Der Tagebau Profen ist ein Braunkohletagebau rund neun Kilometer nordöstlich von Zeitz und drei Kilometer westlich von Pegau. Etwa 75 Prozent der beanspruchten Flächen liegen im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt und 25 Prozent im Landkreis Leipzig in Sachsen. Der Aufschluss des Tagebaus begann im Jahr 1941 in der Nähe von Profen. Der heutige Betreiber ist die im Jahr 1994 privatisierte Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (MIBRAG), seit 2012 ein Tochterunternehmen der EP Energy a.s.
Derzeitiger Betrieb Der Tagebau erstreckt sich heute über drei Abbaufelder: Profen-Süd, Schwerzau und Domsen. Es handelt sich um einen kombinierten Band-LKW-Tagebau, in dem drei Kohleflöze abgebaut werden. Die geförderte Kohle entstand vor 45 bis 20 Millionen Jahren. Zur Freilegung des Hauptflözes muss neben dem Abraum eine fünf bis zehn Meter starke Quarziteinlagerung beseitigt werden. Der Abtransport des Abraums erfolgt über ein Drei-Schnitt-Förderband. Die Tertiärquarzite werden durch Sprengung aufgelockert und mittels Hydraulikbagger sowie Frontschaufellader auf Schwerlastkipper (85 t Nutzlast) verladen. Der zwischen dem Ober- und Unterflöz anstehende Mittelabraum gelangt über Förderbänder zum Absetzer. Die Abraummassen werden seit dem Jahr 1999 auf einer Halde innerhalb des Tagebaus verkippt.
Pro Jahr fallen 20 bis 26 Millionen Kubikmeter Abraum an. Dem steht eine jährliche Kohleförderung von etwa 7,5 Millionen Tonnen gegenüber. Als Großgeräte sind verschiedene Eimerkettenbagger, Absetzer, Schaufelradbagger und Rückladegeräte im Einsatz. Die Förderbänder haben eine Gesamtlänge von 36 km. Das Fassungsvermögen des Kohlemisch- und Stapelplatzes (KMS) beträgt 400.000 Tonnen. Hier wird die Rohbraunkohle zerkleinert, gemischt und zwischengelagert. Der Weitertransport der Braunkohle zur Wärmeerzeugung, elektrischen Energieerzeugung und Veredlung erfolgt per Bahn und LKW.
Für den Tagebaubetrieb ist eine ständige Wasserhebung notwendig. Abgepumpt werden pro Minute bis zu 120 Kubikmeter Grubenwasser, das seit dem Jahr 2017 über eine Wasserreinigungsanlage am Rande des Tagebaus behandelt und in die Weiße Elster geleitet wird. Gegenwärtiger Hauptabnehmer der Braunkohle aus dem Tagebau Profen ist nach Angaben des Betreibers das Kraftwerk Schkopau in Sachsen-Anhalt. Dieses Braunkohlekraftwerk liefert Strom und Prozesswärme an verschiedene mitteldeutsche Standorte der Dow Olefinverbund GmbH sowie in das öffentliche Stromnetz und in das Netz der Deutschen Bahn.Tagebau Profen. (PDF; 2,0 MB) Besucherinformationen der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Stand 2019), abgerufen am 29. April 2022.Tagebau Profen. Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Stand 2022), abgerufen am 29. April 2022.
Auch das von der MIBRAG beziehungsweise ihrer alleinigen Gesellschafterin EP Energy betriebene Industriekraftwerk Wählitz ist an das Werkbahnnetz des Tagebaus Profen angeschlossen und wird täglich mit zwei Zügen Rohbraunkohle beliefert. Ein weiterer Hauptabnehmer war das Kraftwerk Deuben, das nach zahlreichen Protesten und Störfällen am 7. Dezember 2021 vom Netz genommen wurde.
Aussagen von Umweltaktivisten und Mitgliedern des deutschen Bundestages zufolge, beliefert die MIBRAG mit Braunkohle aus dem Tagebau Profen seit dem Jahr 2012, offiziell nach unternehmenseigenen Angaben seit 2014, die Braunkohlekraftwerke in Komořany u Mostu und Opatovice nad Labem in Tschechien, wo der Betrieb von Braunkohletagebauen im Jahr 2022 vollständig eingestellt werden soll und schon seit 2012 unfreiwillige bergbauliche Grundabtretungen nicht mehr zulässig sind.Rechtsgutachten vom 28. Oktober 2015 Klima-Allianz Deutschland, abgerufen am 17. März 2019.Konzernangaben zur MIBRAG EP Coal Trading, abgerufen am 17. März 2019.Braunkohlelieferungen in die Tschechische Republik. Deutscher Bundestag Drucksache 18/3819, abgerufen am 17. März 2019.
