mini|hochkant|H. P. Lovecraft, Fotografie aus dem Jahre 1915|alt=Kopfporträt von H.P. Lovecraft in schwarz-weiß; er blickt direkt in die Kamera und trägt eine gerundete Brille, das dunkle Haar ist seitlich gescheitelt. Bekleidet ist er mit einem dunklen Anzug, einem weißen Hemd und einer dunklen Fliege. Die Ratten im Gemäuer, englischer Originaltitel , ist eine phantastische Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers . Das etwa 8000 Wörter umfassende Werk wurde zwischen August und September 1923 verfasst und erschien erstmals im März 1924 im Pulp-Magazin . Der Titel bezieht sich auf das Rascheln von Ratten in den Gemäuern des Familienanwesens, das der Erzähler Delapore nach 300 Jahren auf den Ruinen des Stammsitzes seiner Vorfahren neu errichtet hat. Im Verlauf der Erzählung führen die Ratten Delapore zur Entdeckung des grausigen Geheimnisses der Gruft seines Anwesens und der finsteren Vergangenheit seiner Familie. Nach entstand die Grundidee für die Geschichte, als eines späten Abends seine Tapete zu knistern begann.
Das Werk steht dem Genre der klassischen Schauerliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts noch näher als später verfasste Geschichten , die sich um den sogenannten Cthulhu-Mythos drehen. Deutlich zeigt sie den Einfluss Edgar Allan Poes. Viele für Arbeiten typische Themen und Motive werden behandelt: ein dunkles unausweichliches Erbe, das furchterregende Unbekannte als geschichtliches Geheimnis, bedeutungsvolle Träume, verbotenes Wissen, Degeneration, Wahnsinn, Katzen usf. Heute gilt die Erzählung als Klassiker der Horrorliteratur.
Inhalt
Der US-Amerikaner Delapore entscheidet sich, Exham Priory, das Anwesen seiner Vorfahren in Südengland, zurückzukaufen und seine späten Jahre damit zu verbringen, es zu restaurieren und zu beziehen. Die Grundmauern stammen aus der Zeit vor den Römern des 2. Jahrhunderts n. Chr. Seine Ahnen hatten dort schon mehrere Generationen lang gelebt, als Anfang des 17. Jahrhunderts das ganze Geschlecht bis auf einen Überlebenden unter mysteriösen Umständen ausgerottet wurde. Der überlebende Walter de la Poer setzte sich – trotz Mordverdachts – relativ unbehelligt nach Virginia ab und begründete dort die Familienlinie Delapore. Während des Amerikanischen Bürgerkrieges kam der Großvater des Erzählers in den Flammen seines Hauses ums Leben und nahm das Familiengeheimnis, das nur von Vater zu Sohn am Totenbett weitergegeben wurde, mit sich. Die Familie musste nach Massachusetts fliehen und vergaß im geschäftigen Yankeeleben bald ihre geheimnisvollen Wurzeln. Erst als der Sohn des Erzählers als Offizier während des Ersten Weltkriegs in England stationiert ist, wird das alte Familienerbe zufällig durch eine Kriegsbekanntschaft mit Captain Norrys wiederentdeckt. Dessen Onkel besitzt das Anwesen, und Norrys vermittelt es zu einem günstigen Kaufpreis an Delapore. Schon zu dieser Zeit kommen dem Erzähler durch seinen Sohn seltsame Legenden über Exham Priory und seine Vorfahren zu Ohren, die er jedoch als Mythen abtut. Der Sohn wird im Krieg schwer verletzt. Deshalb beginnt die Restaurierung von Exham Priory mit Norrys’ Hilfe erst nach dessen Tod 1920. Delapore erfährt im Laufe der Arbeiten immer mehr schreckliche Details über seine Vorfahren und das Anwesen: Es entstand um die Zeit, als Stonehenge errichtet worden sein muss, während der Zeit der Römer wurde dort dem schrecklichen Kybele- und Attiskult gehuldigt, bis es Mitte des 13. Jahrhunderts der Herrschaft seiner Vorfahren übertragen wurde.
