mini|hochkant|Hörz bei einer Sitzung der Leibniz-Sozietät (2014)

Herbert Hörz (* 12. August 1933 in Stuttgart; † 8. Juni 2024 in Berlin)John Erpenbeck: Herbert Hörz zum Gedenken (* 12. August 1933, † 8. Juni 2024). In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 66. Jahrgang, 2024, Heft 3, S. 175–178. war ein deutscher marxistischer Philosoph und Wissenschaftshistoriker. Hörz befasste sich insbesondere mit dem Verhältnis zwischen Philosophie und moderner Physik.

Leben

Seine Kindheit verbrachte Herbert Hörz bei Tante und Onkel in der Familie eines Schlossermeisters in Echterdingen am Stadtrand von Stuttgart, da seine Mutter zunächst alleinerziehend war. Hier wurde er 1940 auch eingeschult. Nach der Heirat seiner Mutter zog man um nach Erfurt, und er setzte hier ab 1941 seine Schulbesuche trotz der Kriegswirren in einer Volksschule, Hauptschule, Grundschule, einem Gymnasium und schließlich von 1948 bis 1952 in der Lessing-Oberschule fort (heute Lessingschule als Realschule), wo er sein Abitur nach 12 Jahren Schulzeit ablegte. In den letzten Jahren seiner Oberschulzeit beschäftigten ihn auch philosophische Schriften, insbesondere zum dialektischen Materialismus, woraus sich sein Studienwunsch entwickelte.

Hörz wurde 1949 Mitglied der SED und studierte ab 1952 Philosophie und Physik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Als dann 1953 sein Professor Georg Klaus an die Humboldt-Universität nach Berlin umberufen wurde und die Leitung des Instituts für Philosophie übernahm, wechselte er ebenfalls dorthin. Sein Examen bestand er 1956 nach vierjährigem Studium „Mit Auszeichnung“. Im Jahre 1960 wurde Hörz bei Klaus Zweiling an der Humboldt-Universität zu Berlin (HUB) mit „summa cum laude“ mit der Schrift Zur philosophischen Bedeutung der Heisenbergschen Unbestimmtheitsrelationen promoviert. Die mündliche Prüfung zur Promotion legte er in den Fächern Philosophie und Physik ab. 1962 habilitierte er sich an der HUB mit einer Schrift über Philosophie und Quantenmechanik.

Parallel dazu bekleidete er die entsprechenden Positionen an der Universität: Ab 1956 war er zunächst Assistent, 1957 Aspirant, 1959 wurde er zum Oberassistenten ernannt. Nach seiner Habilitation wurde Hörz 1962 als Hochschuldozent und 1965 zum Professor mit Lehrauftrag für philosophische Probleme der Naturwissenschaften an der Humboldt-Universität berufen. Im Jahr 1968 erfolgte seine Berufung zum ordentlichen Professor.

Hörz war maßgeblich am Aufbau und der Entwicklung des Lehrstuhls „Philosophische Probleme der Naturwissenschaften“ am Philosophischen Institut der HUB beteiligt, der 1959 gegründet wurde und unter der Leitung von Hermann Ley stand, dessen Stellvertreter Hörz war. Als Ley das Amt des Institutsdirektors übernahm, war er auch dort dessen Stellvertreter. Er war zugleich Mitglied der Leitung der Sektion Philosophie an der Akademie der Wissenschaften der DDR und verantwortlich für die Koordinierung der Forschungsarbeit zu philosophischen Fragen der Wissenschaften. Nach 1972 übernahm diese Aufgabe der Problemrat „Philosophie-Wissenschaften“ im „Rat für marxistisch-leninistische Philosophie“, den er gründete und bis 1990 selbst leitete.

In der Wissenschaftsverwaltung der Humboldt-Universität bekleidete Hörz ebenfalls mehrere Ämter: so war er unter anderem 1966 Prodekan und 1967/68 Dekan der Philosophischen Fakultät, von 1968 bis 1972 war er Gründungsdirektor der Sektion Marxistisch-Leninistische Philosophie.

