mini|Woody Herman 1976 Woody Herman and His Orchestra war eine von Woody Herman geleitete Jazzband, die ihre großen Erfolge in der späten Swingära ab Ende der 1930er bis in die 1980er Jahre hatte. Nach den Anfängen als The Band That Play the Blues gehörten zu den Höhepunkten der Bandkarriere die First Herd, die 1945/46 auch Elemente des Bebop integrierte, und die Second Herd oder auch Four Brothers Band, die 1947 bis 1949 unter dem Einfluss des beginnenden Cool Jazz stand. In unterschiedlichen Besetzungen arbeitete Herman dann bis in die 1980er Jahre mit weiteren Big-Band-Projekten,Leonard Feather, Ira Gitler: The Biographical Encyclopedia of Jazz. Oxford University Press, Oxford usw. 1999, ISBN 0-19-532000-X. integrierte verstärkt zeitgenössische Jazzelemente und trug damit wesentlich zur Weiterentwicklung des Bigband-Jazz bei.Carlo Bohländer, Karl Heinz Holler, Christian Pfarr: Reclams Jazzführer. 5., durchgesehene und ergänzte Auflage. Reclam, Stuttgart 2000, ISBN 3-15-010464-5.

Bandgeschichte The Band That Plays the Blues: 1936–1944 Besetzung 1939 Trompete: Steady Nelson, Clarence Willard, Bob Price Posaune: Neil Reid, Toby Tyler Klarinette: Woody Herman Saxophon: Joe Denton, Ray Hopfner (as), Saxie Mansfield, Ronnie Perry (ts) Klavier: Tommy Linehan Gitarre: Hy White Bass: Walter Yoder Schlagzeug: Frank Carlson Arrangement: Jiggs Noble

Nachdem Woody Herman die Isham-Jones-Band 1936 übernommen und als Bandkooperative weitergeführt hatte (The Band That Plays the Blues), vollzog er in den folgenden Jahren durch Umbesetzungen stilistische Wendungen weg vom Blues und Dixieland Jazz hin zum Swing in anspruchsvollen Arrangements nach dem Vorbild des Duke Ellington Orchestra. Gordon Jenkins und Joe Bishop, die Mitglieder der Jones-Band gewesen waren, brachten einige Arrangements mit, weitere lieferte der Gitarrist Chick Reeves.George T. Simon: Die goldene Ära der Bigbands. Hannibal, Höfen 2004, ISBN 3-85445-243-8, S. 225. Solist auf der Posaune in „I’ve Had the Blues So Long“, und „Take It Easy“ (1936) war Sonny Lee.Biografischer Eintrag im Handbook of Texas mini|links|Roseland Ballroom in New York City Die Band nahm auch Popsongs und Instrumentalnummern abseits des Jazz in ihr Repertoire auf; ihr Debüt hatte sie Ende 1936 nach sechswöchigen Proben im Roseland Ballroom in Brooklyn. Im Januar 1937 konzertierte sie im Roseland in Manhattan; die Auftritte wurden im Rundfunk übertragen und machten sie rasch bekannt.Lawrence McClellan: The later swing era, 1942 to 1955. books.google.de Zeitgleich spielte dort auch das Count Basie Orchestra; die auf dem Blues basierenden Arrangements der Band waren vollkommen neu für die Herman-Musiker und sie befragten Basies Musiker wie Jimmy Rushing, der meinte: „Man, it is the blues, the twelve-bar blues“. Dies verwirrte die jungen weißen Musiker, die den Blues nur mit gesungenen Liedern in Verbindung brachten. Hermans Arrangeure analysierten jedoch die Auftritte der Basie-Band im Roseland Ballroom genau.Preston Love: A thousand Honey Creeks later: My life in music from Basie to Motown. books.google.de

Den Bandnamen The Band That Plays the Blues, nahmen die Musiker anfangs ganz wörtlich; als sie in Frank Dailey’s Meadowbrook spielten, bestritten sie ihre Show gänzlich mit Blues. Im Rice Hotel in Houston reagierte der Manager auf die bluesige Musik: „Würden Sie freundlicherweise mit dem Singen und Spielen von diesem Nigger-Blues aufhören?“

Im November 1940 tauchte erstmals die spätere Bandbezeichnung (Woody Herman’s) Herd in einem Artikel auf, den der Musikkritiker George Simon im Metronome veröffentlicht hatte, in dem er eine Busreise mit der Harry-James-Band beschrieb:

