mini|Alkohol-Zündschlosssperre (Pfeil) in einem Scania-Bus der Fernbuslinie Postbus Eine Alkohol-Zündschlosssperre (auch Alkoholschloss, Alkohol-Interlock, Alkohol-Wegfahrsperre oder kurz Alcolock) ist die technische Verbindung eines Gerätes zur Atemalkoholbestimmung mit einer Wegfahrsperre. Zweck dieser Geräte ist es, mittels einer Zündsperre Autofahrten unter Alkoholeinfluss zu verhindern.

Technik mini|150x150px|Sinnbild zur Kennzeichnung von Alkohol-Zündschlosssperren nach ISO 7000 Eine Alkohol-Zündschlosssperre besteht aus zwei Bauteilen: einem in Reichweite des Fahrersitzes angebrachten Handgerät mit einer Messanzeige und einer Steuereinheit, die unterhalb der Armaturenabdeckung installiert ist. Der Fahrer betätigt zunächst die Zündung. Daraufhin erscheint, beispielsweise durch einen Signalton oder eine LED-Leuchte am Handgerät, die Aufforderung zur Abgabe einer Atemprobe. Das Handgerät misst die Alkoholkonzentration des eingeblasenen Atems, und nach rund fünf Sekunden wird auf einer Anzeige das Ergebnis angezeigt. Liegt der gemessene Wert des Atemalkohols nicht über einem vorher programmierten Wert (z. B. dem gesetzlichen Grenzwert), gibt das Steuergerät den Startstrom frei. Der Motor kann nun gestartet werden. Wird jedoch eine zu hohe Atemalkoholkonzentration gemessen, blockiert das Steuergerät den Anlasser und damit die Startfunktion des Motors. Pressemitteilung des VdTÜV vom 6. Juli 2011. Abgerufen am 8. Februar 2012.

Als Sensor im Handgerät wird eine Mini-Brennstoffzelle verwendet, die nur auf Ethanol anspricht. Dieser Sensor erfasst den Atemalkoholgehalt als quantitative Messgröße und formt ihn in ein elektronisch ablesbares Signal um. Moderne Geräte speichern Ereignisprotokolle, wie Ergebnisse, Datum und Uhrzeiten der Atemtests. Die Protokolle können von einem zentralen Server eines Unternehmens, z. B. des Fuhrparkmanagements, abgerufen oder lokal auf einen Computer heruntergeladen werden. Die Einstellungen können den Anforderungen der Firmen (z. B. hinsichtlich Schichtwechsel oder Tagesverlauf) angepasst werden. Erfordert der Betriebsablauf einen schnellen Fahrerwechsel, wie es etwa bei Linienbussen in Großstädten üblich ist, kann das Gerät so programmiert werden, dass ein Test innerhalb kürzester Zeit möglich ist, ohne dass das Fahrzeug neu gestartet werden muss.

Nachträglicher Einbau und Kosten

In Europa wird der Einbau ab Werk (Stand 2009) ausschließlich vom schwedischen Automobilhersteller Volvo unter dem Namen Alcoguard angeboten.Volvo Trucks Safety Produktvideo des Herstellers. Hochgeladen auf YouTube am 9. Juli 2009. Der schwedische Nutzfahrzeughersteller Scania bietet Stand 2012 für LKW und Busse eine werksseitige Vorbereitung an, die den schnellen Einbau jedes Gerätetyps ohne Neuverkabelung ermöglicht.

Ein nachträglicher Einbau ist für nahezu alle Kraftfahrzeuge möglich. Die Kosten betragen in Deutschland zwischen 1000 und 2000 Euro (Stand 2011),Technik, die vor Trinkern schützt Der stern vom 20. November 2011. Abgerufen am 8. Februar 2012. in der Schweiz rund 1500 CHF. Hinzu kommen noch die laufenden Kosten der Kalibrierung, die – je nach Modell – alle sechs bis zwölf Monate erforderlich ist.

