mini|Musiker der Shanar (Channaar), einer bäuerlichen Ethnie in Tamil Nadu, die früher Toddy-Sammler waren,Shanar, von Shānān. In: Edgar Thurston: Castes and Tribes of Southern India. Volume VI, P–S. Government Press, Madras 1909, S. 370 () führen Villu Pattu auf. Darstellung in Samuel Mateer, 1883
Villu Pattu, auch Villu Paatu, Villuppattu, ist eine Volksliedgattung in der südindischen Musik, die in einigen Gebieten von Tamil Nadu und Kerala von Angehörigen mittlerer Kasten bei Tempelfesten aufgeführt wird. Der Begriff setzt sich aus vil oder villu, „Bogen“ und pāṭṭu, „Lied“ zusammen. Das charakteristische Begleitinstrument der alten Erzähltradition ist ein zwei bis vier Meter langer Musikbogen, der villadi vadyam genannt wird. Zur Schallverstärkung wird der Bogen etwas außerhalb der Mitte über einen Tontopf gelegt.
Herkunft und Verbreitung des Musikbogens Der Name viladi vadyam setzt sich aus vil („Bogen“), adi („schlagen“) und vadyam („Musikinstrument“) zusammen. Damit ist die Funktionsweise eines Musikbogens umschrieben, dessen eine Saite rhythmisch mit Stöckchen angeschlagen wird. Einsaitige Musikbögen waren die ältesten indischen Saiteninstrumente, die in den Veden zusammenfassend als vina bezeichnet werden. Daraus entwickelten sich mehrsaitige Bogenharfen (in Südindien die yazh), wie sie in Indien bis zum 7. Jahrhundert n. Chr. und teilweise noch danach belegt sind, und Stabzithern oder Musikstäbe, deren eine oder mehrere Saiten über einen geraden Saitenträger gespannt ist. Aus den letzteren entstand die heutige Gruppe der als vina oder sitar bezeichneten indischen Lauteninstrumente.
Als ältestes indisches Streichinstrument gilt die ravanahattha (ravanastran), ursprünglich ein Musikbogen oder ein Musikstab aus Bambus, dessen Rosshaarsaite über zwei Stege geführt wurde. Die nach dem mythischen König Ravana benannte heutige Spießgeige mit einer fellbespannten halben Kokosschale als Resonator soll gemäß indischer Tradition der Vorläufer der indischen rabab (Vorläufer der sursingar) und der sarangi sein.Ramesh Kumar: The Traditional Music of Kashmir. Koshur
Einfache Musikbögen, die in altindischer Zeit mutmaßlich pinaki vina genannt wurden, haben sich in Indien nur noch in wenigen Nischen in der regionalen Volksmusik von bestimmten Gesellschaftsgruppen erhalten. Der villadi vadyam ist typologisch eine sehr alte Form, die sich auf die ursprüngliche Erdzither zurückführen lässt.Curt Sachs: Geist und Werden der Musikinstrumente. (Berlin 1928) Nachdruck: Frits A. M. Knuf, Hilversum 1965, S. 65 Einen ähnlichen langen Musikbogen bei den indigenen Cora in Mexiko, dessen Stab auf eine am Boden liegende Kalebasse aufgelegt wurde, erwähnt Konrad Theodor Preuss (1912).Konrad Theodor Preuss: Die Nayarit-Expedition. Textaufnahmen und Beobachtungen unter mexikanischen Indianern. Unternommen und herausgegeben im Auftrage und mit Mitteln des Königl. Preuss. Kultusministeriums aus der Herzog von Loubat-Professur-Stiftung. Band 1: Die Religion der Cora-Indianer in Texten nebst Wörterbuch. B. G. Teubner, Leipzig 1912, S. LXXXIII, 139, 219
Große Ähnlichkeit mit dem villadi vadyam besitzt der zwei Meter lange Jagdbogen dhankul (auch dhankul dandi), der bei den Adivasi in einen abgelegenen Hügelgebiet im Süden des Bundesstaates Chhattisgarh (Bastar-Distrikt) zur Begleitung der epischen Gesangstradition Tija Jagar gehört. Er wird ebenfalls über einen am Boden stehenden Tontopf gelegt, aber mit der Saite nach unten. Frauen zupfen die Saite mit der linken Hand, während sie mit einem besenartig gefächerten Bambusstück in der rechten Hand über den in der Mitte geriffelten Bogen schrapen.Chris A. Gregory: The Oral Epics of the Women of the Dandakaranya Plateau: A Preliminary Mapping. In: Journal of Social Sciences, Band 8, Nr. 2, 2004, S. 93–104