Nach ihren Anfangserfolgen ging The Band That Play the Blues auf zahlreiche Tourneen, u. a. mit einem Konzert in Hermans Heimatstadt Milwaukee. Nachdem sie eine ganze Reihe von Bluesnummern wie Dupree Blues oder Laughing Boy Blues für Decca eingespielt hatten, gelang der Band in den Vereinigten Staaten 1939 ihr erster großer Hit mit Woodchopper’s Ball, geschrieben von Joe Bishop und aufgenommen im April 1939. Den Titel spielte die Herman-Band auch im Spielfilm What’s Cookin?. Für Decca nahm die Band am 13. Dezember 1939 den Titel Blues on Parade auf, der im Januar 1940 auf Position 17 der US-Hitparade stieg und dort zwei Wochen blieb.

mini|220px|Ray Wetzel (1947 oder 1948) Fotografie von William P. Gottlieb Weitere Erfolgstitel waren Blue Prelude, der die erste Erkennungsmelodie der Band werden sollte, There I Go, Frenesi (1940) und der am 13. Februar 1941 aufgenommene Blue Flame, der zweite Song, der die Band populär machen und zum auf Blues-Harmonien beruhenden Markenzeichen der Band werden sollte. 1941 schaffte es die Woody Herman-Band an die Spitze der Swingbands; sie löste das Glenn Miller Orchestra im Glen Island Casino ab und hatte ein Engagement im Hollywood Palladium Los Angeles. Zum Eröffnungskonzert kamen 4.800 Besucher.

Auf #10 der Charts kam die Band im Juni 1941 mit G’bye Now mit der Bandsängerin Muriel Lane; es war der erste Hit für das junge Songwriter-Team Ray Evans und Jay Livingston. Acht Wochen in den US-Charts war Ende 1941 ihre Version der populären Harold Arlen/Johnny-Mercer-Nummer This Time The Dream’s on Me (#8). Aus der Feder dieses Songwriterteams stammte auch der erste Nummer-1-Hit der Band: Blues in the Night stand vier Wochen auf #1 und war 18 Wochen in den Charts. Einen seiner nächsten Erfolge, Amen [Yea-Man] (#5) hatte Herman in dem Film What’s Cookin’? (1942) vorgestellt. Four Or Five Times (#14) war 1942 eine Version einer King-Oliver-Nummer von 1928; Do Nothing till You Hear from Me (#7) war die erfolgreiche Zweitverwertung der Ellington-Komposition von 1940, nun u. a. mit Ray Wetzel (tp), Eddie Bert (tb), Johnny Bothwell (as), Allen Eager (ts) und Chubby Jackson am Bass in der Band. Für den echten Ellington-Sound sorgte hier Tenorsaxophonist Ben Webster.

Nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg musste Herman sein Bandpersonal häufig auswechseln; zu Aufnahmen zog er zeitweise neben Webster auch andere Ellington-Musiker wie Johnny Hodges, Juan Tizol und Ray Nance heran. Herman engagierte auch den an Ellington orientierten Arrangeur Dave Matthews. Durch die Besetzungswechsel wandelte sich die Band kontinuierlich. 1942 nahm er Dizzy Gillespies Titel Down Under auf, die erste Bigband-Aufnahme einer Bebop-Nummer; der Trompeter spielte auch kurz in der Band. Carlo Bohländer meinte zu den Veränderungen:

1943/44 hatte die Herman-Band durch den Recording ban nur eine begrenzte Zuhörerschaft; das Petrillo-Verbot kommerzieller Aufnahmen umging Herman, indem er mehrere swingende V-Discs einspielte. So gelangen ihm Erfolgstitel in den Charts wie The Music Stopped (#10), Milkman Keep Those Bottles Quiet (#10), Let Me Love You Tonight (#18) und die im Dezember 1944 eingespielte Cahn-Styne-Nummer Saturday Night (Is the Loneliest Night in the Week) (#15).

First Herd: 1945–1946 Besetzung 1945 Trompete: Neal Hefti, Sonny Berman, Pete Candoli, Chuck Frankhauser, Carl Warwick, Ray Wetzel Posaune: Bill Harris, Ed Kiefer, Ralph Pfeffner Saxophon: Woody Herman (cl, as), Sam Marowitz, John LaPorta (as), Flip Phillips, Pete Mondello (ts), Skippy deSair (bar) Klavier: Dave Burns Vibraphon: Margie Hyams Bass: Chubby Jackson Schlagzeug: Dave Tough

Im Winter 1944/45 nahm Herman weitere Umbesetzungen vor; in der Folge wurde die (neue) Band als Woody Herman’s Herd bekannt, beziehungsweise als First Herd.

