Als gemischtorientierte Ehe wird eine Ehe bezeichnet, in der nur ein Partner heterosexuell und der andere homosexuell oder bisexuell ist. () Der Terminus ist eine Lehnübersetzung des englischen Ausdrucks mixed-orientation marriage.
In der Literatur werden unter diesem Stichwort vor allem Partnerschaften zwischen einem bi- oder homosexuellen Mann und einer heterosexuellen Frau behandelt. Zu unterscheiden sind dabei Partnerschaften, in denen die Frau über die sexuelle Orientierung des Mannes von vornherein vollumfänglich Bescheid wusste, und solchen, in denen sie davon erst im Verlaufe der Ehe Kenntnis erhält. Häufig findet ein Coming-out des homo- oder bisexuellen Partners auch gar nicht statt.
Einvernehmliche gemischtorientierte Ehen Wenn die Ehe geschlossen wurde, um die sexuelle Orientierung der Ehepartner zu verschleiern – insbesondere aus Gründen des Berufsaufstiegs –, so spricht man von einer Lavendelehe (engl. lavender marriage).Gay Slang Dictionary: . Abgerufen am 5. Februar 2012. Für die heterosexuelle Begleitperson wird im englischen Sprachgebrauch gelegentlich die Bezeichnung „Beard“ verwendet.
Eine Studie besagt, dass heterosexuelle Frauen Ehen mit einem schwulen Mann eingehen, da sie sich zu diesen hingezogen fühlen. Es ist sehr häufig, dass heterosexuelle Frauen homosexuelle Männer freiwillig heiraten.Joe Kort: . In: Psychotherapy Networker. September 2005. Ein Grund dafür ist, dass heterosexuelle Frauen schwule Männer als weniger wertend und flexibler empfinden, während andere unbewusst nach Partnerschaften streben, die sexuell weniger leidenschaftlich sind.Katy Butler: Many Couples Must Negotiate Terms of 'Brokeback' Marriages. In: New York Times. 7. März 2006. (Abgerufen am 5. Februar 2012)
Gemischtorientierte Ehen ohne Einweihung des heterosexuellen Partners Motive des homosexuellen Partners Vereinzelt kommt es vor, dass jemand, der in Bezug auf Verhalten und sexuelle Fantasien zunächst ausschließlich heterosexuell war, sich im Verlaufe einer Ehe dem eigenen Geschlecht stärker zuneigt als dem des Ehepartners. Gelegentlich findet ein solches „inneres Coming-out“ bei Frauen statt, nachdem sie Kinder geboren haben.Eli Coleman: Bisexual women in marriages. In: Journal of Homosexuality. Band 11, Ausgabe 1–2, 1985, S. 87–99. PMID 4056398 Die Psychiatrie kennt daneben das Symptombild einer sexuellen Reifungskrise (ICD-10 F66.0), bei der nach einer Periode relativer Stabilität der sexuellen Orientierung ein mit Ängsten oder Depressionen verbundener Wechsel der sexuellen Orientierung beobachtet wird; dies betrifft hauptsächlich sehr junge Menschen.Paula C. Rust: Bisexuality in the United States: a social science reader. Columbia University Press, New York 2000, ISBN 0-231-10227-5.
Meist allerdings ist die homosexuelle Präferenz von Anfang an voll angelegt. Schwule und bisexuelle Männer, die Frauen heiraten, tun dies gewöhnlich aber nicht, um eine Scheinehe herzustellen oder um die eigene Identität zu verschleiern. Ihre Motive sind überaus vielfältig. Wünsche, respektiert zu werden, keinen Anstoß zu erregen, sich vor Klatsch zu schützen, den Erwartungen der Eltern zu entsprechen oder so konfliktarm wie möglich durchs Leben zu kommen, sind nur einige davon.Carol Grever: My Husband Is Gay. 2001, S. 46. In vielen Berufsfeldern kann eine heterosexuelle Ehe immer noch die Karriere schützen und fördern.Carol Grever: My Husband Is Gay. 2001, S. 41 f.
Für manche Homosexuelle gibt es darüber hinaus spirituelle Gründe, um eine heterosexuelle Ehe einzugehen.Peggy Fletcher Stack: In: Salt Lake Tribune. 4. Oktober 2006 (Abgerufen am 5. Februar 2012)No Easy Victory. In: Christianity Today. 11. März 2002. (Abgerufen am 5. Februar 2012) Einige verheiratete homosexuelle Männer argumentieren, dass ihre „spirituelle Identität“ schon immer die „Ehe und die Familie“ gewesen sei.Carrie A. Moore: . In: Deseret Morning News. 30. März 2007. (Abgerufen am 5. Februar 2012)
Bei vielen schwulen Männern, die eine heterosexuelle Frau heiraten, spielt internalisierte Homophobie eine Rolle.Daryl J. Higgins: Gay Men from Heterosexual Marriages: Attitudes, Behaviors, Childhood Experiences, and Reasons for Marriage. In: Journal of Homosexuality. Band 42, Ausgabe 4, 2002. Sie erschrecken vor ihren homosexuellen Sehnsüchten und glauben, dass eine tiefe Bindung an eine Frau sie davon abbringen wird; sie empfinden zu ihrer Partnerin eine aufrichtige Zuneigung und sind bei ihr vor dem emotionalen Kontrollverlust und vor den Ungewissheiten der sexuellen Liebe geschützt, der sie zu entkommen suchen.Carol Grever: My Husband Is Gay. 2001, S. 34.Katy Butler: Many Couples Must Negotiate Terms of 'Brokeback' Marriages. In: New York Times. 7. März 2006. (Abgerufen am 5. Februar 2012) Viele haben einen starken Kinderwunsch.Carol Grever: My Husband Is Gay. 2001, S. 43. In der Ehe bauen schwule und bisexuelle Männer oft ein harmonisch-zugeneigtes Verhältnis zu ihrer Frau auf. Die über Freundschaft oder platonische Liebe nicht hinausgehenden Gefühle werden oft als „Liebe“ interpretiert. Nach Ansicht des Therapeuten Joe Kort „verlieben sie sich in ihre Frauen, bekommen oft Kinder und sind auf einer chemischen, romantischen Höhe. Nach etwa sieben Jahren fällt das Hochgefühl weg und ihre schwule Identität beginnt sich herauszubilden.“ Mit Macht zum Vorschein kommen die homosexuellen Sehnsüchte oft bei solchen Männern, die beruflich weit gekommen sind, dafür viel reisen müssen und dadurch Gelegenheit erhalten, ihre Homosexualität auszuleben.Carol Grever: My Husband Is Gay. 2001, S. 39, 72. Auch singuläre Ereignisse, wie der Tod des Vaters, der Verlust des Arbeitsplatzes, die Geburt eines Kindes oder ein Jubiläum, können ein Coming-out ermutigen.
