mini|Margarete Depner in den 1930er Jahren Margarete Depner, geb. Margarete Scherg (* 22. März 1885 in Kronstadt, Österreich-Ungarn; † 2. September 1970 ebenda) war eine siebenbürgisch-sächsische Bildhauerin, Malerin, ZeichnerinWalter Myss: Kunst in Siebenbürgen. Thaur bei Innsbruck 1991. und Kunstsammlerin sowie Mäzenin anfangs ungarischer und anschließend rumänischer Staatsangehörigkeit.

Leben und Werk Herkunft Margarete Depner wurde als deutschsprachige Siebenbürger Sächsin am 22. März 1885 in Kronstadt im damals zu Ungarn gehörenden Teil der Habsburgermonarchie geboren, einem multiethnischen und multireligiösen Gebiet. Sie war die älteste Tochter von Wilhelm und Julie Scherg, geborene Stenner. Zusammen mit der Schwester Marie (1890–1980) und dem Bruder Wilhelm (1888–1961) wuchs sie in begüterten Verhältnissen auf. Der Vater hatte den Tuchbetrieb seiner Eltern übernommen und das Unternehmen in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts zu dem bedeutendsten Textilbetrieb Siebenbürgens und der zweitgrößten Fabrik Rumäniens umgestaltet. Die Zahl der Beschäftigten schwankte zu dieser Zeit zwischen 1.400 und 1.900 Personen.

1907 heiratete Margarete Scherg Wilhelm Depner. Er hatte in Wien Medizin studiert und engagierte sich in den 20er und 30er Jahren als Regionalpolitiker. Depner führte eine erfolgreiche Privatklinik für Chirurgie, Orthopädie und Gynäkologie und baute eine der ersten Röntgenkliniken des Landes auf. 1911 kam die Tochter Thea, 1914 kurz vor dem Ersten Weltkrieg die Tochter Maja, und 1919 nach Kriegsende der Sohn Wilhelm zur Welt. Allen drei Kindern wurde eine gute Ausbildung zuteil. Thea studierte Medizin und setzte als Chefärztin in der kommunistischen Zeit im Spital ihres Vaters sein Erbe fort. Maja wurde Historikerin in Kronstadt und Wilhelm Ingenieur. Mit dem Ende des Krieges war die Habsburgermonarchie zerfallen. In Europa kam es zu neuen Grenzziehungen – so auch in Südosteuropa. Siebenbürgen wurde gleich nach dem Friedensschluss 1918 von Österreich abgetrennt und gehörte ab 1920 endgültig zum Königreich Rumänien.

mini|hochkant|Selbstporträt, Kohle Margarete Depner perfektionierte in der Zwischenkriegszeit auch durch autodidakte Studien ihre künstlerischen Kenntnisse und trat durch gesellschaftspolitisches Engagement hervor. Als Vorsteherin des Evangelischen Waisen- und Kinderschutzvereins und als Begründerin eines Tagesheimes für Kinder gingen ihre Tätigkeiten in das Kronstädter Leben ein. Es war die erste Institution dieser Art in Rumänien, bei der die Kinder – einer Ganztagesschule mit Nachmittagsbetreuung ähnlich – unter der Aufsicht von Lehrpersonal nach dem Unterricht eine spezielle Förderung erfuhren. Auch wurden am familiären Mittagstisch der Depners immer mehrere bedürftige Kinder verpflegt.

Neben ihrem sozialpolitischen Engagement und ihrer im siebenbürgischen Kontext einzigartigen mäzenatischen Funktion entwickelte sich Margarete Depner in der Zwischenkriegszeit zu einer anerkannten Malerin und Bildhauerin. Der künstlerische Durchbruch gelang ihr 1933 mit einer Gesamtschau ihres Werkes in Kronstadt. Während sie zum fixen Bestandteil der siebenbürgischen Kunstszene avancierte und sich vor allem als eigenständige Bildhauerin profilierte, kam es ab 1933 durch den Aufstieg Hitlers in Deutschland auch in Siebenbürgen zu politischen Machtverschiebungen. Während ein großer Teil der deutschsprachigen Minderheit im Nationalsozialismus und einer „Heimkehr ins Reich“ neue Hoffnung erblickte, war ein anderer Teil von der Notwendigkeit der Eigenständigkeit der Rumäniendeutschen überzeugt. In der Kunst kam es in formaler Organisation zu Gleichschaltung. Ebenso gelang einigen Kunstschaffenden, so auch Margarete Depner, die Beibehaltung der inhaltlichen Eigenständigkeit. mini|hochkant|Die Trauernde I

