Die Kältewelle in Europa Januar/Februar 2012 war ein Kälteeinbruch während des Winters 2011/2012, der beginnend in der dritten Januarwoche in weiten Teilen Europas und angrenzenden Räumen für langanhaltende tiefe Fröste und darüber hinaus für schwere Schneefälle im Mittelmeer- und Schwarzmeerraum sorgte. Sie wurden von den Russlandhochs Cooper und Dieter, dem Island-/Ostseetief Gisela, den Mittelmeertiefs Julia und Lucina und dem Tief Olivia verursacht.

Infolge der Kältewelle starben mehr als 600 Menschen (direkte Kälteopfer).

Ein Nachlassen der Kälte brachte das Einsetzen von Tauwetter in Osteuropa am 18./19. Februar. Danach gab es an vielen Fließgewässern Probleme mit Eisstau und Überschwemmungen.UN-Sonderbeauftragte für Katastrophenvorsorge, Margareta Wahlström, zitiert in AFP: , auf google.com/hostednews, abgerufen am 22. Februar 2012.

Meteorologische Grundlagen Verlauf und Synopse Um den 20. Januar 2012 bildete sich über Zentralsibirien ein großflächiges und starkes Hochdruckgebiet, Cooper genannt.Prognose 20120122, Prognose 20120124, DWD-Wetterkarten, Website der Freien Universität Berlin (24. erster Tag der Benennung des Hochs)

Bis zum 29. Januar 2012 stieg der Kerndruck über dem nordrussisch-finnischen Grenzgebiet auf etwa 1055 hPa.Prognose 20120128, DWD-Wetterkarte, Website der Freien Universität Berlin

Cooper zerfiel schon am Tag darauf über dem Weißen Meer,der DWD hatte 30. Januar prognostiziert, das Hoch könne in Deutschland für Drücke über 1060 hPa sorgen (der bisher höchste gemessene Wert war 1058 hPa am 21. Januar 1907 in Berlin) – tatsächlich blieb der Druck über Mitteleuropa bei etwa 1035–1040 hPa. wurde jedoch von einem weiteren kontinentalen Hochdruckgebiet, Dieter genannt, abgelöst, das sich östlich von Cooper im Nordural-Gebiet stabilisierte und dort eine Weile verharrte. Es erreichte am 30. Januar 2012 mehr als 1065 hPa; später entstand eine Brücke zu einem aus dem Azorenhoch verschleppten Biskayahoch.Prognose 20120130, Prognose 20120204, DWD-Wetterkarten, Website der Freien Universität Berlin

Am 5. Februar zerfiel das Hoch in zwei Kerne, dessen westlicher, Dieter II, sich über der Ostsee verlagerte,Prognose 20120205, DWD-Wetterkarte und bis zum 8. des Monats über die britischen Inseln zog, während Dieter I nordwärts von Zentralosteuropa nach Nordskandinavien zog.Wetterkarte 8. Februar, ZAMG; und Prognose 20120208, DWD-Wetterkarte Um den 10. vereinigten sich die Kerne wieder über Zentraleuropa und zogen nach Osten,Prognose 20120211, DWD Wetterkarte, met.fu-berlin.de wodurch sich erneut eine Hochdruckbrücke nach Westeuropa bildete. Neuerlich strömte großräumig polare Kaltluft nach Mitteleuropa ein und brachte (besonders dem östlicheren Europa und dem Balkan) bis in die dritte Februarwoche weitere Kälterekorde.Kältewelle geht in die zweite Runde, diePresse.com, 9. Februar 2012. Cooper/Dieter waren damit schon über einen Monat im ganzen östlichen Europa wetterwirksam.

Parallel setzte sich das Islandtief Gisela am 20. Januar über der Ostsee festPrognose 20120120, DWD-Wetterkarte; Wetterkarte 23. Februar, ZAMG und steuerte bis 24. des Monats seine Fronten gegen die nach Mitteleuropa einströmenden polar-sibirischen Kaltluftmassen.Sibirien vs. Atlantik, wetter24.com, 23. Januar 2012.

Dabei kam es im Nordoststau des Karpatenbogens wie auch des Balkangebirges zu starken Schneefällen.

