Das Kastell Cuccium war ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am Limes Pannonicus zuständig war. Die antike Befestigungsanlage befand sich in der auf einem über dem rechten Donauhochufer gelegenen Felskegel. Der Strom bildete hier in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Seine archäologisch noch weitgehend unerforschten Reste befinden sich in der Gespanschaft Vukovar-Syrmien, auf dem Stadtgebiet von Ilok, die am östlichsten gelegenen Stadt des heutigen Kroatien.
Lage mini|Die Lage von Cuccium am pannonischen Limes zwischen Cornacum und Malata/Bononia Die zur Batschka gehörende Landschaft um Ilok wird von den hügeligen Ausläufern einer südlich gelegenen, in westöstliche Richtung verlaufenden Bergkette geprägt. Im Stadtbereich bildet die Donauniederung auf der Südseite ein steiles Hochufer. Die ältesten vorgeschichtlichen Funde, die zuerst durch Rudolf Robert Schmidt (1882–1950) bei Bapska in der Nähe von Ilok geborgen wurden, stammen aus der jüngeren Steinzeit. Weitere, durch fünf mächtige Kulturschichten getrennte Siedlungsspuren auf der dortigen Lösskuppe lassen sich auch für die Kupfersteinzeit und die frühe Bronzezeit nachweisen.
Das Kastell wurde in einer strategisch hervorragend gewählten Lage auf einem Berghügel errichtet. Er wird heute zur Gänze von einer mittelalterlichen Festungsanlage eingenommen, die sich seit dem späten 17. Jahrhundert im Besitz der italienischen Fürstenfamilie Odescalchi befand und seither mehrfach umgebaut wurde. Von diesen Punkt aus hatten die römischen Soldaten Sichtkontakt zum benachbarten, nordwestlich gelegenen Donaukastell Cornacum (Sotin). Zudem konnte von hier aus auch das am anderen Ufer der Donau gelegene Barbaricum beziehungsweise das Siedlungsgebiet der sarmatischen Jazygen weithin eingesehen werden, die sich dort seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. niedergelassen hatten. Dieser Stamm war über Jahrhunderte hinaus ein äußerst unruhiger und gefährlicher Gegner Roms.Mirjana Sanader: Die Grenze in Kroatien. In: Gerhild Klose, Annette Nünnerich-Asmus (Hrsg.): Grenzen des römischen Imperiums. von Zabern, Mainz 2006, ISBN 3-8053-3429-X, S. 156.
Forschungsgeschichte mini|Modell der Burganlage mini|Das östliche Ende der Burganlage mit der Sankt-Ivan-Kirche mini|Die der Donau zugewandte Wehrmauer der Burg mini|Der landseitige Abhang des Burgberges mini|Die Donau bei Illok Die ersten Berichte über die römische Vergangenheit des Ortes stammen von dem italienischen Offizier und Gelehrten Luigi Ferdinando Marsigli (1658–1730), der Ilok zu Beginn des 18. Jahrhunderts besucht hatte. Viele antike Fundstücke, die er dabei erwähnte, unter anderem drei Sarkophage sowie drei Bruchstücke von Granitsäulen, sind heute verschollen. Spätere Besucher fanden noch die Reste einer Wasserleitung (Aquädukt) und Ruinen im Umland vor. Die Fürsten von Odescalchi bestückten mit den vor Ort gemachten Funden ein – heute nicht mehr vorhandenes – Antikenkabinett, das beispielsweise der Archäologe Josef Brunšmid (1858–1929) noch im vollen Umfang besichtigen konnte. Zu seinem Inventar gehörten Fragmente eines marmornen Grabsteines mit fünf beschädigten Büsten, ein auf einer Marmorplatte dargestellter Satyrkopf sowie ein kleiner Altarstein, der dem Sonnengott Sol (Deo soli invicto) gewidmet war und zuvor als Spolie auf dem orthodoxen Friedhof Verwendung fand.; Danica Pinterović: Limesstudien in der Baranja und in Slawonien. In: Archaeologia Iugoslavica, 9, 1968, S. 55–82; hier: S. 77.
