Die Belagerung von Tobruk war eine Auseinandersetzung zwischen den Achsenmächten und den Alliierten während des Afrikafeldzugs im Zweiten Weltkrieg. Sie dauerte – vom Beginn der Belagerung der Stadt Tobruk durch eine italienisch-deutsche Armee unter dem Kommando von Erwin Rommel am 11. April bis zum Entsatz der Stadt im Rahmen der Operation Crusader durch die alliierte 8. Armee unter dem Kommando von Claude Auchinleck am 27. November 1941 – insgesamt 230 Tage.
Hintergrund Italien hatte Frankreich und Großbritannien am 10. Juni 1940 den Krieg erklärt. Der italienische Diktator Benito Mussolini ging von einem nur kurzen Krieg aus und hoffte, durch ein Bündnis mit dem Deutschen Reich einige der Gebietsansprüche Italiens befriedigen zu können. In Nordafrika bestanden diese zum einen aus einer Vergrößerung der Kolonie Italienisch-Libyen Richtung Westen um das französische Protektorat Tunesien. In östliche Richtung strebte Italien eine Kontrolle über Ägypten und den strategisch wichtigen Sueskanal an, sowie die Herstellung einer direkten Landverbindung zu seinen Kolonien in Ostafrika. Nachdem Frankreich im Westfeldzug geschlagen worden war und Tunesien zum nun verbündeten Vichy-Frankreich gehörte, richteten sich die italienischen Expansionsziele in Nordafrika ganz auf Ägypten. Am 9. September 1940 marschierte Italien schließlich mit der 10. Armee in Ägypten ein.
Kriegsverlauf in Nordafrika Die Invasion verlief allerdings wenig erfolgreich und kam aufgrund der schlechten Versorgung und Ausrüstung der Truppen nur wenig mehr als 100 km hinter der ägyptisch-libyschen Grenze zum Stehen. Am 8. Dezember starteten die Alliierten mit der Operation Compass eine Gegenoffensive. Das ursprünglich auf nur wenige Tage begrenzte und der Vertreibung der italienischen Armee aus Ägypten gerichtete Unternehmen erwies sich als derart erfolgreich, dass der Vormarsch bis nach Libyen fortgesetzt wurde. Bis Anfang Februar 1941 hatten die alliierten Truppen die Kyrenaika bis einschließlich El Agheila besetzt und die 10. italienische Armee nahezu restlos aufgerieben.
Die vollständige Einnahme Italienisch-Libyens unterblieb allerdings, da Teile der in Nordafrika eingesetzten alliierten Truppen zur Abwehr des sich ankündigenden Balkanfeldzugs des Deutschen Reichs im April 1941 benötigt wurden. Während die Alliierten somit ab Februar 1941 Truppen zur Verteidigung Griechenlands abzogen, verschiffte Deutschland im so genannten Unternehmen Sonnenblume zur gleichen Zeit heimlich erste Truppenkontingente nach Tripolis und begründete das Deutsche Afrikakorps.
Militärische Ausgangslage Das britische Middle East Command hatte im April 1941 nur noch wenige und schlecht ausgebildete Verbände in der Kyrenaika stationiert. Durch andauernde Angriffe der Luftwaffe auf Bengasi konnte der Hafen nicht mehr von alliierten Schiffen angelaufen werden, was die Versorgung der Truppen insbesondere mit Kraftstoff für die Fahrzeuge immer schwieriger machte. Die Royal Air Force hatte ihre gesamten Kräfte nach Griechenland verlegt, so dass die Luftherrschaft in Nordafrika bei den Achsenmächten lag, was die Versorgungs- und Kommunikationslinien der Alliierten noch zusätzlich einschränkte. Allerdings war es den Briten maßgeblich dank der von Alan Turing erdachten Turing-Bombe gelungen, die deutsche Chiffriermaschine Enigma zu knacken. Dadurch konnten sie alle abgehörten Funksprüche der Wehrmacht dechiffrieren und sich auf deren Pläne vorbereiten. Wehrmacht-General Erwin Rommel traf einige militärische Entscheidungen ohne Rücksprache; in solchen Fällen gelangen seinen Truppen einige militärische Erfolge.
Am 24. März, etwa sechs Wochen nachdem die ersten deutschen Truppen in Tripolis gelandet waren, ging ein italienisch-deutscher Verband unter dem Kommando von Rommel zur Gegenoffensive in der Kyrenaika über. Angesichts der schwierigen Lage zogen die westalliierten Truppen sich schrittweise in Richtung Bardia zurück. Am 8. April nahmen die Achsenmächte Mechili ein und die dort verbliebenen etwa 2700 alliierten Soldaten gingen in Kriegsgefangenschaft. Nur zwei Tage später erreichten die ersten Spitzen von Rommels Verbänden den strategisch bedeutenden Tiefwasserhafen Tobruk.
