mini|Friedrich Wilhelm Freiherr von Willisen (1876–1933) Friedrich-Wilhelm Freiherr von Willisen (* 12. Februar 1876 in Karlsruhe; † 4. Januar 1933 in Berlin) war ein deutscher Oberstleutnant, sowie Politiker und Präsident des Deutschen Schutzbundes für das Grenz- und Auslandsdeutschtum. In der Weimarer Republik war der „geheimnisvolle Mann“ der Reichswehr, der für viele – zum Unterschied zu Schleicher – der „gute Genius“ des Heeres war,John Wheeler-Bennett: Die Nemesis der Macht. Die deutsche Armee in der Politik. 1918-1945. Band 1, Droste-Verlag, Düsseldorf 1954, S. 215. ein wichtiger Verbindungsmann zwischen der Reichswehr und der Regierung.

Leben Familie Friedrich-Wilhelm entstammte der Adelsfamilie von Willisen. Er war ein Sohn des preußischen Generals der Kavallerie und Gouverneurs von Berlin Karl von Willisen und dessen Ehefrau Julie, geborene von Köller (1843–1934). Die Brüder seines Großvaters väterlicherseits waren Wilhelm und Friedrich Adolf von Willisen. Sein Großvater mütterlicherseits war Matthias von Köller, seine Onkel waren Ernst und Georg von Köller.

Friedrich-Wilhelm heiratete 1905 in Berlin Irmgard Rieß von Scheurnschloß. Der Ehe entstammten die Kinder Hans-Karl (1906–1966) und Maria-Irmgard, verwitwete von Bülow (1938–1945), ab 1956 verehelichte Gräfin zu Stolberg-Wernigerode (1914–2006).Hans Friedrich von Ehrenkrook et al.: Genealogisches Handbuch der Freiherrlichen Häuser. B (Briefadel). 1963. Band III, Band 31 der Gesamtreihe GHdA, Hrsg. Deutsches Adelsarchiv, C. A. Starke, Limburg an der Lahn 1963, S. 487.

Werdegang Generalstabsoffizier Willisen trat nach seiner Erziehung im Kadettenkorps am 22. März 1893 als chargierter Fähnrich in das 4. Garde-Regiment zu Fuß der Preußischen Armee ein. Dort wurde er am 18. August 1894 zum Sekondeleutnant befördert. Von 1909 bis 1918 gehörte er in verschiedenen Funktionen dem Großen Generalstab an. Unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Willisen, der wie Kurt von Schleicher, Oskar von Hindenburg, Joachim von Stülpnagel, Friedrich Graf von der Schulenburg und Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord ein Schüler und Freund Wilhelm Groeners war, von diesem mit der Überprüfung der Aufmarschpläne im Westen und der Ausarbeitung eines neuen Verteidigungsplans für die Vogesen beauftragt. Sein Alternativplan sah vor, den Vogesenkamm mit schwächeren Kräften zu verteidigen, um dadurch zusätzlich zwei Armeekorps am Niederrhein einsetzen zu können. Sein Vorschlag, auf die Besetzung Lüttichs zu verzichten, sollte, wie Brüning von Groener später hörte, die Engländer veranlassen, als erste die belgische Neutralität zu verletzen.Herbert Hömig: Brüning. Kanzler in der Krise der Republik. S. 71.

Während des Ersten Weltkrieges wurde Willisen zunächst im Westen eingesetzt, später diente er unter Hans von Seeckt in Siebenbürgen: Er plante und führte den Überraschungskampf gegen die französischen und englischen Kavalleriedivisionen an der belgisch-französischen Grenze im Spätherbst 1914 durch. Er war der wirkliche Sieger von Brzezeny, wo er die vorgedrungenen deutschen Truppen aus der Umklammerung der russischen Armeen befreite und noch 60 000 Gefangene einbrachte. Er plante und war hauptsächlich verantwortlich für den Sieg über die Italiener bei Caporetto.Heinrich Brüning: Memoiren. S. 45 f. 1914 wurde er zum Major befördert und 1916 zum Chef des Generalstabs des IV. Armee-Korps ernannt. Für seine Leistungen während des Krieges wurde Willisen vielfach ausgezeichnet. So erhielt er am 1. November 1917 die höchste preußische Tapferkeitsauszeichnung, den Orden Pour le Mérite sowie am 14. November 1917 durch den bayerischen König das Ritterkreuz des Militär-Max-Joseph-Ordens.

