mini|hochkant=1.6|Die 117 goldenen Teile des Goldhortes von Gessel bei der ersten öffentlichen Präsentation, 2012
Der Goldhort von Gessel ist ein bronzezeitlicher Depotfund, der 2011 unweit des Syker Ortsteils Gessel in Niedersachsen entdeckt wurde. Es handelt sich um einen geschlossenen Fund mit 117 Teilen aus Gold bei einem Gesamtgewicht von etwa 1,7 kg.Henning Haßmann, Tina Heintges, Andreas Niemuth, Bernd Rasink, Friedrich Wilhelm Wulff: Der bronzezeitliche Goldhort von Gessel, Stadt Syke, Ldkr. Diepholz, Beschreibung der einzelnen Goldobjekte, Beobachtungen zur Herstellungsweise und erste archäologische Einordnung in: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, Bd. 81, Stuttgart, 2012, S. 147 (Einleitung) Der Fund, der rund 3300 Jahre ungestört im Erdboden gelegen hat, gehört nach dem Eberswalder Goldschatz zu den größten prähistorischen Hortfunden von Gold in Mitteleuropa.
Er ist der bis dahin einzige unter wissenschaftlichen Bedingungen ergrabene Goldfund der Bronzezeit und gleichzeitig der am besten dokumentierte Depotfund. Die Fundstücke werden nach der Zuordnung einzelner Gegenstände in die mittlere Bronzezeit zunächst um das 14. Jahrhundert v. Chr. datiert.Henning Haßmann, Tina Heintges, Bernd Rasink, Stefan Winghart, Friedrich-Wilhelm Wulf: Der bronzezeitliche Hortfund von Gessel, Stadt Syke, Landkreis Diepholz. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen. Hameln 2012,1, S. 28.
Archäologische Untersuchungen entlang der NEL-Pipeline
Ab Frühjahr 2011 erfolgte die Verlegung der rund 440 Kilometer langen NEL-Pipeline, der Nordeuropäischen Erdgasleitung, in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. In Niedersachsen, das die Leitung auf etwa 200 Kilometer Länge durchquert, wurde der Trassenverlauf lückenlos archäologisch untersucht. Gemäß dem im Niedersächsischen Denkmalschutzgesetz verankerten Verursacherprinzip wurden die Kosten maßgeblich von den Betreibern der Pipeline getragen. Daher finanzierten die Unternehmen Wingas, E.ON Ruhrgas, Gasunie und Fluxys die archäologische Betreuung des Bauprojektes.
mini|Verlegung der NEL-Pipeline im Raum Bassum, etwa zehn Kilometer vom Fundort des Goldhorts entfernt, 2011
Im zeitlichen Vorlauf der Bauarbeiten erfolgte seitens des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege eine archäologische Potenzialanalyse der Pipelinetrasse. Dabei wurden verschiedene Prospektionsmethoden angewandt, darunter Survey mit Feldbegehungen, luftbildarchäologische Befliegungen, Datenabgleich mit bisherigen Fundstellen im denkmalpflegerischen Fachinformationssystem ADABweb. Ab Ende 2010 setzte eine 10 Monate anhaltende, „harte“ Prospektion ein. Das bedeutete das Anlegen eines sechs Meter breiten Suchschnitts auf einer Länge von 50 km im Bereich archäologischer Verdachtsflächen und im Umfeld bereits bekannter Fundstellen. Die restlichen 150 km der Trasse begleiteten Archäologen und Grabungstechniker, indem sie das Abziehen und Abbaggern des Oberbodens beobachteten. Die Koordination der archäologischen Maßnahmen, die mit bis zu 13 Grabungsteams und zeitweise über 100 Mitarbeitern stattfanden, nahm das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege vor.
Insgesamt führten die archäologischen Untersuchungen auf der Pipelinetrasse in Niedersachsen zu rund 150 Fundstellen mit rund 12.500 archäologischen Befunden, darunter etwa 100.000 Keramikscherben. Das Zeitspektrum der Fundstellen erstreckt sich über 12.000 Jahre von der Steinzeit bis zur Neuzeit. Nur etwa 16 Prozent der entdeckten archäologischen Fundstellen waren vorher bekannt, obwohl Archäologen aufgrund langjähriger Erfahrungen von einer Quote von 25 Prozent ausgingen. Da bei den Baumaßnahmen der Oberboden auf einer Breite von bis zu 30 Meter abgetragen wurde, bot die Pipeline-Verlegung eine Untersuchungsfläche von insgesamt 7,2 km². Sie gewährte einen repräsentativen Einblick in das archäologische Bodenarchiv Norddeutschlands und die Kulturgeschichte im Gebiet des heutigen Niedersachsens. Es handelte sich um eines der größten Archäologieprojekte in Europa.
