Die Italienische Invasion Ägyptens war eine italienische Offensive gegen das von Großbritannien besetzte Ägypten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Sie war zugleich der Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen in Nordafrika. Das anfängliche Ziel der Offensive war die Besetzung des Sueskanals, später dann nur noch die Eroberung Alexandrias. Die am 9. September 1940 begonnene Offensive endete am 16. September mit einem Vormarsch von lediglich etwa 100 Kilometern und der Einnahme von Sidi Barrani, ohne dass es zu größeren Kampfhandlungen zwischen beiden Seiten gekommen wäre.
Hintergrund Am Nachmittag des 10. Juni 1940 erklärte der italienische Außenminister Galeazzo Ciano dem britischen Botschafter in Rom, dass sich Italien ab Mitternacht als im Kriegszustand mit dem Vereinigten Königreich betrachten werde. Italien trat somit auf Seiten des Deutschen Reichs gegen Großbritannien und Frankreich in den Zweiten Weltkrieg ein.Playfair, S. 109. Trotz seiner vorangegangenen Ankündigung Italien in diesem Fall den Krieg zu erklären, zögerte das Königreich Ägypten den Schritt hinaus und brach am 13. Juni 1940 lediglich die diplomatischen Beziehungen ab. mini|links|Politisch-geografische Ausgangslage vor Beginn der Operationen. Den Krieg wolle es erst erklären, wenn ägyptisches Territorium verletzt werde oder es militärisch angegriffen werde.Playfair, S. 121. Da Ägypten allerdings keine weiteren Schritte gegen Italien unternahm (bspw. die Ausweisung des Botschafters oder die Internierung italienischer Bürger) kamen in Großbritannien zunehmend Zweifel an der Verlässlichkeit Ägyptens und seines Willens, sich an die Bestimmungen des Anglo-Ägyptischen Vertrags zu halten, auf. Kurze Zeit später besetzte es daher Ägypten und berief sich dabei auf die entsprechende Klausel des Vertrags, der einen solchen Schritt zur Abwendung einer Bedrohung des Sueskanals erlaubte.
Zum Zeitpunkt der Kriegserklärung hatte Italien zwei Armeen in Italienisch-Libyen stationiert. Die größere von beiden, die neun Divisionen umfassende 5. Armee, war in Tripolitanien in Westlibyen stationiert und sollte die Grenze zum französischen Protektorat Tunesien sichern. Die kleinere 10. Armee war in der Kyrenaika stationiert und sicherte die Grenze zu Ägypten. Nach der Niederlage Frankreichs und nachdem Tunesien unter der Kontrolle des befreundeten Vichy-Frankreichs stand, wurde die 5. Armee auf vier Divisionen verkleinert und diese der 10. Armee zugeordnet, die nun zehn Divisionen mit etwa 170.000 Mann umfasste. Auch ein Großteil der Ausrüstung, insbesondere die motorisierten Transportkräfte, wurden für eine bevorstehende Invasion Ägyptens nach Osten verlegt.
Bereits am 17. Juni 1940 hatte Großbritannien als Reaktion auf die italienische Kriegserklärung die so genannte Western Desert Force unter dem Kommando von Richard O’Connor ins Leben gerufen. Sie umfasste zunächst alle im westlichen Ägypten stationierten Truppen, zusammen etwa 10.000 Mann. O’Connor verfolgte von Anfang an eine aggressive Strategie zur Sicherung der Grenze. Er ließ kleine gemischte Einsatzteams aus Panzern, Artillerie und Infanterie zusammenstellen, die das Grenzgebiet patrouillierten, bei Kontakt mit italienischen Kräften angriffen und regelmäßig kleinere Überfälle auf grenznahe italienische Stellungen durchführten. Am 14. Juni 1940 hatten Aufklärungseinheiten der britischen 7. Panzerdivision einen ersten Vorstoß nach Italienisch-Libyen hinein unternommen, welcher zur Einnahme des Grenzforts Fort Capuzzo und zur Gefangennahme von etwa 220 italienischen Soldaten führte.Janusz Piekałkiewicz: Der Wüstenkrieg in Afrika 1940 – 1943. Bechtermünz Verlag. Augsburg 1999, S. 36.
