mini|Rüdiger Siebert (2007) Karl Rüdiger Siebert (* 17. Januar 1944 in Chemnitz; † 6. Januar 2009 in Stung Treng, Kambodscha) war ein deutscher Journalist, Redakteur und Reiseschriftsteller. Schwerpunkt seiner Tätigkeiten waren die Länder Südostasiens.
Leben Jugend und Ausbildung Als Sohn des Berufssoldaten Hans Hubert Rudolf Siebert kam Rüdiger Siebert in einer Chemnitzer Kaserne zur Welt. Seine Mutter, Theresia Siebert geborene Lichtenstern, stammte aus einem Bauernhof in Landsberg am Lech. Er hatte eine zwölf Jahre ältere Schwester, Irmtraud.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zog die Familie nach Weißenfels an der Saale (Sachsen-Anhalt), wo der Vater die Gastspiel-Organisation der Stadt übernahm. Hier besuchte Siebert zunächst die Bergschule (Grundschule) und wechselte danach in die Oberschule, die er 1958 absolvierte. Im Jahre 1959 floh seine Familie mit ihm aus der DDR über Berlin nach Landsberg am Lech. Eine Anmeldung an der Oberschule in Landsberg wurde ihm wegen fehlender Englischkenntnisse verwehrt. In der DDR hatte er zwar Russisch, aber keine weitere Fremdsprache erlernt. Damit blieben ihm zu seiner Enttäuschung Abitur und Studium versagt. mini|Rüdiger Siebert in der Redaktion der Nürnberger Zeitung (1964) mini|Rüdiger Siebert im Jahre 1964 Nachdem er zwei Jahre lang die private Handelsschule in Landsberg besucht und 1961 zum Abschluss gebracht hatte, zog er nach Nürnberg, um ein Volontariat bei der Nürnberger Zeitung anzutreten. Eine Unterkunft fand er im Kolpinghaus, wo es unter anderem galt, den religiösen Pflichten nachzukommen.
Im Sommer 1962 reiste er per Anhalter durch Westdeutschland und Frankreich und nach Helgoland. Zwei Jahre später trat er seine erste große Reise an, die fast sechs Monate dauerte. Abermals per Anhalter reiste er durch England, Irland und Schottland bis nach Island. In Island war er durch Geldmangel gezwungen, durch Arbeiten in einem Steinbruch und in einer Walfangstation seine Heimreise zu finanzieren.
Es waren wohl, wie er einmal selbst sich hierzu äußerte, die Reiseverbote in seiner Jugend im „Quasi-Gefängnis DDR“, die dazu führten, dass er seine Reiseziele besonders weit steckte. Im Verein mit seinem Bedürfnis, sich Anderen mitzuteilen, hatte er seine Berufung gefunden: Das Reisen, zunächst in Deutschland und Europa, später in Afrika und Asien, und den Journalismus, um seine Erlebnisse und Erfahrungen publikumswirksam zu veröffentlichen.
1965–1966 absolvierte er einen zweijährigen Wehrdienst in Tauberbischofsheim. Dort widmete er sich u. a. der Divisionszeitung „Soldat in Franken“ (SIF), wo er aus seiner Sicht Missstände in der Bundeswehr kritisierte und mit seinen Vorgesetzten in Konflikt geriet.
Im Anschluss an den Wehrdienst, im Frühjahr 1967, lebte Siebert mehrere Monate in Paris. An der Alliance Française und in einem Sprachkurs in Südfrankreich lernte er die französische Sprache. Vom 26. August 1967 bis zum 24. Januar 1970 arbeitete er als Volontär bei der evangelischen Jugendzeitschrift „Junge Stimme“ in Stuttgart. Unter anderem veröffentlichte er unter dem Pseudonym „Felix Treibeis“ pointierte Meinungsbeiträge.
Zu Beginn des Jahres 1970 bewarb sich Siebert erfolgreich um eine Anstellung bei der Deutschen Welle in Köln. Die Zeitfunk-Redaktion bot ihm Gelegenheit, als Hörfunk-Redakteur etwas Neues zu versuchen. Mitte Februar 1970 lernte er in der Kölner Volkshochschule am Neumarkt, in welchem der intellektuelle und kulturelle Treffpunkt „Josef-Haubrich-Forum“ im heute als Kunstzentrum bekannten Josef-Haubrich-Hof eingerichtet war, die 23-jährige Margarete Fiedler kennen, die 39 Jahre lang bis zum Ende seines Lebens seine Partnerin werden sollte. Drei Monate später, im Mai 1970, reisten sie gemeinsam nach Lerici in Italien am Ligurischen Meer, wo sie den Entschluss fassten, eine Übersee-Reise zu unternehmen.