Beteiligte Streitkräfte Achsenmächte mini|350px|Karte des ägyptisch-libyschen Grenzgebiets 1940/41 Die von Erwin Rommel in Nordafrika geführten deutsch-italienischen Truppen setzten sich aus dem Deutschen Afrikakorps, sowie dem italienischen XX. und XXI. Korps zusammen. Die Ankunft der deutschen Truppen in Afrika („Unternehmen Sonnenblume“) zog sich dabei von Anfang Februar bis Ende Mai 1941 hin, so dass Rommel beim Beginn der Belagerung von Tobruk nicht über volle Divisionen verfügte, zugleich aber ständig frisch in Tripolis eingetroffene Verstärkungen zu den Belagerungstruppen stießen.
Deutsches Afrikakorps Korps-Truppen (diverse Infanterie-, Artillerie- und Versorgungseinheiten) 5. leichte Division 15. Panzer-Division Afrika-Division zbV (im August aus Teilen der Korps-Truppen sowie der beiden anderen Divisionen gegründet) 104. Artilleriekommando 55. Infanteriedivision „Savona“ (italienisch)
XX. italienisches Korps 101. motorisierte Division „Trieste“ 132. Panzerdivision „Ariete“ Ragruppamento Esplorante („Aufklärungsgruppe“)
XXI. italienisches Korps 17. Infanteriedivision „Pavia“ 25. Infanteriedivision „Bologna“ 27. Infanteriedivision „Brescia“ 102. motorisierte Division „Trento“
Fliegerführer Afrika (Stand 22. Juni 1941)Leo Niehorster: German Air Force, Order of Battle, Air Commander Africa, 22 June 1941, abgerufen am 12. August 2023 III./Lehrgeschwader 1 I./Sturzkampfgeschwader 1 II./Sturzkampfgeschwader 3 III./Zerstörergeschwader 26 Wüstennotstaffel Afrika I./Jagdgeschwader 27 7./Jagdgeschwader 26 2. Nahaufklärungsgruppe 14 Kurierstaffel Afrika 2./Fernaufklärungsgruppe 123 1./Nachtjagdgeschwader 3
Alliierte mini|Ankunft der Polnischen Brigade im Hafen von Tobruk, September 1941 Die in Tobruk stationierten alliierten Truppen waren überwiegend unerfahrene, gerade erst neu aufgestellte Verbände. So war die Australische Division ursprünglich nach Nordafrika zur Beendigung ihres Trainings verlegt worden und wartete zu Beginn der Belagerung noch auf das Eintreffen ihrer Artillerie- und Kavallerieverbände. Auf Bitte des australischen Parlaments wurden sie schließlich im September und Oktober 1941 aus der belagerten Stadt abgezogen und durch die britische 70. Division sowie je eine tschechoslowakische und polnische Brigade ersetzt. Das XIII. Korps griff erst im Rahmen der Operation Crusader ab November 1941 in die Kämpfe um Tobruk ein.
Die Verteidigungsanlagen der Stadt waren überwiegend von den Italienern angelegt worden und wurden von den Alliierten noch durch zusätzliche Gräben und Minenfelder verstärkt. Sie bestanden aus zwei Linien, wobei die vordere aus einer Reihe von betonierten Bunkern und Stellungen bestand, vor denen Panzergräben und Stacheldrahtverhaue lagen. Der innere Ring wurde von einer weiteren Bunkerreihe gebildet, zwischen denen zusätzliche Stellungen für Panzerabwehrgeschütze vorbereitet wurden.