Geschichte mini|Tagebau Profen, 1996 mini|Tagebau Profen, 2018 mini|Abbaufeld Profen-Süd, 2006 mini|Abbaufeld Schwerzau, 2009
Verbunden mit der Industrialisierung stieg in Mitteldeutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Nachfrage nach heimischer Kohle für den Hausbrand, vor allem aber für die wachsende Anzahl von Fabriken stark an. Verkehrsgünstig an der Bahnstrecke Leipzig-Zeitz gelegen, eröffnete in rund vier Kilometer Entfernung vom Haltepunkt Profen die Waldauer Braunkohlen-Industrie AG im Jahr 1908 die Tiefbaugrube Bunge-Nebe bei Queisau. Zwei Jahre später baute das Unternehmen eine Brikettfabrik in Profen mit sechs Umformpressen und einer Nasspresssteinanlage. Die Fabrik wurde zunächst über eine Luftseilbahn mit Rohbraunkohle aus der Grube Bunge-Nebe beliefert. Noch zu DDR-Zeiten trugen die Briketts aus Profen die Prägung Waldau. Damit war ersichtlich, dass die installierten Pressen von 1910 unverändert viele Jahrzehnte in Betrieb blieben.Profen. In: LMBV (Hrsg.): Mitteldeutsches Braunkohlenrevier, Wandlungen und Perspektiven, Heft 19, Senftenberg 2016. S. 6. Abgerufen am 15. März 2019.Heiko Gösel: Weißenborner Heimat. Echo vergangener Zeiten. (PDF) In: Forstkurier, Weißenborn 2015, S. 17. Abgerufen am 15. März 2019.
Die Waldauer Braunkohlen-Industrie AG wurde 1911 von der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG übernommen, die sich 1924 mit der Aktiengesellschaft der Anhaltischen Kohlenwerke (AKW) zuerst im Rahmen einer Verwaltungsgemeinschaft und 1940 vollständig vereinte.Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG Geschäftsberichte von 1924 bis 1940. In: Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv, abgerufen am 13. Mai 2019. Zu den AKW gehörte der Großtagebau in Wählitz, von wo aus die Brikettfabrik in Profen ab 1930 über werkseigene Kohlebahnen beliefert wurde. 1930 folgte die Schließung der Grube Bunge-Nebe bei Queisau. Im Mai 1938 gelangten die Aktien der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG und der Anhaltischen Kohlenwerke in den Mehrheitsbesitz von Friedrich Flick. Rund acht Monate später begannen in Profen die Arbeiten zur Errichtung einer hochmodernen Schwelerei im Lurgi-Spülgasverfahren, die 1940 in Betrieb ging. Zur gleichen Zeit fiel der Entschluss, in der unmittelbaren Umgebung einen neuen Großtagebau zu eröffnen. Dieser sollte in Konkurrenz zur hochtechnisierten Otto-Scharf Grube der A. Riebeck’sche Montanwerke (IG Farben) stehen.Johannes Bähr, Axel Drecoll, Bernhard Gotto, Kim Christian Priemel, Harald Wixforth: Der Flick-Konzern im Dritten Reich. Walter de Gruyter, 2012, S. 159. ISBN 978-3-486-58683-1
Im Jahr 1941 begannen die Entwässerungsarbeiten für den Aufschluss des neuen Tagebaus. Parallel entstand eine weitere Werksbahn nach Wählitz. Über diese Verbindung erfolgte der Transport des ersten Abraums aus Profen zur Verkippung im ausgekohlten Teil des Tagebaus Wählitz II, später auch „Quarzitkippe“ genannt. Schon bei der ersten Abraumbeseitigung, die ab 1943 begann, stießen die Bagger auf Tertiärquarzit, der sich als spezifisch für das unter der Oberfläche liegende Gebirge im Raum Profen herausstellte. Während der NS-Diktatur sowie der SED-Diktatur spielten Begleitrohstoffe grundsätzlich eine untergeordnete Rolle, soweit bei der Gewinnung der Braunkohle keine Verzögerungen eintraten. Nach 1990 wurden die früheren Quarzitkippen von der Bergbauindustrie als „Zwischenlager“ bezeichnet, und die verschütteten Gruben zur „Rohstoffsicherung“ erneut geöffnet.Rolf Dieter Stoll, Christian Niemann-Delius, Carsten Drebenstedt, Klaus Müllensiefen: Der Braunkohlentagebau. Bedeutung, Planung, Betrieb, Technik, Umwelt. Springer Science & Business Media, 2008, S. 196.
