Sojus 11 ist die Missionsbezeichnung für den am 6. Juni 1971 gestarteten Flug eines sowjetischen Sojus-Raumschiffs zur sowjetischen Raumstation Saljut 1. Infolge einer technischen Fehlfunktion während der Landephase kamen alle drei Kosmonauten ums Leben. Es war die erste erfolgreiche Kopplung eines Raumschiffs an eine Raumstation und der 19. Flug im sowjetischen Sojus-Programm.
Besatzung
Georgi Timofejewitsch Dobrowolski (1. Raumflug), Kommandant Wiktor Iwanowitsch Pazajew (1. Raumflug), Bordingenieur Wladislaw Nikolajewitsch Wolkow (2. Raumflug), Testingenieur
Die drei Kosmonauten waren eigentlich als Ersatzmannschaft vorgesehen. Als ursprüngliche Besatzung waren für diese Langzeitmission Alexei Leonow, Pjotr Kolodin und Waleri Kubassow vorgesehen. Drei Tage vor dem Start wurden jedoch Tuberkulose-Anzeichen bei Kubassow festgestellt, worauf die komplette Mannschaft durch die Reservemannschaft ersetzt wurde. Der Verdacht, dass Kubassow an Tuberkulose litt, bestätigte sich allerdings nicht.
Die zweite Ersatzmannschaft bestand aus Alexei Gubarew, Witali Sewastjanow und Anatoli Woronow.
Vorbereitung Die Raumstation Saljut Die erste Raumstation der Geschichte, Saljut 1, befand sich bereits seit dem 19. April 1971 in der Erdumlaufbahn. Zu ihrer Ausrüstung gehörten unter anderem ein Teleskop, ein Spektrometer, ein Elektrophotometer und eine TV-Anlage. Außerdem war das geheime Radiometer Swinets an Bord sowie das UV-Instrument Orion, mit dem Raketenstarts auf der Erde beobachtet werden konnten. Das Solarteleskop war nicht einsatzbereit, weil eine Abdeckung an der Außenseite der Raumstation sich nicht wie vorgesehen entfernt hatte.
Die missglückte Kopplung von Sojus 10 Die erste Besatzung der neuen Raumstation sollte mit Sojus 10 erfolgen. Das Raumschiff näherte sich am 24. April 1971 zwar der Saljut an, die Kopplung wurde aber nicht im richtigen Winkel durchgeführt, weshalb der Mechanismus nicht vollständig einrastete. Die Mission musste abgebrochen werden, ohne dass die Kosmonauten Schatalow, Jelissejew und Rukawischnikow die Raumstation betreten hatten.
Veränderungen am Raumschiff Zwar wurde beim Kopplungsversuch der Mechanismus von Sojus 10 verbogen, das Gegenstück an Saljut 1 blieb jedoch unbeschädigt, so dass es ausreichte, bei Sojus 11 den Kopplungsmechanismus zu verstärken, um einen erneuten Versuch zu wagen. Außerdem sollte Sojus 11 im Gegensatz zu Sojus 10 nicht drei, sondern vier Tage autonom im All bleiben können. Zudem wurde das Annäherungs- und Kopplungssystem Igla überarbeitet.
Weitere Planungen Die ursprünglich für Sojus 11 vorgesehene Mannschaft hatte zuvor als Ersatzmannschaft von Sojus 10 fungiert. Kommandant war Alexei Leonow, der bei Woschod 2 den ersten Weltraumausstieg der Geschichte durchgeführt hatte. Er war Mitglied der ersten Kosmonautengruppe der Sowjetunion. Ein weiterer Veteran in dieser Mannschaft war Waleri Kubassow, der bereits mit Sojus 6 im All war. Zuvor war er Ersatzmann für den Flug, der als Sojus 2 geplant gewesen, aber abgesagt worden war. Wäre Kubassow zum Einsatz gekommen, hätte er von einem Raumschiff in ein anderes umsteigen müssen. Diese Rolle übernahm er dann bei Sojus 5. Pjotr Kolodin war ein Weltraumneuling, war aber zuvor bereits bei Sojus 7, Sojus 8 und Sojus 10 in der Ersatzmannschaft gewesen.
Geplant war ein Flug von 25 bis 30 Tagen Dauer ab Juni 1971, wobei ein 30-Tage-Flug eine Nachtlandung erfordert hätte.
Es wurde auch erwogen, dass die Sojus-11-Mannschaft einen Weltraumausstieg durchführen sollte, um einerseits den Kopplungsstutzen der Saljut zu untersuchen, andererseits auch die Abdeckung der wissenschaftlichen Geräte an der Außenseite der Raumstation zu entfernen. Zu diesem Zweck hätten allerdings nur zwei Kosmonauten starten können, für drei Personen in Raumanzügen war das Raumschiff zu eng. Dieser Plan wurde aus Zeitgründen abgewiesen. Bis Raumanzüge angefertigt und die Kosmonauten trainiert hätten werden können, wäre die Saljut bereits am Ende ihrer Nutzungsdauer angelangt gewesen.