Cyrenaica Command („Kommando der Kyrenaika“) 2. Gepanzerte Division (britisch) 9. Australische Division (ab September größtenteils aus Tobruk abgezogen) 4. Luftabwehr-Brigade (britisch) 70. Infanteriedivision (Großbritannien) (ab September nach Tobruk verlegt) Polnische Unabhängige Karpathische Schützenbrigade (ab September nach Tobruk verlegt) Tschechoslowakische 11. Infanteriebrigade (ab September nach Tobruk verlegt)
XIII. Korps (als Entsatztruppen während der Operation Crusader) 1. Armee Panzerbrigade (britisch) 4. Indische Division 2. Neuseeländische Division
Verlauf der Belagerung Einkreisung und Versuch der Erstürmung mini|Australische Soldaten in einer mit Sandsäcken befestigten Stellung bei Tobruk, 24. April 1941 Bereits am 10. April 1941 fiel im Vorfeld von Tobruk der Kommandeur der 15. Panzer-Division, General von Prittwitz und Gaffron, als sein Wagen bei einer Erkundungsfahrt von einer PaK getroffen wurde. Die ersten Angriffe der Achsenmächte auf Tobruk begannen am 11. April 1941 und konzentrierten sich auf den südlichen Abschnitt der Befestigung. Auch um die Stärke der Verteidigung abzuschätzen, wurden an diesem ersten Tag der Belagerung drei Angriffe entlang der Straße nach El Adem unternommen, die jedoch alle von den australischen Verteidigern abgeschlagen werden konnten. In den folgenden Tagen ließ Rommel verschiedene Taktiken ausprobieren, um die beiden Verteidigungsringe um Tobruk zu durchbrechen. Dazu gehörte unter anderem auch ein Kommandounternehmen von Pionieren, die mit einer größeren Menge Sprengstoff eine Bresche in die Panzerabwehrgräben sprengen sollten. Die Alliierten beantworteten diese Versuche mit dem weiteren Auslegen von Minen im Gelände und aggressiven Patrouillen, die sie immer wieder nah an den Feind heranbrachten und dadurch mögliche Angriffe frühzeitig aufdeckte. Am 13. April ließ Rommel einen weiteren groß angelegten Angriff auf den südlichen Abschnitt der Verteidigung starten, mit dem Ziel, wenn schon nicht durchbrechen zu können, so doch wenigstens einen Brückenkopf für weitere Operationen zu sichern. Auch dieser Angriff wurde schließlich nach heftigen Gefechten abgeschlagen.
Nach diesen Fehlschlägen verlagerte Rommel seine Bemühungen auf den westlichen Abschnitt der Verteidigung. Am 15. April griffen etwa 1000 italienische Soldaten die australischen Stellungen bei Ras el Madauar an. Obwohl es ihnen gelang, einen Posten zu überrennen, wurden sie schließlich von alliierten Verstärkungen und konzentriertem Artilleriefeuer zurückgeworfen. Ein weiterer geplanter Angriff der italienischen Division „Trento“ wurde durch eine alliierte Patrouille entdeckt und konnte frühzeitig aufgefangen werden. Die Angriffe der Achsenmächte scheiterten nicht zuletzt an dem wenig koordinierten Zusammenspiel zwischen deutschen Panzertruppen und italienischer Infanterie. So feuerten teils deutsche Panzer irrtümlich auf sich zurückziehende italienische Truppen oder Panzerangriffe gingen durch viel zu spät vorgehende italienische Infanterie fehl.
Rommel ließ nach diesem erneuten Fehlschlag zunächst alle weiteren Angriffsbemühungen ruhen. Zum einen war dies auf den Besuch des Oberquartiermeisters I, Friedrich Paulus, zurückzuführen, der Rommels Pläne zur Eroberung Tobruks prüfen sollte. Das Oberkommando der Wehrmacht zeigte sich besorgt angesichts des stockenden Vormarschs des Afrikakorps, auch, weil die dort gebundenen Truppen dringend für die bevorstehende Invasion der Sowjetunion benötigt wurden. Zum anderen trafen zeitgleich weitere Kontingente der nach Afrika verlegten 15. Panzer-Division ein, die Rommel für den nächsten Angriff auf Tobruk nutzen wollte.
Am Abend des 30. April schließlich wurde der Angriff auf Tobruk wieder aufgenommen. Die 15. Panzer-Division führte dabei zusammen mit der 5. Leichten Division und unterstützt von italienischer Infanterie den Angriff erneut aus westlicher Richtung. In einem ersten Stoß gelang es, die australischen Verteidiger aus einer ganzen Reihe von befestigten Stellungen zu verdrängen und den erhofften Brückenkopf zu sichern. Alle weiteren Versuche, diese Position auszubauen, scheiterten aber. In den folgenden Tagen kam es zu andauernden und mit großer Härte geführten Gefechten, ohne dass eine der beiden Seiten nennenswerte Geländegewinne verbuchen konnte. Am 4. Mai schließlich ließ Rommel alle weiteren Angriffe einstellen und seine Truppen sich für eine längere Belagerung von Tobruk eingraben.
Belagerung Tobruks mini|Soldaten der tschechoslowakischen Brigade mit 25 Pounder Feldhaubitze bei Tobruk, Herbst 1941 mini|General Władysław Sikorski inspiziert die polnische Karpatenbrigade in Tobruk, November 1941