Bardas Phokas der Ältere (; * um 878; † um 969) war ein byzantinischer Feldherr, der anfangs im Schatten seines älteren Bruders Leon Phokas stand, sich in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts in mehreren Feldzügen bewährte und als Domestikos ton scholon von 944 bis 953 an der Spitze der militärischen Hierarchie stand. Er war der Vater von Nikephoros II. Phokas, der von 963 bis 969 als Kaiser das Byzantinische Reich regierte und ihm den Titel Kaisar verlieh.
Herkunft Bardas Phokas entstammte der byzantinischen Magnatenfamilie der Phokadai, die zu den vornehmsten Vertretern des byzantinischen Militäradels zählte und über umfangreichen Landbesitz in Anatolien verfügte. Bardas war ein Sohn des Nikephoros Phokas „des Älteren“ (* c. 855, † c. 896), der selbst ein berühmter General war, der sich als Feldherr in Italien ausgezeichnet hatte, indem er in den Jahren 885 bis 886 Tarent und einen Großteil von Kalabrien eroberte und schließlich zum Domestikos ton scholon, d. h. zum Oberkommandierenden der byzantinischen Truppen im Osten, aufgestiegen war. Der Name und die Herkunft seiner Mutter sind nicht bekannt.
Leben Kampf gegen die Bulgaren rechts|miniatur|360px|Bulgarien zur Zeit seiner größten Ausdehnung unter Zar Simeon I. Als Sohn eines berühmten Feldherren wählte Bardas wie sein älterer Bruder Leon eine militärische Laufbahn, stand aber lange im Schatten seines Bruders. Dieser war der Favorit der Witwe des Kaisers Leo VI. „der Weise“ (886–912) aus der makedonischen Dynastie, Zoe Karbonopsina (Zoe „mit den kohlschwarzen Augen“) – die in den Jahren 914 bis 919 für ihren minderjährigen Sohn, Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos (913–959), die Regentschaft über das Byzantinische Reich ausübte. Leon Phokas hatte daher bei Hof entscheidenden Einfluss und stand als Domestikos ton scholon an der Spitze der militärischen Hierarchie.
Der erste große militärische Einsatz des Bardas Phokas erfolgte als General unter dem Kommando seines Bruders Leo gegen die Bulgaren. Die Beziehungen zu Bulgarien hatten sich bereits unter Kaiser Alexander (912–913), dem Bruder von Kaiser Leo VI., verschlechtert, da dieser sich weigerte, Zar Simeon I. die vereinbarte jährliche Tributzahlung zu leisten. Nach dem Tod von Kaiser Alexander verschärfte die Kaiserin–Witwe Zoe, die 914 die Regentschaft vom Patriarchen von Konstantinopel Nikolaos I. Mystikos übernommen hatte, die Lage, indem sie den bestehenden Friedensvertrag mit den Bulgaren kündigte, den Zarentitel von König Simeon I. (893–927) nicht mehr anerkannte und auch die geplante Eheverbindung zwischen den beiden Dynastien absagte. Zar Simeon I. „der Große“ (913–927) war nunmehr entschlossen, Byzanz zu vernichten und selbst die byzantinische Kaiserkrone zu übernehmen. In einem raschen Feldzug gelang es ihm in den Jahren 914/15 die byzantinischen Provinzen Makedonien, Thessaloniki und Durazzo zu erobern.Georg Ostrogorsky: Byzantinische Geschichte. 324–1453. 2006. miniatur|hochkant|Die Schlacht von Anchialos am 20. August 917 rechts|miniatur|280px|The Bulgarian victory at Anchialos, Madrid Skylitzes.
Das Kommando der Truppen, die den byzantinischen Gegenangriff auf bulgarisches Gebiet durchführen sollten, wurde dem Bruder des Bardas Phokas, dem Magistros Leon Phokas als dem Domestikos ton scholon, übertragen, den Bardas als General begleitete. S. 388. Die byzantinische Armee wurde jedoch am 20. August 917 von den Truppen von Zar Simeon I. überrascht, worauf es im Mündungsgebiet des Flusses Acheloos ins Schwarze Meer zu einer der größten Schlachten der damaligen Zeit kam. Es war die Schlacht von Anchialos vom 20. August 917, in der sich jeweils 30.000 bis 60.000 Mann gegenüberstanden. Die byzantinischen Truppen wurden dabei – wegen der mangelnden Koordination des Flottenkommandanten Romanos Lekapenos, der die petschenegischen Hilfstruppen über die Donau transportieren und dem General Johannes Bogas, der diese zur Donau führen sollte – vernichtend geschlagen. Leo und sein Bruder Bardas konnten mit knapper Not nach Mesembria (heute Nessebar in Bulgarien) an der Küste des Schwarzen Meeres fliehen.Theophanes Continuatus S. 388. Der byzantinische Historiker Leon Diakonos (* c. 950, † 1000) bemerkte dazu, dass noch 75 Jahre nach dieser Katastrophe die Felder am Ufer des Archeloos mit Knochen der erschlagenen byzantinischen Soldaten übersät waren. Die Truppen von Zar Simeon stießen bis nahe Konstantinopel vor. Dort stellte sich ihm Leo Phokas – und wohl auch sein Bruder Bardas – mit einer neuen Armee entgegen, er wurde jedoch bei Katasyrtai/Katasurtas, nahe bei Konstantinopel, neuerlich besiegt und konnte sich nur durch die Flucht retten. Kaiserin Zoe war daher gezwungen, erhebliche Konzessionen zu machen, einen neuen Friedensvertrag abzuschließen, worauf Zar Simeon den Titel eines „Zaren der Bulgaren und der Rhomäer“ (= Oströmer/Byzantiner) annahm.Georg Ostrogorsky: Byzantinische Geschichte. 324–1453. 2006, S. 215.
