Bei den Stadion-Ausschreitungen von Port Said im Fußballstadion im nordägyptischen Port Said wurden am 1. Februar 2012 bei gewalttätigen Ausschreitungen 74 Menschen getötet und knapp Tausend verletzt.bbc.com: Egypt football violence leaves many dead in Port Said (2. Februar 2012), abgerufen am 2. Februar 2021 Es handelt sich um die größten Ausschreitungen in der ägyptischen Fußballgeschichte. Der „schwarze Tag des ägyptischen Fußballs“ gilt als Symbol für die desolate Lage in Ägypten.

Verlauf Die gewalttätigen Ausschreitungen ereigneten sich bei einem Spiel eines der bekanntesten ägyptischen Fußballteams al Ahly Kairo gegen den Erzrivalen al-Masry im Port-Said-Stadion. Regionale Medien hatten das Spiel bereits vor Beginn als „Treffen der Vergeltung“ bezeichnet. Gastmannschaft und Tabellenführer der ägyptischen Liga, al Ahly Kairo, war Spielfavorit.

Augenzeugen berichteten, Fans hätten völlig ungehindert Schlagstöcke, Messer, Schwerter, Flaschen, Feuerwerkskörper und sogar Schusswaffen durch die Eingangskontrollen in die 18.000 Zuschauer fassende Arena bringen können. Auch seien während des Spiels die Absperrungen zwischen den Fan-Blocks geöffnet worden, was einen schweren Verstoß gegen international geltende Sicherheitsregeln darstellt. Schon vor Anpfiff um 15:30 Uhr stürmten Zuschauer das Spielfeld und schlugen aufeinander ein, weshalb sich der Spielbeginn um eine halbe Stunde verzögerte. Nach den ersten beiden Toren bewarfen al-Masry-Anhänger al-Ahly-Anhänger mit Steinen und Brandsätzen. Dennoch brach die Polizei die Begegnung nicht ab und ließ weiterspielen.

Nach dem Schlusspfiff – das Spiel endete überraschend 3:1 für das Heimteam al-Masry – stürmten Hunderte al-Masry-Fans das Spielfeld sowie die gegnerische Tribüne und griffen Spieler und Fans des gegnerischen Teams an. Spieler sowie Fans versuchten, sich in die Umkleidekabinen unter den Rängen zu retten. Feuerwerkskörper setzten Zuschauerränge in Brand. Nach Berichten des ägyptischen Fernsehens hätten al-Masry-Fans gegnerische Fußballfans umringt, mit Steinen beworfen und mit zerbrochenen Glasflaschen auf sie eingestochen. Auf den Tribünen versuchten Gäste-Fans panisch die Ausgänge zu erreichen. Augenzeugen berichteten, wie Menschen vor bewaffneten Angreifern flohen und in einem schmalen Korridor gegen verschlossene Tore liefen und zusammengedrückt wurden. Außerdem wurde berichtet, dass Menschen teils gewaltsam von Tribünen gestürzt oder erstochen wurden. Die Opfer, darunter zahlreiche Teenager, starben an Stich- und Kopfverletzungen oder wurden bei der aufkommenden Massenpanik zu Tode getrampelt oder erdrückt.Augsburger Allgemeine vom 4. Februar 2012Polizisten sahen dem Mob beim Morden zu Die meisten der Toten waren 15- bis 20-jährige al-Ahly-Fans. Doch auch einige Sicherheitskräfte sollen unter den Opfern gewesen sein. Hunderte Menschen wurden teils schwer verletzt. Auch einige Spieler von al Ahly trugen Verletzungen davon.Mehr als 70 Tote bei Fußball-Krawallen in Ägypten - Bilderserien

Spieler und Fans, die sich dorthin hatten retten können, blieben drei Stunden in der Umkleidekabine eingeschlossen und riefen mit ihren Handys um Hilfe. Zahlreiche schwer verletzte Fans wurden von Vereinsärzten behandelt; viele starben dabei in der Umkleidekabine.

Schließlich wurden die Spieler sowie Dutzende Schwerverletzte mit Militärhubschraubern nach Kairo gebracht.Tödliche Hatz im FußballstadionKein Fußball, das ist Krieg

Reaktionen Demonstrationen und Straßenkämpfe In den Tagen nach den Vorfällen im Stadion von Port Said forderten Demonstranten den Abtritt des regierenden Militärrats. Viele Ägypter glauben, dass es sich bei den Vorfällen von Port Said um eine von den Behörden der inneren Sicherheit gebilligte Gewaltorgie gehandelt hatte, die auch als Steilvorlage für anvisierte Repressionsmaßnahmen gegen die aufbegehrende Bevölkerung herhalten sollte.Cornelia Wegerhoff: ARD Tagesschau online, 2. Februar 2012 Außerdem wurden die Vorfälle als Einschüchterungsversuch gegen die al Ahly-Jugend interpretiert, die in den Tagen der Revolution nach dem 25. Januar 2011 bei den Protesten gegen Mubarak in vorderster Front anzutreffen war. All dies hat die revolutionär gesinnten Jugendlichen in der Kairoer Innenstadt in den Tagen nach dem 1. Februar 2012 in große Aufruhr versetzt, so dass es in den umliegenden Straßen um das Innenministerium zu tagelangen Straßenschlachten mit den Kräften der Staatssicherheit kam.