Als man 1937 die erste Gesamtschau deutscher Künstler in Rumänien in Kronstadt präsentierte, wurde dies bemerkt: „Auffallend ist die verwirrende Vielfalt von Stilen, von scharfen Gegensätzen in der geistigen Haltung und in der Ausdrucksweise.“ Auffallend war auch die große Beteiligung von Frauen in der Kunst, ein Drittel der sächsischen Künstler war weiblich. Über Margarete Depners Werke hieß es anerkennend, sie besäßen: „eine ganz seltene Feinnervigkeit und höchste persönliche Kultur.“ Diese „persönliche Kultur“ wird die Grundlage für ihre geringe Beeinflussbarkeit durch die NS-Ideologie sein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich in Rumänien die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend. 1948 kam es zu generellen Enteignungen von Besitz und Produktionsmitteln. Dies betraf die Schergsche Tuchfabrik ebenso wie das Depnersche Sanatorium. Waren während des Nationalsozialismus die deutschsprachigen Siebenbürger privilegiert, so wurde die deutschsprachige Bevölkerung nunmehr als „faschistisch“ eingestuft und war Repressionen ausgesetzt. Auch Wilhelm Depner wurde in der Nachkriegszeit dreimal verhaftet. Er genoss jedoch bei den sowjetischen Militärbehörden einen guten Ruf, da er durch seine politische Tätigkeit ab 1933 als Antihitlerist bekannt war. Viele Siebenbürger Deutsche wurden aus Kronstadt zwangsevakuiert. Die Familie Depner beschloss trotz der widrigen Umstände zu bleiben.

Margarete Depner gelang es, in der Volksrepublik Rumänien als Künstlerin anerkannt zu werden. So konnte sie, obwohl ihr Wohnhaus enteignet war, ein eigenes Zimmer und ein weiteres als Atelier behalten. Wollte sie als Künstlerin arbeiten, musste sie der Gewerkschaft beitreten. Als sie sich 1951 um die Aufnahme in die Künstlervereinigung bewarb, wurde ihr diese für die Abteilung Skulptur gewährt. Nun, in der kommunistischen Ära, erhielt die über Sechzigjährige erstmals in ihrem Leben einen öffentlich anerkannten Status. Erst als Pensionistin hatte sie einen professionellen Titel für ihre lebenslange Berufung erhalten. Obwohl ihr die Kunst als Hilfe gegen die Schwierigkeiten im Alltag galt und ihr das psychische Überleben sicherte, hatte sie doch die Leichtigkeit in ihrem Schaffen verloren.

Sie starb am 2. September 1970 und wurde auf dem Kronstädter Friedhof an der Seite ihres Mannes unter der von ihr geschaffenen Skulptur, der Kauernden beerdigt. mini|hochkant|Fabriksarbeiter II

Die Mäzenin Die fast ausschließlich protestantische Gesellschaft der Siebenbürger Sachsen war mehr durch spartanischen Puritanismus denn durch großzügige Kunstförderung geprägt. Margarete Depner war diesbezüglich sowohl als Mensch als auch als Frau eine Ausnahme. Sie besaß durch ihre Herkunft ökonomische Potenz, durch ihre Studien einen guten Geschmack, zudem die richtigen Kontakte und in erster Linie Förderungsambitionen. War sie im Alltagsleben eher anspruchslos, so zeigte sie sich bezüglich der Kunst geradezu verschwenderisch. Über die Jahre hinweg hatte sie über hundert Bilder ihrer siebenbürgischen Kollegen gesammelt. Aber auch internationale Werke bekannter Künstler wie Käthe Kollwitz, Lovis Corinth, Richard Boege oder Ernst Barlach waren Teil ihrer Kollektion.

Von einigen Künstlern besaß sie nicht nur ein Werk, sondern zahlreiche. Eine Liste verzeichnet fünf Bilder von Arthur Coulin, dreiundzwanzig Bilder von Friedrich Miess und vierzehn Werke von Fritz Kimm. Dieser hatte auch einige Auftragsarbeiten von den Familien Scherg und Depner erhalten. Er porträtierte die Eltern, Wilhelm und Juliane Scherg, den Ehemann Wilhelm Depner im Operationssaal, die Kinder Thea, Maja, Wilhelm und selbst seine Kollegin Margarete Depner beim Zeichnen. Das Ölbild von Wilhelm Scherg wurde nach ihrem Tode 1971 dem Brukenthalmuseum in Sibiu/Hermannstadt verkauft. So verdankt dieses der Privatsammlung Margarete Depners zwei Ölwerke Fritz Kimms. Von Friedrich Miess gelangten ebenfalls Bilder in das Brukenthalmuseum. Auf die gleiche Art und Weise kamen zumindest zwei wichtige Werke Grete Csaki-Coponys in öffentlichen Besitz. Die in Kronstadt geborene Malerin hatte mit ihrem Mann und den Kindern Siebenbürgen 1934 zu Gunsten von Stuttgart verlassen, von wo aus sie über Berlin Karriere machte. In ihrer Heimat sind „Die Dächer im Schnee“, in Hermannstadt/Sibiu dank des sammlerischen Engagements von Margarete Depner nun im Brukenthalmuseum zentraler Bestandteil der permanenten Ausstellung. „Die Dächer im Schnee“ befanden sich zusammen mit acht anderen Bildern im Nachlass von Margarete Depner.

