Die Universidade Federal do Rio de Janeiro (UFRJ; deutsch etwa „Bundesuniversität von Rio de Janeiro“) ist eine staatliche brasilianische Forschungsuniversität mit Hauptsitz in Rio de Janeiro. Rechtlich wurde sie am 7. September 1920 als Universidade do Rio de Janeiro gegründet, indem mehrere bereits bestehende Hochschulen zusammengeführt wurden. Ihre institutionelle Traditionslinie führt die Universität auf ältere Einrichtungen zurück, insbesondere auf die 1792 gegründete Real Academia de Artilharia, Fortificação e Desenho, die als eine Vorgängereinrichtung der heutigen Escola Politécnica gilt, sowie auf den seit 1808 organisierten medizinischen Unterricht in Rio de Janeiro.
Die UFRJ ist eine bundesstaatliche Autarkie, die dem brasilianischen Bildungsministerium zugeordnet ist. Innerhalb der gesetzlichen Vorgaben verfügt sie über akademische, wissenschaftliche, administrative und vermögensrechtliche Autonomie. Ihre vier wichtigsten Campus sind die Cidade Universitária, Praia Vermelha, Duque de Caxias und Macaé; daneben unterhält sie zahlreiche historische oder spezialisierte Einrichtungen im Zentrum und in anderen Stadtteilen von Rio de Janeiro. Unterrichtssprache ist überwiegend Portugiesisch.
Nach den institutionellen Angaben mit Stand vom 21. August 2025 zählte die Universität aktive oder vorübergehend eingeschriebene Studierende in grundständigen Studiengängen und rund Studierende in Spezialisierungs-, Residenz-, Master- und Promotionsprogrammen. Hinzu kamen Lehrende sowie technische und administrative Beschäftigte. Die UFRJ gab außerdem Labore, 44 Bibliotheken, 19 museale Einrichtungen, neun Gesundheitseinrichtungen sowie Projekte, Aktivitäten oder Kurse der universitären Extension an. Das Studienangebot umfasste 171 Präsenzstudiengänge, vier Fernstudiengänge, rund 339 Spezialisierungskurse und 136 postgraduale Programme stricto sensu.
Zu ihren Einrichtungen gehören das Museu Nacional, die Faculdade Nacional de Direito, die Escola Politécnica, die Faculdade de Medicina, die Escola de Belas Artes, die Escola de Música und das Instituto Alberto Luiz Coimbra de Pós-Graduação e Pesquisa de Engenharia (COPPE). Die Universität betreibt außerdem einen großen Krankenhauskomplex, einen Technologiepark und zahlreiche Forschungsinfrastrukturen, darunter das LabOceano, das Laboratório Brasileiro de Controle de Dopagem und den Supercomputer Lobo Carneiro.
Der Gesamthaushalt für 2024 belief sich auf 4,48 Milliarden Real. Seit 2023 ist Roberto de Andrade Medronho Rektor; Vizerektorin ist Cássia Curan Turci.
Zu den ehemaligen Studierenden und zu Persönlichkeiten, die an Institutionen ausgebildet wurden, die zur historischen Tradition der UFRJ gehören, zählen zwei Präsidenten Brasiliens, zahlreiche Richter des Supremo Tribunal Federal sowie mehrere Persönlichkeiten mit dokumentierten Nominierungen für einen Nobelpreis. Zu den Absolventen zählt auch Artur Ávila, der 2014 die Fields-Medaille erhielt und damit als erster Lateinamerikaner mit dieser Auszeichnung geehrt wurde.
Geschichte
Ursprünge der Hochschulbildung in Rio de Janeiro mini|links|Das Gebäude, das später zum Palácio Universitário wurde, zu der Zeit, als es noch das Hospício Pedro II beherbergte. mini|Der Palácio Universitário in Praia Vermelha, ein neoklassizistisches Gebäude des 19. Jahrhunderts.