Sturz des Bruders Leon Phokas Diese Niederlage gegen die Bulgaren schwächte die Regentschaft der Kaiserin Zoe. Zugleich entstanden jedoch auch Gerüchte, Leon Phokas könnte mit ihrer Hilfe versuchen, die Macht an sich zu reißen und den jugendlichen Kaiser Konstantin VII. verdrängen. Dem wollte der Erzieher des Kaisers zuvorkommen, indem er sich mit dem Kommandanten der Flotte, Romanos Lekapenos verband und den jungen Kaiser dazu bewog, statt seiner Mutter den Patriarchen von Konstantinopel, Nikolaos I. Mystikos (901–907 und 912–925) neuerlich zum Regenten zu ernennen. Dieser entließ daraufhin Leo Phokas als Domestikos und entzog diesem daher seine Machtbasis.
Leon versuchte zunächst durch ein Bündnis mit Romanos Lekapenos an der Macht zu bleiben, dieser hatte jedoch eigene Pläne. Er verschaffte sich am 25. März 919 Zugang in den kaiserlichen Palast, besetzte diesen, ließ sich zum Kommandanten der Leibgarde ernennen, verheiratete 919 seine Tochter Helena Lekapene mit dem jungen Kaiser Konstantin VII. und nahm selbst den Titel „Basileopator“ (Vater des Kaisers) an. Romanos war damit de facto Herr des Byzantinischen Reiches und nahm 920 den Titel eines Mitkaisers an. Leon Phokas versuchte daraufhin, mit Unterstützung seines Bruders Bardas durch eine Revolte selbst an die Macht zu kommen, wurde aber von seinen Truppen verlassen, musste fliehen, wurde in Lykaonien gefangen genommen und schließlich geblendet. Als einige Monate später ein Komplott seiner Freunde aufgedeckt wurde, wurde Leo dazu verurteilt, zur Schande auf einem Esel durch die Straßen von Konstantinopel zu reiten. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.Steven Runciman: The Emperor Romanus Lecapenus and His Reign. 1929, S. 60–61.
Der Sturz seines älteren Bruders beendete vorerst auch die Karriere des Bardas Phokas, der für längere Zeit von der politischen Bühne verschwand.
Abwehr der Kiewer Flotte links|miniatur|Themeneinteilung um 950 Erst viele Jahre später wird Bardas wieder in einer führenden militärischen Rolle genannt. Im Jahre 941 scheint er als Gouverneur des Thema (Militärprovinz) Armeniakon auf, das im Nordosten Anatoliens am Schwarzen Meer lag und etwa der antiken Provinz Paphlagonien entsprach. Zu dieser Zeit erschien Igor, Sohn des Rurik, Großfürst von Kiew (912–945) mit einer großen Flotte vor Konstantinopel, konnte jedoch gegen dessen Mauern nichts ausrichten, weshalb er das Umland verwüstete. rechts|miniatur|Igor von Russland (Phantasiebild) Diese Flotte konnte jedoch von einer eilig zusammengestellten byzantinischen Armada am 11. Juni 941 am Nordende des Bosporus gestellt und von den Byzantinern – trotz massiver numerischer Unterlegenheit – durch den Einsatz des den Russen völlig unbekannten „Griechischen Feuers“ in die Flucht geschlagen werden. Der weitgehend unbeschädigte Rest der Kiewer Flotte segelte daraufhin die Schwarzmeerküste entlang und ließ ihre Wut mit unerhörter Grausamkeit an der lokalen byzantinischen Bevölkerung aus. Bardas Phokas eilte mit rasch rekrutierten lokalen Truppen herbei, verwickelte die Plünderer in Gefechte und lenkte die Kiewer Flotte so lange ab, bis das byzantinische Hauptheer unter Johannes Kurukas und die byzantinische Flotte einlangte, die das russische Geschwader vom Meer her einkreiste und durch das Griechische Feuer vollständig vernichtete.John Julis Norwich: Byzanz. 2010, S. 294–295.