Nach Afrika Im Juni 1971 kündigte Siebert seine Anstellung bei der Deutschen Welle. Als freier Journalist trat er gemeinsam mit Margarete Fiedler eine 14 Monate dauernde Reise an, die durch weite Gebiete Nord-, West-, Zentral- und Ostafrikas führte: Tunesien, Algerien, Marokko, Spanische Sahara, Mauretanien, Senegal, Mali, Niger, Obervolta, Elfenbeinküste, Ghana, Togo, Dahomey, Nigeria, Kamerun, die Zentralafrikanische Republik, Zaire (Kongo), Uganda, Ruanda, Tansania, Kenia. Während dieser Reise berichtete er über die deutsche Entwicklungspolitik und ihre Durchführung vor Ort. Die von Margarete in eine leserliche Handschrift übertragenen Artikel schickte er nach Deutschland, wo sie von einer Bekannten als maschinengeschriebene Abschriften an verschiedene Zeitungen weitergegeben wurden. Die Heimreise von Mombasa auf dem Frachtschiff Paranga dauerte drei Wochen: Aus politischen Gründen war der Suezkanal gesperrt, weshalb Kurs um das Kap der Guten Hoffnung genommen werden musste. Einen Teil der Ergebnisse dieser Reise, eine Auswahl aus 19 Ländern, veröffentlichte Siebert in seinem ersten Buch „Afrika schwarz weiß“ (Wuppertal 1974). 10 Jahre später erschien dieses Buch in überarbeiteter Form mit dem Titel „Bitte, wo liegt Afrika?“ (Würzburg 1984).
Als Hörfunk-Redakteur bei der Deutschen Welle mini|Unterwegs in Indonesien mini|Rüdiger Siebert – in der Mitte am Tisch sitzend – als Leiter der Indonesien-Redaktion der Deutschen Welle (1979) mini|Zu Gast bei Pramoedya Ananta Toer (1997) Anfang 1973 kehrte er zur Deutschen Welle zurück, wo zu diesem Zeitpunkt nur in der Indonesien-Redaktion eine Stelle frei war. Das indonesischsprachige Programm der Deutschen Welle begann mit seinen Sendungen am 30. September 1963. „Inilah Suara Jerman…“, so konnten Kurzwellenhörer in Indonesien zum ersten Mal diese Ansage aus dem Äther empfangen: „Hier ist die Deutsche Welle“. Für die Mitarbeit in diesem Programm lernte Siebert die indonesische Sprache durch einen Intensivkurs an der Kölner UniversitätSeine Lehrmeisterin war die bedeutende Malaiologin Irene Hilgers-Hesse (1905–2004); Nachruf: und mit einer mehrwöchigen Hospitation beim damaligen „Radio Sonata“ in Bandung. Schon dieser erste Indonesien-Aufenthalt wurde von Siebert dazu benutzt, auf Reisen innerhalb Javas das Land, die Menschen und ihre Kultur kennen zu lernen.
Danach unternahm er fast jedes Jahr – oftmals sogar zweimal im Jahr – Dienstreisen nach Indonesien. Neben seiner Tätigkeit als Redakteur in Kooperation mit indonesischen Hörfunkstationen – u. a. mit „Radio Republik Indonesia“ in Jakarta (RRI) und „Radio Sonata“ in Bandung – war Siebert als Journalist unterwegs. Er interessierte sich für das Leben des einfachen Volkes, beschrieb ihre Sorgen und Nöte und nahm an ihren religiösen und zeremoniellen Festen teil. Darüber hinaus galt sein besonderes Interesse jenen Personen, die maßgeblich die geschichtliche, kulturelle, künstlerische und geistige Entwicklung dieses Landes gefördert haben. Zu ihnen gehören der Kritiker der niederländischen Kolonialpolitik Eduard Douwes Dekker alias Multatuli, die Frauenrechtlerin Raden Adjeng Kartini, der Dichter Max Dauthendey, der Schriftsteller Joseph Conrad und der Maler und Musiker Walter Spies, aber auch Forschungsreisende wie Franz Junghuhn, den er als Pionier der wissenschaftlichen Erkundung Indonesiens würdigte, oder Karl Helbig, der als herausragender Indonesienkenner ihm mit Rat und Tat zur Seite stand. Ein gern gesehener Gast war er bei Pramoedya Ananta Toer, dem bedeutendsten indonesischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Über diese und zahlreiche weitere Persönlichkeiten veröffentlichte Siebert biografische Beiträge.
