mini|Böllsteiner Odenwald (BO, Pinklinie) des Kristallinen Odenwaldes und die benachbarten geologischen Formationen Groß-Umstädter Grundgebirge (nördlich des BO, rot), Erzbacher Scholle (südlich des BO, rot), Gneis-Zwischenzone (violett), Reinheimer-Dieburger Bucht (RB), Flasergranitoidzone (FGZ), Trommgranit (TG). Weitere Einheiten: Weschnitzpluton (WP), Heidelberger Granit (HG), Frankenstein-Komplex (FK) Buntsandstein-Odenwald (BuO) mini|hochkant|Landkarte (1914) des Böllsteiner Odenwaldes und angrenzender Regionen.Weitere kartographische Darstellungen und Luftaufnahmen: mini|Blick vom Kaiserturm im Bergsträßer Odenwald zum Böllsteiner Odenwald im Osten Als Böllsteiner Odenwald wird der nordöstliche Teil des Kristallinen Odenwaldes zwischen der Gersprenzniederung im Westen und dem Sandstein-Odenwald im Osten bezeichnet, dem die dort gelegene Ortschaft Böllstein bzw. die „Böllsteiner Höhe“ als höchster Gneis-Berg den Namen gegeben hat.Unit IV in der Gliederung bei Altherr bzw. Universitäten Tübingen und Gießen, AKN – Arbeitskreis Klima und Naturgefahren: Geologische Übersichtskarten siehe Andreas G. Neuhauser: Exkursionsbericht Odenwald. (PDF; 4,1 MB) Uni Frankfurt. Diese geologische Formation und zugleich naturräumliche Untereinheit besteht aus vor- oder frühvariszisch in mehreren tektonischen Phasen geprägten Granitoidgneisen und repräsentiert somit die älteste im Odenwald dokumentierte Entwicklungsstufe der Gebirgsbildung, deren Ursachen und Verlauf unter Geologie des Odenwaldes skizziert sind.
Naturraum Der Böllsteiner Odenwald bildet mit einer Fläche von 44,99 km² die Naturräumliche Untereinheit 145.9 der Haupteinheit 145 Vorderer OdenwaldEmil Meynen, Josef Schmithüsen: Handbuch der naturräumlichen Gliederung Deutschlands. Bundesanstalt für Landeskunde, Remagen/Bad Godesberg 1953–1962 (9 Lieferungen in 8 Büchern, aktualisierte Karte 1:1.000.000 mit Haupteinheiten 1960). innerhalb der Haupteinheitengruppe 14 Odenwald, Spessart und Südrhön.Verschiedene Autoren: Geographische Landesaufnahme: Die naturräumlichen Einheiten in Einzelblättern 1:200.000. Bundesanstalt für Landeskunde, Bad Godesberg 1952–1994. → Online-Karten der naturräumlichen Einheiten; hier: Blatt 151 Darmstadt (Otto Klausing 1967; 61 S.) Er nimmt auf einer Länge von etwa 11 Kilometer den Höhenzug mit der Wasserscheide zwischen den Talsystemen der Gersprenz im Westen und der Mümling im Osten ein und erreicht dabei eine Breite von etwa 4 Kilometer. Der Höhenzug beginnt im Süden im Anschluss an den alles überragenden Morsberg (517 m) an der Spreng und endet im Norden, schon im Reinheimer Hügelland, mit dem markanten Vulkankegel des Otzbergs (367 m). Die höchsten Erhebungen in der Kammlinie des Böllsteiner Odenwalds selbst sind von Süd nach Nord der Heidelberg (443 m) als höchste Erhebung, sodann die Böllsteiner Höhe (416 m), gefolgt von einer namenlosen Anhöhe mit Schutzhütte (404 m), sowie Ballerts (375 m), Tannenkopf (388 m), Hermesberg (377 m), Koppelwald (375 m) und schließlich Klingelskopf (361 m). Über diese Kammlinie führt eine historische Altstraße, die im Südteil Alte Erbacher Straße genannt wird und in der nördlichen Verlängerung als Hohe Straße bekannt ist. Eine Vielzahl kleiner Fließgewässer streben aus dem Böllsteiner Odenwald zu Tal, wobei die nach Osten zur Mümling gerichteten Bäche eine längere Fließstrecke haben als die der Gersprenz im Westen zustrebenden, dafür weisen diese stärkeres Gefälle auf. Im Böllsteiner Odenwald liegen von Süd nach Nord aufgezählt 14 Dörfer und Weiler: Nieder-Kainsbach, Hembach, Böllstein, Stierbach, Affhöllerbach, Kilsbach, Wallbach, Birkert, Mittel-Kinzig, Ober-Kinzig, Gumpersberg, Hummetroth, Höllerbach und Hassenroth.