Hörz wechselte 1972 zur Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW) und war hier bis 1989 als Leiter des Bereiches Philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung am Zentralinstitut für Philosophie (Direktor: Manfred Buhr). 1990 wurde er zum Vizepräsidenten für Plenum und Klassen der Akademie der Wissenschaften der DDR gewählt. Nach der Auflösung der Gelehrtengesellschaft der AdW zum Jahresende 1992 führte er mit Akademiemitgliedern die Arbeit als „Mitglieder und Freunde der Leibniz-Akademie“ weiter. 1993 wurde der privatrechtliche Verein Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin gegründet. Hier wirkte Hörz von 1998 bis 2006 als gewählter Präsident, seit 2009 war er Ehrenpräsident.

Nach der Wende und friedlichen Revolution in der DDR war Hörz zwischen 1993 und 1995 Mitarbeiter der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und dort mit der Edition der Schriften Hermann von Helmholtz’ befasst.

Herbert Hörz war seit 1954 mit der Philosophin Helga E. Hörz verheiratet. Der Ehe entstammen drei Kinder.

Werk Herbert Hörz stellte seine wichtigsten Arbeitsergebnisse jeweils für eine bestimmte Periode in Buchform zusammenfassend dar, sodass sein Lebenswerk – gegliedert nach Arbeitsgegenständen – relativ übersichtlich und vollständig vorliegt.

Wichtig war dabei für Hörz das inter-, multi- und transdisziplinäre Herangehen an die Probleme, das er selbst durch viele Kontakte mit Vertretern sehr verschiedener Wissenschaftsdisziplinen und mit unterschiedlichen Erfahrungsträgern praktiziert.

Philosophie Hörz befasste sich in seinen wissenschaftsphilosophischen und wissenschaftshistorischen Arbeiten mit dem Verhältnis von Wissenschaft, Weltanschauung und Philosophie im historischen und aktuellen Kontext und legte dies in seinem Buch „Wahrheit, Glaube und Hoffnung. Philosophie als Brücke zwischen Wissenschaft und Weltanschauung“ ausführlich dar.Herbert Hörz: Wahrheit, Glaube und Hoffnung. Philosophie als Brücke zwischen Wissenschaft und Weltanschauung. trafo Wissenschaftsverlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-89626-696-5. Für die Gegenwart konstatiert er darin ein situatives und theoretisches Utopie-Defizit, das überwindbar ist, wobei regressive, stagnative und progressive Lösungen auch für globale Probleme existieren, denen er viele seiner Analysen gewidmet hat, die er ebenfalls geschlossen in Buchform publizierte.Herbert Hörz: Wie ist das Utopie-Defizit in Wissenschaft und Politik zu überwinden? – Erfahrungen und Konsequenzen. Berichte der Internationalen Wissenschaftlichen Vereinigung für Weltwirtschaft und Weltpolitik (IWVWW), 23. Jg., Nr. 198, Januar 2013, S. 19–38.

Philosophie war für Hörz zugleich Welterklärung, Heuristik und weltanschauliche Lebenshilfe; diese Ansichten hat er im Jahre 2015 zeitgemäß weiterentwickelt.Herbert Hörz: Was kann Philosophie? Gedanken zu ihrer Wirksamkeit. Dietz Verlag, Berlin 1986, ISBN 3-320-00699-1. Aktuelles Vorwort von 2015: Philosophie als Welterklärung, Heuristik und Lebenshilfe. Sie hat einen Doppelcharakter: Als Wissenschaft bedient sie sich wissenschaftlicher Methoden, die sich um die Eckpunkte der mathematisch-logischen, der experimentellen und der historischen Methode gruppieren. Als Weltanschauung beantwortet sie Fragen nach dem Ursprung und der Entwicklung der Welt, nach der Stellung der Menschen in der Welt, nach dem Sinn des Lebens und dem Charakter der gesellschaftlichen Entwicklung. Den Marxismus schätzte er wegen seiner kritischen Methodologie und seiner humanen Vision und sieht ihn als Erbe und Bewahrer fortschrittlichen Gedankenguts der Vergangenheit und Gegenwart, setzt sich aber zugleich mit ihm kritisch auseinander.Herbert Hörz: Ist Marxismus noch zeitgemäß? – Erfahrungen, Analysen, Standpunkte. trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, Berlin 2016, S. 26 ff., S. 30 ff., S. 272 ff., ISBN 978-3-86464-106-0. Er trat hierbei für ein Bündnis aller Humanisten ein, unabhängig von Weltanschauung, Religion, Ethnie und Geschlecht.

