Roman Deutinger (* 1970 in Osterhofen) ist ein deutscher Historiker, der die Geschichte des frühen und hohen Mittelalters erforscht. Sein Forschungsinteresse gilt der Geschichtsschreibung des Hoch- und Spätmittelalters, der Geschichte der Kirche und des Kirchenrechts, der frühmittelalterlichen Diplomatik und der Verfassungsgeschichte des Früh- und Hochmittelalters, mit besonderer Berücksichtigung der Entwicklung des Lehnswesens.
Leben und Wirken Akademische Laufbahn Roman Deutinger entstammt einer Lehrerfamilie und besuchte das Gymnasium der Benediktiner in Kloster Niederaltaich.Jürgen Hilse: Verleihung des wissenschaftlichen Förderpreises der Stauferstiftung Göppingen an Dr. Roman Deutinger. In: Deutschland und Italien zur Stauferzeit. Göppingen 2002, S. 162–166, hier: S. 162. Anschließend studierte er Geschichte, Latein und Musikwissenschaft an der Universität Regensburg. Zu seinen akademischen Lehrern gehörte Horst Fuhrmann. 1992/93 folgte ein Studienaufenthalt in Uppsala. Dabei verfasste er anhand schwedischer Quellen einen Aufsatz über schwedische Verwüstungen in Bayern 1646/48.Roman Deutinger: Schwedische Verwüstungen in Bayern 1646/48. Ein Ansatz zur Neuinterpretation anhand schwedischer Quellen. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 57 (1994), S. 719–733 (Digitalisat). Im Sommer 1995 folgte in Regensburg der Magister artium mit einer von Wilfried Hartmann betreuten Arbeit zu Rufinus von Sorrent. Die Arbeit wurde in die renommierte Schriftenreihe der Monumenta Germaniae Historica aufgenommen. 1996/97 war er Stipendiat des bildungsgeschichtlichen Graduiertenkollegs „Ars und Scientia im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit“ an der Universität Tübingen. Deutinger wurde 1998 promoviert mit einer von Franz Fuchs angeregten und von Wilfried Hartmann in Tübingen betreuten Arbeit über Leben und Werk des Gelehrten Rahewins von Freising unter bildungsgeschichtlicher Perspektive. Die Arbeit wurde mit summa cum laude beurteilt und ebenfalls in die Schriftenreihe der Monumenta Germaniae Historica aufgenommen. Für die Dissertation erhielt Deutinger 2000 den wissenschaftlichen Förderpreis der Stauferstiftung Göppingen.
Deutinger war 1998/99 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der TU Braunschweig. Seit 1999 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Repertorium Fontium Historiae Medii Aevi an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Seine Habilitation erfolgte im Wintersemester 2004/05 an der Universität München (LMU) mit einer Untersuchung über die Königsherrschaft im ostfränkischen Reich. Deutinger hatte im Sommersemester 2005 für Wilfried Hartmann die Vertretung des Lehrstuhls für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Tübingen inne. Im Wintersemester 2005/06 vertrat er die Oberassistentenstelle in Mittelalterlicher Geschichte von Eva Schlotheuber an der LMU. Im Wintersemester 2009/10 hatte er eine Vertretungsprofessur für Mittelalterliche Geschichte an der Katholischen Universität Eichstätt. 2012 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Im Wintersemester 2013/14 übte Deutinger eine Lehrstuhlvertretung für Bayerische Landesgeschichte an der Universität Regensburg aus.
Geschichtsschreibung des Hoch- und Spätmittelalters In seiner 1997 vorgelegten Ausgabe des Traktats De bono pacis (Über das Gut des Friedens)Vgl. dazu die Besprechungen von Johannes Laudage in: Historische Zeitschrift 266 (1998), S. 730–731; Theo Kölzer in: Historisches Jahrbuch 120 (2000), S. 454; Eugen Hillenbrand in: Innsbrucker Historische Studien 22 (2000), S. 319–320; Elmar Wadle in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 116 (1999), S. 566–567; Karl Ubl in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 107 (1999), S. 195–196; Martin Bertram in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 80 (2000), S. 641 (Digitalisat); Pierre Racine in: Francia 25/1 (1998), S. 355–356 (Digitalisat); Thomas Vogtherr in: Das Historisch-Politische Buch 46 (1998), S. 315. sieht Deutinger die 1986 von Aldo Brunacci und Giuseppe Catanzaro vorgelegte Edition als „äußerst fehlerhaft“ an.Roman Deutinger: Rufinus von Sorrent. De bono pacis. Hannover 1997, S. 40. Die übliche Identifizierung des Autors Rufinus mit dem Kanonisten Rufinus, der um 1164 seine Summa decretorum verfäßt hat, lehnt Deutinger ab.Roman Deutinger: Rufinus von Sorrent. De bono pacis. Hannover 1997, S. 13. Er zieht stattdessen einen Mönch des Benediktinerklosters Montecassino in Erwägung.Roman Deutinger: Rufinus von Sorrent. De bono pacis. Hannover 1997, S. 19. Dieser Mönch habe die Schrift vor dem Frieden von Venedig, also zwischen 1174 und 1177, seinem Abt Petrus II. von Montecassino vorgelegt.Roman Deutinger: Rufinus von Sorrent. De bono pacis. Hannover 1997, S. 22. Dem Verfasser Rufinus bescheinigt er „einen ausgesprochen weiten Horizont und geradezu weltgeschichtliche Perspektiven“.Roman Deutinger: Rufinus von Sorrent. De bono pacis. Hannover 1997, S. 20. Zugleich charakterisiert er Rufinus als „gänzlich unbeeinflußt von der theologischen, philosophischen, historischen, juristischen, politischen oder sonstigen Literatur seiner Zeit.“Roman Deutinger: Rufinus von Sorrent. De bono pacis. Hannover 1997, S. 22. Das Werk Rufins bezeichnet er als das „eines Außenseiters“, der „kühne zukunftsweisende Gedanken in der biblischen und altkirchlichen Tradition zu verankern sucht“ und der gleichzeitig die Absicht verfolgt, auf „einen pragmatischen Frieden in einer durch und durch unfriedlichen Zeit“ hinzuwirken.Roman Deutinger: Rufinus von Sorrent. De bono pacis. Hannover 1997, S. 28. Rufinus habe eine „völlig neue Stufe in der Betrachtung nicht nur der Friedenstheologie, sondern der Welt insgesamt erreicht“.Roman Deutinger: Rufinus von Sorrent. De bono pacis. Hannover 1997, S. 27.