Während im Westteil die Siedlungen vornehmlich in den gersprenznahen Tallagen zu finden sind, finden sich die Dörfer der Ostabdachung und ihre Rodungsflächen oft bis in die Höhenlagen der Kammlinie. Der Böllsteiner Odenwald ist ein im Ganzen anspruchsloses und ertragsarmes Ackerbaugebiet, in dem Landwirtschaft zunehmend nur als Nebenerwerb betrieben wird. Stattdessen haben viele Bewohner, begünstigt durch die gute Verkehrserschließung, im nahen Rhein-Main-Gebiet Arbeit gefunden. Im Gegenzug hat sich diese ländliche Region zum Naherholungsgebiet entwickelt und findet auf diese Weise wirtschaftlich einen Ausgleich für die früher bedeutende Steinbruchindustrie.
Gesteine des Böllsteiner Odenwaldes Der östliche Kristalline Odenwald endet morphologisch im Groß-Umstädter Grundgebirge (Granit, permische Quarzporphyre), das den östlichen Rand (= Otzbergzone) der Reinheimer Bucht bildet und östlich unter die Buntsandsteinstufe abtaucht. Diese Granit- und Gneis-Gesteine werden in Verbindung mit denen des Vorspessarts interpretiert.
Südlich daran grenzt, durch den nördlichen Ausläufer der Schieferzone getrennt, das Böllsteiner Massiv an: Die Hauptgesteine, Granodiorit- und Granit-Gneise, dieser recht einheitlichen kuppelförmig strukturierten Formation zwischen der etwa parallel zum Gersprenztal verlaufenden Otzbergzone und dem Buntsandsteinrand im Osten (Hummetroth bis Spreng, dann bogenförmig nach Westen ausholend bis Vierstöck) sind von einer umlaufend streichenden Schieferhülle (etwa 50 % Glimmer, 45 % Quarz, 5 % Kalifeldspat) umgeben. Die Böllsteiner Schieferhülle in erster Linie aus metamorphen Tonschiefern (bis Grauwacken) aufgebaut, die zu feldspat-armen Glimmerschiefern bis Quarz-Glimmer-Schiefern mit der Paragenese Quarz + Muscovit + Biotit + Granat ( +Plagioklas + Kalifeldspat) umgeformt wurden. Gesteine der Schieferhülle und darin intrudierte silurische granodioritische Sills zeigen mindestens zwei Faltungsphasen an. Die Deformationen resultieren möglicherweise aus der Kollision der Mitteldeutschen Kristallinzone mit dem NW-Rand der Saxothuringischen Zone. Linsen aus retrogradem Eklogit in Gneis kommen südlich der Stadt Groß-Umstadt und östlich des Ortes Hering am Otzberg vor. Eklogite liefern Hinweise auf ein metamorphes Ereignis und belegen eine Hochdruckmetamorphose im variszischen mitteleuropäischen Kristallinsockel, der vermuteten Suturzone der europäischen Varisziden.
Südlicher Abschluss des Gneisgebietes ist die Erzbacher Scholle (Granitoid, Schiefergneise nördlich von Rohrbach als Grenze).
Die Böllsteiner granodioritischen bis granitischen Gneise können je nach Kontext, z. B. bei Vermischung mit andern Gneisen, mit vergneisten GabbroDer Mineraloge Paul Ramdohr hat sich kurz nach dem Ersten Weltkrieg bei Wilhelm Bruhns an der Bergakademie Clausthal über Gabbros im Gebiet Böllstein/Brombachtal habilitiert. – Linsen bzw. angrenzenden Schiefern, flaserige Strukturen oder unruhige Gefüge annehmen. Die durchschnittliche mineralogische Zusammensetzung: beträgt bei Granodioritgneisen (und Granitgneisen): 35 – 45 % (15 – 35 %) Plagioklas, 20 – 35 % (30 – 40 %) Quarz, 5 – 20 % (30 – 40 %) Kalifeldspat und 5 – 10 % (1 – 5 %) Biotit.
Solche Formationen sind noch in Klippen und Steinbrüchen aufgeschlossen, in denen Granitoid-Gneise, Schiefer bzw. Gabbros für Bausteine sowie Straßenschotter abgebaut wurden bzw. werden: z. B. am Wannberg östlich Böllsteins (Gneis, Granitoid mit 280 – 300 Mio. Jahre alten fluviatilen Sedimenten aus dem Perm),s. Bild, 3. Aufschluss Steinbruch Wannberg im Exkursionsbericht Odenwald der Uni Frankfurt (PDF).Geo-Exkursion Mainzer Becken, Taunus, Odenwald: Aufschluss 19: Sedimentationsrinne am Wannberg: am Weichberg östlich von Affhöllerbach (Granitgneis),Geo-Exkursion Mainzer Becken, Taunus, Odenwald: Aufschluss 18: Steinbruch am Weichberg nördlich Böllstein.Universitäten Tübingen und Gießen, AKN – Arbeitskreis Klima und Naturgefahren: am Lattersberg bei Ober-Kainsbach (Gabbro, Schiefergneis), östlich Vierstöck (Gabbro) südlich und östlich Groß-Umstadts (Quarzporphyr des Knosbergs).