Humanismus bedeutete für Hörz Programm zur Befreiung der Menschen aus Not, Unterdrückung und Ausbeutung mit der Zielstellung einer Assoziation freier Individuen mit sozialer Gerechtigkeit und ökologisch verträglichem Verhalten, und damit zugleich Anforderungsstrategie und Bewertungskriterium für die humane Zukunftsgestaltung, auch für Wissenschaft und Technik sowie auf der Ebene europäischer Szenarien.Herbert Hörz: Szenarios für ein zukünftiges Europa. In: Forschungsinstitut der Internationalen Wissenschaftlichen Vereinigung Weltwirtschaft und Weltpolitik (IWVWW), Berichte, 17. Jg., Nr. 176/177, 2007, S. 94–113. Dafür formulierte er Humankriterien und Humangebote. Diese sah er zugleich als eine Grundlage für eine zeitgemäße Ethik der Neomoderne, deren Grundzüge er zusammen mit seiner Frau Helga E. Hörz in einem umfangreichen Buch (459 S.) formuliert hat.Helga E. Hörz, Herbert Hörz: Ist Egoismus unmoralisch? Grundzüge einer neomodernen Ethik. trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, Berlin 2013, S. 207–214, ISBN 978-3-86464-038-4.

In der Philosophie differenzierte Hörz zwischen Grundaussagen als Antwort auf die genannten weltanschaulichen Fragen. Dabei erkannte er die Entwicklungsprozesse bei diesen Fragestellungen an und reagierte hierauf mit seinen aktuellen Antworten.Herbert Hörz: Marxistische Philosophie und Naturwissenschaften. Akademie-Verlag, Berlin; Pahl-Rugenstein, Köln 1974, 2. Auflage 1976. Russisch: Progress Verlag, Moskau 1982. Aktuelles Vorwort von 2016: Philosophie: Welterklärung und Heuristik wissenschaftlicher Erkenntnis. Sie sind für einen „Ismus“ gesetzte Axiome, die auf Evidenz, Erfahrungen oder Glauben basieren und in ihrer Allgemeinheit nicht beweis- oder widerlegbar sind.Herbert Hörz: Ist Marxismus noch zeitgemäß? – Erfahrungen, Analysen, Standpunkte. trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, Berlin 2016, Abschnitt II.5: Der Streit um Ismen, S. 75–79, ISBN 978-3-86464-106-0. Präzisierte philosophische Auffassungen mit dem Wissen einer Zeit sind nach seiner Ansicht zu korrigieren, wenn sie sich als überholt erweisen. Mit der Aufstellung philosophischer Hypothesen als mögliche zukünftige Beiträge der Wissenschaften zur Präzisierung philosophischer Aussagen und als Hinweis auf zu lösende Probleme mit Vorschlägen zu ihrer Lösung wird Philosophie ihrer heuristischen Rolle als Gedankenprovokation gerecht.

Die materialistische Dialektik sah Hörz als aktuelles Denkinstrument zur Gestaltung der Zukunft und widmete ihr daher eine zeitgemäße Buchpublikation.Herbert Hörz: Materialistische Dialektik. Aktuelles Denkinstrument zur Zukunftsgestaltung. trafo Wissenschaftsverlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-89626-931-7. Als Teiltheorie arbeitete er den dialektischen Determinismus mit der statistischen Gesetzeskonzeption aus,Herbert Hörz: Der dialektische Determinismus in Natur und Gesellschaft. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1962, 2. Aufl. 1966, 3. Aufl. 1969, 4. Aufl. 1971, 5. Aufl. 1974. präzisierte die philosophische Entwicklungstheorie und untersuchte Makro-, Meso- und Mikrozyklen.Herbert Hörz: Triebkräfte und Tendenzen gegenwärtiger Gesellschaftsentwicklung. In: Forschungsinstitut der Internationalen Wissenschaftlichen Vereinigung Weltwirtschaft und Weltpolitik (IWVWW), Berichte, 17. Jg., Nr. 174/175, 2007, S. 90–111. Über seine damit verbundene Philosophie der Zeit als Zyklentheorie hatte er fruchtbare Debatten mit dem Vater der Chronobiologie Franz Halberg.Herbert Hörz: Philosophie der Zeit. Zeitverständnis in Geschichte und Gegenwart. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1989, 2. Aufl. 1990, ISBN 3-326-00465-6. Aktuelles Vorwort von 2013

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