Die Ersatzmannschaft von Sojus 11 war für einen weiteren Flug mit Sojus 12 vorgesehen. Kommandant war der Weltraumneuling Georgi Dobrowolski. Ebenfalls ohne Weltraumerfahrung war Wiktor Pazajew, der wie Dobrowolski vor Sojus 11 noch in keiner Ersatzmannschaft war. Lediglich Wladislaw Wolkow war mit Sojus 7 zuvor schon im All. Es war das erste Mal, dass ein erfahrener Kosmonaut einem unerfahrenen Kommandanten zugeordnet wurde.
Auch für Sojus 12 war ein 30-Tage-Flug vorgesehen, geplant war ein Start zwischen dem 15. und dem 20. Juli. Allerdings war die Raumstation nur für einen Betrieb von 90 Tagen ausgelegt, die am 18. Juli abliefen, so dass nicht klar war, ob und mit welcher Dauer dieser Flug stattfinden würde.
Austausch der Mannschaften Die beiden Mannschaften (Leonow, Kubassow und Kolodin als Hauptmannschaft, Dobrowolski, Wolkow und Pazajew als Ersatzmannschaft) trafen am 28. Mai in Baikonur ein. Am 3. Juni, drei Tage vor dem vorgesehenen Start, wurde die vorgesehene Mannschaft noch einmal medizinisch untersucht, wobei auf einem Röntgenbild ein Schatten in Kubassows Lunge entdeckt wurde. Die Ärzte diagnostizierten dies als beginnende Tuberkulose und sprachen ihm die Flugfähigkeit ab.
Nach den Vorschriften musste damit die ganze Mannschaft ausgetauscht werden. Statt Leonow, Kubassow und Kolodin sollten nun Dobrowolski, Wolkow und Pazajew zur Saljut starten. Der Leiter der Kosmonautenausbildung, Nikolai Kamanin, befürwortete zwar, nur Kubassow durch Wolkow zu ersetzen, konnte sich aber nicht durchsetzen. Am Folgetag – die Diagnose wurde inzwischen von aus Moskau angereisten Ärzten bestätigt – wurde Dobrowolskis Mannschaft offiziell als Besatzung von Sojus 11 vorgestellt.
Flugverlauf Start, Docking und Wechsel zu Saljut 1
Sojus 11 startete am 6. Juni 1971 um 04:55 UTC und erreichte problemlos die Erdumlaufbahn. Die Flugleitung wechselte vom Startort Baikonur zur Bodenstation in Jewpatorija.
Nach zwei Kurskorrekturen hatte sich Sojus 11 der Raumstation bis auf sieben Kilometer angenähert, daraufhin wurde das automatische Annäherungs- und Kopplungssystem Igla aktiviert. Diesmal musste die Besatzung nicht in den automatischen Ablauf eingreifen. Die Kopplung selbst fand am 7. Juni um 07:49 UTC außerhalb der Reichweite der Bodenstationen statt, und als die Verbindung wieder aufgenommen werden konnte, meldete Dobrowolski die erfolgreiche Kopplung. Nach vier gemeinsamen Umläufen waren alle Checks abgeschlossen und Viktor Pazajew wechselte als weltweit erster Raumfahrer zu einer Raumstation über. Die Kosmonauten meldeten einen unangenehmen, verbrannten Geruch in der Luft. Da ein kompletter Luftaustausch der Station ca. 20 Stunden benötigte, musste die Mannschaft die erste Nacht an Bord der Sojus verbringen. Am nächsten Tag hatte sich der Brandgeruch aufgelöst und die Besatzung begann mit ihrem Arbeitsprogramm an Bord der Station.
Die erste Raumstationsbesatzung
mini|Besatzung auf sowjetischer Briefmarke Die Besatzung zog in die Saljut um und fuhr alle Systeme der Sojus herunter. Damit ging die erste Raumstation der Geschichte in Betrieb, zwei Jahre vor der amerikanischen Skylab. Die Kosmonauten führten eine Kurskorrektur durch und richteten die Solarzellen zur Sonne aus, um ein Maximum an elektrischer Energie zu erhalten.
An den folgenden Tagen führten die Kosmonauten verschiedene Erdbeobachtungen und wissenschaftliche Experimente durch. Es gab regelmäßige Bildfunk-Verbindungen mit der Bodenstation, bei denen auch mögliche Notlandegebiete besprochen wurden für den Fall, dass die Besatzung die Raumstation plötzlich verlassen musste. Eine solche Notlandung hätte dann möglicherweise außerhalb der Sowjetunion stattgefunden.
