mini|Orthografisch falsches Leerzeichen auf einem ehemaligen Wegweiser in Wuppertal; mit „Uni Halle“ war nicht die Universität in Halle gemeint, sondern die Wuppertaler Uni-Halle. mini|Schild am Postfuhramt, Berlin
Als Leerzeichen in Komposita bezeichnet man die fehlerhafte Trennung zusammengesetzter Wörter (Komposita) durch Leerzeichen. Komposita werden gemäß der geltenden deutschen Rechtschreibung grundsätzlich zusammengeschrieben. In vielen anderen Sprachen, wie z. B. Englisch oder Türkisch, ist dies anders, insbesondere in nicht-germanischen Sprachen. Im Deutschen ist es in der Regel falsch, Komposita getrennt (mit Leerzeichen) zu schreiben. Umgangssprachlich abwertend werden solche Leerzeichen als Deppenleerzeichen bezeichnet.Ageliki Ikonomidis: Anglizismen auf gut Deutsch: ein Leitfaden zur Verwendung von Anglizismen in deutschen Texten. Buske-Verlag 2009, ISBN 978-3-87548-560-8, S. 31.
Die Getrennt- oder Zusammenschreibung von Einheiten, die im Text unmittelbar benachbart und aufeinander bezogen sind, ist in Teil B des amtlichen Regelwerkes der deutschen Rechtschreibung von 2006 geregelt:Deutsche Rechtschreibung, Regeln und Wörterverzeichnis entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung, Überarbeitetes Regelwerk (Fassung 2006 mit den Aktualisierungen 2011) – Downloadseite (Link) des Instituts für Deutsche Sprache Mannheim, Regeln (PDF; 827 kB), Wörterverzeichnis (PDF; 710 kB). Bestandteile von Wortgruppen schreibt man getrennt, Bestandteile von Zusammensetzungen schreibt man zusammen.dto. – Regeln, Teil I B Getrennt- und Zusammenschreibung, S. 33 f. Für eine Kennzeichnung der einzelnen Bestandteile, die Absetzung gegeneinander und die Hervorhebung für den Leser wird dem Schreibenden in Teil I C der amtlichen Regelung der Bindestrich als Möglichkeit geboten; man spricht dann von einer Durchkopplung. In bestimmten Fällen ist der Bindestrich ausdrücklich vorgeschrieben.dto. – Regeln, Teil I C Schreibung mit Bindestrich Vorbemerkungen und §§ 40–52, S. 43 f.
Komposita wurden bis ins 17. Jahrhundert oft durch Leerzeichen getrennt.Nibelungen-Handschrift C - Donaueschingen 63. ( der Badischen Landesbibliothek) Bis ins 20. Jahrhundert ging man mehr und mehr dazu über, Komposita in einem Wort oder mit Bindestrich zu schreiben. Seit den 1990er Jahren werden Komposita fälschlicherweise wieder häufiger auseinandergeschrieben, vor allem in Entlehnungen aus dem Englischen, in Namen für Geschäfte, Produkte und Unternehmen, in den Medien und in der Werbegrafik. Beispiele dafür sind Frisch Back Stube statt Frischbackstube, Stadt Bücherei statt Stadtbücherei oder Diplom Ingenieur statt Diplom-Ingenieur oder Diplomingenieur.
Nach der Regel schreibt sich die Schule, die nach Alexander von Humboldt benannt ist, Alexander-von-Humboldt-Gymnasium (Alexander von Humboldt-Gymnasium hingegen könnte der Doppelname von Alexander von Humboldt nach der Heirat mit einer Person namens Gymnasium sein). Es kann um einen Commodore-MPS-801-Drucker gehen (bzw. um einen Drucker Commodore MPS-801), und ebenso kann ein 60er-Jahre-Oldie Gegenstand einer Aussage sein.
Eine Quelle häufiger Fehler ist der Umgang mit Bezeichnungen, die sowohl ein Name als auch eine Herkunftsbezeichnung sein können. Die Wittelsbacher Herrschaft wäre eine vom Ort Wittelsbach ausgeübte Herrschaft, dagegen ist die Wittelsbacherherrschaft (oder Wittelsbacher-Herrschaft) die Regierung durch das Geschlecht der Wittelsbacher. Ähnlich verhält es sich mit Wörtern wie Habsburger, Hamburger und vielen anderen.