Situation in einzelnen Ländern

Vereinigte Staaten von Amerika

mini|250px|Pkw-Wrack mit Mahnung "Don't Drink and Drive" bei US Navy Basis, Guam (2005)

In den USA werden Alkohol-Zündschlosssperren seit 1986 eingesetzt: Mit dem Farr-Davis Driver Safety Act of California wurden die ersten rechtsverbindlichen Vorschriften für den Einsatz von Alcolocks bei alkoholauffälligen Fahrern in Kalifornien geschaffen.Key Features For Ignition Interlock Programs (PDF; 1,302 MB) Dokumentation der National Highway Traffic Safety Administration des U.S. Department of Transportation vom März 2010. Abgerufen am 8. Februar 2012. Heute haben alle 50 Staaten der USA Gesetze zur Verwendung von Alkohol-Zündschlosssperren eingeführt. Dabei sind die Rahmenbedingungen unterschiedlich gestaltet: Einzelne Staaten schreiben den Einbau und die Nutzung von Alkohol-Zündschlosssperren für jeden wegen Trunkenheit am Steuer verurteilten Fahrer vor, andere erst für Wiederholungstäter oder ab einer bestimmten Blutalkoholmenge. Viele Staaten erlauben Auflagen zum Einbau im Rahmen von Ermessensentscheidungen des Richters.Dokumentation der MADD: (PDF)

2015 veröffentlichte der Bundesstaat Michigan eine Studie zur Evaluation des mit der dem Alkohol-Interlock verknüpften Rehabilitationsprogramms für alkoholauffällige Fahrer: Danach bewirkt der Einbau der Geräte eine erheblich niedrigere Rückfallquote im Vergleich zu den Fahrern, denen das Gericht kein Gerät vorschreibt. Die Studie ergab auch, dass nur 0,5 Prozent der Betroffenen die Geräte wieder ausbauen und 1,2 Prozent diese manipulieren. (PDF; 1,451 MB) Veröffentlichung der Michigan Association of Treatment Court Professionals von 2015. Abgerufen am 31. Oktober 2015. Das kalifornische Unternehmen Autosense in Silicon Valley gilt nach eigenen Angaben als Pionier und Markteinführer der ersten Alkolocks,Autosense introduced the first ever BAIID legislation in 1986 and in California Homepage von Autosense International. Abgerufen am 7. Februar 2012. dieser Anspruch ist jedoch nicht belegt. In den Vereinigten Staaten gelten Alkohol-Zündschlosssperren heute als technisch ausgereift und störungsfrei. Unter dem Kürzel (für ) sind sie in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen.

Europäische Union

Alkoholmissbrauch ist in Europa für rund 25 % der Verkehrstoten verantwortlich. Die EU führt daher seit Jahren umfangreiche Studien zur Wirksamkeit von Alkohol-Zündschlosssperren durch. Diese belegen nach Angaben der Europäischen Kommission, dass die Geräte bei alkoholauffälligen Fahrern hinsichtlich der Rückfälligkeit wesentlich (40 bis 95 %) effektiver sind als herkömmliche Ahndungsmethoden (wie Führerscheinentzug oder Bußgelder). Demnach kann durch den Einsatz von Alkohol-Zündschlosssperren erreicht werden, dass wiederholt alkoholauffällige Fahrer ihre Fahrerlaubnis behalten können und gleichwohl erfolgreich davon abgehalten werden, ihr Fahrzeug in angetrunkenem Zustand zu nutzen. Die Studien unterstreichen auch die mögliche Rolle dieser Geräte im Rahmen von Rehabilitationsprogrammen: Alkohol-Zündschlosssperren selbst haben zwar keine therapeutische Wirkung, können Therapien jedoch erfolgreich unterstützen. Eine dieser Studien bestand aus einem einjährigen Feldversuch mit spanischen und norwegischen Busfahrern, deutschen LKW-Fahrern und belgischen Fahrern, die wegen Alkoholmissbrauch verurteilt waren, sowie alkoholabhängigen Menschen. Der Versuch zeigte die Praxistauglichkeit sowohl im kommerziellen als auch im privaten Bereich.Zusammenfassung der EU-Studie vom September 2006: (PDF) Am 27. September 2011 hat das Europäische Parlament einen umfangreichen Katalog von Maßnahmen zur Verkehrssicherheit verabschiedet. Zu den über 100 Vorschlägen gehört u. a. der Einbau von Alkohol-Zündschlosssperren in alle neuen Fahrzeuge des gewerblichen Personen- und Güterverkehr in Europa sowie bei besonders alkoholauffälligen Fahrern.Deutsches Informationsbüro des Europäischen Parlaments:

Im November 2019 wurde in der EU-Verordnung EU 2019/2144 beschlossen, dass EU-Typgenehmigungen ab 6. Juli 2022 nur für Pkw, Busse, Transporter, Lkw (EG Fahrzeugklassen M1, M2, M3, N1, N2, N3) mit einer Schnittstelle für den Anschluss von Alkohol-Wegfahrsperren nach EN 50436 erteilt werden. 2 Jahre später, ab 7. Juli 2024 müssen dann alle in der EU erstzugelassenen Fahrzeuge der oben genannten Fahrzeugklassen mit einer solchen Schnittstelle ausgestattet sein. Diese Schnittstelle erleichtert und standardisiert den Anschluss eines Atemalkohol-Kontrollgerätes in Neufahrzeugen. Das eigentliche Atemalkohol-Kontrollgerät ist aber nicht Bestandteil der Bestimmungen.