Die Trennung vom Bergsträßer Odenwald übernehmen, im weiteren Verlauf der Otzbergzone, von Beerfurth nach Süden bis Aschbach die Gneise der Zwischenzone mit einer durchschnittlichen mineralogischen Zusammensetzung von 30 – 50 % Plagioklas, 15 – 25 % Quarz, 10 – 30 % Kalifeldspat, 5 – 10 % Biotit, 0 – 10 % Hornblende. Als schmaler Streifen grenzen sie an Weschnitzpluton und Trommgranit im Westen und tauchen unter die Buntsandsteinstufe im Osten. Die Gesteine des Böllsteiner Odenwalds dokumentieren mehrere Plattenkonvergenzen aus der Zeit vor dem variszischen Zeitalter bis zum frühen variszischen Zeitalter und dem oberen Viseum.
Tektonische Prozesse mini|Vom Gumpener Kreuz aus überschaut man das Gersprenztal vom Reichenberg (in der Mitte) bis zum Otzberg (links im Hintergrund). Ungefähr parallel dazu verläuft die Otzbergspalte, die sich als alte Störungszone nach Süden bis zur Oberrheingrabengrenze Heidelberg-Karlsruhe fortsetzt und den Böllsteiner Odenwald (Gebirgskette im Hintergrund) vom ca. 50 Mio. Jahre jüngeren Bergsträßer Odenwald trennt: links die Ausläufer des Lindenfelser Granits, des Laudenauer Gabbros und des Neunkircher Flasergranitoid-Komplexes, rechts (auf der anderen Seite des Mergbachtals zwischen Gumpen und Reichelsheim) Hügel im Granodiorit (Weschnitzpluton) Durch die Kontinentalverschiebung drifteten in der Devon- und Karbon-Zeit (vor etwa 380 – 320 Mio. Jahren) in einem Meeresgebiet zwischen einem großen Nord- und einem Südkontinent Krustenblöcke (Terrane) und Inseln aufeinander zu. Infolge der Zusammenschiebungen wurden einmal Gesteine tief in die Erdkruste versenkt (Subduktion) und in ca. 15 – 18 km Tiefe aufgeschmolzen, zum Zweiten – zusammen mit magmatischen Gesteinen (Magmatite) – langsam wieder in die Erdkruste hochgedrückt, wo sie im Laufe von 60 Mio. Jahren allmählich abkühlten und auskristallisierten. So entstand das Variszische Gebirge, zu dem der Odenwald zählt, und als Teil davon, mit einer eigenen Entwicklung, der Böllsteiner Odenwald.
In der Fachliteratur wird sowohl die Entstehung der Gesteinsformationen des Böllsteiner Odenwaldes wie auch die Gemeinsamkeiten mit bzw. die Abgrenzung gegenüber den benachbarten Einheiten des kristallinen Odenwalds und des Spessarts in Verbindung mit den tektonischen Prozessen diskutiert:
Auf der Grundlage radiometrischer Strontium- und Kalium-Argon-Analysen interpretierte Lippolt für granodioritische Biotit-Gneise des zentralen Teils des Böllsteiner Odenwaldes sowohl altpaläozoische (Silur/Devon) als auch karbonische Beziehungen. Granitgneis-Proben ergaben ein Alter von 360±56 Mio. Jahren (an der Grenze Devon/Karbon). Für beide Gneistypen zusammen im Schnitt 413±26 Mio. Jahre. Hornblende-Gneise im Kristallin-Fenster in Breuberg (Neustadt) wurden auf ein Rubidium-Strontium-Alter von 369±14 Mio. Jahren datiert und bestätigten die Altersunterschiede zum Bergsträßer Odenwald. Die Intrusion der Vorgänger der untersuchten Gesteine könnten möglicherweise während des Silurs, spätestens während des frühen Devons erfolgt sein. Durch Kalium-Argon- und Rubidium-Strontium-Altersbestimmungen von Glimmer, Hornblende und Apatit ermittelte man mittelkarbonische Werte und ordnete sie einer Abkühlungsphase nach Metamorphose und Mylonitisierung zu.
Für Kreuzer u. a. deuten die Kalium-Argon-Datierungen an Hornblende (363 Mio. Jahre für den Weichberg-Gneis) auf die Bildung dieser Gesteine im Zusammenhang mit dem Ausklingen einer frühen Phase der variszischen Überformung hin, die Biotitwerte (309, 312 Mio. Jahre) seien Hinweise auf ein späteres Abklingen der tektonische Prozesse als im Bergsträßer Odenwald. mini|Der Otzberg (Blick von Norden) ist ein Restvulkan aus Nephelinbasalt im Umfeld des Böllsteiner Gneises. Er liegt – und das ist der Grund für seine Entstehung – auf einer alten Störungszone, der Otzbergspalte