mini|Altes Rathaus um 1905 mini|hochkant=0.7|Altes Rathaus, Grundriss mini|hochkant=0.7|Hauptbau des Alten Rathauses, 2008, rechts die nach dem Zweiten Weltkrieg angefügten Erweiterungsbauten mini|hochkant=0.7|Heutiges Rathaus, Grundriss, Hauptbau ist der nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaute Teil des Alten Rathauses Das Alte Rathaus in Heilbronn ging auf die Zeit um 1300 zurück und wurde um 1600 zu seiner späteren Gestalt erweitert. Der Baukomplex wurde am 4. Dezember 1944 beim Luftangriff auf Heilbronn zerstört. Beim 1949/1951 erfolgten Wiederaufbau wurde lediglich die Außenarchitektur des Hauptbaus für das heutige Rathaus wiederhergestellt.Julius Fekete: Die Stadt des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Julius Fekete u. a.: Denkmaltopographie Baden-Württemberg. Band I.5: Stadtkreis Heilbronn. Edition Theiss, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8062-1988-3, S. 52–59, dazu S. 57. Darin eingeschlossen waren dessen Galerie und die astronomische Kunstuhr.

Geschichte Die Ursprünge des Heilbronner Rathauses liegen im Dunkel der Geschichte. Schon im 12. Jahrhundert befand sich an der Stelle von Marktplatz und Rathaus der Hirsauer Fronhof, der eine ähnliche Besitzgeschichte wie der Hirsauer Pfleghof hat und von den Grafen von Calw an das Kloster Hirsau gekommen war. In diesem Hof saß für mehrere Jahrzehnte der königliche Vogt, der im hohen Mittelalter die Stadt regierte, nachdem das Bistum Würzburg durch den Nordhäuser Vertrag von 1225 seinen Einfluss eingebüßt hatte.Heim 1959, Nr. 10, S. 2.

In der Zeit des Interregnums in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts verlor das deutsche Kaisertum an Bedeutung und die Städte stärkten ihre Macht. Zu jener Zeit profilierten sich verstärkt die in Heilbronn alteingesessenen Bürgergeschlechter (Patriziat) in der Verwaltungsverantwortung, so dass sie von dem mehrmals in Heilbronn weilenden Kaiser Rudolf I. 1281 mit einem Stadtrecht und mit Mitteln zur Verstärkung der Stadtbefestigung belohnt wurden. Indem der neu geschaffenen Rat der Stadt ein mit dem königlichen Vogt und Schultheißen gleichberechtigtes Gremium war, wurde für diesen auch ein Ratsgebäude nötig. Deswegen wurde bald nach Verleihung des Stadtrechts mit dem Bau des Rathauses begonnen. Inwiefern ältere Bauteile des Hirsauer Hofes im Rathaus aufgegangen sind, ist unklar. Bauliche Untersuchungen fanden in den ältesten Mauerteilen des Rathauses dieselben Steinmetzzeichen wie an den Resten der von 1290 bis 1314 erbauten Franziskanerkirche am Heilbronner Hafenmarkt, so dass dieselbe Bauhütte das Rathaus vermutlich eher kurz vor als erst nach 1300 erbaut haben dürfte.Zimmermann 1951, S. 28–29.

Das erste Rathaus war den Baubefunden nach ein länglicher zweigeschossiger Steinbau, dessen Eingang an der Traufseite nach Osten zum Kieselmarkt wies, an dem Lammgasse und Lohtorstraße (früher Judengasse), zwei historische Hauptstraßen der Marktgemeinde, aufeinandertrafen.Zimmermann 1951, S. 24–27. Die Fläche zum Kieselmarkt hin dürfte damit der ursprüngliche Marktplatz der Stadt gewesen sein, während der heutige Marktplatz im hohen Mittelalter noch überbaut war.Heim, 1959, Nr. 9, S. 1–2.

Mauerwerk und einige Fenster des ältesten Bauteils sind heute noch in der Osthälfte des Rathaus-Hauptbaus erhalten, darunter an der Ostwand auch einige Fenster der zum Kieselmarkt hin ausgerichteten ältesten Fassade.Zimmermann 1951, S. 27. Das Gebäude wurde dann im frühen 15. Jahrhundert vor allem nach Westen erweitert, wodurch die heutige Hauptfassade ihre endgültige Breite erreichte. Über den genauen Zeitpunkt dieser Erweiterung gibt es keine Unterlagen. Man schließt jedoch aus der hochgotischen Ausführung des an der Fassade erhaltenen Wappenbaldachins, dass sich in der Steuerstubenrechnung erwähnte Bauarbeiten von 1417 auf den Ausbau des Rathauses beziehen könnten, da der Baldachin in jene Zeit passt und nicht erst später entstanden ist.Zimmermann 1951, S. 30.