Geschichte mini|Leerzeichen in Komposita: Lutherbibel von 1534, Hesekiel 13 mini|Straßenschild Ochsen Gasse in der Fuggerei Im mittelhochdeutschen Nibelungenlied, das im frühen 13. Jahrhundert entstanden ist, finden sich in einer Handschrift aus dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts auseinandergeschriebene Komposita wie chvchen meister (Küchenmeister).
Auseinandergeschriebene Nominalkomposita erschienen parallel zu der zusammengeschriebenen Variante bis in die Neuzeit. Die Lutherbibel von 1534 verwendet durchgehend Leerzeichen in Nominalkomposita mit nachfolgender Minuskel. Danach kamen weitere Schreibvarianten der Nominalkomposita auf, die Schreibung mit Leerzeichen mit nachfolgender Majuskel, die Schreibung ohne Leerzeichen mit nachfolgender Majuskel (Binnenmajuskel) und die Schreibung mit Bindestrich beziehungsweise Doppelbindestrich.
Im 18. Jahrhundert verschwand die Variante der durchgehenden Schreibung mit Bindestrich weitgehend, blieb aber in Zusammensetzungen mit Namen und anderen besonderen Fällen bis heute erhalten. Die Binnenmajuskel verschwand bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Das letzte Lehrbuch der Orthographie mit dieser Variante war das von Joseph Wismayr, das ab 1803 für die Reform des bayerischen Schulwesens eingesetzt wurde.Joseph Wismayr: GrundSätze der hochdeutschen Sprache zum Schul- und SelbstUnterrichte. Zweyter Theyl, RechtschreibLehre. Im kurfürstl. deutschen SchulBücherVerlage am RinderMarkte. München 1805.
In den ab 1861 erschienenen amtlichen Regelwerken wurden Leerzeichen in Komposita, Binnenmajuskeln und Bindestrich nicht erwähnt, da sich das Zusammenschreiben von Komposita mit Ausnahme der Komposita mit Namen allgemein durchgesetzt hatte.Regeln und Wörterverzeichnis für die deutsche Rechtschreibung zum Gebrauch an den bayerischen Schulen. In amtlichem Auftrage bearbeitet. Verlag von R. Oldenbourg, München o. J. . In den vereinheitlichten amtlichen Regelwerken der Bundesstaaten des Deutschen Reiches ab 1901 war für unübersichtliche Fälle von Nominalkomposita der Bindestrich vorgesehen, nicht das Leerzeichen.Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis. Herausgegeben vom Königlich Bayerischen Staatsministerium des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten auf Grund Vereinbarung mit den deutschen Bundesregierungen und mit Österreich. Verlag R. Oldenbourg, München 1903.
Für Komposita mit Namen nannte Konrad Duden im Jahr 1905 folgende fünf vorkommenden Fälle mit Leerzeichen oder Bindestrich: Kaiser Wilhelmsplatz, Kaiser Wilhelms-Platz, Kaiser-Wilhelmsplatz, Kaiser-Wilhelms-Platz und Kaiserwilhelmsplatz.Konrad Duden: Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Achte, neubearbeitete Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1905. Vorwort, S. XIII. Die noch im 20. Jahrhundert nachweisbare Schreibweise nach dem Muster Kaiser Wilhelm PlatzBildbeleg Kaiser Wilhelm Brücke.Bildbeleg Kaiser Friedrich Museum. erwähnte Duden nicht.
Mangels einer amtlichen Vorschrift wählte Duden für die 8. Auflage seines Orthographischen Wörterbuchs der deutschen Sprache von 1905 die Variante Kaiser-Wilhelms-Platz als alleinige Variante aus und begründete den Verzicht auf Leerzeichen unter anderem damit, dass sich die Variante mit Bindestrichen (Durchkopplung) bei amtlichen Benennungen wie Friedrich-Wilhelms-Universität bereits ein Übergewicht verschafft habe. 1907 übernahm Duden seine Entscheidung auch in den Buchdruckerduden.Konrad Duden: Rechtschreibung der Buchdruckereien deutscher Sprache. Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1907. Vorbemerkungen, S. XVIII.
In Österreich und der Schweiz folgte man der Entscheidung Dudens nicht und behielt Leerzeichen in mehrgliedrigen Straßennamen bis in die Gegenwart bei. In Österreich gilt im Bereich der Ämter und Behörden nunmehr die Vorgabe, dass Leerzeichen in Komposita von Straßennamen in Zukunft nicht mehr verwendet werden. In der Schweiz besteht seit 2005 die Empfehlung des Bundesamts für Landestopografie, sich an die Duden-Regel zu halten. Als Komposita gelten in der Schweiz auch von Ortsnamen abgeleitete Benennungen wie Genfer See; man schreibt dort Genfersee.
