Eine sogenannte stille SMS (engl. auch stealth ping, silent SMS oder Short Message Type 0) bezeichnet eine spezielle Form einer über SMS gesendeten Nachricht. Diese wird nicht auf dem Bildschirm des Mobiltelefons angezeigt und löst kein akustisches Signal aus, beim Mobilfunkanbieter fallen jedoch Verbindungsdaten an, die anschließend ausgewertet werden können. Ursprünglich sollte der Dienst für Sonderdienste der Netzbetreiber eingesetzt werden. Solche Kurzmitteilungen können von Ermittlungsbehörden zur Ortung von Telefonen oder zur Erstellung von BewegungsprofilenRichard Meusers (meu): , Spiegel Online netzwelt, 23. November 2011, datenschutzbeauftragter-allgemein.de, 17. Januar 2012 verwendet werden.
Dem Mobilfunkanbieter ist jederzeit bekannt, in welcher Location Area sich ein eingeschaltetes Mobiltelefon befindet. Eine Location Area kann jedoch aus mehreren Dutzend Funkzellen bestehen. Beim Senden einer (stillen) SMS wird das Mobiltelefon durch eine Rundnachricht an die Location Area aufgefordert, sich an einer Funkzelle anzumelden, so dass die SMS ausgeliefert werden kann. Der Anbieter kennt dann die Funkzelle und kann diese an Ermittlungsbehörden weitergeben.
Technischer Hintergrund Grundlage für Short Message Type 0 ist die GSM-Spezifikation 03.40 aus dem Jahr 1996:
Die Nachricht generiert nachverfolgbaren Datenverkehr, bleibt aber mangels jeglicher Anzeige vom Nutzer auf dem Mobilfunkgerät unbemerkt.
Datenschutz und Funkzellenermittlung in Deutschland Zur direkten Ortung ist eine stille SMS nur geeignet, wenn eine Telefonüberwachung nach § 100a StPO richterlich angeordnet wurde. Sonst können nur Verkehrsdaten erzeugt werden. Es ist dann keine Ortung, sondern nur eine Standortbestimmung möglich, die von einem richterlichen Beschluss nach § 100g StPO abhängig ist. Die Netzbetreiber liefern dann mehrere Tage später die Verbindungsdaten.
Am häufigsten wird die „stille SMS“ von den Behörden der Zollfahndung (2012: 199.023), des Verfassungsschutzes (2014: ca. 195.000) Technik zur Ortung von Handys „Stille SMS“ vom Verfassungsschutz, tagesschau.de, 27. Februar 2015 und des BKA (2. HJ 2015: ca. 117.000)BKA verschickt viel mehr „stille SMS“. tagesschau.de, 19. Januar 2016 genutzt. Stille SMS können auch von privater Seite aus versandt werden, lassen dann aber nur erkennen, dass die adressierte SIM eingebucht beziehungsweise das Empfängergerät empfangsbereit ist.Roland Freist: Silent SMS und IMSI-Catcher, Handys aufspüren und abhören. PC Welt, 7. August 2012
Von 2007 bis 2012 haben Bundesbehörden insgesamt 1,7 Millionen stille SMS verschickt, um Besitzer von Mobiltelefonen zu orten., DRadio Wissen, Beitrag vom 9. Januar 2012 (bei podcast.de) Im Jahr 2012 wurden 328.572 Ortungen durch Ermittlungsbehörden (Bundeskriminalamt, Bundespolizei und Zoll), sowie den Verfassungsschutz, vorgenommen, davon stammten 138.779 Ortungen vom Zoll., Süddeutsche.de, 6. September 2013 Im ersten Halbjahr 2013 waren es 264.648.Ole Reißmann (ore): Stille SMS: Deutsche Ermittler nutzen immer häufiger verdeckte Handy-Ortung. Spiegel Online netzwelt, 6. September 2013 Im ersten Halbjahr 2015 ging der Versand stiller SMS zurück,Christiane Schulzki-Haddouti: Bundesregierung gibt nur lückenhaft Auskunft zur Telekommunikationsüberwachung, heise.de, 24. Juli 2015 stieg im zweiten Halbjahr dagegen stark an. Jahr BfV BKA BPOL Zoll 2010Anita Klingler: Zoll verschickt die meisten „Stillen SMS“, ZDNet, 14. Dezember 2011 107.852 96.314 ? 236.617 2012 28.843 37.352 63.354 199.023 2013 (1. Hj.)Bundestags-Drucksache 17/14714. (PDF; 256 kB) 28.472 31.948 65.449 138.779 2014 (1. Hj.)Anna Biselli: Mehr Stille SMS bei Verfassungsschutz, BKA und Bundespolizei, netzpolitik.org, 6. August 2014. Abgerufen am 6. August 2014. ~ 53.000 ~ 35.000 ~ 69.000 (als VS-NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH eingestuft) 2014 (2. Hj.) 142.108 26.915 39.409 (als VS-NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH eingestuft) 2015 (1. Hj.)BT-Drs. 18/5645 53.227 22.357 31.865 keine Angaben 2015 (2. Hj.)andrej-hunko.de 45.376 116.948 41.671 ? 2016 (1. Hj.)BT-Drs. 18/9366 71.555 46.679 92.027 keine Angaben 2016 (2. Hj.)BT-Drs. 18/11041 143.809 16.693 47.899 keine Angaben2017 (1. Hj.)130.88723.64640.077keine Angaben2017 (2. Hj.)179.25821.93233.645keine Angaben2018 (1. Hj.)103.22430.98838.990keine Angaben2018 (2. Hj.)als GEHEIM eingestuft21.33750.654als VS-NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH eingestuft
Auch die Landesbehörden für Verfassungsschutz nutzen das Verfahren: Das Innenministerium Nordrhein-Westfalens legte 2011 Zahlen vor. Demnach erhielten im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland 2.644 Anschlussinhaber insgesamt 255.784 „stille SMS“. Ob damit der Aufenthaltsort bestimmt wurde, kann nicht gesagt werden.
