mini|hochkant=1.3|Das britische Kavallerieregiment 13th Hussars in Pretoria bei der Rettung eines ertrinkenden Kameraden im Zweiten Burenkrieg (1902)
Ertrinken oder Ertrinkungstod ist eine spezielle Form der Asphyxie, eine Unterform des äußeren Erstickens.
Statistiken und Studien zeigen, dass ein großer Teil von Ertrinkungsunfällen dicht am Ufer und an Booten passiert. Häufig wurden die Betroffenen im Nachhinein als gute Schwimmer beurteilt. Bei Kindern zählt Ertrinken zu den häufigsten Unfällen mit Todesfolgen.G. Elsäßer: Epidemiologische Analyse von Unfällen bei Kindern unter 15 Jahren in Deutschland - Ausgangspunkt für die Unfallprävention. Georg Thieme Verlag KG Stuttgart / New York, 2006. Forschungsergebnisse seit Beginn der 1980er Jahre erklären die ursächlichen Zusammenhänge und unterteilen den Ablauf des Ertrinkens durch plötzliches Eintauchen in Wasser in vier Phasen. Der Kälteschock als bestimmender Einflussfaktor bei Wassersportunfällen wird durch die Benetzung der Haut mit Wasser ausgelöst.
Die physiologische Antwort auf den Kontakt mit kaltem Wasser tritt bereits ab 20 °C Wassertemperatur auf, bedrohlicher ist der Bereich unter 15 °C Wassertemperatur. Je niedriger die Wassertemperatur, desto stärker ist die Reaktion der beteiligten Organsysteme.
Das Einatmen von Flüssigkeiten führt zu einem augenblicklichen Verschluss des Kehldeckels. Dieser Schutzmechanismus wird durch Rezeptoren ausgelöst, die sich im Bereich des Kehlkopfeingangs befinden. Gleichzeitig wird versucht, die Fremdkörper, die Flüssigkeit etc. aus diesem Bereich durch Abhusten zu entfernen.
Der Ertrinkungstod ist vom Badetod zu unterscheiden.
Pathophysiologie Kälteschock Maximale Überlebenschancen in kaltem WasserZitiert nach: Udo Beier, DKV-Referent für Küstenkanuwandern (24/01/06): Unterkühlung, Seite 9 (PDF; 85 kB) Wassertemperatur Zeit bis zur Erschöpfungbzw. Bewusstlosigkeit Theoretisch mögliche ÜberlebenszeitÜberlebenszeit: hier die Zeit vom Beginn der Unterkühlung bis zum Tod. 0,3 °C < 15 min bis 45 min 4,5 °C 30 min bis 90 min 10 °C 1 h 3 h 15 °C 2 h 6 h 21 °C 7 h 40 h 26 °C 12 h > 40 h Nach dem unfreiwilligen Eintauchen in kaltes Wasser kommt es innerhalb der ersten Minuten zu parallelen Reaktionen mehrerer Körpersysteme. Die Atmung, der Kreislauf, die Muskulatur und das Nervensystem sind dabei beteiligt. Je größer die benetzte Hautfläche und je größer die Temperaturdifferenz, desto deutlicher erfolgt die physiologische Antwort auf diesen Umgebungsreiz. Über die Information durch die Thermorezeptoren der Haut wird reflektorisch eine intensive Einatmung (Inspiration) ausgelöst. Weitere Folgen sind ein starker Anstieg der Herzfrequenz (Tachykardie) und des Atemantriebs (Tachypnoe). Zuerst gibt es unfreiwillige Atemzüge, denen eine Hyperventilation (schnelles und ungeordnetes Atmen) folgt. Das Atemzugvolumen ist dabei wesentlich gesteigert und bei einer Wassertemperatur unter 15 °C verringert sich das Vermögen, die Luft anzuhalten, auf zehn Sekunden. Die Synchronisation von Einatmung und Schwimmbewegungen ist stark eingeschränkt.
Neben dieser Atemreaktion tritt Panik auf, die Lage im Wasser kann nicht mehr kontrolliert werden. Mund- und Nasenraum können nicht gezielt über dem Wasser gehalten werden. Wasser gelangt in die Atemwege und führt zu einem Verschluss der Stimmritze. In der gleichen Phase tritt ein dramatischer Anstieg der Herzfrequenz und des Blutdruckes auf: Insbesondere bei vorbelasteten Menschen mit der Gefahr eines Herzinfarktes oder Schlaganfalles (Apoplex). Die veränderte Umgebungstemperatur bewirkt des Weiteren ein sofortiges Zusammenziehen der Hautgefäße (Vasokonstriktion), Herzrhythmusveränderungen (Extrasystolen) und eine Steigerung des Blutdrucks (Hypertonie). Die Herzarbeit steigt, die Herzdurchblutung sinkt, die Sauerstoffversorgung des Herzmuskelgewebes nimmt ab.