Am 30./31. Januar entstand aus dem Höhentief Ines ein Mittelmeertief Julia,Wetterkarte 30. Januar 2012 und 31. Januar 2012, ZAMG das zunächst über dem Tyrrhenischen Meer lag, sich dann in die untere Adria verlagerte und im zentralen Mittelmeerraum große Feuchtigkeitsmengen gegen die Kältezonen steuerte. Umgekehrt zog dieses Tief auch sibirische Luftmassen bis über die Iberische Halbinsel und Nordafrika (bis 3. Februar auch angetrieben von einem kleinen Zwischentief über der Ostsee namens Katarzyna).Wetterkarte 2. Februar 2012 und 3. Februar 2012, ZAMG; und , DWD

Westeuropa streifte ab diesem Tag die Front eines Islandtiefs, das für Schnee und Eisregen sorgte. Erst neun Tage nach Bildung verlagerte sich Tief Julia am 8. Februar gegen Osten und zerfiel über Anatolien, während gleichzeitig die Front eines kleinen Tiefs Lucina, das sich zwischen Dieter I und II über der Ostsee gebildet hatte, auf einer „inversen Vb-Bahn“ als Höhentiefkern in den Mittelmeerraum zog und sich abermals über der Adria als Tief stabilisierte.ein seltenes Phänomen, vergleiche die Wetterkarten der ZAMG 6-stündlich, insb. 9. Februar 2012 12:00 bis 10. Februar 2012 06:00, sowie Prognose 20120207, Prognose 20120208, Prognose 20120209, DWD Diese instabile Umschichtung führte im Donauraum und am Balkan zu der äußerst seltenen Erscheinung eines teils ergiebigen Schneefalls bei gleichzeitig sehr tiefen Temperaturen bis –15 °C. Die Bora über der oberen Adria erreichte zu der Zeit Orkanstärke. Bis zum 13. Februar wanderte das Tief Lucina auf typischer Vc-Bahn in den nördlichen Schwarzmeerraum und zog einen weiteren Kältestrom auf den Balkan.

Mit dem 8. Februar bildete sich auch über dem südlichen Ural ein Tiefdruckkern. Dieser führte mit dem noch instabilen Mittelmeertief zu orkanartigen Presswinden, die aus den ukrainischen Kältegebieten über das Schwarze Meer bis nach Anatolien vordrangen und im Kaukasusgebiet heftige Schneefälle brachten. Dieses Zentrum zog um den 14. über das europäische Russland nach Norden.Karten 2012, Februar 8 – 14 in Archiv der AVN-Europaanalysen, in wetterzentrale.de, Topkarten (Archiv ab 7. September 1999, Stand 2/2012)

Nach dem Wochenende des 11./12. Februar zogen die Fronten eines kräftigen Island-/Skandinavientief­komplexes Nicole/Olivia/Patricia/Quiana über Westeuropa und brachten dort weitgehende Entspannung der Kälte, aber teils Eisregen, teils heftige Stürme und ergiebigen Schnee, auch in Ost- und Südosteuropa stiegen die Temperaturen deutlich.Prognose 20120212 bis 20120215, DWD

Dabei zog der Kern Olivia – der sich über Mittelskandinavien gebildet hatte, eine ebenfalls seltene Tieftrajektorie – über die Ostsee in den Balkanraum und über AnatolienWetterkarten 16. Februar 2012 ff, ZAMG; Prognose 20120213 bis 20120218, DWD und brachte dort besonders der Nacht 16. auf 17. enorme Schneefälle mit Verwehungen und, nach Osten abziehend, einen weiteren Kältevorstoß, der im Balkanraum die bisher tiefsten Temperaturen des Ereignisses hervorbrachte. Hier kam es erst um den 18./19. des Monats zu einer Entspannung, wobei aber noch verbreitet weiter leichter Dauerfrost herrschte, im europäischen Russland um den 23.В центр Европейской России пришла оттепель, meteoinfo.ru/news, 24. Februar 2012.

Die Blockadesituation des massiven Hochs über Europa hatte weitere Wetteranomalien zur Folge. Auf den britischen Inseln, wo die Luft durch den Golfstrom und das die Inseln umgebende relativ warme Wasser normalerweise relativ feucht ist, nahm die schon bisher abnorme Wintertrockenheit zu, den ganzen Winter waren kaum Niederschläge gefallen. So kam es schon ab der dritten Februarwoche in Südostengland zu Wasserknappheit. In den Alpen hingegen endete die Kältewelle am 14./15. Februar mit stürmischem Wind und teilweise ergiebigen Schneefällen, hier herrschte in der zweiten Februarhälfte enorme Lawinengefahr, mit etlichen großen Schadlawinen, und gegen Monatsende gebietsweise Überflutungen durch große Schmelzwassermengen.Unwetterbericht für Februar 2012. ZAMG Monatsrückblick (abgerufen am 26. Januar 2017).

Temperaturanomalie (Abweichung vom langjährigen Mittel):

Klimatologische Großlage Die erste Winterhälfte 2011/12 war überdurchschnittlich warm verlaufen: in Mitteleuropa waren bis Mitte Januar nur wenige Tage mit Frost zu verzeichnen. Nur in den Tiroler Alpen hatte es im Verlauf des Orkans Andrea im Januar kurzzeitig große Neuschneemengen gegeben.vrgl. Zentralanstalt für Meteorologie (ZAMG): und ; Deutscher Wetterdienst (DWD): Deutschlandwetter im Dezember 2011; Zwischenbilanz Winter, wetter24.de, 21. Januar 2012. Auch der Rest des Winters war vergleichsweise mild, sodass die vierwöchige strenge Frostperiode besonders signifikant im Wettergeschehen herausragt.

