Jenseits von Gut und Böse – Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind ist ein im Jahr 2009 erschienenes Sachbuch des deutschen Philosophen und Publizisten Michael Schmidt-Salomon. Zentral ist das Thema der Willensfreiheit und der objektiven Moral als schädliche Illusionen.
Das Werk wurde ins Polnische übersetzt.
Inhalt
Überblick Schmidt-Salomon zufolge existiere kein „Böse“ oder „Gut“ an sich, dabei handele es sich vielmehr um eine „Wahnidee“. Das „Gut-und-Böse-Schema“ und das damit verbundene „moralische Dreigestirn“ von „Schuld, Sühne, Strafe“ seien archaische Denkmuster. Von einem Verzicht auf diese Muster verspricht er sich paradoxerweise eine Stärkung des ethischen Bewusstseins und zugleich eine „entspanntere [...] Weltsicht“, nicht im Sinne eines „Paradies[es] auf Erden“ ohne Konflikte, aber einer vernünftigeren, gelasseneren und humorvollen Grundhaltung des Menschen. Das Buch richtet sich gegen zwei Thesen, die der Autor als „Sündenfall-Syndrom“ pathologisiert:Michael Schmidt-Salomon: Jenseits von Gut und Böse Pando 2009, S. 9–22Leinhos-Heinke 2009, S. 2
„Gut“ und „Böse“ würden als objektive moralische Kategorien existieren. Der Mensch besitze als einziges Lebewesen einen freien Willen.
Schmidt-Salomon verwendet den biblischen Sündenfall dabei als Grundmetapher, da diese Geschichte die beiden Thesen illustriert und zur Grundlage der christlichen Erbsündelehre macht. Folglich benennt er den ersten Teil des Buches, in welchem er für eine Beseitigung des Syndroms plädiert, „Die neuen Früchte der Erkenntnis“. Dabei widmet sich das erste Kapitel „Abschied von Gut und Böse“ der Widerlegung der ersten These, nach der moralische Zuschreibungen objektiv erfolgen könnten. Das zweite Kapitel, „Abschied von der Willensfreiheit“, versucht durch das Referat verschiedener wissenschaftlicher Studien ein klares Bild von der Bedingtheit menschlichen Wollens und Handelns zu vermitteln. Das dritte Kapitel, „Falsche Konsequenzen“, analysiert die Willensfreiheit und die These von der objektiven Moral als kulturelle Muster, die der verantwortungsvollen Selbstentfaltung des Menschen schaden würden. Die drei Kapitel des zweiten Teils – „Das entspannte Ich“, „Entspannte Beziehungen“ und „Die entspannte Gesellschaft“ – sollen einen Entwurf liefern, wie ein Leben ohne den Einfluss des Sündenfall-Syndroms aussehen könnte. Diesen Entwurf bezeichnet Schmidt-Salomon in Anlehnung an Milan Kundera als „Die neue Leichtigkeit des Seins“. Dabei untersucht er die drei Ebenen des individuellen Gewissens, der wechselseitigen Beziehung und der Gesellschaft, und fordert für alle Ebenen eine Reduktion von Spannungen und Konflikten, wie er sie im Kapitel „Falsche Konsequenzen“ aufgezeigt hat. Das Schlusskapitel „Die frohe Botschaft für nackte Affen“ schließlich betrachtet die Ebene der Menschheit. Wenn die Existenz der Menschheit nicht als Teil eines kosmischen Kampfes zwischen Gut und Böse verstanden werde, sondern als winzige und zufällige Episode der Naturgeschichte, so erscheine die Sorge um den moralischen Wert des eigenen Verhaltens statt der Sorge um dessen reale Konsequenzen als lächerlich.
Abschied von Gut und Böse Schmidt-Salomon stellt zunächst fest, wie dominant das Muster Gut vs. Böse in der Popkultur (etwa im Unterhaltungskino) ist. Auch in der Politik habe die Rhetorik dieses Kampfes einen festen Platz – als Beispiel dient hier der frühere US-Präsident George W. Bush und seine Redeweise von der „Achse des Bösen“ oder den sogenannten „Schurkenstaaten“. Ein Vergleich mit dem Verhalten von Tieren insbesondere Menschenaffen, zeige jedoch, dass Tiere ebenso Handlungen verüben, die unter Menschen als böse gelten, wie etwa Kriege führen, vergewaltigen, stehlen, betrügen; unter Tieren gelten sie jedoch als natürlich.