Für die stille SMS nutzen die Polizeibehörden eine eigene Software und entsprechende „SMS-Server“. Die Funkzellenauswertung und das Versenden von Ortungsimpulsen sind laut Innenministerium des Landes rechtlich wie technisch unterschiedliche Maßnahmen.Matthias Monroy: Jährlich eine Viertelmillion "Stille SMS", Telepolis, 22. November 2011
Polizeien der Bundesländer nutzen ebenfalls stille SMS. So versendeten zum Beispiel die Berliner Polizei 145.666Kilian Froitzhuber: Stille SMS: Land Berlin hat ein paar Zahlen gefunden, netzpolitik.org, 22. Oktober 2013 und die Hamburger Polizei 137.522Matthias Monroy: Auch in Hamburg mehr “Stille SMS” und Ausforschung von “Telekommunikations-Verkehrsdaten”, netzpolitik.org, 9. Oktober 2013 Stille SMS im Jahr 2012.
Die Bundesbehörden und Landesbehörden können von den Mobilfunkbetreibern mit einem Gerichtsbeschluss die Herausgabe sämtlicher Daten verlangen. Der Chaos Computer Club sprach von einer „Ortungswanze“.
Der Innensenator von Berlin Ehrhart Körting erhielt 2003 den regionalen Big Brother Award für die fragwürdige Rechtfertigung der sogenannten „stillen SMS“ durch die Berliner Polizei.Der Regional-Preis des diesjährigen BigBrotherAwards geht an den Innensenator von Berlin Herrn Dr. Ehrhart Körting, Big Brother Awards, 2003 Seit dem zweiten Halbjahr 2018 sind die Anzahl der Stillen SMS für den Bundesverfassungsschutz mit dem Geheimhaltungsgrad „GEHEIM“ eingestuft und die Anzahl der stillen SMS für den Bundesnachrichtendienst als „STRENG GEHEIM“. Bei dem Zollkriminalamt wurden die Zahlen ebenfalls als Verschlusssache eingestuft.Stille SMS: Bundesverfassungsschutz pingt im Geheimen, heise.de, 2018
2013 zeigte Karsten Nohl auf der Konferenz Black Hat in Las Vegas, dass ältere SIM-Karten mit der veralteten Verschlüsselung Data Encryption Standard mit einer „stillen SMS“ gehackt werden können.Kai Biermann Millionen SIM-Karten sind nicht sicher, Zeit Online, 21. Juli 2013
Rechtliche Grundlage Deutschland Das Bundeskriminalamt bezieht sich auf § 20l des Bundeskriminalamtgesetzes (präventiv). Für die Strafverfolgung beruft sich das Bundesinnenministerium auf § 100g der Strafprozessordnung und für den Verfassungsschutz auf die §§ 1, 3 des Artikel 10-Gesetzes.Claudia Kornmeier: Stille SMS So basteln Sie sich eine Ermächtigungsgrundlage, Legal Tribune Online, 8. August 2014Claudia Kornmeier: Stille SMS – Ermächtigung basteln geht nicht (PDF) StV Strafverteidiger, Editorial, Heft 11/2014, Allerdings ist dies sehr umstritten, denn § 100g StPO regelt nur die Herausgabe der Verkehrsdaten, die durch das Empfangen einer stillen SMS entstehen. Es ist in der juristischen Diskussion, ob für das reine Versenden einer stillen SMS überhaupt eine Ermächtigungsgrundlage erforderlich ist., Strafraum, juristisches Blog, 25. Oktober 2014 Der Oberstaatsanwalt Stuttgarts mahnte 2003 an den Generalstaatsanwalt, dass „Auskünfte über Standortdaten eines im Standby-Betrieb befindlichen Handys“ nur streng im Rahmen des Paragrafen 100a erlaubt seien. Andernfalls halte er eine „Erstellung eines Bewegungsprofils durch heimliches Herstellen einer Verbindung“ für „unzulässig“.