Die institutionelle Geschichte der UFRJ reicht vor die Universitätsgründung von 1920 zurück. Eine ihrer wichtigsten Traditionslinien führt zur Real Academia de Artilharia, Fortificação e Desenho, die am 17. Dezember 1792 unter der Herrschaft von Maria I. von Portugal gegründet wurde. Die Schule sollte in der Kolonie Fachkräfte für Artillerie, Festungsbau, technisches Zeichnen und Militäringenieurwesen ausbilden. Nach der Übersiedlung des portugiesischen Hofes nach Rio de Janeiro wurde sie 1810 als Academia Real Militar neu organisiert. Über eine Reihe militärischer und ziviler Nachfolgeeinrichtungen entwickelte sie sich zur Escola Central und schließlich zur Escola Politécnica.
Der organisierte medizinische Unterricht in Rio de Janeiro begann offiziell 1808, als der portugiesische Prinzregent Johann von Braganza die Einrichtung einer anatomisch-chirurgisch-medizinischen Schule genehmigte. Während des Kaiserreichs änderte die Einrichtung mehrfach Namen und Status und wurde zu einem der wichtigsten Bestandteile der späteren Faculdade Nacional de Medicina.
Die spätere Faculdade Nacional de Direito entstand aus der Zusammenführung zweier Ende des 19. Jahrhunderts in Rio de Janeiro gegründeter juristischer Hochschulen, der Faculdade Livre de Direito und der Faculdade de Ciências Jurídicas e Sociais, die 1891 staatlich anerkannt wurden. Im gleichen Zeitraum beziehungsweise zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden weitere spezialisierte Hochschulen, insbesondere in den bildenden Künsten, der Musik und den Naturwissenschaften.
Diese Einrichtungen blieben lange administrativ getrennt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewann die Debatte über die Gründung einer nationalen Universität in intellektuellen und politischen Kreisen an Bedeutung, während die brasilianische Hochschulbildung weiterhin vor allem aus voneinander getrennten berufsbezogenen Hochschulen bestand.
Gründung der Universidade do Rio de Janeiro 1920 mini|links|Ramiz Galvão, erster Rektor der Universität.
Mit dem Dekret Nr. 14.343 vom 7. September 1920, das unter Präsident Epitácio Pessoa erlassen wurde, entstand die Universidade do Rio de Janeiro. Sie vereinigte vor allem die Escola Politécnica, die medizinische Fakultät und die juristische Fakultät, ließ diesen Einrichtungen jedoch weitgehende akademische Eigenständigkeit. Die neue Universität war damit zunächst eher ein föderativer Zusammenschluss als eine vollständig integrierte Hochschule; die einzelnen Schulen behielten beträchtliche Autonomie.
Der Mediziner, Bibliothekar und Philologe Benjamin Franklin Ramiz Galvão, Mitglied der Academia Brasileira de Letras, wurde erster Rektor. Die ersten Jahre waren von einer schrittweisen Koordinierung der bestehenden Schulen und der Eingliederung weiterer Einheiten geprägt. Gleichzeitig blieb die Universität über das Stadtgebiet verteilt, und mehrere Fakultäten nutzten weiterhin ihre historischen Gebäude.
In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden weitere Institute aufgenommen oder enger an die Universität gebunden. Die nach 1930 eingeleiteten zentralisierenden Bildungsreformen veränderten die Rolle, die der Bundesuniversität im nationalen Hochschulsystem zugedacht war.
Universidade do Brasil und Neuorganisation von 1937 Das Gesetz Nr. 452 vom 5. Juli 1937 reorganisierte die Hochschule und benannte sie in Universidade do Brasil um. Im Rahmen der damaligen bundesstaatlichen Hochschulpolitik sollte sie als Modell für das nationale Hochschulsystem dienen. Durch die Eingliederung weiterer Schulen und Institute wurde die Universität ausgebaut und erhielt eine systematischere Gliederung, die Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften, Künste und reglementierte Berufe umfasste.
Die Reform wird in der Forschung häufig als Ausdruck eines stark staatlich und berufsbezogen geprägten Universitätsmodells mit französischem Einfluss interpretiert. Dem wird etwa das stärker am deutschen Forschungsuniversitätsmodell orientierte Konzept gegenübergestellt, das bei der Gründung der Universidade de São Paulo 1934 eine größere Rolle spielte.
