Die Geschichte der Stadt Burgas umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der bulgarischen Stadt Burgas von der ersten Besiedlung bis zur Gegenwart. Die heutige Stadt Burgas hat einen thrakisch-römischen Ursprung und kann auf eine über 3000-jährige Geschichte zurückblicken. Die antike Siedlung in der Gegend Sladkite Kladenzi auf der Nehrung Kumluka im heutigen Stadtteil Pobeda wird als Hafen der thrakischen Könige bezeichnet. Die heutige Stadt entwickelte sich aus mehreren in der Umgebung gelegenen Orten, die wichtigsten davon waren Deultum, Poros und Aquae Calidae. Bereits in thrakischer Zeit existierten auf ihrem Gebiet größere Siedlungen und befestigte Anlagen. Einige davon wurden mit dem Vormarsch der Römer in dieser Region von den letzteren übernommen und von Bulgaren und Byzantinern im Mittelalter fortgesetzt. Einige der Orte wurden nach Plünderungen aufgegeben, andere wieder aufgebaut.

Mit dem Fall Konstantinopels 1453 übernahmen die osmanischen Türken dauerhaft die Region. In dieser Zeit entwickelte sich der kleinere Ort Pirgos, der eigentliche Vorgänger von Burgas zum Hauptort in der Gegend. Die gute wirtschaftliche Entwicklung sorgte für ein Bevölkerungswachstum, das zum Nachteil der früheren Siedlungen in der Region erfolgte und auch Einwohner von Städten im Balkangebirge und der Thrakien-Ebene anlockte. Mit der Befreiung Bulgariens stieg die militärische, wirtschaftliche und geopolitische Rolle von Burgas an, so dass die Stadt die regionale Konkurrenz (Sosopol, Pomorie, Ajtos und Sliwen) endgültig hinter sich ließ. Die Anbindung an das Schienennetz, die Eröffnung des modernen Hafens, die Industrialisierung sowie die Flüchtlingsströme (thrakische und makedonische Bulgaren) prägten Burgas bis Ende des Zweiten Weltkrieges. Die mit Übernahme der Kommunisten eingesetzte Verstaatlichung von Besitz und Grund überlebten viele Fabriken nicht. Ihr folgten eine staatlich verordnete und kontrollierte Planwirtschaft, die Ansiedlung von Großbetrieben und der Ausbau der Stadt nach sozialistischem Muster. Ende der 1980er und Anfang der 1990er erfolgte die ökologische Katastrophe. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und die eingesetzte Demokratisierung wurde diesen Entwicklungen entgegengetreten. mini|Wappen der Stadt Burgas

Name mini|Die Inschrift aus Pantschewo Es gibt mehrere Versionen über den Ursprung des Ortsnamens Burgas. Die meisten davon verweisen auf das lateinische Wort Burgos, oder das griechische Πύργος (Pyrgos) und welches derselben Sprachfamilie entstammen und die Bedeutung von Turm, Wachturm, Burg oder Burgberg haben (siehe Burgus). Andere Versionen leiten den Stadtnamen aus dem deutschen borg (Berg) ab. Kiril Wlachow fügte mit /pürgos (deutsch: Wallburg) einen möglichen thrakischen Ursprung hinzu. Schließlich ist die Rede von einem römischen Burgus, der laut einer Inschrift 154/155 n. Chr. aus Pantschewo während der Zeit Antoninus Pius (138–161), beziehungsweise unter dem Statthalter von Develtum Iulius Commodus Orfitismus errichtet wurde und in späteren Zeiten zum Synonym für die sich daraus entwickelte Stadt wurde. Der Standort dieser Burg ist heute unbekannt. Eine ähnliche Etymologie hat der Name der spanischen Stadt Burgos. – Peter Soustal: Thrakien (Thrake, Rhodope und Haimimontos), S. 234, Zitat: „Einer Inschrift (154/155 n. Chr.) aus Pantschewo zufolge werden in Thrakien zum Schutze der Provinz unter Antoninus Pius (138-161), beziehungsweise dem Statthalter C. Iulius Commodus Orfitismus burgi und praesidia errichtet, und das speziell per fines coloniae Flaviae Deultensium“. Karajotow, Rajtschewski, Iwanow. S. 7.