Ein angebliches älteres Rathaus beim Kirchbrunnen südwestlich der Kilianskirche, das um 1535 durch Brand zerstört worden sein soll,Verein für Fremdenverkehr Heilbronn (Hrsg.): Führer durch das Rathaus und die Kilianskirche in Heilbronn. Schell’sche Buchdruckerei Victor Kraemer Heilbronn, 1907–1910 [Stadtarchiv Heilbronn, Datenbank Heuss, Archivsignatur L006-Hc 2 Fue-1910], S. 4. wird zwar in der älteren Literatur gelegentlich erwähnt,Oberamtsbeschreibung Bd. I, S. 177–178; Jäger, Geschichte der Stadt Heilbronn, Bd. II, S. 136. ist aber geschichtlich nicht nachweisbar und unwahrscheinlich.Zimmermann 1951, S. 23.

Wann sich genau die Orientierung des Rathauses vom Kieselmarkt hin zum heutigen Marktplatz vollzog, ist unbekannt. Am Kieselmarkt befanden sich einige Einrichtungen der jüdischen Gemeinde, darunter die Synagoge (1357), rituelle Bäder und der Friedhof, die nach dem Stadtverbot für Juden im späten 15. Jahrhundert von der Reichsstadt Heilbronn erworben und überbaut wurden.Hans Franke: Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn. Vom Mittelalter bis zur Zeit der nationalsozialistischen Verfolgungen (1050–1945). Stadtarchiv Heilbronn, Heilbronn 1963, ISBN 3-928990-04-7, S. 35. Wahrscheinlich schon bei der Anbringung der ersten Kunstuhr 1525, spätestens aber als 1579 Baumeister Hans Kurz mit der Errichtung der nach Süden zum heutigen Marktplatz hin orientierten Rathausfreitreppe begann, die gleichzeitig mit der Erweiterung des ältesten Bauteils nach Norden geschah, dürfte der sich der Marktplatz bereits über seine heutige Lage und Ausdehnung erstreckt haben.

Ab 1590 folgten dann in rascher Folge mehrere weitere bauliche Erweiterungen des Rathauses nach Osten und Norden, wobei auch die Neue Kanzlei und das Syndikatshaus errichtet wurden und sich die Fläche des Baukomplexes ungefähr verdoppelte. Ab der Zeit um 1600 gibt es eine nahezu lückenlose Dokumentation der Bautätigkeit am Rathaus. Die letzte Erweiterung war der Bau des Archivgebäudes an der Nordostecke 1765.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Berliner Architekten Johannes Vollmer und Heinrich Jassoy mit einer „Restaurierung“ des alten Rathauses beauftragt.Bernhard Lattner mit Texten von Joachim Hennze: Stille Zeitzeugen. 500 Jahre Heilbronner Architektur. Edition Lattner, Heilbronn 2005, ISBN 3-9807729-6-9, S. 11.

Das Rathaus wurde beim Luftangriff am 4. Dezember 1944 wie die gesamte Innenstadt nahezu komplett zerstört. Beim Wiederaufbau wurde lediglich die historische Fassade des Rathaus-Hauptgebäudes wiederhergestellt, während praktisch alles andere am heutigen Rathaus neu gebaut wurde. Das zerstörte Archivgebäude wurde zur Ehrenhalle umgewidmet, in der der Zerstörung der Stadt gedacht wird.

Architektur und Einrichtung

Außenarchitektur mini|hochkant=0.7|Der historische Hauptbau des Heilbronner Rathauses hochkant=0.7|mini|Die Astronomische Uhr am Heilbronner Rathaus (vor 1944) mini|hochkant=0.7|Freitreppe, Ansprache von König Wilhelm II. am 9. November 1906 zum 100-jährigen Jubiläum des Füsilierregiment

Hauptbau Das Rathaus ist ein rechtwinkliger, nach Norden erweiterter sechsgeschossiger Bau, dessen achtachsige, dreigeschossige Südfassade mit Freitreppe zum Marktplatz zeigt. Die Freitreppe überdacht heute den Zugang zum Ratskeller und führt gleichzeitig zur Eingangshalle vor dem Kleinen Ratssaal im ersten Obergeschoss, wo sich heute die Porträts einiger ehemaliger Bürgermeister der Stadt befinden. Rechts neben der Kunstuhr prangt an der Fassade ein von gotischen Fialen umrahmter Wappenengel,Uwe Jacobi: Heilbronn so wie es war. Droste, Düsseldorf 1987, ISBN 3-7700-0746-8, S. 26. also ein Engel, der in seinen Händen ein reichsstädtisches Wappen mit Adler auf goldenem Grund trägt. Das Stadtwappen mit dem Reichsadler stammt noch vom Vorgängerbau und wurde bei dem Neubau neben die Rathausuhr an die Fassade gefügt.Julius Fekete: Kunst- und Kulturdenkmale im Stadt- und Landkreis Heilbronn. Theiss, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1662-2, S. 40.