Österreich

In Österreich gibt es derzeit keine rechtlichen Vorschriften zum Einsatz von Alkohol-Zündschlosssperren. Das Verkehrsministerium hat 2011 ein umfangreiches Verkehrssicherheitsprogramm gestartet, das auch Pilotvorhaben zu einer möglichen Einführung von Alkohol-Wegfahrsperren im Straßengüterverkehr beinhaltet. (PDF; 4,85 MB) Publikation des Verkehrsministerium aus 2011. Abgerufen am 12. Februar 2012. Ein erster Pilotversuch mit Lastkraftwagen, der auch vom Fachverband Güterbeförderungsgewerbe unterstützt wurde,Alkohol-Interlock Pilotprojekt in Österreich Präsentation des Verkehrsministeriums und des Fachverbandes Güterbeförderungsgewerbe. Hochgeladen auf YouTube am 19. Oktober 2010. konnte Anfang 2012 abgeschlossen werden: Die Ergebnisse wurden durchweg positiv bewertet; die Hälfte der beteiligten 23 Transportunternehmen befürwortet seither gesetzliche Vorschriften, 35 % plädieren für freiwillige Regelungen.Kuratorium für Verkehrssicherheit: (PDF)

In einem weiteren Pilotprojekt hat das Kuratorium für Verkehrssicherheit in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftskammer Salzburg mehrere Taxis und Schülertransportfahrzeuge mit Alkohol-Wegfahrsperren ausgestattet.Pressemitteilung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit: 2012 ereigneten sich in Österreich 2.684 Unfälle mit alkoholisierten Beteiligten; dabei wurden 3425 Personen verletzt und 39 getötet.Unfälle mit Personenschaden Bundesanstalt Statistik Österreich vom 22. Oktober 2013. Abgerufen am 9. Februar 2014.

Deutschland

In Deutschland fehlt derzeit ein gesetzlicher Rahmen für den staatlichen Einsatz von Alkohol-Zündschlosssperren. Neben ungeklärten verkehrs- und strafrechtlichen Fragen bestehen Zweifel an der Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz, insbesondere mit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Dieser verlangt u. a., dass jede staatliche Maßnahme, die in Grundrechte eingreift, erforderlich und angemessen ist. Eine Einführung von Alkohol-Zündschlosssperren in Deutschland erfordert daher eine sorgfältige Abwägung aller Vor- und Nachteile. Dies gilt vor allem hinsichtlich der Einschränkung des Eigentumsrechts ( GG) und der allgemeinen Handlungsfreiheit ( Abs. 1 GG). Die Bundesanstalt für Straßenwesen hat daher am 1. Juli 2011 im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums ein Pilotprojekt gestartet, bei dem zunächst die rechtlichen Voraussetzungen geklärt werden sollten. In einer zweiten Phase sollen Personen ermittelt werden, die auf freiwilliger Basis an dem Projekt teilnehmen. Danach ist die eigentliche Testphase mit anschließender Auswertung vorgesehen. Erste Ergebnisse und Handlungsempfehlungen sollten bereits 2013 vorliegen; die Veröffentlichung verzögerte sich jedoch. Der Titel des Forschungsvorhabens lautet: Verbesserung der Sicherheitswirksamkeit von Rehabilitationsmaßnahmen für alkoholauffällige Kraftfahrer durch die Nutzung von Alkohol-Interlocks.Bundesanstalt für Straßenwesen: Im März 2012 setzte sich der seinerzeitige Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages, Anton Hofreiter, in einem Interview in einer Automobil-Zeitung für die Einführung von Alcolocks in Schulbussen ein. Focus vom 8. März 2012. Abgerufen am 17. Juni 2012. Der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses, Martin Burkert (SPD), regte im November 2014 eine Einführung der Alkohol-Zündschlosssperren zur Eindämmung der durch Alkohol verursachten Verkehrsunfälle an.Berliner Plan: Alkoholsünder sollen vor der Fahrt pusten Lübecker Nachrichten vom 14. November 2014. Abgerufen am 18. November 2014.