In Großbritannien, wo das Meerwasser oft sehr kalt ist, ertranken 55 % aller Opfer in einer Entfernung von nicht mehr als drei Meter vom Ufer oder von einem Boot, obwohl ein Drittel von ihnen als gute Schwimmer galten.Zeit Wissen, Oktober/November 2008, S. 86
Zeitliche Abfolge der Phasen nach dem Eintauchen in Wasser (Ausprägung jeweils abhängig von der Wassertemperatur): Phase 1: Kälteschock (ca. 1–3 Minuten) Phase 2: Schwimmversagen (ca. 3–30 Minuten) Phase 3: Unterkühlung (ca. 30–60 Minuten) Phase 4: Kreislaufreaktion durch die Rettung (während der Rettung oder Stunden nach der Rettung)
Unterkühlung Auf hoher See, in kalten Binnengewässern und bei Einbruch im Eis sterben die Ertrinkenden auch direkt durch Unterkühlung (Hypothermie). Bei tiefen Temperaturen schon nach wenigen Minuten, manchmal aber auch erst bei falscher Bergung (Bergungstod). Siehe Tabelle unter Kälteschock.
In Wasser unter 28 °C kann die Körpertemperatur nicht dauerhaft aufrechterhalten werden. Die Körperkerntemperatur fällt durch die Abgabe von Wärmeenergie an das umgebende Wasser ab. Die Geschwindigkeit dieses Abfalls ist abhängig von mehreren Faktoren. Schädlich sind niedrige Wassertemperatur, Wasserbewegung am Körper durch Schwimmbewegung oder Wasserströmung, Alkohol, sowie noch unverdaute Nahrung. Hilfreich wirken starke Körpermasse, Körperfett, isolierender Bekleidung. Körperliche und mentale Fähigkeiten nehmen ab.
Eine Unterkühlung tritt ein, wenn die Körperkerntemperatur unter 37 ˚C fällt. Je nach zeitlichem Verlauf werden die Übergänge über die Bewusstlosigkeit (Gefahr der Aspiration) bis zum Herzstillstand fließend sein.
Schwimmversagen Neben dem Einfluss auf die Thermoregulation beeinträchtigt die Wassertemperatur die Leistungsfähigkeit der Muskelzellen. Gleichzeitig verringert sich die Geschwindigkeit der Reizleitung über die Nervenbahnen. Die Muskelkontraktion, die Greifkraft und die Handkoordination nehmen rapide ab und machen es schwierig bis unmöglich, z. B. eine Schwimmhilfe anzulegen oder sich aus dem Wasser zu ziehen. Die Schwimmfähigkeit des Betroffenen ist eingeschränkt, da die Synchronisierung von Atmung und Schwimmstößen schwieriger wird. Der Schwimmer kommt in eine aufrechtere Position, um den Mund über Wasser zu halten, was zu ineffizienten Schwimmstößen führt.
Die beiden vorgenannten Phasen erklären den zeitlichen Ablauf bei vielen Ertrinkungsunfällen, ohne dass dabei die Körperkerntemperatur beeinflusst wird.
Die nächste Phase der Unterkühlung schließt sich an, sollte der Betroffene z. B. durch eine Schwimmhilfe (Schwimmweste/Rettungsweste, andere Auftriebshilfe) an der Wasseroberfläche gehalten werden.
Aspiration Pathophysiologisch unterschieden wird das Ertrinken in Süßwasser von dem in Salzwasser, was verschiedene Folgen für den Körper hat. Während diesen Mechanismen früher viel Beachtung geschenkt wurde, herrscht heute die Ansicht, dass die resorbierten Wassermengen und die daraus resultierenden Elektrolytstörungen meist nicht relevant sind, und sieht als wichtigstes pathophysiologisches Prinzip des Ertrinkens die Hypoxie infolge des fehlenden Sauerstoffs sowie der lokalen Störungen der Lunge (Atelektasenbildung, Auswaschen von Surfactant) an.
Beim Ertrinken im Meer gelangt Salzwasser in die Lunge. Die Konzentration der Ionen in der Lunge ist höher als im anliegenden Gewebe, sodass ein Konzentrationsausgleich stattfindet. Da Biomembranen semipermeabel (für Ionen undurchlässig, für Wassermoleküle durchlässig) sind, muss der Konzentrationsausgleich mit Hilfe der Diffusion von Wassermolekülen erfolgen. Die Konzentration der Wassermoleküle in der Lunge ist geringer als im anliegenden Gewebe, sodass dem Gewebe Wassermoleküle entzogen werden und die Lunge weiter mit Wasser befüllt wird. Dieser Vorgang ist ähnlich der Plasmolyse (Wasser strömt aus den Zellen aus) bei Pflanzenzellen.
Auch beim Ertrinken im Süßwasser gelangt Wasser in die Lunge. Die Konzentration der Wassermoleküle in der Lunge ist nun höher als die in den Zellen des anliegenden Gewebes. Um diesen Konzentrationsunterschied auszugleichen, diffundieren Wassermoleküle aus dem Lungengewebe in die Erythrozyten, welche letztlich platzen. Dieser Vorgang ist ähnlich der Deplasmolyse (Wasser strömt in die Zellen ein) bei Pflanzenzellen.