In den 1940er- und 1950er-Jahren wurde die wissenschaftliche Forschung stärker institutionalisiert. Spezialisierte Institute entstanden, Vollzeitstellen für Lehrende nahmen zu und die Beziehungen zu öffentlichen Forschungsförderern wurden ausgebaut. Das 1818 gegründete Museu Nacional wurde 1946 in die Universidade do Brasil eingegliedert.
Palácio Universitário und die Suche nach einem gemeinsamen Campus mini|Der Palácio Universitário in Praia Vermelha, 1852 als Hospício Pedro II fertiggestellt und später in die Universität eingegliedert. Das frühere Hospício Pedro II, das Mitte des 19. Jahrhunderts in Praia Vermelha eröffnet worden war, ging Mitte des 20. Jahrhunderts an die Universität über und wurde zum Palácio Universitário. Der Komplex bewahrt seine neoklassizistische Architektur, die Kapelle São Pedro de Alcântara, historische Säle und Gärten und gehört zu den wichtigsten denkmalgeschützten Ensembles des Campus Praia Vermelha.
Seit den 1930er-Jahren gab es mehrere Projekte, die verstreuten Universitätseinrichtungen räumlich zusammenzuführen. Nach langen Diskussionen über den Standort einer Universitätsstadt fiel die Wahl auf die Ilha do Fundão, die durch Aufschüttungen und die Verbindung mehrerer kleiner Inseln in der Guanabara-Bucht entstand. Dort wurde die Cidade Universitária angelegt, die große Komplexe für Lehre, Forschung, Gesundheitsversorgung und Verwaltung aufnehmen sollte.
Wissenschaftlicher Ausbau und Reformen von den 1950er- bis 1970er-Jahren Die 1950er-Jahre brachten eine beschleunigte Professionalisierung der Wissenschaft. Neue Institute und Forschungsprogramme wurden geschaffen, und die Universität knüpfte engere Beziehungen zum CNPq, zur CAPES und zu weiteren Förderinstitutionen. 1963 wurde die Coordenação dos Programas de Pós-Graduação em Engenharia gegründet, aus der später die COPPE hervorging. Sie baute strukturierte postgraduale Studien- und Forschungsprogramme im Ingenieurwesen auf und trug zur Verbreitung dieses Ausbildungsmodells in Brasilien bei. mini|Der frühere Palast des Conde dos Arcos, Sitz des kaiserlichen und später republikanischen Senats, beherbergt heute die Faculdade Nacional de Direito.|links
Die Bewegung für eine Hochschulreform gewann Ende der 1950er-Jahre an Stärke. Lehrende und Studierende diskutierten unter anderem über die interne Organisation, akademische Mitbestimmung und die Verwendung öffentlicher Mittel. Diese Debatten standen im nationalen Kontext der Hochschulreform von 1968, durch die unter anderem die Departmentsstruktur, postgraduale Studiengänge und die Governance brasilianischer Universitäten verändert wurden.
Mit dem Gesetz Nr. 4.831 vom 5. November 1965 erhielt die Hochschule offiziell den Namen Universidade Federal do Rio de Janeiro. Die Umbenennung war Teil einer Vereinheitlichung der Bezeichnungen der brasilianischen Bundesuniversitäten nach Bundesstaat beziehungsweise Region. Der von 1937 bis 1965 offiziell verwendete Name Universidade do Brasil blieb jedoch mit der Geschichte der Institution verbunden. Im Jahr 2000 erkannte ein Bundesgericht der Universität das Recht zu, den historischen Namen erneut zu verwenden, ohne die geltende rechtliche Bezeichnung aufzugeben; Universidade Federal do Rio de Janeiro und Universidade do Brasil können daher in den zugelassenen institutionellen Zusammenhängen nebeneinander verwendet werden.
Militärdiktatur und Studentenbewegung Während der 1964 errichteten Militärdiktatur in Brasilien war die UFRJ von den staatlichen Reorganisationsmaßnahmen betroffen und wurde zugleich zu einem wichtigen Ort studentischer Mobilisierung in Rio de Janeiro. Studierende und Lehrende beteiligten sich an Protesten gegen politische Repression und an Debatten über die Gestaltung der Hochschulbildung.