mini|hochkant=1.1|Mann mit Körperbehaarung und echter Gynäkomastie

Gynäkomastie (aus griechisch γυνή (gynē) = Frau und μαστός (mastos) = Brust) ist die ein- oder doppelseitige Vergrößerung der Milchdrüse beim Mann. Die echte Gynäkomastie durch Vermehrung des Drüsengewebes muss dabei von einer unechten Gynäkomastie (Pseudogynäkomastie) durch Fetteinlagerung (Lipomastie, Adipomastie) – wie sie bei Übergewicht und Fettsucht (Adipositas) auftritt – unterschieden werden.

Gynäkomastie ist eine Anomalie und keine Krankheit. Diese Art von Brustveränderung kann je nach sozialem Umfeld unproblematisch sein, bei davon betroffenen Männern aber auch zu teilweise erheblichen Störungen des Selbstvertrauens führen.

Genetischer Hintergrund Nicht nur bei der Frau, sondern auch beim Mann ist genetisch die Veranlagung vorhanden, Brustdrüsengewebe auszubilden. Während dies bei der Frau zum normalen Wachstum gehört und in der Pubertät beginnt, wird es beim Mann normalerweise durch körpereigene Hormone unterdrückt. Gerät dieser Hormonhaushalt in ein bestimmtes Ungleichgewicht, können sich auch beim Mann Brustdrüsen ausbilden. Diese sind auch zur Laktation fähig, müssen dazu allerdings hormonell angeregt werden.

Arten der Gynäkomastie

Normale physiologische Veränderung (idiopathische Form) mini|hochkant=0.7|Pubertäts­gynäkomastie

mit Vergrößerung des Brustdrüsenkörpers Neugeborenengynäkomastie: Bei Neugeborenen findet man in bis zu 90 % eine GynäkomastieE. Kauf: Gynäkomastie im Kindesalter. In: Fortschritte der Medizin. 1. Dezember 1998, Band 116, S. 23–26, PMID 10023187. Sie wird durch die weiblichen Hormone der Mutter ausgelöst, die über die Plazenta auf das Neugeborene übertragen wurden und sich nach der Geburt wieder zurückbildet. Pubertätsgynäkomastie: entsteht bei etwa 40–70 % der Jungen im Verlauf der Pubertät und bildet sich in aller Regel, aber nicht immer, vollständig zurück. Lange Zeit glaubte man, dass dieses pubertäre Brustwachstum durch die erhöhte Östrogenbildung und eine dadurch bedingte Verschiebung des Östrogen/Testosteron-Verhältnisses in Richtung Östrogen verursacht ist. Durch eine Studie in Dänemark konnte diese Annahme nicht bestätigt werden. Vielmehr sprechen neue Befunde dafür, dass der signifikant erhöhte insulinähnliche Wachstumsfaktor Insulin-like growth factor 1 (IGF-1) zusammen mit den erhöhten Östrogenen dieses Brustwachstum bewirkt, bei ebenfalls erhöhtem Testosteronspiegel und damit einem unveränderten Verhältnis von Östrogenen zu Testosteron.Copenhagen Puberty Study → Mikkel G. Mieritz, Lars Lau Rakêt, Casper P. Hage u. a.: A longitudinal study of growth, sex steroids and insulin-like growtht factor I in boys with physiological gynaecomastia. In: The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. veröffentlicht online 19. August 2015, doi:10.1210/jc.2015-2836 ().

mit oder ohne Vergrößerung des Brustdrüsenkörpers Altersgynäkomastie: Bei Erwachsenen wird das Auftreten von 30–40 % eher geringer Befunde festgestellt. Mit zunehmendem Alter erhöht sich der Anteil der Fettgewebsmasse im Vergleich zur abnehmenden Körpermasse, dadurch erhöht sich auch die Umwandlung von männlichen Hormonen (Androgene) in weibliche Hormone (Östrogene) im Fettgewebe. Gleichzeitig dazu nimmt die männliche Hormonbildung im Hoden ab, was dazu führt, dass die hormonelle Unterdrückung der Ausbildung eines Brustdrüsenkörpers unterbleibt. ohne Vergrößerung des Brustdrüsenkörpers Pseudogynäkomastie (auch Lipomastie resp. bei allgemeiner Fettsucht (Adipositas) Adipomastie genannt). Der Übergang vom Übergewicht zur Adipositas wird etwa bei einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 erreicht. Bei einer unechten Gynäkomastie (ohne Wachstum der Brustdrüse) entsteht eine äußerlich aufgeblähte Brust durch Lipideinlagerung (Lipomastie bei Adipositas) oder durch regionale Tumoren wie beispielsweise ein Lipom.Jens Jacobeit, Sabine Kliesch: DMW, Gynäkomastie: Diagnostik und Therapie. (Volltext als PDF abgerufen am 31. Januar 2022).