Bei Protesten gegen den regierenden Militärrat kam es nach dem Freitagsgebet am 3. Februar 2012 zu heftigen Ausschreitungen. Der Zorn der Demonstranten richtete sich vor allem gegen den Chef des Militärrates, Mohammed Tantawi. In der Hauptstadt Kairo wurde ein Gebäude der Steuerbehörde erstürmt.Steuerbehörde in Kairo gestürmt Außerdem rissen Jugendliche eine meterhohe Schutzmauer aus Betonblöcken vor dem Innenministerium nieder. In Kairo erstickten zwei Demonstranten an Tränengas, in Suez wurden zwei Demonstranten erschossen. Am 4. Februar 2012 protestierten erneut Tausende Menschen gegen den herrschenden Militärrat. Die Zahl der Toten in Kairo und Suez erhöhte sich laut dem ägyptischen Innenministerium auf zwölf. Weitere 2532 Menschen wurden verletzt.Ägypten versinkt in Chaos und GewaltWeitere Tote bei Demonstrationen in Kairo und Suez In der Nacht zum 5. Februar stand die Finanzbehörde in Kairo in Flammen. Auch mehrere Polizeiwachen sollen überfallen worden sein.Krawalle halten an - Finanzamt in Kairo in Flammen Am 6. Februar wurde bei erneuten Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in Kairo ein weiterer Mensch getötet.Erneut Todesopfer bei Zusammenstößen in Kairo Auch am 7. Februar starben zwei Menschen. Die Zahl der Toten nach den Stadionkrawallen stieg damit auf 15.Zahl der Toten bei Zusammenstößen nach der Gewalt im Stadion steigt auf 15 (englisch)

Bei einer Demonstration in Alexandria mit tausenden Teilnehmern am 3. Februar wurden Fotos der Getöteten zum örtlichen Hauptquartier der Streitkräfte getragen. Bei Kundgebungen in Port Said am selben Tag nahmen Hunderte Menschen teil. Sie verurteilten die Gewalt nach dem Spiel und distanzierten sich. „Port Said ist unschuldig, das ist eine billige Verschwörung.“ war auf einigen Plakaten zu lesen.

Bei erneuten Unruhen in Port Said wurde ein 13-jähriger Junge in der Nacht zum 24. März 2012 erschossen. Auslöser der Krawalle war die Entscheidung des ägyptischen Fußballverbands, ein Spielverbot gegen den örtlichen Fußballklub al-Masry zu verhängen. 16 Menschen wurden, zumeist durch Tränengas, verletzt.Junge stirbt bei Fußballkrawallen in Ägypten

Spekulationen zu möglichen Motiven Augenzeugen berichteten, dass die wenigen Polizeibeamten, die vor Ort gewesen waren, dem Treiben tatenlos zugesehen hätten. Ausgänge seien verschlossen gewesen, die Stadionbeleuchtung ungewöhnlich früh abgeschaltet worden. Viele Ägypter machten die Polizei und den Militärrat für die Katastrophe im Fußballstadion verantwortlich. Der Militärrat habe es versäumt, ausreichend viele Polizisten im Stadion zur Verfügung zu stellen.Viktoria Kleber: Ultras und Revolutionäre gegen den Militärrat. In: Die Zeit, 2. Februar 2012. Es gab Gerüchte, dass das Massaker von Seiten des Militärs angeordnet worden sein soll.Rainer Hermann: Schlacht im Stadion. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Februar 2012. UltrasAl-Ahly: Ultras in den Wirren der Revolution. In: Schweizer Radio und Fernsehen, 7. Februar 2012. des Kairoer Traditionsclubs al Ahly galten im Jahr 2011 als „Speerspitze“ der Revolution 2011. Das Massaker soll ein Racheakt an den Fußballfans gewesen sein, die bei der Revolution eine tragende Rolle spielten.Augsburger Allgemeine vom 4. Februar 2012: Straßenschlachten nach dem Fußballmassaker Fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor, am 2. Februar 2011, versuchten Mubaraks Anhänger den Protest auf dem Tahrir-Platz niederzureiten. Die Ultras des Clubs al Ahly haben während der Demonstrationen die Menschen auf dem Tahrir-Platz beschützt.Brutale Kamel-Reiter vom Tahrir-Platz angeklagt. In: Spiegel Online, 7. Juli 2011.