Über offizielle Grabungen am Kastell wurde bisher nichts veröffentlicht. Lange Zeit konnte nicht davon ausgegangen werden, dass es in Ilok während der Prinzipatszeit überhaupt eine Garnison gegeben hat. Erste Hinweise auf eine solche Zeitstellung gab die im Jahr 2000 geborgene Grabinschrift eines Kohortenzenturios.Barnabás Lőrincz: Zu den Besatzungen der Auxiliarkastelle in Ostpannonien. In: Miroslava Mirković (Hrsg.): Römische Städte und Festungen an der Donau. Akten der regionalen Konferenz organisiert von Alexander von Humboldt-Stiftung, Belgrad, 16.–19. Oktober 2003. Alexander von Humboldt-Stiftung, Bonn 2005. ISBN 86-80269-75-1. S. 53–66; hier: S. 63. Zwischen 2001 und 2002 sind im Zuge der Sanierung des Fürstenschlosses auf dem Burgberg erstmals weitergehende Forschungen im Bereich des zum Kastell gehörenden Lagerdorfs möglich geworden.Marko Dizdar, Renata Šoštarić, Kristina Jelinčić: Ranorimski grob iz Iloka kao prilog poznavanju romanizacije zapadnoga Srijema. In: Prilozi Instituta za arheologiju u Zagrebu. 20, 1 (2003), S. 70. PDFGrabungszone 2001 bis 2002 bei .
Baugeschichte Über Baudetails des Kastells ist mangels fassbarer Funde bisher nichts bekannt geworden. Es ist aber gut vorstellbar, dass die Fortifikation – in Analogie zu der Entwicklung anderer Kastellorte am pannonischen Limes – zunächst als rechteckiges Holz-Erde-Lager gegründet und im 2. Jahrhundert in Steinbauweise erneuert wurde. In der Folge wird es sicher auch, wie sich auch andernorts immer wieder feststellen ließ, Zerstörungen durch Kampfhandlungen, daran anschließende Wiedererrichtungen und diverse Umbauten gegeben haben.
Die Frischwasserversorgung von Cuccium erfolgte über eine Tonröhrenleitung. Diese wurde von der sogenannten Dekan-Quelle gespeist und führte über Vodena Glava bis zum Burgberg von Ilok.
Truppe Zu den während der mittleren Kaiserzeit im Kastell stationierten Truppen kann bisher gleichfalls nur spekuliert werden. Für das 4. Jahrhundert nennt die Notitia Dignitatum, ein spätrömisches Staatshandbuch aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts, die hier in Garnison liegende Einheit der Equites sagittarii – berittene Bogenschützen –, denen ein Cuneus equitum promotorum, gleichfalls eine Reitertruppe, folgte.Notitia Dignitatum occ. XXXI 21 und occ. XXXII 25.
Seit ihrer Auffindung im Jahr 2000 gibt eine Grabinschrift Auskunft über einen hier verstorbenen Offizier. Nach Meinung des Epigraphikers Barnabás Lőrincz (1951–2012) kann diese Inschrift aufgrund des dort genannten Namens Marcus Aurelius frühestens in das Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. datieren. Für den Standort der gleichfalls genannten Cohors I Lusitanorum (Erste Kohorte der Lusitanier) gab es bisher keine sichere Standortangabe. Lőrincz hatte sie in der Vergangenheit vor den Markomannen- und Sarmatenkriegen (166–180) am Kastell Kölked und nach Abschluss der Kämpfe im mutmaßlichen Kastell Szekszárd angenommen:
D(is) M(anibus). M(arco) Aurel(io) Sereno, vet(erano) ex (centurione) coh(ortis) I Lusit(anorum), domo Bass(iana), vixit ann(os) LVI, h(ic) s(itus) e(st). Cl(audia) Maximilla coniug(i) pientissimo et si- bi posuit.