Die jeweiligen Häufigkeitsangaben in der medizinischen Literatur unterscheiden sich stark, da möglicherweise methodische Probleme in der Erfassung und Klassifikation der unterschiedlichen Gynäkomastiearten bestehen.

Echte Gynäkomastie mini|hochkant=.85|Gynäkomastie

Eine echte Gynäkomastie mit Ausbildung und Wachstum des Brustdrüsenkörpers ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom eines endokrinen Ungleichgewichts, das zu einer Östrogen-Androgen-Imbalance des Organismus geführt hat. So können verschiedene hormonelle Störungen beziehungsweise Erkrankungen, eine Kastration oder auch Nebenwirkungen von Medikamenten zu einer Brustvergrößerung führen:

Mangel an männlichen Hormonen (Hypogonadismus) Erhöhte Östrogenbildung (Hyperöstrogenismus) Chronische Erkrankungen (Nierenversagen, Leberversagen, Alkoholmissbrauch) angeborene Erkrankungen wie Aromatase-Exzess-Syndrom Brustkrebs (sehr selten) Medikamente;Gynäkomastie durch Arzeneimittel. In: arznei-telegramm. Nr. 03/1998, S. 31–33; Auf: arznei-telegramm.de; abgerufen am 21. Mai 2022.Gynäkomastie durch Ketoconazolexternum (TERZOLIN)? In: arznei-telegramm. Nr. 12/1992, S. 126; Auf: arznei-telegramm.de; abgerufen am 21. Mai 2022. neben Hormonen gehören zu den häufigsten Auslösern: Säureblocker wie Cimetidin, Ranitidin oder Omeprazol der Aldosteronantagonist Spironolacton das Prostatamittel Finasterid Herzglykoside wie Digoxin Calciumantagonisten vom Typ Nifedipin oder Verapamil Neuroleptika vom Phenothiazintyp wie Risperidon oder Sulpirid.

Auslöser Ursachen der echten Gynäkomastie sind in der Regel Störungen im Hormonhaushalt. Dabei lassen sich im Wesentlichen unterscheiden:

erhöhte Ansprechbarkeit des Brustgewebes auf weibliche Geschlechtshormone Vorhandensein von erhöhten Mengen an weiblichen Geschlechtshormonen, z. B. bei der Hormontherapie des Prostatakarzinomes, bei östrogenproduzierenden Hodentumoren und Erkrankungen der Hypophyse und des Hypothalamus. Auch in der Pubertät kann ein Überschuss an Östrogen entstehen, der die Brust anwachsen lässt (Pubertätsgynäkomastie). verringerte Produktion von männlichen Geschlechtshormonen (wie bei Unterfunktion der Keimdrüsen oder bei Altersgynäkomastie durch verringerte Hormonbildung im Hoden bei gleichzeitigem Östrogenüberschuss) Nebenwirkung gewisser Medikamente (siehe Liste im vorhergehenden Absatz). Anwendung von ätherischen Ölen mit östrogener beziehungsweise antiandrogener Wirkung wie Teebaumöl und Lavendelöl, insbesondere bei Jugendlichen.Derek V. Henley, Natasha Lipson, Kenneth S. Korach, Clifford A. Bloch: Prepubertal Gynecomastia Linked to Lavender and Tea Tree Oils In: New England Journal of Medicine. Band 356, Nr. 5, 1. Februar 2007, S. 479–485, , PMID 17267908.J. Tyler Ramsey, Yin Li, Yukitomo Arao, Ajanta Naidu, Laurel A. Coons, Alejandro Diaz, Kenneth S. Korach: Lavender products associated with premature thelarche and prepubertal gynecomastia: Case reports and EDC activities. In: Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. Band 104, Nr. 11, November 2019, S. 5393–5405, , PMID 31393563. Aufnahme hoher Hormonkonzentrationen durch die Ernährung, insbesondere durch hormonbehandeltes Fleisch Testosterongaben (medizinisch indiziert oder als Anabolika), da dieses im Fett- und Muskelgewebe mittels des Enzyms Aromatase teilweise in Östrogen umgewandelt wird. davon unabhängige Ursachen wie Schilddrüsenerkrankungen, Leberzirrhose und die Dialyse bei Niereninsuffizienz (Nierenversagen) Vorliegen des Karyotyps 47,XXY mit Gynäkomastie als ein Phänotyp des Klinefelter-Syndroms.

Beim einseitigen Befund der Gynäkomastie ist auch beim Mann das Vorliegen eines Mammakarzinomes (Brustkrebs) nicht auszuschließen. Meist handelt es sich jedoch um ein Fibroadenom der Brust.

