Die Deutsche Arktische Expedition (auch Schröder-Stranz-Expedition) war eine für das Jahr 1913 geplante deutsche Expedition mit dem Ziel, die Nordostpassage zu durchqueren. Nachdem die Vorbereitungsexpedition nach Spitzbergen, im August 1912 von Tromsø aus gestartet, in einem Desaster endete, das neben dem Leiter Herbert Schröder-Stranz sieben weitere Teilnehmer mit dem Leben bezahlten, fand die Hauptexpedition nicht mehr statt.
Vorgeschichte mini|350px|Route der Expedition mini|Die Herzog Ernst im Magdalenefjord (Foto von Oswald Lübeck) Bei Schröder-Stranz, einem deutschen Offizier, reifte bereits 1905 während einer ausgedehnten Reise durch die russische Halbinsel Kola und Karelien der Gedanke, die Nordostpassage mit dem Schiff zu durchqueren. Dieses Unterfangen war zuvor nur Adolf Erik Nordenskiöld gelungen. Er plante dabei, während der Durchquerung zweimal zu überwintern und umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen vorzunehmen.Herbert Schröder-Stranz: Allgemeiner Plan einer wissenschaftlichen Expedition durch die Nordostpassage (Taimyr-Halbinsel) und durch den stillen Ozean. unveröffentlicht 1911, Bundesarchiv Berlin, 09.01. AA, Nr. 37684, Bl. 12–16. Mehrere Jahre befand er sich auf der Suche nach Sponsoren, bis schließlich Herzog Ernst II. von Sachsen-Altenburg einwilligte, zumindest eine Vorexpedition zu finanzieren.
Die Vorexpedition nach Spitzbergen im Jahre 1912 sollte dazu dienen, die Tauglichkeit der Ausrüstung und der Mannschaft zu klären sowie Erfahrungen im arktischen Klima zu sammeln. Zusätzlich sollte die Frage beantwortet werden, ob das Innere von Nordostland von einer durchgehenden Eisdecke überzogen war.Cornelia Lüdecke: Wissenschaft und Abenteuer in der Arktis. Beispiele deutscher Polarexpeditionen. In: Journal of Northern Studies. 1–2/2007, , S. 59–64. Darüber hinaus war die Expedition für Schröder-Stranz eine willkommene Gelegenheit, öffentliche Aufmerksamkeit auf sein Projekt zu lenken und damit weitere Geldgeber zu gewinnen, da die Finanzierung der Hauptexpedition nicht gesichert war. Der ursprüngliche Plan, als erster Mensch mit einem Flugzeug die Arktis zu erkunden, musste fallengelassen werden, nachdem sich der als Pilot vorgesehene Alfred Ritscher bei einem Flugzeugabsturz verletzt und seine Ausbildung nicht abgeschlossen hatte. Kapitän des zur Verfügung stehenden Motorseglers Herzog Ernst sollte zunächst der erfahrene Polarfahrer W. Berg werden. Da dieser jedoch den Bau des für die Hauptexpedition vorgesehenen Schiffes beaufsichtigen musste, ernannte Schröder-Stranz Ritscher zum Schiffsführer, der allerdings keinerlei Erfahrung in arktischen Gewässern besaß.
Anfang August 1912 traf sich Schröder-Stranz mit seinen Begleitern, hauptsächlich Wissenschaftlern sowie einer norwegischen Crew, in Tromsø. Dort eröffnete er ihnen seinen neuen Plan, mit Zugschlitten das Nordostland zu durchqueren. Dies war bisher ebenfalls nur Nordenskiöld von Süden nach Norden gelungen, und Schröder-Stranz plante die Durchquerung auf der wesentlich weiteren Route von Osten nach Westen. Er erklärte dabei, dass dazu eine Überwinterung auf Spitzbergen nicht mehr ausgeschlossen werden könne.Hermann Rüdiger: Die Sorge-Bai. Aus den Schicksalstagen der Schröder-Stranz-Expedition. Edition Fines Mundi, Saarbrücken 2007 (Nachdr. d. Ausg. Berlin 1913) Zwei Teilnehmer, darunter der als Schiffsarzt vorgesehene Ludwig Kohl-Larsen, verließen daraufhin die Expedition. Die anderen Teilnehmer ließen sich überzeugen, und die Herzog Ernst stach am 5. August mit 15 Mann an Bord in See.