Domestikos ton scholon 944 – 953 Die Grundlage für den weiteren Aufstieg des Hauses Phokas waren die glänzenden militärische Erfolge des ältesten Sohnes von Bardas, Nikephoros Phokas. Diesem war es gelungen, den expansiven Emir von Aleppo aus dem Haus der Hamdaniden, Ali Saif ad-Daula (945–967) mehrmals zu besiegen und nach einer langen Belagerung sogar dessen Hauptstadt Aleppo zu erobern. Durch diese Erfolge konnte die permanente Bedrohung der Ostgrenze des Reiches durch die Islamische Expansion gebannt und die Voraussetzung für die darauf folgende neuerliche Expansion des Byzantinischen Reiches in den Osten geschaffen werden.
Eine Chance für einen Machtgewinn des Hauses der Phokadai, ergab sich nach dem Zusammenbruch der Herrschaft des Usurpators, Kaiser Romanos I. Lekapenos – der im Jahre 944 durch seine eigenen Söhne gestürzt wurde, da diese fürchteten, der reumütige Herrscher könnte die Macht nicht an sie, sondern an den verdrängten legitimen Kaiser Konstantin VII. aus der Makedonischen Dynastie vererben. Dieser Putsch war zwar anfangs erfolgreich, scheiterte jedoch am erbitterten Widerstand der Bevölkerung, die schließlich dem legitimen Kaiser, Konstantin VII. Porphyrogennetos zum Thron verhalf.
Für die Familie Phokas, die zu den erbitterten Feinden des Kaisers Romanos I. Lekapenos zählten, brachte dieser Regierungswechsel einen entscheidenden Machtgewinn. Kaiser Konstantin VII. setzte Johannes Kurukas als Domestikos ton scholon ab und übertrug dessen Oberkommando über die Truppen im Osten des Reiches an Bardas Pokas, der damit die höchste Stufe der Militärhierarchie erreichte.Georg Ostrogorsky: Byzantinische Geschichte. 324–1453. 2006, S. 232. Zugleich wurden dessen Söhne Nikephoros Phokas und Leo Phokas „der Jüngere“ als Militärgouverneure in den wichtigen Provinzen Anatolien und Kappadokien eingesetzt.John Julis Norwich: Byzanz. 2010, S. 301.
Bardas Pholas behielt diese wichtige militärische Funktion bis 953, wobei der Schwerpunkt der militärischen Anstrengungen im Osten des Reiches lag. Im Jahre 949 erfolgte eine Expedition gegen die bedeutende, unter sarazenischer Kontrolle stehende Insel Kreta, die jedoch an der Unfähigkeit des Befehlshabers der Flotte Konstantinos Gongylas scheiterte.Georg Ostrogorsky: Byzantinische Geschichte. 324–1453. 2006, S. 235.
Mit wechselndem Erfolg verliefen die Kämpfe gegen die Sarazenen. Im Jahre 949 gelang es Bardas mehrere Siege gegen Saif ad-Daula zu erzielen, die Stadt Germanikeia (heute Kahramanmaraş in der Türkei) an der Südküste Anatoliens zu erobern und 952 den Euphrat zu überschreiten. Kurz darauf wendete sich das Blatt, Saif ad-Daula eroberte Germanikeia zurück, drang in das Reichsgebiet vor, wobei Bardas in einem Gefecht im Jahre 953 eine schwere Wunde im Gesicht erlitt und sein Sohn Konstantin Phokas in Gefangenschaft geriet. Wegen seiner Verletzung resignierte Bardas als Domestikos und verzichtete 954 auf das Oberkommando des Ostheeres zugunsten seines ältesten Sohnes Nikephoros Phokas.John Julis Norwich: Byzanz. 2010, S. 306.
Vater des Kaisers Nikephoros II. Trotz der Abgabe seines Kommandos hatte Bardas Phokas noch Gelegenheit, während der Regierung von Kaiser Konstantin VII. eine zumindest protokollarische Rolle zu spielen, etwa beim Besuch der Gesandtschaften des Omajadenkalifen, Abd ar-Rahman III., der des westlichen Kaisers oder beim Besuch der russischen Großfürstin Olga – der Witwe des von Bardas bekämpften Großfürsten Igor, die 955 in Konstantinopel getauft wurde und im Herbst 957 längere Zeit am kaiserlichen Hofe weilte. miniatur|rechts|255px|Olga spricht mit Konstantin VII.