Bei der Rückkehr aus dem Krieg wurde er in München von meuternden Truppen festgesetzt und zum Tode verurteilt. Er entging jedoch diesem Schicksal und kam frei.Herbert Hömig: Brüning. Kanzler in der Krise der Republik. S. 72.

Chef des Grenzschutz Ost Danach wurde er am 10. November 1918 zum Abteilungsleiter im Preußischen Kriegsministerium ernannt, wo er mit der Aufstellung des Oberkommandos Grenzschutz Ost beauftragt war. Ab dem 17. Dezember 1918 bis 1920 war er Chef der für die organisatorischen Fragen zuständigen Zentralstelle Grenzschutz Ost (Zegrost), dessen Geschäftsstelle sich im Berliner Schloss Bellevue befand.Ab 1920 befand sich das Schutzvereinshaus in der Berliner Motzstraße 22. Das Gebäude war von Willisen als Eigentümer für den Deutschen Schutzbund angekauft worden. Vgl. Erasmus Jonas: Die Volkskonservativen 1928–1933. Entwicklung, Struktur, Standort u. staatspolit. Zielsetzung. Droste, Düsseldorf 1965, S. 64, Anm. 9. Der frühere Generalstabsoffizier war führend am Aufbau der Freikorps beteiligt und bemühte sich später, deren Angehörige in die Reichswehr einzugliedern. In deren Auftrag pflegte er auch Kontakte zur Schwarzen Reichswehr.

Willisen gehörte zur Generation jüngerer Generalstabsoffiziere, die sich für den Erhalt der Weimarer Republik und gegen die politischen Extreme von Links und Rechts einsetzten. So trug er maßgeblich zum Scheitern des Kapp-Putsches bei, indem er dafür sorgte, dass den Putschisten die Unterstützung durch die Reichswehr versagt blieb.Die Entscheidung im Reichswehrministerium brachten Willisen und seine Freunde, vor allem Hammerstein, der seinen eigenen Schwiegervater, den General von Lüttwitz, kurzerhand verhaften ließ, zustande. Heinrich Brüning: Memoiren. S. 64.

Politische Aktivitäten Am 1. April 1920 erhielt er als Oberstleutnant seinen Abschied aus der Reichswehr, doch auch nach seinem Ausscheiden blieb Willisen eine „Schlüsselfigur der Reichswehr“.Herbert Hömig: Brüning. Kanzler in der Krise der Republik. S. 134. Willisen war Mitbegründer und Präsident des Schutzbundes für das Grenz- und Auslandsdeutschtum sowie Mitglied des Deutschen Herrenklubs und Ehrenritter des Johanniterordens. Zudem soll Willisen, verschiedener Quellen nach, Unterstützer oder Gründungsmitglied des Juniklubs gewesen sein.Peer Oliver Volkmann: Heinrich Brüning. S. 55. Zur Unterstützung der politischen Ziele der Volkskonservativen gründete Willisen 1924 die Zeitung Politische Wochenschrift, die von 1925 bis 1931 von Hermann Ullmann herausgegeben wurde. Von 1928 bis 1932 war er 2. Vorsitzender der Volkskonservativen Vereinigung.

Im Sommer 1923 reiste Willisen zu einer Unterredung mit Adolf Hitler nach München, um sich persönlich eine Meinung über den einflussreichen Agitator der NSDAP zu bilden. Sein Eindruck war, daß Hitler manisch veranlagt sei und keine klare Vorstellung von der Möglichkeit habe, die ihm die weitere Währungsentwicklung und die Politik Frankreichs bieten könnten. Er meinte, daß der Mangel an persönlichem Mut Hitler besonders gefährlich mache, weil er in einem entscheidenden Augenblick, wenn er merke, daß seine Anhänger enttäuscht würden, alles riskieren würde. Willisen fand, daß Hitler von jedermann Geld nahm. Er beklagte die mangelnde Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der bayerischen Staatspolizei, die bestimmte Dokumente über die finanzielle Unterstützung Hitlers in die Hand bekommen könne, auf Grund deren eine Anklage Hitlers wegen Hochverrat möglich war.Heinrich Brüning: Memoiren. S. 98.

Als der Chef der Reichswehr, Generaloberst Hans von Seeckt, von den Männern seines Stabes – unter ihnen Kurt von Schleicher – und Industriellen wie Hugo Stinnes im Herbst des Krisenjahres 1923 gedrängt wurde, das Kanzleramt für sich zu beanspruchen und das Parlament aufzulösen, brachte Willisen seinen Kriegskameraden Seeckt zum Einlenken, indem er ihn davor warnte, die Reichseinheit durch ein Sandkastenspiel mit unbekannten Gegnern zu gefährden.Gottfried Reinhold Treviranus: Das Ende von Weimar. S. 61.