Siebert entwickelte sich so zu einem der besten Indonesien-Kenner. Dies versetzte ihn in die Lage, bei der Umgestaltung des indonesischsprachigen Hörfunkprogramms maßgeblich mitzuwirken. Gemeinsam mit seinen indonesischen Kollegen – allen voran mit Mariana Kwa und Mohammad Arsad – und in Abstimmung mit der Hörfunk-Szene in Indonesien fand eine ständige Weiterentwicklung dieses Programms statt. Der Austausch mit den indonesischen Hörfunkanstalten wurde durch Förderung und Ausbildung von jungen Indonesiern und Indonesierinnen vertieft, von denen einige die Bundesrepublik Deutschland als neue Heimat gewählt haben und als zeitweilige oder dauerhafte Mitarbeiter für die Redaktion gewonnen werden konnten.
Zur erfolgreichen Zusammenarbeit mit Einrichtungen in Indonesien kamen wichtige Kontakte in Deutschland: Zum malaiologischen Apparat des Orientalischen Instituts der Universität Köln, zu ähnlichen bilateralen Instituten in anderen Universitäten und zu indonesischen Studenten. Siebert war Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Asienhaus in Essen und Mitglied des Vorstands der Deutsch-Indonesischen Gesellschaft in Köln. In jenen Jahren war er auch ständiger freier Mitarbeiter bei verschiedenen Zeitungen, u. a. für die Neue Zürcher Zeitung (mit der wöchentlichen Kolumne Unterwegs notiert), für Die Zeit, für die Frankfurter Rundschau und für den Mannheimer Morgen.
In Anerkennung seines Engagements wurde Siebert 1977 zum Leiter der Redaktion für das indonesischsprachige Hörfunkprogramm der Deutschen Welle ernannt. Dreißig Jahre lang war er für dieses Programm tätig. Eines seiner wichtigsten Ziele war die Mitwirkung an einem geistigen und kulturellen Brückenschlag zwischen Deutschland und Indonesien. In Deutschland fanden seine Eindrücke und Erlebnisse aus Indonesien in Büchern, Artikeln, Lichtbildvorträgen und Lesungen ihren Niederschlag. Das indonesische Publikum wurde durch Hörfunk-Beiträge über das aktuelle Tagesgeschehen in Deutschland und Europa informiert. Unter dem Titel „Sejenak bersama Bung Rudi“ („Einen Augenblick mit Kamerad Rudi“) meldete sich Siebert einmal pro Woche selbst zu Wort; seine kurzweiligen Plaudereien aus dem alltäglichen deutschen Leben waren bei seinen Zuhörern in Indonesien sehr beliebt. Im März 1986 kam zu dem bis dahin gesendeten Abendprogramm eine Morgensendung hinzu. Zweimal je 50 Minuten lang wurden tagesaktuelle Nachrichten, politische Kommentare und Berichte und Beiträge aus allen Bereichen des deutschen Lebens und der internationalen Beziehungen ausgestrahlt, verbunden mit Musik von Klassik bis Pop.
Sieberts journalistisch-publizistische Tätigkeit wurde mehrfach ausgezeichnet: 1972 mit dem Terre-des-hommes-Preis, 1974 mit dem Kurt-Magnus-Preis der ARD, 1985 mit dem Preis der Leseratten des ZDF. Für seinen Hörfunk-Beitrag „Die Kindersklaven von Carpet Belt – Wie indische Teppiche geknüpft werden“, der 1991 vom Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt wurde, erhielt er vom Bundespräsidialamt und vom BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) den Medienpreis Entwicklungspolitik.
Große Tatkraft bewies er auch in seinem gesellschaftlich-politischen Engagement. Organisiert vom Friedrich-Bödecker-Kreis, unternahm er 15 Jahre lang Lesereisen durch Schulen in Deutschland und Luxemburg, wobei sein Buch „Insel im schwarzen Fluss – Geschichte einer verkauften Kindheit in Thailand“ bei vielen Kindern und Jugendlichen ein bemerkenswertes Echo auslöste. Seit den 1970er Jahren unterstützte Siebert auch das Kinderhilfswerk terre des hommes: Seine Bücher „Insel im schwarzen Fluss“ und „Bambus lässt sich nicht brechen“ gelangten als „terre des hommes-Buch“ in den Handel. Bei Amnesty International setzte er sich für politisch Verfolgte ein.
In Asien unterwegs mini|Auf den Spuren von Joseph Conrad in Kalimantan
mini|Rüdiger Siebert mit Ganesha mini|Margarete und Rüdiger Siebert auf einem Boot des öffentlichen Nahverkehrs in Kerala, Südindien (2007)