Übersetzung: „Den Totengöttern. Für Marcus Aurelius Serenus, Veteran, ehemaliger Zenturio der Ersten Kohorte der Lusitanier, aus Bassiana, lebte 56 Jahre, hier ist er begraben. Claudia Maximilla, seine äußerst liebevoll Ehefrau hat (diesen Stein für ihn) und sich selbst errichtet.“
Vicus Während der umfassenden Sanierungs- und Rekonstruktionsarbeiten an der Burganlage mit dem fürstlichen Schloss, konnten ab 2001 erstmals genauere Daten zum Vicus, dem Lagerdorf des Kastells, zusammengetragen werden, der westlich des Schlosses auf dem Burgplateau lag. Noch weiter westlich des antiken Siedlungsbereiches stießen Archäologen 2002 auf eine singuläre frührömische Brandbestattung aus der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Die Überreste des Verstorbenen sowie die Beigaben waren in einem hölzernen Sarg untergebracht. Die 1,88 × 2,12 Meter große Grabgrube besaß abgerundete Ecken und konnte einem gutgestellten Mitglied der lokalen Aristokratie einer bereits in vorrömischer Zeit anwesenden keltisch-pannonische Volksgruppe zugeschrieben werden, die diesen Platz bereits vor Ankunft der Römer besiedelte. Das Grab enthielt Importgut aus Norditalien und regional erzeugte Töpferwaren. Die schon von Elementen der fortgeschrittenen Romanisierung geprägte Bestattung, in der sich auch Münzen aus der Regierungszeit des Kaisers Claudius (41–54) fanden, weist vielleicht auf ein frühes Gräberfeld hin, in dem auch die noch nicht vollständig assimilierten Einheimischen beerdigt wurden. Wie Gruben, Keramik und Münzen aus dem 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. zeigten, expandierte der römische Vicus über die ursprünglichen vorrömischen Siedlungsgrenzen hinaus.Renata Šoštarić, Marko Dizdar, Sara Mareković u. a.: Comparative Analysis of Plant Finds from Early Roman Graves in Ilok „(Cuccium)“ and Šćitarjevo „(Andautonia)“, Croatia – A Contribution to Understanding Burial Rites in Southern Pannonia. In: Collegium Antropologicum. 30 (2006), S. 429–436; hier: S. 430–431 PDF.
Römische Gräberfelder Weitere Gräberfelder des 1. bis 4. Jahrhunderts n. Chr. konnten entlang der Ausfallstraßen festgestellt werden. An der Straße in die südöstlich gelegene Provinzhauptstadt Sirmium sind besonders die spätantiken Sarkophagbestattungen und Ziegelgräber hervorzuheben, weitere Gräber sind von der Limesstraße in das nordwestliche Limeskastell Cornacum sowie nach Basianae bekannt.
Archäobotanische Untersuchung Das Fundmaterial der im Vicusbereich 2002 gefundenen singulären Bestattung ließ eine genauere archäobotanische Untersuchung zu und vermittelten in diesem Bereich eine Vorstellung von der Umwelt, die zur Zeit der frühen römischen Herrschaft in der Region herrschte. Rund um und in zwei Situla-förmigen Gefäßen hatten sich Reste zahlreicher Pflanzen und Samen erhalten. Die Gefäße selber waren bei der einheimischen Bevölkerung vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis zum frühen 2. Jahrhundert n. Chr. als Küchengerätschaft in Gebrauch.Renata Šoštarić, Marko Dizdar, Sara Mareković u. a.: Comparative Analysis of Plant Finds from Early Roman Graves in Ilok „(Cuccium)“ and Šćitarjevo „(Andautonia)“, Croatia – A Contribution to Understanding Burial Rites in Southern Pannonia. In: Collegium Antropologicum. 30 (2006), S. 429–436; hier: S. 431. Die Untersuchung wurde unter der Leitung von Hansjörg Küster am Institut für Geobotanik der Universität Hannover vorgenommen.Renata Šoštarić, Marko Dizdar, Sara Mareković u. a.: Comparative Analysis of Plant Finds from Early Roman Graves in Ilok „(Cuccium)“ and Šćitarjevo „(Andautonia)“, Croatia – A Contribution to Understanding Burial Rites in Southern Pannonia. In: Collegium Antropologicum. 30 (2006), S. 429–436; hier: S. 435.
Aus den 1957 untersuchten Pflanzenresten konnten 30 Taxa bestimmt werden, wobei es sich bei der überwiegenden Zahl um Kulturpflanzen handelte. Die folgende Tabelle zeigt die erkannten Arten.Renata Šoštarić, Marko Dizdar, Sara Mareković u. a.: Comparative Analysis of Plant Finds from Early Roman Graves in Ilok „(Cuccium)“ and Šćitarjevo „(Andautonia)“, Croatia – A Contribution to Understanding Burial Rites in Southern Pannonia. In: Collegium Antropologicum. 30 (2006), S. 429–436; hier: S. 432.