Leiter der Fliegerschulen Als Leiter der vier illegalen Fliegerschulen war Willsen aktiv am Aufbau der deutschen Luftwaffe nach dem Ersten Weltkrieg beteiligt. Wie weitsichtig und verantwortungsvollHerbert Hömig: Brüning. Politiker ohne Auftrag. S. 203. Willisen die Aufrüstungsbestrebungen der Reichswehr unterstützte, bewies er anlässlich der Genfer Abrüstungskonferenz 1932, als er dem Antrag Brünings auf Abschaffung deutscher Bombenflugzeuge zustimmte.Heinrich Brüning: Briefe und Gespräche. Bd. 1, S. 148.

Weggefährte und Berater Heinrich Brünings Seit dem März 1919 war Willisen der politische Weggefährte und einflussreicher Berater des späteren Reichskanzlers Heinrich Brüning, der in ihm seinen Verbindungsmann zur Reichswehr sah.Verband der Geschichtslehrer Deutschlands: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht. Band 24, E. Klett, Stuttgart 1973, S. 202 ff. In Willisens Berliner Wohnung, Giesebrechtstraße 15, traten wiederholt Brüning, Gottfried Treviranus, Hermann Ullmann, Groener und Schleicher zu politischen Konsultationen zusammen. Die Geburtsstunde des Kabinetts Brüning war der 26. Dezember 1929, als sich Groener und Schleicher in der Wohnung der grauen Eminenz, des ehemaligen Reichswehroffiziers Willisen, mit dem mit Willisen befreundeten Zentrumspolitiker Brüning trafen und dort die Marschrichtung des ersten reinen Hindenburg-Kabinetts absteckten. Über die Schiene Schleicher-Groener-Willisen liefen bis zum April 1932 die entscheidenden politischen Initiativen ab.Wolfram Pyta: Die Präsidialgewalt in der Weimarer Republik. In: Marie-Luise Recker (Hrsg.): Parlamentarismus in Europa. Deutschland, England und Frankreich im Vergleich. In: Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquium 60; Oldenbourg, München 2004, S. 88. In seinen Memoiren nennt Brüning Willisen die Seele des Widerstandes gegen den Bolschewismus und der Zusammenarbeit der jüngeren Generalstabsoffiziere mit Ebert, um dessen Leben er immer besorgt war.Heinrich Brüning: Memoiren. S. 46 f. Manches spricht dafür, daß Willisen eine Art Lehrmeister in politischer Strategie und Taktik für ihn wurde und zu den wenigen zählte, denen Brüning voll vertraute.Gerhard Schulz: Zwischen Demokratie und Diktatur. Verfassungspolitik und Reichsreform in der Weimarer Republik. de Gruyter, Berlin/Göttingen 1987, S. 456.

Neben Friedrich Graf von der Schulenburg war Willisen im Januar 1928 als einer der Kandidaten Paul von Hindenburgs für die Nachfolge des wegen der Lohmann-Affäre zurückgetretenen Reichswehrministers Otto Geßler im Gespräch. Beide lehnten es jedoch ab, gegen Wilhelm Groener anzutreten, der als Kandidat der Reichswehr schließlich das Amt übernahm.

Erkrankung und Tod Ende 1931 erkrankte Willisen schwer. Die Ärzte diagnostizierten eine Krebserkrankung des Halses.Heinrich Brüning: Briefe und Gespräche. Band 1, S. 438. Er befand sich bereits im Sanatorium, als es am 10. Mai 1932 im Reichstag, während einer Rede Groeners, in der er das Verbot der von Ernst Röhm geführten SA verteidigen wollte, zu Tumulten kam. Als daraufhin am 11. Mai 1932 Kurt von Schleicher, als Vertreter der Reichswehr, gegenüber Brüning den Rücktritt des Reichswehrministers Groener forderte, entfuhr es Brüning nach Aussage des an der Unterredung teilnehmenden Treviranus: Wenn nur Willisen gesund wäre. Er würde die Bendlerstraße in Schach halten!.Gottfried Reinhold Treviranus: Das Ende von Weimar. S. 305. Am 4. Januar 1933 starb Willisen an den Folgen seiner Erkrankung. Er wurde auf dem Berliner Invalidenfriedhof beerdigt. Sein Grab ist nicht erhalten.Hans-Jürgen Mende: Lexikon Berliner Grabstätten. Haude und Spener, Berlin 2006, s. Reg.

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