Nach Ansicht des Fan-Forschers Gunter A. Pilz war der Exzess im Stadion von Port Said das Ergebnis von politischen Machtspielen: „Vieles spricht dafür, dass eine kritische Opposition von der militärischen Diktatur eingeschüchtert und mundtot gemacht werden soll“. Fans seien instrumentalisiert worden.Gewaltausbruch in Ägypten: „Der Fußball wird benutzt“ In: Westdeutsche Zeitung, 2. Februar 2012.

Der Abgeordnete der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei Essam el-Erian sagte: „Der wahre Grund für die Eskalation sei die bewusste Abwesenheit von Polizei und Militär“. Der Präsident des Masry-Klubs von Port Said, der unmittelbar nach dem Massaker zurücktrat, sprach von „einer Verschwörung, um den Staat zum Einsturz zu bringen“. Die Polizei müsse endlich wieder in voller Stärke auf die Straße und ihre Arbeit tun.Martin Gehlen: Ägyptens größte Fußball-Katastrophe. In: Der Tagesspiegel, 2. Februar 2012. Ahmed Gamal, ein für die öffentliche Sicherheit zuständiger Militärvertreter wies in der Tageszeitung Al-Tahrir (Donnerstag) jegliche Schuld zurück. Es habe einen guten Sicherheitsplan bei dem Fußballspiel gegeben, aber der Gewaltausbruch nach Abpfiff sei nicht mehr einzudämmen gewesen.Nach Fußballkrawallen Wut auf Polizei und Militär. In: Augsburger Allgemeine, 2. Februar 2012. Der Vorsitzende des regierenden Militärrats, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, nahm die Spieler des Ahly-Klubs am Morgen des 2. Februars am Flughafen von Kairo in Empfang und äußerte, dass die Gewalt in Port Said möglicherweise politisch motiviert war, jedoch vermute er dahinter Aufrührer und keineswegs Vertreter des alten Regimes. „Wer immer etwas gegen die Sicherheit Ägyptens plant, wird keine Chance haben“, so Tantawi.Birgit Svensson: „Die Soldaten haben einfach nichts gemacht“ In: Die Welt, 2. Februar 2012.

Ex-Profispieler Rainer Zobel, der zwischen 1997 und 2000 Trainer von al Ahly war, meinte: „Die Fanszenen sind eigentlich friedlich. Doch auch wenn man nicht pauschalisieren soll, kennen viele Ägypter keine Grenzen, wenn sie Teil einer Masse sind.“Christian Putsch: „Ich habe gedacht, ein Fehler und es knallt“ In: Die Welt, 2. Februar 2012. Der Co-Trainer der ägyptischen Fußballnationalmannschaft, Tomek Kaczmarek, berichtete der Presse, dass der Stab der Nationalmannschaft rechtzeitig gewarnt worden sei, nicht zu dem Spiel in das Stadion von Port Said zu fahren. Bereits einige Tage zuvor erhielt der Stab der Nationalmannschaft während eines laufenden Spiels Warnungen und wurde aus dem Stadion gebracht. Als kurz darauf Unruhen ausbrachen, sei das Spiel abgebrochen worden.Ägyptens Co-Trainer berichtet von Warnungen. In: Spiegel Online, 3. Februar 2012. Der ehemalige ägyptische Nationalmannschaftskapitän und U23-Nationaltrainer Hany Ramzy schloss einen sportlichen Hintergrund der Ausschreitungen aus. Wie viele andere fragte auch er: „Das Spiel ging 3:1 für al-Masry aus. Welchen Grund hat man, nach einem Sieg aufs Feld zu rennen und Menschen zu töten?“Ausschreitungen vorher geplant. In: newsburger.de, 2. Februar 2012. Auch er gab den Fans nicht die Schuld, sondern vermutete einen politischen Hintergrund.Frieder Pfeiffer: „Das alles hat nichts mit Fußball zu tun“ In: Süddeutsche.de, 2. Februar 2012 (Interview mit Hany Ramzy).

Der ägyptische Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad hielt den Militärrat, die Polizei oder Mubarak-Gefolgsleute, die aus dem Gefängnis agiert hätten, für die Urheber der Krawalle.Ann Guenter: Wer will dass Ägypten im Chaos versinkt? In: Blick.ch, 3. Februar 2012 (Interview mit Hamed Abdel-Samad). „Die neuen Machthaber versuchen, ein Chaos zu inszenieren und aufrechtzuerhalten, damit die Menschen im Land revolutionsmüde werden“, äußerte er in einem Interview.Karolina Pajdak: Darum muss Ägypten wieder brennen. In: Bild, 3. Februar 2012.

Sondersitzung des Parlaments