mini|Beginn des Buchs Daniel mit der Susanna-Erzählung (Papyrus 967)
Als Susanna im Bade, auch Susanna und die (beiden) Ältesten, wird die biblische Erzählung von der Rettung der Susanna durch den Propheten Daniel bezeichnet. Die Geschichte ist unter der ersten Bezeichnung nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in der Rechtswissenschaft bekannt.
Textüberlieferung Die Geschichte um Susanna ist in der hebräisch-aramäischen Fassung des Buches Daniel, das zum jüdischen Kanon heiliger Schriften (Tanach) gehört, nicht enthalten. Die griechische Übersetzung des Danielbuchs bietet einen erweiterten Text, der unter anderem auch die Erzählung von Susanna im Bade enthält. Ihr folgt die lateinische Vulgata und damit die westkirchliche Bibeltradition. Während die Susanna-Erzählung in der Version des Theodotion am Anfang des Buches Daniel erscheint, zum Teil auch als selbständige Schrift überliefert ist, steht sie in der Vulgata am Ende des Danielbuchs.Herbert Niehr: Das Buch Daniel. In: Christian Frevel (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament. 9., aktualisierte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-17-030351-5, S. 618–629, hier S. 627. Das übernehmen römisch-katholische Bibelübersetzungen, zum Beispiel die deutsche Einheitsübersetzung. In der Lutherbibel wird die Perikope unter die Apokryphen des Alten Testaments eingeordnet (Stücke zum Buch Daniel). Aufgrund eines griechischen Wortspiels in den Versen 54–55 und 58–59 ( und ; und ) geht man davon aus, dass die Erzählung auch ursprünglich in Griechisch verfasst wurde.
Diese Erzählung liegt in zwei unterschiedlichen Fassungen vor, die sich sprachlich eng berühren, inhaltlich aber abweichen: der frühen Septuaginta-Fassung (SusLXX) und einer ca. 100 Jahre danach erstellten Neufassung, der sogenannten Theodotion-Fassung (SusTh). Theodotion bezeichnet hier nicht den jüdischen Bibelübersetzer gleichen Namens, der im 2. Jahrhundert n. Chr. lebte, sondern eine Übersetzung des Danielbuchs ins Griechische, die um die Zeitenwende, möglicherweise in Palästina, angefertigt wurde. Diese Fassung war in ständigem kirchlichem Gebrauch und ist daher sehr gut überliefert, während die Septuaginta-Fassung in Vergessenheit geriet und erst 1772 durch Publikation des Codex Chisianus R.VII.45 (Minuskel, 10. Jahrhundert) aus der Bibliotheca Apostolica Vaticana wieder bekannt wurde. 1931 wurde im ägyptischen Aphroditopolis P967, ein Papyrus-Codex des 2. Jahrhunderts n. Chr. entdeckt, der Ezechiel, Daniel und Ester in einer vorhexaplarischen Version enthält. Die (allerdings fragmentarischen) Blätter mit der Susanna-Erzählung befinden sich in Köln.Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung. Stuttgart 2009, S. 1416 (Einleitung zu den Danielschriften).Helmut Engel: Die Susanna-Erzählung. Einleitung, Übersetzung und Kommentar zum Septuaginta-Text und zur Theodotion-Bearbeitung (= Orbis Biblicus et Orientalis. Band 61). Universitätsverlag, Freiburg; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, ISBN 3-7278-0326-6, S. 12, doi:10.5167/uzh-149701. Origenes kannte noch beide griechische Fassungen, Hieronymus dagegen nur die Theodotion-Fassung, die er ins Lateinische übersetzte.Helmut Engel: Die Susanna-Erzählung. Einleitung, Übersetzung und Kommentar zum Septuaginta-Text und zur Theodotion-Bearbeitung (= Orbis Biblicus et Orientalis. Band 61). Universitätsverlag, Freiburg; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, ISBN 3-7278-0326-6, S. 10 f., doi:10.5167/uzh-149701. Modernen Bibelübersetzungen liegt die Theodotion-Fassung zugrunde.Herbert Niehr: Das Buch Daniel. In: Christian Frevel (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament. 9., aktualisierte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-17-030351-5, S. 618–629, hier S. 626.Helmut Engel: Die Susanna-Erzählung. Einleitung, Übersetzung und Kommentar zum Septuaginta-Text und zur Theodotion-Bearbeitung (= Orbis Biblicus et Orientalis. Band 61). Universitätsverlag, Freiburg; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, ISBN 3-7278-0326-6, S. 9, doi:10.5167/uzh-149701.