Fundgebiet im weiteren Sinne Der Ort Gessel und das benachbarte Syke liegen in einer Geestlandschaft, bei der es sich im engeren Bereich um die Syker Geest und im weiteren Bereich um die Wildeshauser Geest handelt. Das Gebiet weist als Altsiedelland eine lange Besiedlungsgeschichte und hohe Besiedlungsdichte auf. Dies führte zu reichlichen Funden aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit. Die Fundstücke der Gegend sind im Kreismuseum in Syke, im Museum Nienburg und im Focke-Museum in Bremen ausgestellt.
Die archäologischen Untersuchungen vor dem Pipelinebau bestätigten das zuvor vermutete archäologische Potenzial in dem Geestgebiet. Im rund 60 Kilometer langen Abschnitt zwischen der Weserniederung und dem Endpunkt bei Rehden gab es 84 Fundstellen, von denen vorher nur 16 Stellen bekannt waren.Ein Querschnitt durch Niedersachsen in: kreiszeitung.de vom 20. April 2012, abgerufen am 11. November 2013. Entdeckt wurde unter anderem ein frühmesolithisches Steingerät, das wegen seiner mutmaßlich anthropomorphen Darstellung eines unbekleideten Frauenkörpers als Venusdarstellung angesehen wird und in Venus von Bierden benannt wurde. Außerdem entdeckt wurde ein germanisches Gräberfeld mit 76 Bestattungsplätzen bei Gessel aus der Römischen Kaiserzeit des 2. und 3. Jahrhunderts, das am Rande einer früheren Siedlung lag.Ulf Buchert: Ein Gräberfeld der Römischen Kaiserzeit bei Gessel in: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 1/2012. Bei Uphusen wurde ein goldener Fingerring mit einer blauen Perle aus der Zeit des 4. bis 7. Jahrhunderts n. Chr. gefunden. Beim Eydelstedter Ortsteil Düste kamen die Reste einer germanischen Uferrandsiedlung des 2. bis 3. Jahrhunderts n. Chr. ans Tageslicht.Thomas Brock: Knapp zwei Kilo Gold aus der Bronzezeit in: Welt online vom 23. Februar 2012, abgerufen am 11. November 2013.
Fundstelle miniatur|hochkant=1.8|Pipelinetrasse nach der Verlegung mit Blick vom Leerßer Berg in Richtung Gessel auf das Fundgebiet der bisher nicht veröffentlichten Fundstelle, 2012 Die Fundstelle befindet sich im Umfeld einer Altstraße. Ein Bezug zu früheren Siedlungen in der Umgebung ist denkbar, da sich in etwa 3–7 km Entfernung vom Fundort Hügelgräber aus der Bronzezeit erhalten haben. Seit dem Fund im Jahre 2011 wird das Umfeld des Fundplatzes im Hinblick auf weitere Befunde intensiv archäologisch untersucht, unter anderem mit dem Airborne-Laserscanning-Verfahren zur Erstellung eines dreidimensionalen Geländemodells.Siehe Literatur: Im Goldenen Schnitt. Niedersachsen längste Ausgrabung, Bernd Rasink und Friedrich-Wilhelm Wulf: Dem Gold auf der Spur: Der bronzezeitliche Schatzfund von Gessel, S. 61
Die genaue Fundstelle ist trotz der Anfrage von Kommunalpolitikern zur Aufstellung einer Erinnerungstafel oder Ähnlichem nicht veröffentlicht worden.Micha Bustian: in: Weser-Kurier vom 17. März 2012, abgerufen am 11. November 2013. Bekannt wurde, dass sich die Fundstelle in 1,3 Kilometer Entfernung vom Gewässer Hache an einem leichten Hang befindet, der nach Ostnordost ausgerichtet ist.Haßmann, Heintges, Niemuth, Rasink, Wulff, S. 183 (Resümee und Ausblick) Dabei handelt es sich um den Leerßer Berg als Höhenrücken zwischen Syke und Ristedt.Bernd Rasink, Friedrich-Wilhelm Wulf: Fundchronik Niedersachsen 2011. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, Beiheft 16, 2013, S. 50–51 zu Fundstellennummer 8Anke Seidel: Schatulle für den Schatz in kreiszeitung.de vom 29. Juni 2012, Zeitungsartikel mit Foto des Leerßer Berg und Nennung als Fundgebiet, abgerufen am 12. November 2013.