Vorbereitung der Offensive Am 28. Juni 1940 kam der Gouverneur-General Italienisch-Libyens Italo Balbo beim Anflug seiner Maschine auf Tobruk durch eigenes Feuer ums Leben. Benito Mussolini ersetzte ihn durch Marschall Rodolfo Graziani, den er sogleich mit einer groß angelegten Offensive gegen Ägypten bis zum 8. August beauftragte, mit dem Ziel, den Sueskanal zu erobern. Graziani stand einem solchen Vorhaben allerdings äußerst kritisch gegenüber. Die 10. Armee sei nach seiner Einschätzung nicht ausreichend ausgestattet und versorgt, um eine Offensive über eine so lange Strecke erfolgreich durchführen zu können. Insbesondere die motorisierten Transportkapazitäten seien bei weitem nicht ausreichend, Artillerie, Panzerabwehrgeschütze und Panzer den britischen Modellen deutlich unterlegen.Schreiber, S. 240. Das Für und Wider einer Offensive wurde in den folgenden Wochen in mehreren Unterredungen und Schriftwechseln zwischen Mussolini und Graziani immer wieder erörtert, zuletzt am 5. August 1940, als Graziani Mussolini darauf hinwies, dass mit den verfügbaren Kräften ein Vormarsch von rund 600 Kilometern durch die Libysche Wüste nicht durchführbar sei.Piekałkiewicz: Wüstenkrieg, S. 43. Generalstabschef Pietro Badoglio sicherte Mussolini allerdings zu (und überstimmte damit Graziani), dass man in einem ersten Offensivschritt zumindest bis Sidi Barrani vorrücken könnte. Der 7. August 1940, der ursprünglich für den Beginn der Offensive geplante Termin, verstrich, ohne dass Graziani die 10. Armee in Marsch setzte.
Am 18. August schließlich traf ein Telegramm von Mussolini bei Graziani ein, in der dieser ihn zu einem sofortigen Angriff drängte. Die Operation Seelöwe, also die deutsche Landung in Großbritannien, stehe in den nächsten Wochen bevor, und ein italienischer Angriff in Nordafrika könne in diesem Zusammenhang von entscheidender Bedeutung sein. Konkrete Ziele für die Offensive wurden allerdings nicht genannt. Am 20. August sagte Graziani – entgegen der Auffassung seines eigenen Stabes – schließlich eine begrenzte Offensive gegen Sollum und Sidi Barrani zu.Schreiber, S. 240–242.
Als Reaktion darauf erteilte Graziani Mario Berti, dem Kommandeur der 10. Armee den Befehl, am 27. August mit der Offensive zu beginnen. Graziani hatte immer noch die Hoffnung, dass zumindest ein Teil der benötigten Ausrüstung bis dahin in Libyen eintreffen würde – diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Erst als Graziani am 8. September aus Rom mit der Abberufung gedroht wurde, willigte er ein, am kommenden Tag mit der Offensive zu beginnen.
mini|Britische Light Tank Mk VI auf Patrouille, August 1940 Die Alliierten ahnten die bevorstehende Offensive voraus und bereiteten sich entsprechend vor. Angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheit der italienischen Truppen kam eine direkte Konfrontation an der Grenze nicht in Frage. Die alliierten Truppen waren allerdings mit wesentlich besseren Panzern ausgestattet, hatten einen viel höheren Grad der Motorisierung und kontrollierten zudem das Mittelmeer, wodurch eine stete Versorgung gesichert war. Vor diesem Hintergrund wurde der Plan gefasst, die italienische Armee zunächst durch einen langen Vormarschweg abzunutzen und dann an einer gut ausgebauten Verteidigungsstellung zu erwarten, wo sie durch motorisierte Flankenangriffe aus der Wüste verwundbar war. Es war sehr wahrscheinlich, dass die italienische 10. Armee aufgrund der schlechten Versorgungslage entlang der Via Balbia über Sollum und den Halfaya-Pass nach Ägypten vordringen würde. Dort war das Gelände durch den großen Steilhang und die Küste zu eng, um die Überlegenheit an motorisierten Kräften ausspielen zu können. Die Verteidigung musste also weiter im Osten erfolgen. Der wichtige Eisenbahnknoten Mersa Matruh erschien hierfür gut geeignet.
Truppenstärke mini|Ein italienischer Soldat posiert für ein Erinnerungsphoto neben einem Feldgeschütz, Nordafrika 1940.
Die für die Invasion Ägyptens vorgesehene und von Mario Berti geführte italienische 10. Armee verfügte im September 1940 über neun Divisionen und weitere Bataillone gegliedert in drei Korps (XXIII, XXI und XXII) sowie zwei als „Gruppen“ bezeichnete Verbände („Gruppe Libyscher Divisionen“ und „Gruppe Maletti“) mit insgesamt 150.000 Mann. Für den Transport waren dem XXIII. Korps etwa 1000 Kraftfahrzeuge, der Gruppe Libyscher Divisionen 650 sowie 450 Kraftfahrzeuge der Gruppe Maletti zugeteilt. Die gesamte Panzertruppe (bestehend aus leichten Modellen L3/33 und mittelschweren Modellen der Baureihen M) wurde in zwei große Panzerabteilungen sowie zwei Bataillone aufgeteilt und den einzelnen Korps beziehungsweise Gruppen angegliedert. Die mitgeführte Artillerie und Panzerabwehrgeschütze umfassten überwiegend kleinere Kaliber. Die italienische Luftwaffe unterstützte die Operation mit dem 5. Fliegerkorps, das mit weiteren Kräften aus Italien verstärkt wurde.