Inhalt Septuaginta-Version Die Septuaginta-Fassung (SusLXX) lässt Ort und Zeit der Handlung relativ unbestimmt. Die Erzählung spielt jedenfalls in einer jüdischen Gemeinde mit Selbstverwaltung und eigener Gerichtsbarkeit. Susanna, die Frau Joakims und Tochter Chilkias’, pflegt im Park ihres Mannes spazieren zu gehen. Zwei Richter beobachten sie dabei, tun sich zusammen und bedrängen Susanna. Sie weist sie ab. „Die verbrecherischen Männer aber wandten sich ab, drohten bei sich und planten heimtückisch, sie zu Tode zu bringen.“SusLXX 28a, Übersetzung: Septuaginta Deutsch.
Als alle Israeliten des Orts in der Synagoge versammelt sind, ordnen sie an, Susanna herbeizubringen. Sie wird herbeigebracht mit ihrer Familie und ihren vier Kindern und öffentlich erniedrigt. Dann sagen die beiden Richter aus, sie hätten im Park beobachtet, wie Susanna mit einem jungen Mann Ehebruch beging. „Und die ganze (Versammlung in der) Synagoge glaubte ihnen, da sie Älteste waren und Richter des Volkes.“SusLXX 41, Übersetzung: Septuaginta Deutsch.
Als Susanna zur Hinrichtung geführt wird, ist ein Engel zugegen, der auf Gottes Geheiß „einem Jüngeren mit Namen Daniel“ den Geist der Einsicht gibt. Daniel stellt die Menge zur Rede, dass sie einem Todesurteil ohne ordentlichen Prozess zugestimmt hätte. Daniel lässt die beiden Richter voneinander trennen. Er ermahnt die Anwesenden, nicht etwa zu denken, dass Älteste ohnehin nicht lügen würden. Er werde sie nun verhören. Daniel fragt erst den Älteren, dann den Jüngeren, unter welchem Baum sie den Ehebruch beobachtet hätten. Da einer einen Mastixbaum, der andere eine Eiche nennt, ist die Falschaussage offensichtlich. Die empörte Menge ergreift die beiden Falschzeugen. Sie werden geknebelt und in eine Schlucht gestoßen.
Im Gegensatz zu den korrupten Älteren lobt der Verfasser die jüngere Generation. Mit der Hoffnung auf junge Frauen und Männer, die tüchtig und einsichtig sind, klingt die Erzählung aus. Damit übt der Verfasser Kritik an der eigenen Oberschicht (Hasmonäer und ihre Parteigänger).Michael Tilly: Die Rezeption des Danielbuches im hellenistischen Judentum. In: Katharina Bracht, David S. du Toit (Hrsg.): Die Geschichte der Daniel-Auslegung in Judentum, Christentum und Islam. Studien zur Kommentierung des Danielbuches in Literatur und Kunst (= Beihefte zur Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft. Band 371). De Gruyter, Berlin/Boston 2007, ISBN 978-3-11-019301-5, S. 31–54, doi:10.1515/9783110896473.31.
Theodotion-Version Der Bearbeiter der Theodotion-Fassung (SusTh) entschärfte die Sozialkritik von SusLXX. Er lokalisiert die Handlung in Babylon. Indem die Susanna-Erzählung dem Danielbuch vorangestellt wurde, erscheint sie als Kindheitsgeschichte des Propheten Daniel. Dass die beiden Alten durch ihr Richteramt Macht ausüben können, tritt zurück, so dass sie mehr als zwei lüsterne Greise erscheinen:
In Babylon lebte ein reicher Mann namens Jojakim. Seine Frau Susanna ist nicht nur schön und fromm, sie hat als Mädchen auch Toraunterricht erhalten. In Jojakims Haus verkehrten zwei Älteste und Richter. Sie beobachten Susanna dabei, wie sie im Park ihres Mannes spazieren geht. Und sie verkehrten ihren Sinn und wandten ihre Augen davon ab, zum Himmel zu schauen und an Gerechtigkeit und Recht zu denken.SusTh 9, Übersetzung: Septuaginta Deutsch.