Ur- und Frühgeschichte

Erste Siedlungen in der Frühzeit Im Hinterland von Burgas sind mehrere vorgeschichtliche und antike Siedlungen von der Kupfersteinzeit bis in die Späte Bronzezeit bekannt. Anfang 2008 wurden bei Ausgrabungen in der zehn Kilometer vom Stadtkern entfernten Gegend Solna Niwa (deutsch: Salzacker) nahe dem Atanassow-See mehr als 250 Artefakte gefunden, von denen die ältesten auf etwa 6000 Jahre v. Chr. datiert werden. Die Funde, darunter rituelle Gegenstände eines Priesterkönigs, zeugen von entwickelter Landwirtschaft, Viehzucht und Salzgewinnung der damaligen Bewohner. Die Artefakte von Solna Niwa sind vermutlich die ältesten, die je an der Schwarzmeerküste gefunden wurden und älter als die aus dem Gräberfeld von Warna. Sie unterstreichen die frühgeschichtliche Bedeutung des Ortes.Vgl.: ; Faudot, Murielle/Fraysse, Arlette/Geny, Évelyne: Pont-Euxin et Commerce, Presses Universitaires de Franche-Comté, Besançon 2002, ISBN 978-2-84627-079-3, S. 110–126 und 130–135Klasnakow, S. 10–11

Eine thrakische Siedlung in der Gegend Sladkite kladenci diente vom 6. bis ins 2. Jahrhundert v. Chr. wohl als Emporion (Markt) von Apollonia. Auf der Anhöhe Schiloto im Viertel Meden Rudnik befand sich eine thrakische Festung, welche die nahegelegenen Kupferbergwerke thrakischer Fürsten bei Warli brjag schützte. Später wurde dort ein griechisch-römischer Tempel des Gottes Apollon Musagetes (Apollo als Musenführer) errichtet. Tyrsis war eine weitere thrakische Siedlung, die sich südwestlich von Burgas befand und Anfang des 2. Jahrhunderts v. Chr. zerstört wurde. Archäologische Untersuchungen der späteren Mineralbäder Aquae Calidae belegen ebenfalls thrakische Vorsiedlungen. Unter der Herrschaft des Großkönigs Dareios I. gerieten die thrakischen Siedlungen unter persische Herrschaft. Nach der Abwehr der persischen Invasion und der Gründung des Odrysenreiches wurden die Siedlungen erneut thrakisch.Iwan Wenedikow: Thrakien. In: Gold der Thraker. Archäologische Schätze aus Bulgarien. Zabern, Mainz 1979, ISBN 3-8053-0435-8, S. 11–19

Burgas entstand aus mehreren Siedlungen an der Küste des Schwarzen Meeres und im Küstenland, vor allem aus Deultum, Aquae Calidae und dem späteren Pirgos. Deultum war zunächst eine am westlichen Ufer des Mandra-Sees an der Mündung des Flusses Sredezka gelegene thrakische Siedlung. Ihr Name Deultum (auch Develtum, Debeltum, Debeltus oder Develt) bedeutet im Thrakischen Zwischen zwei Seen (gelegen). Zwischen 383 und 359 v. Chr. wurde der Ort unter Kotys I. erneut Teil des Odrysenreiches. Die Bedeutung der Nachbarstädte Apollonia und Mesambria hemmte jedoch in der Antike den Aufschwung der kleineren Siedlung.Iwan Karajotow, Stojan Rajtschewski, Mitko Iwanow: Geschichte der Stadt Burgas (bulg. История на Бургас), 2011, ISBN 978-954-92689-1-1; Zusammenfassung Bis 340 v. Chr. eroberte der makedonische König Philipp II. die thrakischen Siedlungen. Entwicklung von der Römerzeit bis zum Mittelalter mini|hochkant|Die drei Nymphen von Aquae Calidae 72 v. Chr. sicherte der Feldherr Lucullus die Region dauerhaft für das Römische Reich. Kurz vor 77 n. Chr. entstand östlich des thrakischen Deultum eine vom römischen Kaiser Vespasian gegründete Kolonie für Veteranen der Legio VIII Augusta. Der Name Colonia Flavia Pacis Deultensium übertrug sich später auch auf die thrakische Stadt. In dieser Zeit wurde sie zur zweitwichtigsten Stadt der römischen Provinz Thracia und Zentrum der Ländereien zwischen der heutigen Bucht von Burgas und dem Strandschagebirge. Dort traf eine Abzweigung der römischen Heeresstraße Via Militaris auf die Via Pontica, welche die Küstenstädte entlang des Pontos Euxeinos (altgriechisch für Schwarzes Meer) verband. Im Stadtzentrum von Burgas lassen sich römische Spuren mit Münzfunden aus dem 1. bis 4. Jahrhundert n. Chr. nachweisen. Südwestlich des heutigen Bahnhofs befinden sich die Reste einer römischen Station. Südlich des Gemeindedorfs Marinka, am Fuße des Gipfels Rossen wurden die Reste einer Villa rustica lokalisiert die bis in das 5. Jahrhundert nach Chr. existiert hat.Peter Soustal: Thrakien (Thrake, Rhodope und Haimimontos). S. 347