George Simon drückte seine Begeisterung im September 1944 in einer schwärmerischen Kritik im Metronome aus:

Zu den ersten Aufnahmen dieser Band im Februar 1945 gehörte auch die Johnny Mercer-Ballade Laura, die auf #4 der Charts gelangte, sowie die Herman zugeschriebene Komposition Apple Honey, wohl kollektiv basierend auf George Gershwins I Got Rhythm entstanden.Chartinformationen bei Gerhard Klußmeier: Jazz in the Charts. Another view on jazz history. Liner notes und Begleitbuch der 100-CD-Edition. Membran International GmbH, ISBN 978-3-86735-062-4. mini|links|230px|Walter Hendl, Tony Aless, Billy Bauer, Chubby Jackson, Don Lamond, Woody Herman und Flip Phillips, ca. April 1946. Foto: Gottlieb Zwischen 1944 und 1946 hatte die Band eine wöchentliche Radioshow im Old Gold-Programm; Woody Herman gab daraufhin seiner Komposition Apple Honey den Namen jenes Zusatzes, den sein Sponsor den Old Gold-Zigaretten beimischte, „um den frischen Apfel-Honig-Geschmack zu garantieren“.

Anfang 1946 war Woody Herman and His Orchestra eine komplett neue Band; prägend waren die frischen Arrangements von Neal Hefti und Ralph Burns in Titeln wie dem genannten Apple Honey oder Goosy Gander. Die First Herd hatte einen Plattenvertrag bei Columbia Records und nahm eine Reihe außergewöhnlicher Titel auf, darunter eine Coverversion von Louis Jordans Rhythm-and-Blues-Song Caldonia und die swingende Instrumentalnummer Northwest Passage.Caryn Hannan: Wisconsin Biographical Dictionary. books.google.de

Neben Caldonia, das es auf #2 der Charts schaffte und die B-Seite Happiness is a Thing Called Joe hatte, war die First Herd 1945/46 in den US-Hitparaden weiterhin vertreten mit Titeln wie Gee, It’s Good to Hold You (#17), Let it Snow! (#7), Irving Berlins Everybody Knew But Me (#11), Atlanta, G.A. (#11), Surrender (#8), Mabel! Mabel! (#12), einem Schlager auf der Melodiebasis von Antonín Dvořáks Humoreske, Nr. 7, op. 101.

Eines der Hauptmerkmale der First Herd war die fünfköpfige Trumpet section, in der nun namhafte Solisten wie Neal Hefti, Shorty Rogers, Sonny Berman, Marky Markowitz oder Pete Candoli spielten; Flip Phillips war als Tenorsaxophonist prägender Solist, der Posaunist Bill Harris „setzte sich durch sein Bijou-Solo mit einem Schlage als eine wesentliche Posaunenstimme durch“. Die Rhythmusgruppe, die „einen wuchtigen, swingenden Beat“ vorlegte, bildeten Ralph Burns (Piano/Arrangement), Billy Bauer, Bassist Chubby Jackson (der auch als Co-Leader fungierte), die junge Vibraphonistin Marjorie Hyams und der Schlagzeuger Dave Tough; hinzu kam Mary Ann McCall als neue Bandvokalistin.Max Harrison, Charles Fox, Eric Thacker, Stuart Nicholson: The Essential Jazz Records: Modernism to postmodernism. books.google.de mini|230px|Bill Harris, Denzil Best, Flip Phillips, Billy Bauer, Lennie Tristano, Chubby Jackson, ca. September 1947. Foto: Gottlieb. Nach Ansicht von Joachim-Ernst Berendt war die „erste Herde vielleicht das vitalste weiße Jazzorchester, dass es gegeben hat.“Joachim Ernst Berendt, Günther Huesmann: Das Jazzbuch. Frankfurt/M.; Fischer TB 1994, S. 511. Ende des Jahres 1945 erreichte die First Herd den Höhepunkt ihres Erfolgs; die Band gewann den Downbeat und Metronome-Leserpoll; die Bandmitglieder Phillips, Harris und Tough wurden jeweils zu den Top-Instrumentalisten des Landes gewählt, jedoch musste dann der todkranke Tough die Band verlassen und wurde ersetzt durch Don Lamond. Die Bandvokalistin Frances Wayne hatte einen Hit mit Happiness Is a Thing Called Joe.

Mit den Bandmitgliedern Bill Harris, Shorty Rogers, Sonny Berman, Flip Phillips, Jimmy Rowles, Billy Bauer, Chubby Jackson, Don Lamond sowie Red Norvo, der ab Anfang 1946 dabei war, bildete Herman einen kleineren Oktett-Bandableger namens The Woodchoppers, mit dem er 1946 Steps/Four Men on a Horse einspielte. Igor Stravinsky war so beeindruckt von der Band, dass er das Ebony Concerto (1945) für das Orchester komponierte, das die First Herd im März 1946 in der New Yorker Carnegie Hall aufführte. Das Ergebnis reif gemischte Reaktionen hervor; Barry Ulanov berichtete im Metronome, dass „mehr wie eine französische Imitation von Igor als der große Mann selbst“ klinge.