Die beiden beobachten die Frau tagelang bei ihren Spaziergängen im Park. An einem heißen Tag wünscht Susanna ein Bad zu nehmen, sie schickt ihre Mädchen aus, die Parktore zu schließen und Öl und Salben herbeizubringen. Die Ältesten in ihrem Versteck bleiben unbemerkt, als die Tore geschlossen werden. Sie sind nun mit Susanna allein im Park und bedrängen sie: Falls sie nicht bereit sei, mit ihnen zu schlafen, würden sie Anklage erheben, Susanna habe Ehebruch mit einem jungen Mann begangen. Doch Susanna bleibt standhaft, weigert sich und schreit. Die beiden Ältesten schreien ebenfalls und nehmen die Dienerschaft als Zeugen für ihre Geschichte.
Am anderen Tag kommt die Bevölkerung bei Jojakim zusammen, und die beiden Ältesten lassen Susanna vorführen und ihr den Schleier abnehmen. Dann bringen sie ihre Anklage vor. Die Versammlung glaubt den beiden und verurteilt Susanna zum Tode.
„Und während sie weggeführt wurde, um zu sterben, erweckte Gott den heiligen Geist eines jüngeren Knaben, der den Namen Daniel (hatte).“SusTh 45, Übersetzung: Septuaginta Deutsch. Er wirft der Menge ihr unverantwortliches Verhalten vor und fordert sie auf, zum Gerichtsort zurückzukehren. Die Gemeindevorsteher laden den Knaben ein, in ihrer Mitte Platz zu nehmen und das Verfahren zu leiten. Er trennt die beiden Ältesten und fragt sie unabhängig voneinander, unter welchem Baum Susanna ihren Mann betrogen haben soll. Während der eine angibt, sie habe es unter einem Mastixstrauch getan, sagt der andere, es sei eine Eiche gewesen. Da schreit die ganze Versammlung auf und erkennt, dass es sich bei den beiden Zeugen um zwei Lügner handelt. Susanna wird ihrer Familie zurückgegeben. Die beiden falschen Zeugen werden getötet. Daniel ist nun beim ganzen Volk angesehen: Damit endet diese Version der Erzählung.
Die Neufassung der Erzählung trägt nach Michael Tilly den veränderten politischen Rahmenbedingungen Rechnung. Entstanden ist sie um die Zeitenwende, als Judäa Teil der römischen Provinz Syria war. Politik und Rechtsprechung war der eigenen Oberschicht entzogen, damit erübrigte sich die Kritik aus SusLXX. Die Susanna-Erzählung wird daher zu einer unterhaltsamen Beispielerzählung, die zur Tugend anspornen soll und nebenher zeigt, dass Daniels besondere Begabung bereits in seiner Jugend erkennbar war.
Wirkungsgeschichte Die Susanna-Erzählung in der Alten Kirche Der Kommentar Hippolyts von Rom (frühes 3. Jahrhundert) zum Buch des Propheten Daniel ist der älteste bekannte christliche Bibelkommentar überhaupt und auch wegen seines Inhalts für Patristiker besonders interessant.
Hippolyt versuchte, die Susanna-Erzählung in der Biografie Daniels einzuordnen. Zeitlich sei Daniels Intervention beim Prozess der Susanna zwischen Kapitel 1 und Kapitel 2 des Danielbuchs anzusetzen. Er deutet die Erzählung typologisch: Der junge Daniel wird zum Typos des zwölfjährigen Jesus im Tempel. Sulpicius Severus folgerte daraus, dass Daniel auch zwölf Jahre alt gewesen sei.Helmut Engel: Die Susanna-Erzählung. Einleitung, Übersetzung und Kommentar zum Septuaginta-Text und zur Theodotion-Bearbeitung (= Orbis Biblicus et Orientalis. Band 61). Universitätsverlag, Freiburg; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, ISBN 3-7278-0326-6, S. 32 f., doi:10.5167/uzh-149701. Susanna ist für Hippolyt Typos der Kirche; um sein Kirchenideal zu veranschaulichen, deutet er die einzelnen Züge der Erzählung allegorisch aus, beispielsweise stehen die beiden Ältesten für die beiden „ständigen (äußeren) Feinde der Kirche“, Juden und Heiden; alternativ auch die inneren Feinde der Kirche: die oberflächlichen Christen, die in Verfolgungen abfallen, und die Häretiker.Helmut Engel: Die Susanna-Erzählung. Einleitung, Übersetzung und Kommentar zum Septuaginta-Text und zur Theodotion-Bearbeitung (= Orbis Biblicus et Orientalis. Band 61). Universitätsverlag, Freiburg; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, ISBN 3-7278-0326-6, S. 36, doi:10.5167/uzh-149701.