Absetzen von Schröder-Stranz mini|Zeichnung der Herzog Ernst (Rave) Bereits wenige Tage nach der Abfahrt traf die Mannschaft auf erstes Treibeis. An der Südspitze Spitzbergens angekommen stellte sich heraus, dass der direkte Weg nach Nordostland durch den Storfjord bereits unpassierbar war und stattdessen Spitzbergen auf nordwestlichem Kurs umrundet werden musste, um dann am Nordkap vorbei nach Nordostland zu gelangen. Am 13. August, zwischen Nordkap und Kap Platen, wurde jedoch die Weiterfahrt durch Packeis erneut unmöglich gemacht. Die Herzog Ernst konnte nicht bis zur Ostküste Nordostlands vordringen, was eine erneute Planänderung vonnöten machte.
Schröder-Stranz schlug daraufhin vor, mit den Schlitten auf dem Eis bis zur Küste zu gelangen, und von dort aus auf westlicher Route das Gustav V.-Land Nordostlands und anschließend die Insel Spitzbergen zu durchqueren. Bis spätestens 15. Dezember wollte er am Krossfjord an der Westküste Spitzbergens, an dem Kurt Wegener und Max Robitzsch im selben Jahr am Geophysikalischen Observatorium Ebeltofthafen überwinterten, wieder an Bord kommen. Am 15. August machte sich Schröder-Stranz mit drei Begleitern und Nahrung für zwei Monate auf den Weg, über 10 km von der Küste entfernt. Seitdem ist die Gruppe verschollen.
Fußmarsch an den Adventfjord mini|Treurenbergbai (Zeichnung: Rave) Sechs Tage nach dem Absetzen von Schröder-Stranz und seinen Begleitern erreichte die Herzog Ernst am 21. August die Sorgebai (auch Treurenbergbai), wo sie in der dortigen Schutzhütte für Schröder-Stranz Vorräte hinterlassen sollte. Aufgrund ungünstiger Winde und Packeis konnte sie jedoch die Bucht nicht mehr verlassen und wurde vom Eis eingeschlossen. Da ausreichend Nahrung mitgenommen worden war, hätte die Mannschaft auf der Herzog Ernst überwintern können. Stattdessen entschloss sie sich jedoch am 21. September, einen beschwerlichen Fußmarsch über fast 300 km in Richtung der nächsten Siedlung am Adventfjord (heute Longyearbyen) in Angriff zu nehmen. Die Mitglieder der norwegischen Crew erkannten die Aussichtslosigkeit des Unterfangens und blieben zunächst auf dem Schiff.
Die Gruppe kam nur langsam voran; nach fünf Tagen erreichte sie eine von Nordenskiöld errichtete Schutzhütte in der Mosselbai – für diese Strecke war ursprünglich nur ein Tag veranschlagt worden. Während der Rest der Gruppe zunächst unschlüssig war, ob ein Fortsetzen des Fußmarsches überhaupt sinnvoll wäre, vertraten Detmers und Moeser die Meinung, mit leichterem Gepäck schneller voranzukommen. Die beiden brachen am 27. September allein auf und ließen dabei sogar ihre Schlafsäcke zurück. Die übrigen entschieden sich, zunächst weitere Vorräte vom Schiff zu holen. Am Schiff angekommen, schlossen sich ihnen doch noch die Norweger Stenersen und Rotvold an. Nach dem erneuten Aufbruch der Gruppe von der Schutzhütte am 29. September wurden Detmers und Moeser bei der Mosselbai zuletzt am Horizont gesehen. Seitdem sind auch sie verschollen.Laut der ZDF-Dokumentation wurde die Leiche eines der beiden – Detmers oder Moeser – 1917 gefunden.
Am 4. Oktober erreichte die Gruppe an der Wijdebai eine Hütte von Robbenfängern. Die Füße des Ozeanographen Hermann Rüdiger waren völlig erfroren, so dass er nicht mehr weitergehen konnte. Rüdiger musste zusammen mit Christopher Rave an der Hütte verbleiben. Am 8. Oktober machten sich zunächst Ritscher und Eberhard an den Weitermarsch, einen Tag später folgten ihnen die Norweger Stenersen und Rotvold. Kurze Zeit später hatten die Norweger Ritscher und Eberhard eingeholt.
Am 24. Oktober kam die Gruppe an den Fuß des Gletschers von Dickson-Land. Der Aufstieg misslang, aber sie konnten zunächst Unterschlupf in einer Hütte am Westfjord finden, wo sie auf umfangreiche Nahrungsmittelvorräte stießen. Sie verbrachten dort fast zwei Monate, vermutlich, weil sich Eberhards Gesundheitszustand inzwischen dramatisch verschlechtert hatte.