Am 16. Juni bemerkten die Kosmonauten erneut einen starken, verbrannten Geruch, dessen Ursache sie nicht feststellen konnten. Zeitweise bereiteten sie das Sojus-Raumschiff zum Abkoppeln vor, blieben dann aber an Bord der Saljut. Zehn Stunden nach dem ersten Auftreten des Brandgeruchs war die Luft wieder normal und die Situation stabil. Kommandant Dobrowolski bat darum, die Mission fortzusetzen. Die Staatskommission entsprach dieser Bitte am nächsten Tag, einem Ruhetag für die Besatzung, ordnete aber an, sämtliche wissenschaftlichen Geräte abzuschalten. Sie sollten nach und nach wieder in Betrieb genommen werden, um die Ursache des Brandgeruchs feststellen zu können. Am Folgetag, dem 18. Juni, waren alle Systeme wieder in Betrieb, es trat aber kein Brandgeruch mehr auf.
Für den 20. Juni war geplant, den Start einer sowjetischen N1-Rakete aus dem All zu beobachten; dieser musste jedoch aufgrund technischer Probleme verschoben werden, so dass eine Beobachtung nicht mehr möglich war. Am 24. und 25. Juni konnten Dobrowolski und Pazajew jedoch die Starts zweier anderer sowjetischer Raketen beobachten. Die N1 startete dann am 26. Juni, geriet aber außer Kontrolle und musste nach 51 Sekunden gesprengt werden.
Die Besatzung befand sich im Laufe der Zeit nicht mehr in bester körperlicher und geistiger Verfassung. Aufgrund des Brandgeruch-Zwischenfalls und ungeplanter Reparaturen hatten sie das regelmäßige Training vernachlässigt. Die Gummibänder der Trainingsanzüge, die Schwerkrafteffekte simulieren sollten, wurden zunehmend überdehnt. Die Nutzung des Ergometers, welches für Bewegung sorgen sollte, wurde nach nur wenigen Tagen eingestellt, da sein Betrieb die ganze Station in Vibration sowie die Solarzellen und Kommunikationsantennen in starke Schwingungen versetzte. Es kam auch zu Spannungen zwischen Kommandant Dobrowolski und dem bereits raumflugerfahrenen Wolkow. Die Landung wurde für den 30. Juni geplant, entweder bei Nacht oder kurz vor Sonnenaufgang. Der spätere Zeitpunkt war günstiger, falls die Besatzung sofort medizinische Betreuung benötigte.
Am 26. Juni hatten die drei Raumfahrer alle wissenschaftlichen und technischen Experimente abgeschlossen. Die restlichen Tage dienten dem körperlichen Training und der Vorbereitung der Rückkehr. Es war nicht möglich, alle Filme und Experimente in der Sojus-Landekapsel zur Erde zurückzubringen, so dass die Bodenstation eine Auswahl treffen musste.
Punkt für Punkt gingen die drei Kosmonauten zusammen mit der Flugleitung die Checklisten durch, um die Raumstation bis zur Ankunft der nächsten Besatzung einzumotten. Alle Systeme, die nicht unbedingt für den automatischen Betrieb notwendig waren, wurden abgeschaltet.
Landung und Tod der Besatzung Die Landung war für den 30. Juni im Morgengrauen vorgesehen (noch der 29. Juni nach UT). Die Besatzung sollte während der Landung Funkkontakt über Kurzwelle und UKW halten und das Öffnen des Fallschirms melden. Die Kosmonauten sollten in der Landekapsel bleiben und die Luke nicht selbst öffnen, sondern das Eintreffen der Bergungsmannschaft und des medizinischen Personals abwarten, was höchstens 20 bis 30 Minuten dauern sollte.
Nach dem Umsteigen in das Rückkehrmodul des Sojus-Raumschiffs zeigte eine Warnleuchte an, dass die Luke zwischen Rückkehr- und Orbitalmodul nicht dicht geschlossen war. Erst nach mehreren Versuchen konnte die Besatzung die Luke verriegeln. Nach dem Abkoppeln wurden noch viele Bilder von Saljut 1 aus unterschiedlichen Entfernungen gemacht, um den Zustand der Raumstation zu dokumentieren.
Etwa zwölf Minuten nach dem Zünden der Bremsraketen wurden Rückkehr-, Orbital- und Servicemodul planmäßig voneinander getrennt. Dabei öffnete sich unerwartet ein Ausgleichsventil, und die Atemluft entwich aus der Landekapsel. Dobrowolski, Wolkow und Pazajew waren innerhalb kürzester Zeit tot. Die Landung erfolgte automatisch.
Die folgende Tabelle führt die wichtigsten Ereignisse der Landung auf. Die Zeiten beziehen sich auf UTC am 29. Juni 1971 und differieren leicht je nach Quelle.