Situation des bi- oder homosexuellen Partners Einige bisexuelle Männer sind in der Lage, ihre homo- und heterosexuellen Impulse im Rahmen einer gemischtorientierten Ehe weitgehend konfliktfrei auszuleben,John J. Brownfain: A study of the married bisexual male: paradox and resolution. In: Journal of Homosexuality. Band 11, Ausgabe 1–2, 1985, S. 173–188. PMID 4056387 wobei Offenheit und Kommunikation oft als Schlüsselfaktor dienen.Eli Coleman: Integration of male bisexuality and marriage. In: Journal of Homosexuality. Band 11, Ausgabe 1–2, 1985, S. 189–207. PMID 4056388David R. Matteson: Bisexual men in marriage: is a positive homosexual identity and stable marriage possible? In: Journal of Homosexuality. Band 11, Ausgabe 1–2, 1985, S. 149–171. PMID 4056386 Andere, die sich der Partnerin gegenüber nicht outen können, lernen manchmal ein Doppelleben zu führen, bei dem sie ihre homosexuellen und ihre heterosexuellen Handlungen und Gefühle säuberlich voneinander trennen.Carol Grever: My Husband Is Gay. 2001, S. 24.
Eine signifikante Zahl von Männern und Frauen erlebt im Zusammenhang mit homosexuellen Entwicklungen innerhalb der Ehe Konflikte.Timothy J. Wolf: Group psychotherapy for bisexual men and their wives. In: Journal of Homosexuality. Band 14, Ausgabe 1–2, 1987, S. 191–199. PMID 3655341 Manche Männer, denen ein Coming-out nicht möglich ist, werden krank oder depressiv, gelegentlich bis hin zum Suizidversuch. Das Coming-out gegenüber der Ehefrau fällt den meisten Männern sehr schwer, weil sie ihre Partnerin und die Kinder nicht verlieren wollen.
Konsequenzen für den heterosexuellen Partner Vor dem Coming-out Viele heterosexuelle Ehefrauen schwuler Männer sind bezüglich der sexuellen Orientierung ihres Partners lange Zeit vollständig im Dunkeln. Andere ‒ eventuell sehr liberale Frauen ‒ wissen zwar, dass ihr Mann bisexuell ist, unterschätzen aber die tatsächliche Stärke seiner homosexuellen Neigung.Carol Grever: My Husband Is Gay. 2001, S. 36, 45. Dass eine Frau bisexuelle Tendenzen toleriert oder vielleicht sogar interessant findet, kann sie für einen homosexuellen Mann zusätzlich anziehend machen, weil er sich stärker angenommen fühlt und weniger lügen muss.
Bereits im Vorfeld des Coming-out ihres Partners fühlen manche Frauen sich von diesem abgelehnt und dominiert, besonders wenn er als Rechtfertigung für seine sexuelle Indifferenz Scheingründe (z. B. einen Seitensprung der Frau) geltend macht.Carol Grever: My Husband Is Gay. 2001, S. 26. Andere merken, dass er umfangreiche soziale Aktivitäten hat, von denen sie vollständig ausgeschlossen wird, dass die sexuelle Intimität mit ihrem Partner verloren geht oder dass er den Liebesakt auf die reine Routine beschränkt.Carol Grever: My Husband Is Gay. 2001, S. 38, 76, 82, 99. In vielen gemischtorientierten Ehen leidet die heterosexuelle Partnerin ebenso an einem Mangel an sexueller Erfüllung wie ihr homosexueller Mann.Carol Grever: My Husband Is Gay. 2001, S. 93–96. Weil der Partner für sie, ohne dass sie die Gründe kennen, physisch und emotional unerreichbar wird, verlieren Frauen in dieser Situation sehr leicht ihr Selbstwertgefühl und erkranken an Depressionen.Carol Grever: My Husband Is Gay. 2001, S. 67–69, 77–79.
Nach dem Coming-out Das Coming-out des homosexuellen Partners führt in den meisten Ehen zu Situationen, die dem Trümmerfeld entsprechen, das nach schwerwiegender und nicht verzeihbarer heterosexueller Untreue zurückbleibt. Besonders belastend sind für den heterosexuellen Partner der Vertrauensverlust gegenüber der bis dahin wichtigsten Bezugsperson und der Verlust der Partnerschaft als Lebensmittelpunkt.Carol Grever: My Husband Is Gay. 2001, S. 104.