Fundumstände Der Goldhort von Gessel wurde am 7. April 2011 bei systematischen archäologischen Untersuchungen vor dem Bau der NEL-Erdgaspipeline entdeckt. Die Fundstelle liegt in der Feldmark nahe dem Syker Ortsteil Gessel. Der Ort war eine archäologische Verdachtsfläche, auf der zuvor bereits metallzeitliche Keramikscherben an der Oberfläche gefunden worden waren. Nach dem Abtrag des Oberbodens bemerkte das Prospektionsteam leichte Bodenverfärbungen. Bei der gezielten Suche mit dem Metalldetektor ortete der Grabungstechniker Jan Stammler einen möglichen relevanten Fund, der sich in 60 cm Tiefe unterhalb der Erdoberfläche im Unterboden und nur knapp unterhalb des landwirtschaftlichen Bearbeitungshorizontes befand.Thomas Brock: 1,8 Kilo Goldschmuck beim Pipeline-Bau gefunden bei: Welt online.de vom 22. Februar 2012, abgerufen am 12. November 2013. Beim vorsichtigen Freilegen zeigten sich an der Oberfläche des sandigen Unterbodens vier grünkorrodierte Bronzenadeln, ein kleines goldenes Spiralröllchen und ein verziertes Goldobjekt, das wie ein Armreif aussah. Die Artefakte wurden in situ belassen, da an der Stelle wegen des starken Detektorausschlags weitere Fundstücke vermutet wurden. Zunächst wurde ein Grab- oder Siedlungsfund mit weiteren Funden im näheren Umfeld für möglich gehalten, sodass zur Unterstützung ein weiteres Grabungsteam anrückte und zur Dokumentation ein Filmteam beordert wurde. Als sich ein Einzelfund konkretisierte, wurde der Fund mittels Blockbergung als ein 90 × 65 Zentimeter breiter bzw. tiefer und 25 Zentimeter hoher Erdblock aus dem Boden gestanzt. Der Block kam noch am Abend des Fundtages zur Untersuchung in die Restaurierungswerkstatt des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege in Hannover.
Restaurierung und Rekonstruktion
miniatur|Die originale Fundsituation des Goldhortes als Kunststoffmodell aus dem 3D-Drucker
Am Erdblock erfolgten unmittelbar nach seiner Sicherung Untersuchungen mit mehreren bildgebenden Verfahren, wie Röntgenuntersuchung und Computertomographie (CT), um Einblick in den Inhalt des Fundes zu erlangen. Wegen der hohen Dichte von Gold (genauer Röntgendichte, Ordnungszahl 79) und der vielen, dicht gepackten Goldteile gelang eine CT-Aufnahme erst mit einem Hochleistungsgerät eines Unternehmens der Comet Holding mit Sitz in Hattingen.
Die computertomographisch gewonnenen Daten vom Inhalt des Erdblocks wurden computergestützt in 3D visualisiert. Mit diesen Daten ließ das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege von einem Unternehmen für medizinische Präparate mit einem 3D-Drucker im Rapid-Prototyping-Verfahren eine Nachbildung der Goldteile aus Kunststoff erstellen, was bereits bei der Schädelrekonstruktion beim Mädchen aus dem Uchter Moor erfolgte. Dabei bediente man sich des Digital-Fabricating-Verfahrens in einer bisher nicht gekannten Auflösung, die zur exakten Darstellung der feingliedrigen Spiralen erforderlich war.Haßmann, Heintges, Rasink, Winghart, Wulf. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen. S. 24. Die 3D-Visualisierung und das Kunststoffmodell dokumentierten die Anordnung der Gegenstände in der Fundsituation und erleichterten das schonende Freipräparieren der Fundstücke aus dem Erdblock. Auch konnte die Größe des Erdblocks auf 55 × 55 Zentimeter reduziert werden, ohne den Fund zu beschädigen. Außerdem ermöglicht die 3D-Visualisierung eine Nachbildung des Horts in seiner Originallage für die museale Präsentation.
Der gesamte Prozess der Untersuchung des Erdblocks bis zur Freilegung der einzelnen Fundstücke benötigte mehrere Monate.
Fundstücke Bei den 117 Fundstücken aus Gold handelt es sich überwiegend um Spiralen verschiedener Arten und Größen, die teilweise als Halbfertigprodukte anzusehen sind.
Fibel miniatur|hochkant|links| Fibel, mit Sonnensymbolen verziert miniatur|hochkant|Seitlicher Blick auf die zusammengebogene Fibel