Das Buch schlägt Egoismus und Altruismus als naturalistische Alternativen zu Gut und Böse vor, die tatsächlich das Verhalten bestimmen. Ausgehend vom Beispiel der bösen Stiefmutter im Märchen erläutert Schmidt-Salomon Hamiltons Regel: Nach dieser verhalten sich Menschen eher altruistisch als egoistisch, je näher ihnen die Empfänger der Handlung biologisch steht. Der Widerspruch zwischen Altruismus und Egoismus sei aber nur oberflächlich, Altruismus beruhe vielmehr auf rationalen, sozialen und emotionalen Gründen. Erstens sei altruistisches Verhalten im Rahmen der Strategie „Tit for Tat“ gewinnsteigernd. Zweitens fördere altruistisches Verhalten das eigene Sozialprestige bei den Artgenossen und begünstige so die eigene Fortpflanzung. Drittens löse altruistisches Handeln wegen der menschlichen Empathie oder des Mitleids beim Handelnden selbst positive Gefühle aus.
Eine Kluft zwischen Egoismus und Altruismus entsteht Schmidt-Salomon zufolge erst, wenn durch Ideologie diese Motive ausgeschaltet werden. Unter diesem Aspekt betrachtet Schmidt-Salomon nun die Weltreligionen. Diese bedienen dem Buch zufolge die psychologischen und biologischen Prinzipien von Gruppenverhalten und Ausgrenzung: Während man gut zu den Gläubigen der eigenen Gruppe sein soll, wird die gnadenlose Bekämpfung des Gegners propagiert. Die Unterscheidung von Gut und Böse lasse sich vor diesem Hintergrund unter Bezugnahme auf eine umstrittene Theorie der kulturellen Evolution als „Mem“, d. h., als geistiges, sich selbst replizierendes Erbgut begreifen, das Ideologien wie den Religionen einen Selektionsvorteil biete. Als Beispiel für die jahrhundertelange Entwicklung von Memen und der Steigerung ihres Einflusses wird der Antisemitismus genannt. Anhand von Tagebüchern und Aussagen der NS-Führungspersönlichkeiten kommt Schmidt-Salomon zu dem Schluss, dass die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die diese in der NS-Diktatur und mit dem Holocaust begangen, von ihnen selbst als „gut“ und moralisch richtig empfunden wurden. „Gut“ und „böse“, so das Fazit dieses Kapitels, seien also rein subjektive Zuschreibungen, die von äußeren Umständen wie einer Gruppenzugehörigkeit abhängig seien.Leinhos-Heinke 2009, S. 4–6Schmidt-Salomon 2009, S. 25–105
Abschied von der Willensfreiheit
Durch zahlreiche Studien aus den Bereichen Neurologie, Psychologie, Biologie und Soziologie versucht Schmidt-Salomon, den so genannten „freien Willen“ zu widerlegen. Dabei geht es ihm nicht so sehr darum, ob menschliches Handeln im Prinzip frei sein könnte, sondern darum, dass sowohl Verhaltensweisen als auch Motive des Handelns abhängig von äußeren Einflüssen sind. Ein neurologischer Fall dient als Aufhänger. Schmidt-Salomon berichtet von einem Mann, der ohne sichtbaren äußeren Anlass anfing, Kinder zu missbrauchen. Als bei diesem ein Hirntumor gefunden und operativ entfernt wurde, zeigte er keine Neigung mehr dazu. Das Buch stellt die Behauptung auf, dass ein Großteil der Gewalt- und Sexualstraftäter solche neurologischen Deformationen aufweise.
Das Buch kritisiert auch den volkspsychologisch noch verbreiteten und zur Erklärung der Willensfreiheit verwendeten Dualismus von Leib und Seele. Unter Berufung auf das berühmte Libet-Experiment wird die These aufgestellt, dass Entscheidungen als Prozesse im Gehirn stattfinden, bevor sie bewusst getroffen werden. Daraus wird geschlossen, dass diese Prozesse auch in der Erklärung von Entscheidungen höher anzusetzen seien als bewusste Entscheidungen des Ichs. Arthur Schopenhauer wird hinsichtlich der Unvereinbarkeit einer auch nur relativen Freiheit des Willens mit dem „universellen Kausalgefüge der Welt“ also einer deterministischen wissenschaftlichen Naturerklärung angeführt.