Am 8. Februar 2018 hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass § 100i Absatz 1 Nr. 2 Strafprozessordnung Rechtsgrundlage für das Versenden stiller SMS ist.Beschluss des 3. Strafsenats vom 8.2.2018 - 3 StR 400/17 -, BGH, 2018. Dies hat zur Folge, dass in allen Fällen, in denen stille SMS zur Standortermittlung eines Mobilfunkendgerätes eingesetzt werden sollen, ausdrücklich die richterliche Anordnung eingeholt werden muss. Wenn die Anzahl der stillen SMS veröffentlicht worden wären, dann hätte man erstmals die Auswirkung des BGH-Urteils auf die Praxis der stillen SMS auf den Bundesverfassungsschutz feststellen können.Stille SMS: Bundesverfassungsschutz pingt im Geheimen. In: heise.de, 2018.
Stille SMS in Österreich Die österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner antwortete auf eine parlamentarische Anfrage 2014: Vom Bundesministerium für Inneres werden „Stille SMS“ zur Ermittlung von Standortdaten nicht eingesetzt. Standortabfragen würden gemäß Sicherheitspolizeigesetz und Strafprozessordnung an die Netzbetreiber gerichtet.Standortabfrage durch "Stille SMS" (2109/AB), Anfragebeantwortung durch die Bundesministerin für Inneres Mag. Johanna Mikl-Leitner zu der schriftlichen Anfrage (2231/J) der Abgeordneten Mag. Albert Steinhauser, Kolleginnen und Kollegen an die Bundesministerin für Inneres betreffend Standortabfrage durch "Stille SMS", 23. September 2014, 40. Sitzung des Nationalrates: Mitteilung des Einlangens
Siehe auch Patras (Zollsoftware) IMEI, Seriennummer zur eindeutigen Identifizierung von Mobilfunk-Endgeräten IMSI zur eindeutigen Identifizierung von Netzteilnehmern in GSM- und UMTS-Mobilfunknetzen IMSI-Catcher zum Abhören von Mobilfunk-Kunden SIM-Karte zur Identifikation des Nutzers im Mobilfunknetz Mobiltelefonortung Cell of Origin ist ein Verfahren der mobilen Positionsbestimmung im GSM-Mobilfunknetz
Literatur Einsätze von so genannten stillen SMS, WLAN-Catchern, IMSI-Catchern, Funkzellenabfragen sowie Software zur Bildersuche im ersten Halbjahr 2015. Kleine Anfrage (Die Linke), Deutscher Bundestag Drucksache 18/5509 18. Wahlperiode 3. Juli 2015, Antwort der Bundesregierung. Stephan Tölpe: Die strafprozessuale Ermittlungsmaßnahme „stille SMS“. wvb, Berlin 2008, ISBN 978-3-86573-365-8 (Zugleich Dissertation an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder) 2007) ISBN 978-3-86573-365-8 (Inhaltsverzeichnis) Rechtmäßigkeit des Versandes von „Stillen SMS“. (PDF; 271 kB) Kleine Anfrage (Die Linke), Deutscher Bundestag, 18. Wahlperiode, Drucksache 18/2504, 9. September 2014, Antwort der Bundesregierung. (PDF; 221 kB) Drucksache 18/2695, 30. September 2014 Christine Krüger: Die sogenannte „stille SMS“ im strafprozessualen Ermittlungsverfahren Erkenntnisse zum Einsatz in der Praxis und Betrachtung der rechtlichen Anwendungsvoraussetzungen. In: Zeitschrift für das Juristische Studium, 5, 2012, S. 606–613 Antworten (14, 15) des Staatssekretärs Klaus-Dieter Fritsche vom 6. Dezember 2011 zu den schriftlichen Fragen des Abgeordneten Andrej Hunko (DIE LINKE.). (PDF; 1,2 MB) Drucksache 17/8102, 9. Dezember 2011, Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, Schriftliche Fragen mit den in der Woche vom 5. Dezember 2011 eingegangenen Antworten der Bundesregierung, S. 12–13 Fahndung per SMS. (PDF; 214 kB) Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der FDP, Deutscher Bundestag Drucksache 15/1448 15. Wahlperiode 22. Juli 2003
Einzelnachweise
Kategorie:Mobilfunktechnik Kategorie:Short Message Service
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