Kennzeichnend für die Kultur des Osmanischen Reichs war die Integration unterschiedlichster kultureller Einflüsse und Traditionen aus den zentral- und westasiatischen Ursprungsregionen der Turkvölker, der unterschiedlichen Ethnien Anatoliens, sowie den Landesteilen, die durch die Eroberungen bis ins 17. Jahrhundert dem Reich angegliedert wurden. Tief geprägt vom sunnitischen Islam, hat die Osmanische Kultur Teil an der islamischen Kultur. Durch Handel, Pilger, Diplomatie und Krieg über Jahrhunderte verbunden mit dem Oströmischen Reich, dessen Hauptstadt Konstantinopel 1453 die neue Hauptstadt Istanbul wurde, dem Perserreich und den christlichen Staaten Westeuropas seit der Renaissance repräsentiert die Kultur des Osmanischen Reichs ein politisch und kulturell führendes Land der Islamischen Welt und zugleich eine Weltmacht ihrer Zeit.
Geschichtlicher Überblick Die geschichtliche Entwicklung des Osmanischen Reichs führte zu tiefgreifenden Veränderungen im Kulturschaffen, die die neue Rolle der Osmanischen Sultane, aber auch die intensive Auseinandersetzung mit der Vielfalt der benachbarten islamischen und christlich-europäischen Kulturen mit sich brachte.
1450 bis 1520 Durch die Eroberung von Konstantinopel (1453), sowie des Mamlukenreichs in der Schlacht von Mardsch Dabiq bei Aleppo und der Schlacht von Raydaniyya vor Kairo 1517 gelangte ein Großteil des Mittelmeerraums und die Kernländer der Islamischen Welt unter die Herrschaft des Osmanischen Reichs. Geleitet von der Reichsidee Mehmets II. prägte kultureller Eklektizismus die dynamische Kultur des 15. Jahrhunderts. In die Zeit nach der Eroberung Konstantinopels fällt auch der Beginn der intensiven Auseinandersetzung mit der westeuropäischen Welt der Renaissancezeit und darüber hinaus.
1520 bis 1570 Die Periode nach der Expansion des Osmanischen Reichs ist gekennzeichnet durch den Ausdruck des neuen Selbstverständnisses als Großreich, und durch die weiteren politischen und ideologischen Veränderungen, die mit der neuen Rolle als führende Macht in der islamischen Welt einhergehen.
1570 bis 1600 Auf die Veränderung, Ausdifferenzierung und Festigung der neuen Herrschafts-, aber auch der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung reagierten auch die Förderer und Künstler mit entsprechenden Veränderungen ihrer Produktion und im Gebrauch verschiedener kultureller Medien.
1600 bis 1839 Mit dem Tod Mehmeds III. setzte eine lange Periode relativer Stabilität ein. Während dieser Zeit konnten, abgesehen von Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen, der Handel zwischen dem Reich und Europa gedeihen, und Händler und Pilger relativ ungestört reisen. Jedoch entstanden trotz der noch unangefochtenen Rolle des Sultans als Verteidiger des Glaubens und Garant der sozialen Ordnung auch Spannungen zwischen der herrschenden Elite in Istanbul und den Untertanen in den Provinzen.
1839 bis 1923 Seit dem späten 18. Jahrhundert wurde vor dem Hintergrund nationalistischer Aufstände in einzelnen Landesteilen und einer Reihe schwerer militärischer Niederlagen seit dem Russisch-Türkischen Krieg (1768–1774) die gesellschaftliche und wirtschaftliche Stagnation offenbar. 1839 begann mit der Proklamation der Tanzimat eine Zeit der Reformen. Mit der Gründung der Republik Türkei durch Kemal Atatürk endete 1923 das Osmanische Reich.
Die Kultur der Elite Innerhalb weniger Generationen hatte sich die Herrschaft der osmanischen Dynastie von Anatolien aus über den gesamten Mittelmeerraum ausgebreitet. Das Osmanische Reich beherrschte einen großen Teil der islamischen Welt, seine Sultane beanspruchten eine führende Rolle auch auf dem Gebiet der Religion. Dies veränderte die Selbstwahrnehmung der Sultane und der herrschenden Elite des Osmanischen Reichs. In der Folge wandelte sich einerseits der bildliche Ausdruck des nunmehr imperialen Selbstverständnisses, andererseits entwickelte sich aus der Begegnung mit anderen Kulturen ein hochdynamischer Austauschprozess, der die osmanische Kultur umfassend veränderte. Vielerorts und unter Beteiligung von Herrschern, Hofbeamten, Künstlern und Handwerkern veränderten sich die Muster und Mechanismen der Förderung und Organisation von Kunst. Hauptsächlich unter Führung des Hofes, doch beeinflusst durch die Teilhabe an den großen kulturellen Netzwerken der Zeit, formten sich neue kulturelle Vorlieben am Hof, in der Hauptstadt und in den Provinzen.