Später entstand an den Südhängen des nahegelegenen Hemus-Gebirges (Balkangebirge) der Ort Aquae Calidae, ein Heilbad mit wasserreichen Mineralquellen, das nachweislich von byzantinischen Kaisern (unter anderem Maurikios) und Kaiserinnen regelmäßig besucht wurde. Das Gebiet der heutigen Stadt umfasst außerdem die früheren Siedlungen Pirgos, Kastiakion, Poros/Foros, Skafidia und Rossokastron. Unter dem Namen Pudizos ist Pirgos in der Tabula Peutingeriana verzeichnet.Vladislav Škorpi, Karel Škorpil: Някои бележки върху археологическите и историческите изследования в Тракия. Staatsdruckerei Ostrumelien, Plowdiw 1885, S. 92 (bulgarisch); mini|Münze von Kaiser Severus Alexander, geprägt in der römischen Siedlung Colonia Flavia Deultensium

Ende des 1. Jahrhunderts, während der Herrschaft des römischen Kaisers Antoninus Pius wurden das Kastell Poros und eine Wegestation (statio milliaria) mit einem Hafen auf der heutigen Halbinsel Faros im Bezirk Kraimorie erbaut. Sie sicherten an der Via Pontica eine kleinere Bucht, die heute durch eine Landzunge vom Schwarzen Meer getrennt ist und in der Spätantike und im Mittelalter einen sicheren Vorhafen zu Develtum und Skafidia bildete. Neben dem Kastell wurde später ein kleines Kloster errichtet. Einige Historiker vermuten, dass es sich um das von der byzantinischen Kaiserfamilie im 13. Jahrhundert gestiftete wieder errichtete Kloster des Heiligen Georg handelte. Es ist nicht bekannt, ob Develtum wie Aquae Calidae und die gesamte Region um 270 von den Goten zerstört oder erobert wurde.Karajotow, Rajtschewski, Iwanow. S. 60–65 376 schlugen die Goten bei Develtum eine römische Eliteeinheit.Herwig Wolfram: Die Goten: von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts: Entwurf einer historischen Ethnographie. Verlag C.H.Beck, 2001, S. 130.

Nach der Reichsteilung von 395 des Imperium Romanum gehörte die Region dem Oströmischen Reich (später Byzanz) an. Unter der Herrschaft des byzantinischen Kaisers Justinian I. (527–565) wurde Aquae Calidae durch eine Stadtmauer gesichert. Es ist nicht bekannt, ob Develtum wie Aquae Calidae, Anchialos und die Region nördlich davon um 584/585 von den Awaren unter Baian eingenommen wurde.Michael Wendel: Der Kriegszug der Awaren im Jahr 586/87 n. Chr. durch Nordthrakien. In Pontos Euxeinos. Beiträge zur Archäologie und Geschichte des antiken Schwarzmeer- und Balkanraumes, ZAKSSchriften 10, Verlag Beier & Beran, Langenweissbach 2006, S. 447 ff. In einer der Kirchen in Aquae Calidae fanden die Awaren die kaiserlichen Gewänder von Anastasia, die Frau des oströmischen Kaisers Tiberios I. Syrischen Quellen zufolge zog Baian diese an und beanspruchte angeblich die Herrschaft über das Reich für sich.Die Deutung dieser Episode (erhalten bei Michael Syrus) ist umstritten, vgl. dazu Walter Pohl: Die Awaren. München 2002, S. 78.

708 schlug der bulgarische Herrscher unmittelbar nördlich vom heutigen Burgas in der Schlacht von Anchialos den byzantinischen Kaiser Justinian II. und damit wurde die Region Sagore mit Aquae Calidae und Develtum zum ersten Mal in das Bulgarische Reich eingegliedert. Unter dem bulgarischen Herrscher Krum kam die Sagore dauerhaft zum bulgarischen Reich. In diesem Zusammenhang ließ der bulgarische Herrscher den bulgarisch-byzantinischen Grenzwall Erkesija errichten. Der Überlieferung nach soll 863 der bulgarische Khan Boris I. in oder in der Nähe von Develtum im Beisein des byzantinischen Kaisers Michael III. getauft worden sein. Dabei nahm er als Würdigung des oströmischen Herrschers den Taufnamen Michael an und widmete anschließend seine Regentschaft dem Ziel der Christianisierung seines Reiches. Um 970 geriet die Region erneut unter byzantinische Herrschaft. 1093 stationierte Alexios I. Komnenos Truppen zur Sicherung der östlichen Pässe des Balkangebirges in Aquae Calidae. Mittelalterliche Festungsreste wurden ebenfalls auf dem Berg Rossen () 4 km nordöstlich von heutigen Gemeindedorf Marinka lokalisiert.