Buang ist eine ausschließlich rhythmisch eingesetzte einsaitige Stabzither bei den Santal in Odisha. Der Saitenträger aus einem Bambusrohr misst etwa einen Meter, in beiden Enden stecken elastische Aststücke, die durch die gespannte Saite gekrümmt werden. In der Mitte ist ein Resonanzkörper befestigt, der aus einem mit Papier überzogenen Bambuskorb besteht. Tänzer erzeugen damit bei Gruppentänzen schnarrende Geräusche.Bigamudre Chaitanya Deva, 1977, S. 75 Die in Odisha zur Liedbegleitung gespielte Stabzither tuila mit Kalebassenresonator besitzt einen Tonumfang von einer Oktave. Bei anderen Adivasi-Volksgruppen in Zentralindien erfüllt die ähnliche, aber kleinere kuranrajan mit einem geschnitzten Vogelkopf (Pfauenköpfe bei den Saora in Odisha) eine magische Funktion bei religiösen Zeremonien.Verrier Elwin: The Religion of an Indian Tribe. Geoffrey Cumberlege, Oxford University Press, Bombay 1955, S. 212
Zu den Rhythmusinstrumenten mit einer elastisch befestigten Saite gehört auch die besonders von den religiösen Sängern der Bauls in Bengalen gespielte Zupftrommel ektara. Diese entspricht in Kerala der pulluvan kudam, einem membranbespannten Tontopf (kudam, auch ghatam) mit einer Saite, den die Gemeinschaft der Pulluvan zusammen mit der einsaitigen Fidel pulluvan vina und den Handzimbeln elathalam in der Musik für den Schlangenkult Nagakalam einsetzt, der dem Ritualtheater Nagamandala ähnlich ist. Der am Boden sitzende Musiker spannt die von der Fellmitte der pulluvan kudam ausgehende Saite, indem er ihr Ende unter sein Bein klemmt oder mit den Zehen fixiert. Gezupft wird mit einem Holzplektrum in der rechten Hand.A. Sreedhara Menon: Social and cultural history of Kerala. Sterling, New York 1979, S. 147
Im Norden Keralas bezeichnet ona villu einen Musikbogen aus dem Blattstiel einer Palmyrapalme mit einer Saite aus Kokosfasern, der bei einem Kummattikkali genannten Maskentanz gespielt wird. Eine Gruppe von acht bis zehn kostümierten Tänzern mit Holzmasken tritt auf der Straße zu Ehren der Göttin Devi auf.Kummattikkali folk art form Kerala. keralatourism.org (mit Video) Ona villu heißt auch ein nicht spielbarer „Bogen“, tatsächlich ein bemaltes Holzbrett, das beim Onam-Fest im Monat Chingam (August/September) in Kerala zeremoniell eingesetzt und schließlich im Padmanabhaswamy-Tempel von Trivandrum geopfert wird.Devayani Medhekar: A Royal Tradition. In: The Hindu, 9. September 2005 Die traditionellste Form der Villu Pattu-Lieder wird an der Südspitze Indiens, im Distrikt Kanyakumari gepflegt.Stuart H. Blackburn, 1981, S. 209
Bauform des Bogens und Spielweise mini|Nächtliche Villu Pattu-Aufführung in Ponkunnam bei Kottayam Der villadi vadyam ist ein leicht gebogener Holzstab (aus einem Zweig der Palmyrapalme), zwischen dessen Enden eine dicke gedrehte Schnur aus Hanf oder Tierhaut gespannt wird. Im mittleren Bereich liegt der Saitenträger auf einem Tontopf (kudam), der als Resonanzkörper fungiert und zugleich als Idiophon mit Stöckchen angeschlagen wird. Am dick mit bunten Papier- oder Stoffstreifen umwickelten Stab hängen auf ganzer Länge Glöckchen, die beim Anschlagen der Saite erklingen.
Die Musikgruppe besteht aus sieben oder acht Mitgliedern. Der Vorsänger (Pullavar, entspricht dem Pandit) oder die Vorsängerin schlägt meist auf dem Boden sitzend mit zwei Holzstöcken (vicukol) die Saite und trägt in Balladenform mythologische Themen aus der lokalen Tradition vor oder schöpft aus den Erzählungen des Mahabharata, Ramayana oder aus den Puranas. Bis zu fünf Begleiter schlagen ebenfalls den Rhythmus mit Stöckchen auf die Saite, den Tontopf und auf die weiteren Instrumente. Eine Frau kann als Vorsängerin auftreten, auch wenn die übrigen Musiker männlich sind. Einer Vorsängerin steht eine weibliche Assistentin zur Seite.
