkonzeption findet sich auch im Islam, etwa bei Abu al-Hassan al-Amiri († 992) und bei Ebn Meskavayh (932–1030), dessen Schriften Tahḏib al-aḵlāq wa-taṭhir al-aʿrāq und Tartib al-Sa’adat im Wesentlichen Zusammenfassungen der aristotelischen Überlieferung darstellen.Hava Tirosh-Samuelson: Happiness in Premodern Judaism: Virtue, Knowledge, and Well-Being, Hebrew Union College Press, 2003, ISBN 0-87820-453-9, S. 234, S. 151

Im 10. Jahrhundert absorbierte Yahya ibn Adi (†974), ein in Bagdad lebender Philosoph, der ein Grenzgänger zwischen Christentum und Islam war, die aristotelischen Überlegungen für seine Schrift Tahdhib Al-Akhlaq.Hava Tirosh-Samuelson: Happiness in Premodern Judaism: Virtue, Knowledge, and Well-Being, Hebrew Union College Press, 2003, ISBN 0-87820-453-9, S. 234, S. 151; Tahdhib Al-Akhlaq

Der Islam zeigt in etlichen Überlieferungen (Sunna), dass der Charakter ein wichtiger Anteil der Religion ist, wobei der Charakter des Propheten Muhammad als „Quranisch“ beschrieben wird. „[...] Ich sagte: O Mutter der Gläubigen! Erzähle mir vom Charakter des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm. Sie erwiderte: Liest du den Koran nicht? Ich sagte: Doch! Sie sagte: Der Charakter des Propheten, Allahs Segen und Heil auf ihm, war der Koran. (Das heißt, daß er sich laut dem Koran benahm.)[...]“

Die Ausprägung des Begriffs Al-Akhlaq wird als Charakter übersetzt und kann als aus mehreren Bestandteilen bestehend beschrieben werden, unter anderem die angeborenen (Fitra), aber auch die praktizierten oder antrainierten ('ada) sowie die durch dauerhafte Praxis der Seelenreinigung (Tazkiyatun Nafs) oder Charaktererziehung geprägten Eigenschaften, die sich in dem Charakter verwandeln."Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, wurde gefragt: „Wer ist der edelste unter allen Leuten?“ Und er antwortete: „Derjenige, der am gottesfürchtigsten ist.“ Die Leute sagten: „Nicht danach haben wir dich gefragt.“ Er sagte: „Dann der edelste unter den Menschen ist Yusuf (Josef), der Prophet Allahs, Sohn des Propheten Allahs, Sohn des Propheten Allahs, Sohn des Freundes Allahs.“ Die Leute sagten: „Nicht danach haben wir dich gefragt.“ Er sagte: „Dann fragt ihr also über die Charakterzüge unter den Arabern? Die Menschen haben verschiedene Charakterzüge. Die besten von ihnen in der Zeit vor dem Islam (Ğahiliyya), sind auch die besten von ihnen im Islam, wenn sie nur belehrt sind (in Glaubensfragen).“

ähnliches im Quran:

„An dem Tag wird jede Seele das, was sie an Gutem getan hat, bereit finden. Und von dem, was sie an Bösem getan hat, hätte sie gern, wenn zwischen ihr und ihm ein weiter Abstand wäre. Und Allah mahnt euch zur Vorsicht vor Sich selbst. Allah ist Gnädig zu den Menschen.“ (Al Qur'an 3:30)

Frankreich Das Wort „Charakter“ gelangte erst im 17. Jahrhundert in den deutschsprachigen Raum, und zwar über Frankreich, wo etwa Montaigne den Ausdruck bereits im 16. Jahrhundert verwendet hatte.Vgl. Anja Ansorg: ABC des Glaubens, Münster: Edition Octopus, 2. Auflage 2008, ISBN 978-3-86582-388-5, S. 13; Michel de Montaigne: Der Mensch hat gemeiniglich einen unbestimmten Charakter Eine zentrale Rolle spielte der caractère dann in der Moral- und Erziehungsphilosophie Rousseaus, der davor warnt, dem Verstand des Kindes mehr Aufmerksamkeit zu widmen als seinem Gemüt und Charakter, und empfiehlt, diesen Charakter gegen die Zufälle des Lebens ebenso abzuhärten wie den Körper.Joseph R. Reisert: Jean-Jacques Rousseau: A Friend of Virtue, Ithaca, New York: Cornell University Press, 2003; Otto Hänssel: Der Einfluss Rousseaus auf die philosophisch-pädagogischen Anschauungen Herders (Doktorarbeit), Dresden: Bleyl und Kaemmerer, 1902, S. 17, 29

Deutsche Aufklärung und Deutscher Idealismus