In Europa ist beschrieben, dass der übermäßige Genuss von mit Hopfen gebrautem Bier durch den Gehalt der Hopfenblüten an Phytoöstrogenen an der Entstehung einer Gynäkomastie beteiligt sein kann. Gleichwohl ist die hohe Zufuhr von Nahrungsenergie bei der Aufnahme alkoholischer Getränke wesentlich (Zunahme des Körperfettes – sogenannte „falsche Gynäkomastie“).

In einer Studie wurde ein gehäuftes Vorkommen bei Soldaten des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung festgestellt. Die Studie basiert auf 211 operativen Brustverkleinerungen bei Soldaten, davon 35 Wachsoldaten, und einer gesunden Kontrollgruppe.Hans-Peter Kuhne, Sandy Egler, Stefan Lenz u. a.: GMS Interdisciplinary Plastic and Reconstructive Surgery DGPW 2012 / Gynecomastia in German soldiers: etiology and pathology. Auf: egms.de vom 9. Januar 2012; abgerufen am 5. Mai 2016.

Behandlung Bei der echten Gynäkomastie ist aus gesundheitlicher Sicht in der Regel kein Eingriff nötig. Da eine durch das soziale Umfeld bedingte psychische Belastung sehr hoch sein kann, besteht sehr wohl Bedarf, dem Brustwachstum entgegenzuwirken, dieses zu unterbinden oder auch das Brustdrüsengewebe zu entfernen.

Vorbeugung vor Medikamenteneinsatz Durch eine Bestrahlung des Brustgewebes kann die Bildung einer Gynäkomastie bei dem Einsatz von Antiandrogenen – beispielsweise bei der Therapie eines Prostatakarzinoms – teilweise oder ganz verhindert werden. Die Erfolgsrate dieser Prophylaxe liegt zwischen 60 und 92 %.B. Neu, V. Sautter, M.-L. Sautter-Bihl: Strahlentherapie zur Prophylaxe und Therapie einer antiandrogenbedingten Gynäkomastie bei Prostatakarzinom. Magdeburg 2010 ().

Linderung von Beschwerden Bei einer ausgeprägten Gynäkomastie können sich Beschwerden wie Mastodynie (Druckgefühl, Schmerzen in der Brust), Überempfindlichkeit der Brustwarzen oder Hautreizungen in der Brustfalte einstellen. Auch die Bewegung des Gewebes kann als unangenehm empfunden werden. Beim Sport kann letzteres zu starken Schmerzen führen. Kompressionsshirts oder Büstenhalter (insbesondere ein Sport-BH) können in diesen Fällen Linderung verschaffen.

Veränderung der Brust durch Einnahme von Hormonpräparaten Häufig wird versucht, die Rückbildung der Brust durch Einnahme von Hormonpräparaten herbeizuführen, was jedoch nicht in allen Fällen und nur bei früher Erkennung zum gewünschten Erfolg führt.

Operative Brustverkleinerung Wird die Brust durch einen operativen Eingriff verkleinert, geschieht dies meist durch einen kurzen Schnitt am Rand des Brustwarzenhofes, durch den das Drüsengewebe und eventuell überschüssiges Körperfett entfernt werden.

Eine Operation ist jedoch nur eine Behandlung des Symptoms, nicht der Ursachen der Gynäkomastie. Eine nachhaltige Behandlung erfordert deshalb je nach Ursache der Brustvergrößerung: Änderung der Ernährung (Gewichtsreduktion, weniger Alkohol) Nach Möglichkeit Absetzen von gynäkomastie-auslösenden Medikamenten Bei bestehendem Androgenmangel kann männliches Hormon substituiert werden, Nebenwirkungen sind zu beachten (siehe auch Testosteronzufuhr).

Siehe auch Weibliche Brust Lipomastie (Lipomatosen: Fettanhäufungen an bestimmten Körperstellen In: Medizinisches Wörterbuch. m-press münchen.) Idiopathie

Literatur Nadine Slevogt: Pubertätsgynäkomastie: Androgenrezeptorbestimmung bei Pubertätsgynäkomastie und Kontrollgewebe. (Pathophysiologie und Histologie). Hamburg 2005, (Dissertation, Universität Hamburg 2005). Gerhard Schreiber: Differenzialdiagnose und Therapie der Gynäkomastie. In: Gerd Plewig, Peter Thomas: Fortschritte der praktischen Dermatologie und Venerologie. Band 20, 2006, Springer-Medizin-Verlag, Heidelberg 2007, , S. 309–314 (Textauszug online). Matthias Gensior: Die Gynäkomastie – ein Tabuthema? (Behandlungsoption Mastektomie mit Liposuktion) In: Journal für Ästhetische Chirurgie. Band 6, Nr. 1, 2013, S. 48–52, doi:10.1007/s12631-012-0201-4.

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Krankheitsbild in der Endokrinologie Kategorie:Sexualmedizin