Die osmanischen Hofmanufakturen mini|Seidener Hereke-Teppich
Nach der Eroberung Konstantinopels wurde die Stadt zur neuen Hauptstadt des Osmanischen Reichs ausgebaut. In den Hofwerkstätten (Ehl-i Hiref) arbeiteten fest angestellte und regelmäßig entlohnte Künstler und Handwerker verschiedener Kunstrichtungen. Kalligraphie und Buchmalerei wurden im Scriptorium, der nakkaş-hane, betrieben. Die Hofmanufakturen waren örtlich nicht an den Sultanspalast gebunden: Berühmte Zentren des osmanischen Kunsthandwerks waren neben Istanbul vor allem Bursa, Iznik, Kütahya und Ușak. Bursa war als „Seidenstadt“ berühmt für Seidenstoffe und Brokate, İznik sowie Kütahya für Feinkeramik und Fliesen und Uşak besonders für Teppiche.
Als Angestellte des Hofs wurden die Künstler und Kunsthandwerker in Registern dokumentiert, die auch Auskunft über Lohnzahlungen, besondere Auszeichnungen durch den Sultan, und die Veränderungen des Gehalts der Künstler gaben. Der Hof legte auch die Preise für einzelne Erzeugnisse in Preisregistern („narh defter“) fest. In späterer Zeit deckten die vom Hof festgelegten Preise nicht mehr mit die hohen Herstellungskosten der aufwändig angefertigten Produkte und konnten nicht mehr mit den Preisen konkurrieren, die im Exporthandel erzielt werden konnten. Beschwerden aus der Zentralverwaltung, dass die Töpfer von İznik den Bestellungen des Hofes nicht mehr nachkommen würden, weil sie zu sehr mit der Produktion von Massenware für den Export beschäftigt seien, sind dokumentiert.
Literatur
1450–1600 mini|Bâkî (1526–1600)
Etwa seit dem 12. Jahrhundert ist eine eigenständige literarische Tradition in Anatolien nachweisbar. Einer der frühesten bekannten Dichter in türkischer Sprache ist Yunus Emre, der um die Wende zum 14. Jahrhundert lebte. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts hatte sich die westtürkische Sprache in Anatolien schon zu einer eigenständigen Schriftsprache entwickelt.Mecdut Mansuroğlu, The rise and development of written Turkish in Anatolia. Oriens 7 1954, S. 250–264. Während der Herrschaft Murads II. (1421–1444, 1446–1451) erschienen Verserzählungen und Gedichte auf Türkisch, auf deren Grundlage sich in der Folgezeit eine Hochliteratur entwickeln konnte.
Mit der politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung des Osmanischen Reichs entstanden neue gesellschaftliche Eliten innerhalb der städtischen Kultur. In intensivem Austausch mit der schriftlichen persischen und arabischen Literatur sowie der mündlich überlieferten Erzähltradition entstand eine gemeinsame literarische Identität. In dieser Zeit waren die osmanischen Herrscher die wichtigsten Förderer der Literatur ihres Landes, wenn nicht der islamischen Welt.
Von weltliterarischer Bedeutung ist insbesondere die Dichtung. Ausgehend von persischen und arabischen Formen erhielt die Gedichtform des Ghasel eine spezifisch osmanische Prägung. Weitere Formen der Lyrik waren die Qasīda (Kaside), die Versromanze (Masnawī) sowie Verserzählungen der Heldentaten von Sultanen, Prinzen oder Fürsten (gazavatnameler). Worte, Bilder und Themen der klassischen persischen Werke von Saadi, Hafis und Dschalal ad-Din ar-Rumi dienten den Dichtern dieser Zeit immer wieder zur Inspiration. Ein bekannter Dichter aus frühosmanischer Zeit ist Bâkî. Gedichte einzelner oder mehrerer Autoren wurden in Dīwānen gesammelt.