Auch Hans Eder wurde durch Aufträge gefördert. Er malte Depner im Operationssaal und die Schwägerin Marie Depner mit ihrem Strickstrumpf. Dieses Porträt wurde von der Tochter Margarete Depners, Maja Philippi, 1971 dem Brukenthalmuseum verkauft. Auf die gleiche Art und Weise gelangte seine „Bosporuslandschaft“ in Museumsbesitz. Margarete Depner besaß in ihrer Privatsammlung für das geplante Museumsprojekt zumindest neun Bilder von Hans Eder. Seine „Hochzeit vom Kanaan“ wurde 1983, zum 110. Geburtstag von Wilhelm Depner von den verantwortungsvollen Erben der Schwarzen Kirche in Kronstadt zum Geschenk gemacht. Dort ist sie durch die großzügige Geste der Erben im Osten des nördlichen Seitenschiffes, gleichsam als stilles Vermächtnis Margarete Depners an die Nachgeborenen im öffentlichen Raum für alle Interessierten zu besichtigen. Ihre bislang unterschätzte jedoch im Kontext pionierhafte Rolle als Mäzenin wird durch die Widmung des Kronstädter Komponisten Paul Richter besonders unterstrichen. Das Streichquartett Nr. 2 in d-moll versah er mit folgenden Worten: „Der Künstlerin und Förderin der Kunst Frau Margarethe Depner verehrungsvoll zugeeignet vom Componisten. Hermannstadt 1. Februar 1937.“ mini|hochkant|Tochter Maja V

Ihre Vision war es, ihre private Kunstsammlung in einem eigenen Museum der Öffentlichkeit zu präsentieren. Diese Idee ließ sich im Nachkriegsrumänien wegen fehlender finanzieller Mittel und der Enteignung ihres Hauses, das sie mit zahlreichen Mitbewohnern teilen musste, nicht verwirklichen.

Künstlerischer Werdegang Die Region Siebenbürgen war, bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein, direkt an die gesamteuropäischen Kunstentwicklungen angeschlossen gewesen. Man verfolgte und reflektierte hier die europäischen Trends und entwickelte sie zu eigenständigen Kunstformen weiter. Dennoch waren die Bildungsmöglichkeiten in Siebenbürgen für Mädchen äußerst eingeschränkt. So besuchte Depner bereits zwischen 1901 und 1902 ein Mädchenpensionat in Weimar. Schon bald begann sie zu zeichnen und konnte sogar 1905 eine eigene Schulung bei Wilhelm Jordan in Berlin, der wichtigsten Metropole für zeitgenössische Kunst, durchsetzen. Der Aufenthalt scheint zudem mit der persönlichen Bekanntschaft der von ihr bewunderten Käthe Kollwitz verbunden gewesen zu sein, deren lebensbiographischen und künstlerischen Ähnlichkeiten in ihren frühen Arbeiten, Kohlezeichnungen und Lithographien offensichtlich sind. mini|Vase mit Apfel, Stillleben In der Folge fand sie ihre Privatlehrer auch in Kronstadt unter anderem bei Ernst Kühlbrandt (1857–1933). Durch seine gelehrigen Hände waren die meisten siebenbürgischen Künstler gegangen. Sein Zeichenunterricht baute auf exaktes Naturstudium. Arthur Coulin (1869–1912), der in Graz, München, Wien und Rom seine stilistischen Schulungen erhalten hatte und der sowohl durch seine Bilder als auch seine publizierten kunsthistorischen Betrachtungen für die moderne Malerei Siebenbürgens bahnbrechend war, beeinflusste sie in ihren frühen Jahren ebenfalls. Freundschaftliche Beratung kam zudem von Friedrich Miess, Fritz Kimm und Hans Eder.Eder verband mit dem Österreicher Franz Blei eine Freundschaft und zusammen mit Felix Harta hatte er in Wien 1912 eine Malschule eröffnet.