Deutinger widmete sich in seiner 1999 veröffentlichten Dissertation Rahewin von Freising.Vgl. dazu die Besprechungen von Mireille Chazan in: Francia 28/1 (2001), S. 346–347 (Digitalisat); Paul Dinter in: Mittellateinisches Jahrbuch 37 (2002), S. 149–151; Andrea Sommerlechner in: Historische Zeitschrift 272 (2001), S. 733–735; Katherine Walsh in: Innsbrucker Historische Studien 22 (2000), S. 318–319; Günther Bernhard in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 109 (2001), S. 208–211; Kai-Michael Sprenger in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 80 (2000), S. 733–735 (Digitalisat); Jürgen Miethke in: Patristica et Mediaevalia 22 (2001), S. 114–115; Thomas Vogtherr in: Das Historisch-Politische Buch 48 (2000), S. 17–18. Bis dahin war eine Gesamtwürdigung Rahewins eine Forschungslücke. Die Arbeit besteht aus drei Teilen: die Biographie des Klerikers (S. 7–26), die Gesta Friderici des Geschichtsschreibers (S. 27–178) und die Dichtungen des Poeten (S. 179–201). Im Anhang legte er erstmals eine vollständige Edition des unvollendeten Lehrgedichtes Flosculus vor. Seit Bernhard von Simson (1911) und den darauf basierenden Forschungen von Franz-Josef Schmale (1963) hat sich der Bestand der erhaltenen Handschriften durch eine Reihe von Neufunden von 18 auf 26 erhöht. Die Bedeutung der Arbeit Deutingers liegt darin, dass er die Handschriften in deutlich größerem Umfang erfasst und klassifiziert, als dies bislang in der Forschung geleistet worden ist.Vgl. dazu Günther Bernhard in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 109 (2001), S. 208–211. Dabei werden Schmales Ergebnisse hinsichtlich der Rezension A, die auf eine humanistische Überarbeitung des 15. Jahrhunderts zurückzuführen sei, revidiert.Roman Deutinger: Rahewin von Freising. Ein Gelehrter des 12. Jahrhunderts. Hannover 1999, S. 30. Rahewin stamme wahrscheinlich aus der freisingisch-bischöflichen Ministerialenfamilie der Lohkirchen-Bercha.Roman Deutinger: Rahewin von Freising. Ein Gelehrter des 12. Jahrhunderts. Hannover 1999, S. 10. Er widerspricht der bisherigen Auffassung, dass Rahewin wegen seiner umfassenden Bildung in Paris studiert habe. Die Voraussetzungen dafür seien auch auf dem Freisinger Domberg möglich.Roman Deutinger: Rahewin von Freising. Ein Gelehrter des 12. Jahrhunderts. Hannover 1999, S. 12. Für Deutinger gehörte Rahewin „zu jener Schar von Gelehrten zweiten oder vielleicht sogar dritten Ranges, welche die neuen Gedanken und Methoden rezipierten“.Roman Deutinger: Rahewin von Freising. Ein Gelehrter des 12. Jahrhunderts. Hannover 1999, S. 205.
Deutinger konnte bei seiner 2010 veröffentlichten Analyse imperialer Konzepte in der hofnahen Historiographie im 12. Jahrhundert keine „staufisch-höfische Ideologie“ ausmachen.Roman Deutinger: Imperiale Konzepte in der hofnahen Historiographie der Barbarossazeit. In: Stefan Burkhardt, Thomas Metz, Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter (Hrsg.): Staufisches Kaisertum im 12. Jahrhundert. Regensburg 2010, S. 25–39, hier: S. 38. Gemeinsam sei den untersuchten Quellen lediglich „die Idee, dass es zu den vornehmsten Aufgaben des Kaisers gehöre, in seinem Reich für Frieden, Ordnung und Gerechtigkeit zu sorgen“.Roman Deutinger: Imperiale Konzepte in der hofnahen Historiographie der Barbarossazeit. In: Stefan Burkhardt, Thomas Metz, Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter (Hrsg.): Staufisches Kaisertum im 12. Jahrhundert. Regensburg 2010, S. 25–39, hier: S. 36. Vgl. dazu auch Jan Keupp: „Die den Erdkreis tragen...“ Fürstliche Eliten im Imperium der Staufer. In: Wolfram Drews (Hrsg.): Die Interaktion von Herrschern und Eliten in imperialen Ordnungen des Mittelalters. Berlin 2018, S. 229–250, hier: S. 233.
Mit Christof Paulus arbeitet er an einer Edition der Werke Gottschalks von Benediktbeuren aus der Mitte des 11. Jahrhunderts.Martina Hartmann: Monumenta Germaniae Historica. Bericht über das Jahr 2021/22. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 78 (2022), S. I–XIX, hier: S. XI.
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