Kunstuhr Eine große astronomische Uhr mit drei Zifferblättern und Glocken- und Figurenspielen ist mittig auf der Südfassade über dem Eingang und auf dem Zwerchgiebel darüber angebracht. Diese von den Zeitgenossen vielbewunderte Uhr wurde 1580 durch Isaac Habrecht gefertigt, wobei Teile einer älteren Kunstuhr von Hans Paulus aus dem Jahr 1525Helmut Schmolz, Hubert Weckbach: Heilbronn. Geschichte und Leben einer Stadt. 2. Auflage, Konrad, Weißenhorn 1973, ISBN 3-87437-062-3, S. 104. (Nr. 300 Die Kunstuhr am Rathaus) Verwendung fanden. Unter der Uhr hat der Bildhauer Adam Wagner eine Kniefigur in die Fassade eingelassen, die den Bildhauer Adam Wagner (nach anderer Quelle, Baumeister Hans KurzHelmut Schmolz, Hubert Weckbach: Heilbronn. Geschichte und Leben einer Stadt. 2. Auflage. Konrad, Weißenhorn 1973, ISBN 3-87437-062-3, Nr. 299 Hans Kurz, der Rathausbaumeister. S. 104.) darstellt.

Galerie Der Bildhauer Adam Wagner schuf von 1581 bis 1583 den der Hauptfassade vorgelegten „Gang“ oder „Galerie“ mit doppelläufiger Freitreppe. Der Bogengang bzw. die Galerie besteht aus sechs kurzen, ionischen Säulen, die miteinander durch fünf Segmentbögen verbunden werden. Die vergitterten Halbbögen links und rechts unter der Treppe dienten einst als „Narrenhäuslein“. Die Treppe und die Galerie werden von einer Brüstung zusammengefasst. Diese wird von einem mit Streifenornamentik durchsetzten Beschlagwerk geschmückt. Jede Säule wird von jeweils einer vorgekröpften Konsole mit darauf befindlicher weiblicher Figur gekrönt. Diese sechs kleineren, weiblichen Figuren stellen Allegorien dar, zwischen diesen sind Hermen zu sehen.Helmut Schmolz, Hubert Weckbach: Heilbronn mit Böckingen, Neckargartach, Sontheim. Die alte Stadt in Wort und Bild. Weißenhorn 1966, Nr. 8. (Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Heilbronn. Band 14) Die Allegorien stellen sich für den Beschauer auf dem Marktplatz wie folgt dar (von links nach rechts):Julius Fekete, Simon Haag, Adelheid Hanke, Daniela Naumann: Denkmaltopographie Baden-Württemberg. Band I.5: Stadtkreis Heilbronn. Theiss, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8062-1988-3, S. 39. Glaube Frau mit Säule als Allegorie auf Frieden Figur, die das Schwert aus der Scheide zieht als Allegorie auf Kraft Figur mit Waage der Gerechtigkeit als Allegorie auf Justitia Figur mit Brot als Allegorie auf die Wohltätigkeit Figur mit Kind als Allegorie auf die Mutterliebelaut Beschreibung im Film im Haus der Stadtgeschichte (Heilbronn) Die von dem Bildhauer verlangten 300 fl. wurden vom Rat abgelehnt, und sie verpflichteten ihn den „fürhabenden Gang“Verein für Fremdenverkehr Heilbronn (Hrsg.): Führer durch das Rathaus und die Kilianskirche in Heilbronn. Schell’sche Buchdruckerei Victor Kraemer Heilbronn, 1907–1910 [Stadtarchiv Heilbronn, Datenbank Heuss, Archivsignatur L006-Hc 2 Fue-1910], S. 5. – die Galerie mit Freitreppe – für 120 fl. zu gestalten. Daraufhin scheint die Arbeit Wagners nachgelassen zu haben, was wiederholte Mahnungen zur Fertigstellung belegen. So hatte der Rat schließlich ein Einsehen und bewilligte die geforderte Summe, um einen Nachlass von 30 vorgeschossenen Gulden.

mini|hochkant=0.7|Franz Kanter Brantzky – „Reiseskizzen Rathaus Deutsch Herrenhaus“ um 1895 (Ritterfigur auf der Galerie am alten Rathaus in Heilbronn)

Die Halle unter der Galerie zeigt Kreuzrippengewölbe und kurze Steinsäulen mit ionischen Kapitellen (Baumeister Hans Kurz). mini|zentriert|Adam Wagner: Allegorie der Wohltätigkeit

Sitzbank