Üblicherweise beginnt ein Musiker mit einem virtuosen Solo auf der Sanduhrtrommel idakka. Der Musikbogen steht zwar im Zentrum der Aufmerksamkeit, dennoch wird er musikalisch durch die rhythmischen Begleitinstrumente in seiner Bedeutung begrenzt. Lautstark zu hören sind die zweifellige Sanduhrtrommel udukkai, die hölzernen Klappern daru talam oder kattai und die kleinen Zimbeln talam oder jalra. Klappern, Zimbeln und der Musikbogen halten die Grundschläge des Taktes. Wo sich die Erzählung zu einem besonderen emotionalen Ausdruck steigert, kommt es zu einem sich überstürzenden Rhythmus (tutukku): Tontopf und udukkai treiben mit einem polyrhythmischen Muster über den Grundschlägen von Klappern und Zimbeln die Musik vorwärts.Maria Lord: India. In: New Grove, 2001, S. 247 In modernisierten Aufführungen werden der besseren Textverständlichkeit wegen einige der Schlaginstrumente durch das indische Harmonium oder die Shrutibox ersetzt.
Der Text wird vom Sänger vorgetragen und von einem Chor (itampati) antiphon wiederholt. Gelegentlich teilen sich die Musiker in eine Hauptgruppe (vilampati) um den Sänger und einen Chor gegenüber, der sich zum udukkai-Spieler gesellt. Der Chor wiederholt nicht die gesamten Verszeilen, sondern nur den Refrain, sodass ein Echoeffekt entsteht. Inhaltlich kann sich ein Frage-Antwort-Spiel der beiden Seiten ergeben. Die Musiker treten mit großen Gesten und mimischen Verrenkungen in eine Beziehung zum Publikum, das während der lebhaften Tempelfeste (kotai, wörtlich „Geschenk“, die Gläubigen opfern den Gottheiten) über mehrere Stunden unterhalten werden soll. Die Melodien sind einfach, und die im lokalen Dialekt vorgetragenen Geschichten sind den Zuhörern im Wesentlichen bekannt. Durch die Wiederholung des Refrains soll auch der ungebildete Zuhörer den Text besser verstehen können.Manohar Laxman Varadpande: History of Indian Theatre. Loka Ranga. Panorama of Indian Folk Theatre. Band 2. Abhinav Publications, Neu-Delhi 1992, ISBN 978-81-7017-278-9, S. 125. Alison Arnold (Hrsg.): The Garland Encyclopedia of World Music. Band 5: South Asia. The Indian Subcontinent. Garland, New York / London 2000, S. 367 f.
Ein ähnliches Wortgefecht bietet auch das südindische Volkstanztheater Lavani, das von anmutigen Tänzerinnen im April/Mai eine ganze Nacht hindurch aufgeführt wird. Lavani mit Verbreitungsschwerpunkt in Maharashtra, die Balladen des Gee-Gee in Karnataka, Kavigan aus Bengalen, Villu Pattu und andere volkstümliche Erzähltraditionen vermochten ihre Themen den Bedürfnissen der Zeit anzupassen. Während der britischen Herrschaft dienten sie als Verbreitungswege des antikolonialen Aufstandes.
Der britische Missionar Samuel Mateer (1835–1893) beschreibt in Native Life in Travancore (1883) Aufführungen von Villu Pattu als Begleitmusik von „Teufelsverehrung“. Vier oder fünf Musiker schlugen zu seiner Zeit in den Tempeln abwechselnd mit Stöcken auf die Saite, wofür sie ordentlich entlohnt wurden, so Mateer.Samuel Mateer: Native life in Travancore. W. H. Allen & Co., London 1883, S. 107
Die Villu Pattu-Musiker gehören überwiegend mittleren Kasten an, im Unterschied zu den meisten anderen epischen Gesangstraditionen, die von den unteren Schichten gepflegt werden. Die im äußersten Süden kleine Gruppe der Brahmanen beteiligt sich nicht an der Gesangstradition. Manche Ensembles ziehen als Wandermusiker umher. Daneben gibt es anerkannte Villu Pattu-Meister, die Schüler in dieser Volkstradition unterrichten.Vani Doraisamy: Learn villupattu from master musician. In: The Hindu, 17. November 2005 Der berühmteste lebende Villu Pattu-Musiker ist der 1928 im Tirunelveli-Distrikt in Tamil Nadu geborene Subbu Arumugam.Suganthy Krishnamachari: Statement with a bow. In: The Hindu, 15. Mai 2009
Liedgattungen mini|Villu Pattu-Aufführung in einem Tempel im Distrikt Tirunelveli, Tamil Nadu mini|Panguni uththiram-Fest im Tempel des tamilischen Schutzgottes Aiyanar bei Tirunelveli