Das Buch plädiert dafür, Willensfreiheit durch Handlungsfreiheit zu ersetzen: „Frei sein bedeutet, tun zu können, was man will - Es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können als das, was man will.“ Dabei trennt er zwischen „äußerer Handlungsfreiheit“ (Grundrechte, Gesetze, Verhaltenskodexe) und „innerer Handlungsfreiheit“ (durch ein gesundes Gehirn). Letztere könne etwa durch neurologische Krankheiten oder durch psychische Störungen, etwa Angststörungen beeinträchtigt sein. Auch die Meme können eine äußere wie innere Beeinträchtigung sein. So hätten die Anhänger des Nationalsozialismus tatsächlich nicht anders handeln können, weil sie von einem „antisemitischen Memkomplex“ sowie von autoritären Strukturen geprägt worden seien. Dennoch möchte auch Schmidt-Salomon etwa Adolf Eichmann, den er als Beispiel nennt, nicht von jeglicher Verantwortung freisprechen. Vielmehr komme es darauf an, richtige und falsche Konsequenzen aus der Annahme zu ziehen, dass Willensfreiheit und objektive moralische Werte Fiktionen seien.Schmidt-Salomon 2009, S. 107–156Leinhos-Heinke 2009, S. 6–7
Falsche Konsequenzen Er nimmt weiterhin an, dass die Willensfreiheit den Menschen nicht helfe, sondern zu Problemen führe. Sie führe zu einem psychischen Druck, da demnach jeder Mensch für sein eigenes Schicksal voll verantwortlich sei, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Dieser psychische Druck führe dazu, dass sich viele Menschen vor ihrer eigenen angeblichen Freiheit fürchten und sich in die Hände anderer Menschen wie Diktatoren begeben. Dies sei auch ein Grund, weshalb so viele Menschen religiösen Autoritäten gehorchen.
Außerdem wird die Frage aufgeworfen, was Freiheit eigentlich bedeute. So seien drei Prinzipien notwendig, damit der individuelle Mensch frei sei:
„Ich muss wissen, welche verschiedenen Handlungsoptionen in einer konkreten Situation überhaupt existieren.“ „Ich muss in der Lage sein, die jeweiligen Folgen der verschiedenen Handlungsalternativen einzuschätzen, um die für mich sinnvollste Alternative zu erkennen.“ „Ich muss über die Mittel verfügen, um die präferierte Handlungsoption auch in der Praxis umsetzen zu können.“
Im nächsten Schritt werden die Prinzipien von Zufall und Kausalität erläutert. Es wird aufgezeigt, dass jedes kleinste Ereignis auch nur eine Ursache in einer Wirkungskette ist, die von Beginn des Universums an laufe und in der die kleinste Veränderung große Wirkungen entfaltete („Schmetterlingseffekt“). Dabei wehrt sich Schmidt-Salomon aber gegen religiöse Auffassungen, diese Kette sei von einer göttlichen Kraft vorbestimmt. Diesem Prinzip sei auch der Wille und damit auch den Entscheidungen ausgesetzt. Demzufolge könnten Extremisten und Verbrecher auch nicht anders handeln, als dementsprechend, wie sie von ihren Umweltfaktoren geprägt wurden.
Nun komme allerdings die Frage auf, ob es dieser Schlussfolgerung nach nicht folgerichtig wäre, alle Kulturen und Traditionen gleich zu behandeln und auch die Menschenrechte nicht für universell zu erklären. Schmidt-Salomon verneint diese Frage allerdings. Die Tatsache, dass die Menschenrechte verschiedene Traditionen zulassen würden, mache sie so kostbar. Sie würden zeigen, dass im Grunde alle Menschen mit einem ähnlichen Bedürfnis nach einem guten Leben streben. Deshalb sei es richtig, dass die Menschenrechte über allem stehen würden.
Wie vernünftig letztendlich ein Mem-Komplex (Kulturellen, Traditionen, Denkweisen etc.) ist, sei abhängig von Logik und Empirie. Der Abschied von Gut und Böse sei keineswegs mit einem Abschied von ethischen Prinzipien verbunden, da ethisches Handeln keinesfalls bedeute, blind moralischen Geboten oder Verboten zu folgen, sondern immer wieder aufs Neue abzuschätzen, mit welchen positiven oder negativen Konsequenzen eine Entscheidung verbunden wäre.
Als Fazit des ersten Teils des Buches wird die Schlussforderung gezogen, Willensfreiheit sei eine Illusion, gut und böse eine moralische Fiktion, für die es in der Realität keine Verwendung mehr gäbe. Als Konsequenz daraus sei auch das moralische Schuld/Sühne-Prinzip hinfällig.Leinhos-Heinke 2009, S. 7–9Schmidt-Salomon 2009, S. 157–204
Das entspannte Ich