Die Kälte erstreckte sich weitgehend über ganz Eurasien, gleichzeitig herrschte in Zentralasien, besonders Usbekistan und Tadschikistan, ebenfalls eine besondere Kälte,Lit. WMO/JPA: Cold spell in Europe, S. 2. die als Rekordkältewelle bis Pakistan übergriff.Karachi freezes to break 30 year old-record!! “Russian winds bring mercury down!”, pakistanweatherportal.com, 8. Februar 2012. Amga in Russland maß am 13. und 14. Januar −55,8 °C.January 2012 Global Weather Extremes Summary. Christopher C. Burt, wunderground.com, 11. Februar 2012. In Nordostchina und der Inneren Mongolei herrschten Temperaturen um die −30 bis −40 °C, wie seit 28 Jahren nicht mehr.

Die Kältewelle wird als typische Auswirkung der zu dieser Zeit negativen Arktischen Oszillation (AO) gesehen, die zu vergleichsweise milden Temperaturen in der Arktis und Kälte in den gemäßigten Breiten führt.AFP: , Pressemitteilung, auf google.com/hostednews, 7. Februar 2012. So wurde in den frühen Morgenstunden des 8. Februar am Flughafen Longyearbyen auf dem arktischen Inselarchipel Spitzbergen (Svalbard) mit 7 °C die höchste Februartemperatur seit Beginn der Aufzeichnungen registriert., Mitteilung in der Svalbardposten (norwegisch), 10. Februar 2012. Damit war Longyearbyen – auf einer geographischen Breite von 78° 13′ Nord – der wärmste Ort Norwegens. Abnorme Wärme gab es auch in Ostkanada, in Alaska hingegen wurde mit bis zu −50 °C der kälteste Januar der 93-jährigen geschlossenen Aufzeichnungen vermerkt.Bitter cold -65°F temperatures hit Alaska. Jeff Masters, wunderground.com, 30. Januar 2012.

Parallel entstand eine relativ seltene Abweichung zur Nordatlantischen Oszillation (NAO), deren Index positiv war, der AO-Index negativ. Das ging einher mit einer Verlagerung des polaren Jet Streams, der statt der regulären West-Ost-Richtung in der Hochphase der Kältewelle auf eine Schleife Nordskandinavien – Britische Inseln – Nordspanien – Libyen rund um Europa verlagert war.Justin Grieser: Deadly cold snap grips Europe, snow strands thousands in Serbia, Bosnia, Abschnitt What’s causing the extreme cold? In: Washington Post online 2. März 2012.

Das Phänomen steht auch in engem Zusammenhang mit dem gleichzeitig aufgetretenen Maximum der La-Niña-Periode.zur NAO/AO–La Niña-Teleconnection vergl. auch James A. Bradbury, Cameron P. Wake, Airmap/NOAA: . Airmap/NOAA (en, über das Wetter an der amerikanischen Ostküste, Erklärungen übertragbar: Normalerweise haben die USA und Europa etwa gleiche Winter, bei NAO- unterschiedliche) Global gesehen war aber der Januar wie der Februar 2012 vergleichsweise warm.January 2012 the globe's 19th warmest; und February 2012 the globe's 22nd warmest; Jeff Masters, wunderground.com, 16. Februar 2012 respektive 28. März 2012.

Abschätzung der Jährlichkeit Im Mittelmeerraum dürfte die Kältewelle den strengsten Winter seit 50 Jahren dargestellt haben, also seit den Wintern 1965 und 1962/63, die Schneefälle in Italien waren seit 1985 und 1986 nicht mehr so heftig;Italienische Fähre rammte im Schneesturm Hafendamm – Schneechaos in Rom. ORF 4. Februar 2012. am Balkan, wo auch im Januar 1987 eine Rekordkälte registriert worden war, handelte es sich gebietsweise um einen der kältesten Winter seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen und die schwerste Schneekatastrophe seit 63 JahrenMontenegro almost cut off by heavy snow. Selcan Hacaoglo, The Associated Press, zitiert beispielsweise in , 12. Februar 2012. (den strengen Winter 1948/49).vergl. Siniša Stanković: The Balkan Lake Ohrid and its living world. Band 9 von Monographiae biologicae, Verlag W. Junk, 1960, Winter circulation, S. 62 ff ().

Im östlicheren Europa war es der strengste Frostwinter seit 15 Jahren, der Kältewelle 1996/1997.