Prosawerke enthielten Geschichten um Dichter früherer Zeiten, historische Persönlichkeiten, die Launen der Frauen und der Staatsbeamten. Die teils derben, mündlich in der gesamten islamischen Welt überlieferten Geschichten um Nasreddin Hodscha sind auch in Westeuropa bekannt. Sie wurden von Aşık Çelebi erstmals in türkischer Sprache zusammengestellt. Etwa um 1550 wurde das Amt des offiziellen Hofgeschichtsschreibers („şehnameci“) geschaffen. Schreibstube und Werkstatt des şehnameci lieferten die offizielle Geschichtsschreibung der nachfolgenden Herrscher der osmanischen Dynastie. Zeitgleich entstanden geografische Werke wie das „Buch der Seefahrer“ (Kitab-ı Bahriye) des osmanischen Admirals Piri Reis.
1600–1839 Mit Beginn des 17. Jahrhunderts waren die Formen des literarischen Kanons weitgehend festgelegt. Die Entwicklung der osmanischen Literatur bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ist immer noch lückenhaft erforscht. Als herausragende Dichter des 17. und 18. Jahrhunderts gelten Nâbi, Nedîm und Nef'i, berühmtester Autor einer Reisebeschreibung in Prosa ist Evliya Çelebi. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts hatte die türkische Sprache eine Vielzahl arabischer und persischer Wörter aufgenommen. Dies wurde überwiegend mit Bewunderung wahrgenommen. Ältere Werke wurden sogar in kunstvolleres Türkisch umgeschrieben, persische oder arabische ersetzten türkische Wörter. In der später so genannten „Tulpenzeit“ wurde unter dem Einfluss des Dichters Nâbi der Grundsatz der sprachlichen „Einfachheit und Ortsverbundenheit“ populär. Frühere türkische Werke wurden neu überarbeitet, die altmodischen türkischen durch persische und arabische Wörter ersetzt. Persische und arabische Literatur wurde vermehrt ins Türkische übersetzt. Das in Istanbul gesprochene und geschriebene Türkisch nahm den Charakter eines Sprachstandards an.
Während des 18. und 19. Jahrhunderts gab es drei bedeutende literarische Stile: Den „indischen“ Stil (sehk-î hindî), dessen bekanntester Vertreter Fehîm-i Kadîm (1627–1641) ist, den „einfachen“ Stil Nâbis, und eine stark an der zeitgenössischen Sprache orientierte Schreibweise, deren prominentester Vertreter Nef'i ist.
1839–1923 Mit der Tanzimat-Periode Mitte des 19. Jahrhunderts werden in Politik wie Literatur westliche Einflüsse stärker. Als erster türkischer Roman gilt Sami Frashëris Ta'aşşuk-ı Tal'at ve Fitnat („Die Liebe von Tal’at und Fitnat“) von 1872. Eine besondere Rolle nimmt bei der Modernisierung die Zeitung Servet-i Fünûn („Schatz des Wissens“) mit dem Dichter Tevfik Fikret und dem Romancier Halid Ziya Uşaklıgil ein.
Kalligrafie mini|Koranseite von Ahmed Karahisari, 16. Jh., Topkapı-Palast, Istanbul
Die Kalligrafie genoss hohes Ansehen im Osmanischen Reich. Nach der strengen Auslegung des islamischen Bilderverbots ist die bildliche Darstellung von Menschen oder Tieren nicht erlaubt, daher hat sich die Islamische Kunst besonders auf die dekorative Schrift und das Ornament konzentriert. Als Begründer der islamischen Kalligraphie gelten Ibn Muqla, der im 10. Jahrhundert lebte, und sein Schüler Ibn al-Bawwab.
Bekannte osmanische Kalligrafen waren Şeyh Hamdullah, Ahmed Karahisari, und Hâfız Osman. Hâfız Osman, ein Schüler von Derviş Ali und Suyolcuzade Mustafa Eyyubi, stand unter der Protektion von Köprülü Fazıl Mustafa Pascha. Er war der bekannteste und einflussreichste osmanische Kalligraf des 17. Jahrhunderts.
Von der Zeit Mehmeds II. an wurden die Kalligrafen nach ihrer Funktion unterschieden. Die Kanzleischreiber (munşi), verwendeten hauptsächlich die Kanzleischriften Taliq und Diwani; die künstlerischen Schreiber, denen die bekanntesten Werke der osmanischen Kalligrafie zu verdanken sind, verwendeten die Rundschriften Naschī, Muhaqqaq und die davon abgeleitete Raiḥān, Sülüs, und Reqa.