Kurz nach seinem Einzug im Juli 1923 erhält Delapore neue Hinweise, dass sein Vorfahre die restliche Familie ermordete, weil er hinter ein schreckliches Geheimnis gekommen war. Bald suchen ihn nachts unheimliche Geräusche von Ratten in den Wänden des Anwesens heim, die außer ihm nur die Katzen wahrnehmen. Zudem wird er von ekligen, wiederkehrenden Träumen geplagt. Darin sieht er von oben herab auf eine Grotte, in der ein „Teufelsschweinehirt“ ein „Rudel fetter, pilzüberwucherter Säue“ vor sich hintreibt, und als er „anhielt und einnickte, sprang ein Schwarm Ratten hinunter in den stinkenden Abgrund und verschlang die Säue samt ihrem unseligen Hirten.“H. P. Lovecraft: Die Ratten im Gemäuer. Übersetzung H. C. Artmann; in: The Best of H. P. Lovecraft Suhrkamp 1996, S. 17 f. Die das Geräusch der Ratten verfolgenden Katzen führen ihn wenige Tage später dazu, mit Norrys eine Nacht im Kellergewölbe zu verbringen. Als die Ratten wieder im Gemäuer huschen, entdecken die beiden mithilfe des Lieblingskaters des Erzählers einen geheimen Durchgang unter einem rechteckig gehauenen, uralten Steinaltar. Mit einem aus Wissenschaftlern zusammengestellten Expeditionstrupp öffnen sie Anfang August den Durchgang und finden darunter zu ihrem Entsetzen eine mit von Ratten angenagten Gebeinen bedeckte, uralte Steinstiege, die, wie sie bald feststellen, der Richtung der Meißelschläge zufolge von unten nach oben gehauen worden sein musste. Die Treppe führt sie weiter hinunter in eine riesengroße, durch einen Spalt zum Teil beleuchtete Grotte. Dort finden sich Gebäude von der Urzeit bis zum Ende der Herrschaft seiner Vorfahren. Überall sind Käfige und Schlachtstätten mit menschlichen und urmenschlichen Skeletten und verstreute Rattenknochen. Eines der gefundenen Skelette trägt einen Ring mit dem Emblem der de la Poers. Nach diesen Entdeckungen verfällt Delapore dem Wahnsinn, ihn überkommen „am Rand eines der grauenhaft gähnenden Schlünde“H. P. Lovecraft: Die Ratten im Gemäuer. Übersetzung H. C. Artmann; in: The Best of H. P. Lovecraft Suhrkamp 1996, S. 28. Mächte aus den dunklen Weiten und Tiefen der Grotte. Er wird kurze Zeit später über dem halb aufgefressenen Leichnam von Norrys entdeckt und gibt dabei seltsame Worte und Geräusche von sich. Er wird in eine Nervenklinik eingewiesen und beteuert, „daß es diese Ratten waren, diese grauenhaften Ratten, die wie irrsinnig hinter der Polsterung dieses Zimmers rasen, die mich nicht schlafen lassen, die mich in dieses unendliche Grauen hinunterlocken wollen, in ein Grauen, das größer ist als alle anderen; diese Ratten, die nur ich allein hören kann; die Ratten, die Ratten im Gemäuer …“H. P. Lovecraft: Die Ratten im Gemäuer. Übersetzung H. C. Artmann; in: The Best of H. P. Lovecraft Suhrkamp 1996, S. 29 f.
Deutungsansätze
Erzählweise
Die Kurzgeschichte bedient sich einer für Lovecraft, aber auch für viele andere Autoren der Horrorliteratur typischen Erzählsituation. Sie ist vorgeblich ein dokumentarischer Erlebnisbericht des Ich-Erzählers Delapore, der über weite Teile der Geschichte für Lovecraft typisch nüchtern, rational und wissenschaftlich argumentiert; seine Vertrauenswürdigkeit stellt sich jedoch im Verlauf der Geschichte in dem Maße in Frage, in dem sich dem Leser der Geisteszustand Delapores offenbart und er sich als möglicherweise unzuverlässiger Erzähler erweist. Dieser Punkt wurde jedoch auch als inkonsistent kritisiert, da der rationale Schreibstil über weite Strecken der Geschichte nicht übereinstimme mit dem Geisteszustand des Verfassers Delapore.Vgl. ablehnend hierzu S. T. Joshi: A Subtler Magick: The Writings and Philosophy of H. P. Lovecraft, 1996, S. 99. Die historischen Verweise in der Geschichte bewegen sich teils in einer Grauzone zwischen verbürgter Geschichte und künstlerischer Fiktion. So eroberten und kontrollierten die Römer zwar beispielsweise Großbritannien innerhalb der angegebenen Zeit, und tatsächlich wurde unter Herrschaft der Römer der Kybele-Kult in neue Gebiete eingeführt, jedoch befand sich nie die 3. Legion des Augustus auf südenglischem Gebiet.Vgl. S. T. Joshi: A Subtler Magick: The Writings and Philosophy of H. P. Lovecraft, 1996, S. 98 f.