Abweichungen vom aktuellen deutschen Schreibstandard Auswirkung auf Sprachfluss und Verständlichkeit Falsch gesetzte Leerzeichen können den Lesefluss stören, weil ein zusammengesetzter Ausdruck nicht sofort als solcher zu erkennen ist. Bisweilen ist der Sinn einer abweichenden Schreibung gegenüber der standardgemäßen Zusammenschreibung oder Schreibweise mit Bindestrich mehrdeutig oder verändert, wie in der Werbung eines Mobiltelefonanbieters, der mit „24 Monate ohne Grund Gebühr“ warb, oder auf einem Schild des Bezirksamts Nord in Hamburg mit dem Hinweis „Trink Wasser für Hunde“.
Die Schreibweise mit Leerzeichen führt in der Regel zu veränderter Betonung: Der Hauptakzent eines zusammengesetzten Wortes liegt im Deutschen normalerweise auf dem ersten Teilwort. Beispielsweise liegt der Hauptakzent bei Stadtbahnwagen auf Stadt- ([]). Ein Leerzeichen führt hingegen zu einem weiteren Hauptakzent, beispielsweise in Stadtbahn Wagen auf Wagen ([]). Auf diese Weise entstehen in gesprochener Sprache häufig sogenannte Holzwegsätze, bei denen sich nicht mehr zuverlässig vorhersagen lässt, wie der Satz wahrscheinlich weitergehen wird, nicht zuletzt häufig deshalb, weil nicht klar ist, was Subjekt und was Objekt ist. Deutlich wird der Bedeutungsunterschied auch in den Satzanfängen „Meine kranken Schwestern“ gegenüber „Meine Krankenschwestern“.
Umgekehrt gibt bei der Verschriftlichung gesprochener Sprache die Betonung einen Hinweis darauf, ob ein Leerzeichen zu setzen ist – auch ohne Kenntnis der Duden-Regeln.
Absichtliche Abweichungen Abweichungen bei Eigennamen Namensschreibweisen folgen Regeln, die von der amtlichen Rechtschreibung abweichen können. Das betrifft auch die Setzung von Zwischenräumen oder Bindestrichen. Schreibweisen der Standesämter (Personenstandsbehörden) dürfen nicht zwecks Vermeidung von Leerzeichen verändert werden.E1 zu § 46 der amtlichen Regeln (s. Fußnote 1), S. 49: Die standesamtliche Schreibung mehrteiliger Personennamen kann von dieser Regelung abweichen.
Im Regelwerk zur deutschen Rechtschreibung wird darauf hingewiesen, dass Eigennamen nicht an die orthographischen Regeln gebunden sind. In den Vorbemerkungen des Abschnitts C Schreibung mit Bindestrich heißt es:
So wird etwa die Johannes Gutenberg-Universität Mainz ohne Bindestrich zwischen Vor- und Nachname geschrieben. Dies gilt auch für einige Literaturpreise, so z. B. beim Anna Seghers-Preis, der Alfred Döblin-Medaille oder beim Kurt Sigel-Lyrikpreis. In anderen Fällen wird gar kein Bindestrich verwendet, wie etwa beim Jeanette Schocken Preis, dem Rheingau Literatur Preis, dem Siegfried Lenz Preis oder dem Siegfried Unseld Preis.
Im redaktionellen Teil von Zeitungen und Zeitschriften wird die Schreibweise von Unternehmen, Vereinen und Verbänden häufig an die Regeln der Rechtschreibung angepasst. Auch Unternehmensnamen mit Leerzeichen werden häufig zusammengeschrieben oder mit einem Bindestrich verbunden.
Der Schriftsteller Erich Kästner erklärte: „Der Bindestrich zwischen Vor- und Nachname ist unlogisch, trotz Duden.“ Er legte fest, dass alle Einrichtungen, die nach seinem Tod nach ihm benannt werden sollten, ohne Bindestrich in seinem Namen geschrieben werden sollen.Die Sache mit den Bindestrichen Erich Kästner-Schule Idstein. Abgerufen am 29. Oktober 2018. Die Erich Kästner-Schule in Wiesbaden-Schierstein veröffentlichte ein entsprechendes Schreiben von Kästner an den Oberbürgermeister von Wiesbaden aus dem Jahr 1970 auf ihrer Homepage.
Abweichungen bei Straßennamen in Österreich