Im Mai 1944 nahm der Tagebau Profen seinen Betrieb auf. Wie von den damaligen Geologen bei der Exploration korrekt ermittelt, zeichnete sich die Rohbraunkohle in den erschlossenen Gebieten mit einem Bitumenanteil von bis zu 70 Prozent aus. Die Profener Schwelerei veredelte die Kohle zu Schwelteer, den unter anderem das im Jahr 1939 von der Braunkohle-Benzin AG (BRABAG) fertiggestellte Hydrierwerk Zeitz in synthetische Kraftstoffe umwandelte. Trotz der kriegswichtigen Produktion stand eine Devastierung von Orten für den Tagebau Profen zu dieser Zeit nicht zur Diskussion und wurde auch nicht in Erwägung gezogen. Vielmehr existierten ab 1942 beim Bergamt Zeitz konkrete Pläne zur Wiederurbarmachung der Tagebaufläche.Wiederurbarmachung von Bergbauflächen der Anhaltischen Kohlenwerke, Gruppe Zeitz In: Landesarchiv Sachsen-Anhalt, abgerufen am 16. März 2019.
Die im April 1945 in Profen einrückenden Streitkräfte der Vereinigten Staaten schenkten dem Tagebau wenig Beachtung. Dies änderte sich am 1. Juli 1945. Gemäß dem Zonenprotokoll rückten an diesem Tag die US-Streitkräfte aus Mitteldeutschland ab und überließen das Gebiet im Tausch gegen West-Berlin der Sowjetischen Besatzungsmacht. Deren Rote Armee war für die nun einsetzenden Enteignungen und Demontagen verantwortlich.Jürgen Möller: Amerikanische Besetzung des Leipziger Südraumes durch das V. US Corps im April 1945. Arps, 2006, S. 59, 74. Im Gegensatz zur nahegelegenen Grube Otto-Scharf bei Köttichau, deren Tagebauausrüstung von sowjetischen Beutekommandos zwischen Juli und November 1945 vollständig abtransportiert wurde, hielten sich die Demontagen in Profen in Grenzen. Hier ging die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) sehr schnell auf eine Entnahme der von ihr erhobenen Reparationsansprüche aus der laufenden Produktion über.Klaus Neitmann, Jochen Laufer (Hrsg.): Demontagen in der Sowjetischen Besatzungszone und in Berlin 1945 bis 1948. Sachthematisches Archivinventar. BWV Verlag, 2014, S. 10.Klaus-Peter Meinicke, Klaus Krug, Uwe Gert Müller: Industrie- und Umweltgeschichte der Region Sachsen-Anhalt. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2003, S. 27 f.
Am 16. November 1946 folgte die Enteignung und Überführung der Anhaltischen Kohlenwerke in eine Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG Maslo). Ein Betriebsteil davon wurde das „Kombinat Profen“ mit dem Tagebau Profen, der Kippfelder Wählitz I und II sowie den Brikettfabriken in Profen, Wählitz und Köpsen. Das Kombinat produzierte für die folgenden sechs Jahre nahezu ausschließlich für die UdSSR. Im April 1952 gestattete die SMAD der DDR den etappenweisen „Rückkauf“ der Braunkohlewerke Profen. Jedoch wurden erst nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 die Reparationsleistungen vollständig eingestellt.Christiane Künzel: Verwaltung Sowjetische [Staatliche] Aktiengesellschaften in Deutschland (SAG). In: Horst Möller, Alexandr O. Tschubarjan (Hrsg.): SMAD-Handbuch. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland 1945–1949. Oldenbourg-Verlag, 2009, S. 388–395.
Von 1953 bis 1955 erfolgte der Bau einer Werksbahn zwischen Profen und dem VEB Braunkohlenwerk ‚Erich Weinert‘ in Deuben.Werkbahnen im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau. In: LMBV (Hrsg.): Mitteldeutsches Braunkohlenrevier, Wandlungen und Perspektiven, Heft 20, Senftenberg 2016. S. 6, abgerufen am 15. März 2019. Bereits 1952 begann mit dem Aufschluss des sogenannten Sachsenfeldes, westlich von Elstertrebnitz, die Erweiterung des Tagebaus. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wiesen alle nach 1945 neu eröffneten Kohlefelder erhebliche Defizite auf. Die fortan gewonnene Kohle führte zeitweise zu großen Leistungseinbrüchen in den Weiterverarbeitungswerken Profen und Deuben. Die Zumischung von Teerrückständen aus den Schwelereien zeigte nur bedingt eine Qualitätsverbesserung.Bergakademie Freiberg (Hrsg.): Freiberger Forschungshefte. Reihe A. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie, 1963, S. 18.