Ausgehend von einer Ich-Erzählsituation beschreibt der Protagonist über weite Teile in Vergangenheitsform Ereignisse, die er selbst erlebt oder recherchiert hat. Dabei wechseln erlebte und recherchierte Ereignisse ohne strenge Chronologie ab und offenbaren langsam die gesamte Geschichte. Zwischengeschoben werden neben Reflexionen des Erzählers immer wieder proleptische Andeutungen zu noch nicht erzählten Ereignissen und einstweilen vorenthaltenem Wissen. Die erzählte Zeit des Berichts reicht, wie zu Beginn und wieder am Ende der Geschichte deutlich wird, bis in die unmittelbare Gegenwart; die Vergangenheitsform weicht an diesen Stellen dem Präsens.
Die Erzählung folgt einer Handlungskurve, die für Lovecrafts Kurzgeschichten charakteristisch ist und in gewissen Aspekten an eine Detektivgeschichte erinnert: Zuerst wird ein mysteriöses Problem oder eine Krise präsentiert: „Ich hatte noch keinen ganzen Tag in Anchester verbracht, als mir bewußt wurde, daß ich aus einem verfluchten Hause stammte. Und in dieser Woche haben Arbeiter Exham Priory in die Luft gesprengt und bemühen sich nun, jegliche Spur des Fundaments aus der Welt zu schaffen.“H. P. Lovecraft: Die Ratten im Gemäuer. Übersetzung H. C. Artmann; in: The Best of H. P. Lovecraft. Suhrkamp 1996, S. 8. Sukzessive werden die Details der Geschichte und die chronologische Ereignisabfolge offenbart und dabei Indizien eingeführt, die eine natürliche Lösung des Rätsels immer unwahrscheinlicher werden lassen. Dennoch versucht der Erzähler, an dieser Vorstellung festzuhalten, bis sich auf dem Höhepunkt der Handlung die überwältigende, übernatürliche Realität durchsetzt (hier „am Rand eines der grauenhaft gähnenden Schlünde“).
Erzähler
Der Erzähler erinnert in seiner Konzipierung an Protagonisten Edgar Allan Poes. Wie die meisten Phantastiker konzentriert sich dieser nach Lovecrafts eigener Theorie vorwiegend auf die Schilderung von Ereignissen und umfassende narrative Effekte statt auf Charakterzeichnung. Von Michel Houellebecq wurde die Sichtweise vertreten, dass die fehlende Charakterzeichnung und die Fokussierung auf Ereignisse dem lovecraftschen „kosmischen Horror“ entsprechen, in dem die Menschheit als unbedeutendes Element des Kosmos aufgefasst wird. Die Charaktere würden vor allem dazu dienen, den kosmischen Horror wahrzunehmen.Michel Houllebecq: H. P. Lovecraft: Against the World, Against Life. 2. Essay. 1999. Poes – wie auch Lovecrafts – typischer Protagonist sei nach Lovecraft ein üblicherweise düsterer, stolzer, melancholischer, intellektueller und manchmal etwas verrückter Gentleman einer alten, reichen Familie, der sich in seltsame Überlieferungen vertieft und auf geheimnisvolle und ehrgeizige Weise in die verbotenen Geheimnisse des Universums einzudringen sucht.Vgl. H. P. Lovecraft: Supernatural Horror in Literature. 1927. Abschnitt VII. Edgar Allan Poe. Der Name des Erzählers könnte zudem eine Anspielung auf Poe sein. Lovecraft war ein Werk über Poe bekannt, in dem die These vertreten wurde, dass Poes Vorfahren den Namen „le Poer“ trugen. Doch auch ohne dieses Hintergrundwissen erinnert der Name de la Poer an Edgar Allan Poe.Vgl. S. T. Joshi, David E. Schultz: An H. P. Lovecraft Encyclopedia. 2001, S. 223. Lovecraft integrierte öfters Elemente seines eigenen Lebens in seine Geschichten.Vgl. Csóka Bálint: , Abschnitt 2.1. Characteristics of Lovecraft’s writing. (abgerufen am 12. März 2012) Den Kater des Protagonisten benannte Lovecraft nach seinem eigenen, zudem entsprach Lovecraft dem Erzähler in gewissen habituellen Aspekten. Einige seiner Storys, die Vererbung und Wahnsinn thematisieren, sind zudem in ihrer Handlung um Mitte Juli herum angesiedelt, der Zeit, in der sein Vater verstarb.Kenneth W. Faigh Jr.: Parents of Howard Phillips Lovecraft. S. 56. in: David E. Schultz, S. T. Joshi (Hrsg.): An Epicure in the terrible: a centennial anthology of essays in honor of H.P. Lovecraft. 1991.
Schreibstil