Am 18. Dezember schickte Ritscher Eberhard zusammen mit den beiden Norwegern zurück zum Schiff. Er selbst machte sich nun, ohne Schlafsack und völlig auf sich allein gestellt, auf den Weitermarsch. Um sich vor dem Erfrieren während des Schlafs zu schützen, stellte Ritscher nach späterem Bekunden bei jeder eingelegten Pause einen Wecker auf 15 Minuten im Voraus ein, so dass er nie in einen längeren Schlaf verfiel, der den sicheren Tod bedeutet hätte.
Unter größten Strapazen überquerte Ritscher den Gletscher und erreichte die Dickson Bai, einen Teil des Isfjords im Norden von Longyearbyen. Dort musste er allerdings feststellen, dass der Fjord nicht vollständig zugefroren war, sondern inmitten des Fjords eine etwa 200 m breite Wasserrinne verblieben war; eine Überquerung erschien also nicht möglich. Von Eisscholle zu Eisscholle springend, gelang es ihm allerdings tatsächlich, den Fjord zu überqueren, wobei er allerdings einmal ins eiskalte Wasser einbrach und sich nur mit Mühe retten konnte. Am 27. Dezember kam er schließlich völlig erschöpft und unterkühlt in Longyearbyen an. Erst nach einigen Tagen war er in der Lage, einen vollständigen Bericht über die Situation der Schröder-Stranz-Expedition zu geben. Daraufhin wurde ein Notruf nach Norwegen telegraphiert.
Rüdiger und Rave Rüdiger und Rave, die eigentlich nur für fünf Wochen Lebensmittel vorrätig hatten, harrten seit Anfang Oktober in der Hütte an der Wijdebai aus. Rüdiger konnte sich aufgrund seines vollständig erfrorenen linken Fußes kaum bewegen, so dass Rave alle Tätigkeiten ausführen musste. Ab dem 20. Oktober war zudem die Polarnacht hereingebrochen, so dass die Männer die meiste Zeit in völliger Dunkelheit verbrachten. Als die Vorräte zur Neige gingen, erkannten beide, dass ihre einzige Rettung in der Rückkehr zum Schiff lag. Rave konstruierte daher einen Schuh für Rüdiger, mit dem dieser zumindest eingeschränkt gehen konnte. Am 23. November machten sich beide auf den ca. 80 km langen Fußmarsch zurück zum Schiff. Obwohl Rüdiger starke Schmerzen hatte und sich häufig auf den Schlitten setzen musste, erreichten beide bereits nach drei Tagen die Hütte an der Mosselbai, wo sich frische Vorräte befanden. Am 27. November machten sie sich auf die letzte Etappe, und obwohl sie sich einige Male verirrten, kamen sie am 1. Dezember am Schiff an.
Stenersen, Rotvold und Eberhard Die drei, die sich am 18. Dezember am Westfjord von Ritscher getrennt hatten, erreichten vier Tage später die Hütte, in der Rüdiger und Rave sich lange Zeit aufgehalten hatten. Am 24. Dezember machten sie sich zum Schiff auf. Während die Norweger noch am selben Tag am Schiff ankamen, konnte der völlig erschöpfte Eberhard nicht mit ihnen Schritt halten. Die Norweger gaben später an, ihn im Bereich der Mosselbai aus den Augen verloren und trotz längerer Suche nicht mehr wiedergefunden zu haben. Sie erwähnten auch, dass Eberhard eine zunehmende „Geistesgestörtheit“ an den Tag gelegt habe, was als Bewusstseinseintrübung eines sich ankündigenden Kältetods gedeutet werden kann. In einem von Eberhard in der Hütte zurückgelassenen Brief, der später gefunden wurde, drückte dieser seine Besorgnis aus, von den Norwegern zurückgelassen zu werden.
Überwinterung auf dem Schiff Bald nach der Ankunft musste Rave Rüdigers linken Fuß sowie Zehen am rechten Fuß und mehrere Fingerglieder ohne Betäubungsmittel amputieren. Am 23. Februar starb Knut Stave, der Schiffskoch, an einer Tuberkulose. Die verbliebenen vier Norweger begaben sich Ende März auf den Weg nach Longyearbyen und erreichten es am 5. April. Rave blieb bei dem bewegungsunfähigen Rüdiger.
Rettungsexpeditionen Nachdem in Norwegen sowie in Deutschland der Ausgang der Schröder-Stranz-Expedition publik wurde, wurden bald mehrere Rettungsexpeditionen zusammengestellt.
Eine bereits am 24. Januar von Longby aus gestartete norwegische Expedition unter der Leitung des Bergarbeiters Ingvar Jensen musste am 5. Februar nach Erfrierungen mehrerer Teilnehmer abgebrochen werden.