10. ArmeeAlle Angaben zur Gliederung der italienischen Truppen nach Schreiber, S. 243–245. XXIII. Korps (Generale Annibale Bergonzoli) 63. Infanteriedivision “Cirene” 62. Infanteriedivision “Marmarica” 1. Schwarzhemden-Division “23 Marzo” (als Reserve-Division) Bataillon mittlere Panzer (Baureihe M) drei Bataillone leichte Panzer (Baureihe L)
“Gruppe Libyscher Divisionen” (“Gruppo Divisioni Libiche”) (Generale Sebastiano Gallina) 1. Libysche Division “Sibelle” 2. Libysche Division “Pescatori” Bataillon mittlere Panzer (Baureihe M) drei Bataillone leichte Panzer (Baureihe L)
Maletti-Gruppe drei verstärkte libysche Bataillone, durch Artillerie verstärkt gemischtes Panzer-Bataillon (bestehend aus Modellen der Baureihen L und M)
XXI. Korps (als Reserve) 61. Infanteriedivision “Sirte” 2. Schwarzhemden-Division “28 Ottobre” Bataillon mittlere Panzer (Baureihe M) drei Bataillone leichte Panzer (Baureihe L)
XXII. Korps (verblieb in Tobruk) 64. Infanteriedivision “Catanzaro” 4. Schwarzhemden-Division “3 Gennaio” Bataillon leichte Panzer (Baureihe L)
italienische Luftwaffe (noch am 9. September zusätzlichen mit Kräften aus Italien verstärkt)Die italienische Militärgeschichtsschreibung gibt etwas abweichende Zahlen für die Luftstreitkräfte zu Beginn der Operation an, dies sind: 110 Bomber, 135 Jäger, 45 Schlachtflugzeuge, 6 Fernaufklärer und 4 Torpedoflugzeuge (zitiert nach Schreiber S. 245 aus Africa Settentrionale); Playfair spricht weniger konkret von »[...] there were about 300 serviceable bombers, fighters, and ground attack aircraft, apart from reconnaissance units, the Colonial Air Force, and a number of transport and air-sea rescue aircraft.« (S. 207). 5. Fliegerkorps 110 (+64) Bomber 50 (+75) Schlachtflieger 170 Jäger 6 Fernaufklärer (+15 Aufklärer)
Die von Richard O’Connor geführten alliierten Streitkräfte (“Western Desert Force”) in Ägypten umfassten etwa 30.000 Mann, aufgeteilt in zwei Divisionen, einer Brigade und einem Bataillon. Ein Großteil der Kräfte war in Mersa Matruh konzentriert, während der Rückzug lediglich von einem kleineren Teil Truppen gedeckt wurde. Die mitgeführten Panzer der Cruiser und Matilda-Klasse waren den italienischen Modellen (M11/39 und L3/35) deutlich überlegen. Luftunterstützung leisteten etwa 140 Gloster Gladiators.
Western Desert Force 7th Armoured Division (Vereinigtes Königreich), davon deckte eine verstärkte Brigade den Rückzug 4th Indian Division (Britisch-Indien), in Mersa Matruh 16th Infantry Brigade (Vereinigtes Königreich), in Mersa Matruh 3rd Battailon Coldstream Guards (Vereinigtes Königreich), deckte den Rückzug entlang der Via Balbia Companie Marineinfanterie (Freies Frankreich)
Der Verlauf der Offensive mini|500px|Karte des ägyptisch-libyschen Grenzgebiets 1940/41.
Der Vormarschplan war an die beschränkten Transportkapazitäten der 10. Armee angepasst. Der Gedanke, zwei Divisionen als Flankenkräfte durch die Libysche Wüste marschieren zu lassen, wurde aufgegeben. Die gesamte Armee sollte entlang der Via Balbia nach Ägypten vorstoßen. Am 9. September begann der Luftkrieg über Nordafrika. Während die Jägerstaffeln um die Lufthoheit kämpften, griffen britische Bomber Tobruk und das Aufmarschgebiet der 10. Armee an. Die italienischen Bomber konzentrierten sich vor allem darauf, alliierte Stellungen entlang der Vormarschroute aufzuweichen.