Falls es nach dem Eindringen von Flüssigkeit (Wasser) in die Atemwege zu einem dauernden Stimmritzenkrampf kommt, kann dieser fortbestehen und zum Tode der Person führen. Dies wird als Trockenes Ertrinken bezeichnet, weil beim Opfer kein Wasser in die Lunge eindringt. Besonders bei Kleinkindern (Pfütze, flacher Gartenteich) ist dies gefürchtet.
Zeichen des Ertrinkens Viele Menschen, die zu ertrinken drohen, sind nicht in der Lage, aktiv auf ihre Notlage aufmerksam zu machen. Dies hängt unter anderem mit der jeweiligen Art des Ertrinkens zusammen.
Typisches Ertrinken Ist der Mensch bei Bewusstsein und grundsätzlich in der Lage zu schwimmen, so ist das typische Ertrinken aus Erschöpfung als Kampf gegen das Untergehen mit mehrmaligem Auftauchen in Kombination mit nach Luft schnappen deutlich beobachtbar. Das Einatmen von Luft (Inspiration) wechselt sich dabei mit dem Einatmen von Wasser (Aspiration) ab.
Gelangt Wasser in die Atemwege, so löst der Körper einen Schutzreflex, den Stimmritzenkrampf aus, der verhindern soll, dass Wasser in die Lunge gerät. Dieser Krampf macht es Ertrinkenden unmöglich, durch lautes Rufen auf sich aufmerksam zu machen. Außerdem trägt er dazu bei, dass der Mensch das Bewusstsein verliert, da es dem Körper in Folge dieses Reflexes an Sauerstoff fehlt.Was geschieht in unserem Körper, wenn wir ertrinken? MDR, abgerufen am 10. September 2021 Wenn sowohl Wasser als auch Luft in die Lungen gerät, vermischt sich dies in den Atemwegen zu Schleim, der sich als Schaumpilz vor Mund und Nase sowie in den Atemwegen zeigt. Nach drei bis fünf Minuten der Unterversorgung mit Sauerstoff beginnen Gehirnzellen abzusterben und es kommt zu Organschäden an der Lunge. Für das Überleben (sowie mögliche Folgeschäden) ist nicht, wie man früher annahm, die Wassermenge, die in die Lunge gelangt, ausschlaggebend, sondern die Dauer des Sauerstoffmangels. Eingeatmetes Wasser kann allerdings auch bei Geretteten noch zu Komplikationen wie einer Lungenentzündung führen, die ebenfalls lebensgefährlich sein kann.
Anzeichen für die bestehende Notlage Ertrinkender: Rettungsdienst Factsheets, abgerufen am 10. September 2021Typische Anzeichen beim Ertrinken AOK, abgerufen am 10. September 2021 panische Angst, Erregung Person kommt nicht von der Stelle Arme werden seitlich ausgestreckt Beine werden nicht benutzt schwere, unregelmäßige und beschleunigte Atmung Kopf einschließlich Mund und Nase geraten wiederholt unter Wasser Leerer Blick oder geschlossene Augen, Sichtbehinderung durch z. B. Haare wird nicht mehr wahrgenommen Krämpfe, einschließlich Stimmritzenkrampf Bewusstlosigkeit/Atemstillstand Unterkühlung (erkennbar z. B. durch bläuliche Hautverfärbung der Lippen)
Beim typischen Ertrinken wird mitunter auch nach Ursachen unterschieden. Biografische Ursachen, wie die Herkunft, entscheiden oft darüber, ob jemand Nichtschwimmer ist, was z. B. bei einem hohen Anteil von Bootsflüchtlingen der Fall ist. Verhaltensbedingte Ursachen beinhalten dagegen Alkohol- und Drogenkonsum sowie das falsche Einschätzen der eigenen körperlichen Verfassung und der eigenen Fähigkeiten.Ursachen Ertrinken Doc Medicus, abgerufen am 10. September 2021
Der Tod im Wasser tritt überdurchschnittlich oft im Zusammenhang mit Alkohol auf. Eine Hamburger Studie, die Ertrunkene nach dem Tod untersuchte, kam zu dem Ergebnis, dass knapp 67 Prozent (286 von 424) alkoholisiert waren. Daten aus anderen Städten bestätigen diesen Zusammenhang.
Atypisches Ertrinken Der Badetod im engeren Sinne ist in der Regel ein stiller Tod, bei dem durch den Herz-Kreislaufstillstand die typischen Zeichen des Ertrinkens fehlen. Der Badetod im weiteren Sinne ereignet sich bei vorhandenen Vorerkrankungen zufällig im Wasser, beim Baden oder beim Schwimmen. Der Tod aus innerer Ursache wird außerdem durch Anstrengung und Abkühlung begünstigt.