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Ensemble Altstadt

Der historische Stadtraum von Wasserburg, wie er sich bis zum 18. Jahrhundert auf der Landzunge innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer, darüber hinaus in der ehemaligen Griesvorstadt und jenseits der Innbrücke am Kellerberg entwickelt hat, ist ein Ensemble. mini|300px|Wening: Ansicht von Wasserburg Seine Begrenzung ist durch die südliche Uferzone, durch die Schwemmlandlinie um 1750, durch die ehemals gesicherte Uferzone bis zum ehemaligen Vorwerk im Westen und durch die damals bebauten Grundstücke beim Brückenkopf am rechten Innufer gegeben. Wasserburg gehört zu den oberbayerischen planmäßig angelegten Inn-Salzach-Städten des 13. Jahrhunderts, die der Landesherrschaft als wirtschaftliche und politische Stützpunkte dienten und Stapelplätze für Salz, Wein, Getreide hinter gesicherten Mauern garantieren sollten. Unter diesen an Flüssen gelegenen Städten, in denen sich die charakteristischen Innstadt-Häuser mit ihren waagrechten Vorschussmauern vor den Grabendächern zu Straßenwänden und Bauwürfeln zusammenschließen, zeigt Wasserburg am vollständigsten ein geschlossenes Aufrissbild spätgotischer Prägung auf mittelalterlichem Grundriss, bei einzigartiger Lage in der Landschaft. Den natürlichen, vom Fluss umschriebenen Lebensraum hat auch das 19. Jahrhundert nicht wesentlich erweitert oder entstellt. Die Stadt ist fast ganz von Wasser umgeben, in den Zügen der Mauern und Häuserzeilen bildet sich die Gestalt der löffelförmigen Landzunge ab. Die Außenansicht, der Blick auf die Innfront von Südosten, zeigt die Dominanz der ehemaligen Burganlage, des herzoglichen Amtssitzes mit seinen hochragenden Treppengiebeln, über die Architekturinsignien der bürgerlichen Handelsstadt am Wasser, über das massige Brucktor mit dem Spitalbau, eingebunden in die geschlossene Uferfront von Bürgerhäusern über die großvolumige Pfarrkirche mit dem massig-gedrungenen Turm, über die kleinere Marktkirche mit dem schlanken städtischen Wachturm und die unterschiedlich hohen Treppengiebel des Rathauses. Bis heute besteht für diese Ansicht starke Übereinstimmung mit dem Merian-Stich von 1657.

Das Wachstum von Wasserburg und seine Blüte gehen auf den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handelsverkehr auf Straße und Wasserweg zurück. Die Stadt liegt einmal am Inn, einer der Hauptverkehrs- und Haupthandelswasserstraßen des Mittelalters, dem Teilstück eines Verkehrssystems, das vom Adriatischen Meer bis zur Donau reichte und Verbindung zwischen Italien, Deutschland, Österreich und Ungarn herstellte. Gleichzeitig ist sie Kreuzungspunkt mit der Salzstraße von Reichenhall nach München und Augsburg, bzw. Landsberg und zusätzlich Grenze zwischen den Bistümern Freising und Salzburg. Die wirtschaftlichen Funktionen des Rast-, Handels- und Umschlagplatzes wurden durch strategisch-politische überlagert bzw. mitkonstituiert, bedingt durch die extrem günstige Schutz- und Verteidigungslage der Stadt aufgrund ihrer topographischen Situation: Wasserburg liegt auf einer durch eine enge Innschleife gebildeten Landzunge, im Talkessel der 60 bis 70 Meter hohen Steilhänge des östlichen Flussufers. Diese einzigartige topographische Situation hat die spätere städtebauliche in Grund- und Aufriss entscheidend bestimmt, wobei sich die topographischen Grundtatsachen im Laufe der Jahrhunderte insofern verändert haben, als sich die Halbinsel Jahresringen gleich vergrößerte: ein Wachstumsprozess, der sich in den Grundzügen des Stadtplanes, in den Zügen der Mauern und Häuserzeilen materialisiert hat. Auf drei Seiten gewährte der im Mittelalter noch breitere Inn natürlichen Schutz. Den schmalen Hals der Halbinsel im Westen, ihren einzigen Zugang schnürte er auf etwa 150 Meter ein. Ebenso günstig war die Verteidigungsmöglichkeit; genau an der schmalsten Stelle der Landverbindung liegt am Südrand ein etwa 20 Meter hoher Hügelrücken. Seine Länge von 250 Metern bot Platz für eine größere Burganlage, die unter Hallgraf Engelbert seit 1137 entstand und einen Sperrriegel gegen den Zugang der Halbinsel schuf. mini|150px|Schloss Wasserburg Unterhalb der neuen „Burg am Wasser“, in meist hochwasserfreiem Gebiet beim späteren Marienplatz, bestand zu dieser Zeit nur die Fischer- und Schiffersiedlung Hohenau. Um 1100 war dieser Siedlungsraum noch beschränkt, erst in den nachfolgenden Jahrhunderten landete der Inn am Gleithang Kies- und Sandbänke an, die eine Erweiterung des bebaubaren Gebietes ermöglichten. Noch unter Engelbert wurden Innbrücke und Mauthaus erbaut. Der Durchzug der Salzstraße durch die Siedlung und die Burg führte zu einer raschen städtischen Entwicklung. 1201 erscheint der Ort als Markt, zwischen 1160 und 1220 wurde er mit einer Ringmauer umgeben. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts wurde für die Burg und Ansiedlung zusammen der Name „Wasserburg“ gebräuchlich, vermutlich besaß der Ort auch schon Stadtrecht. 1250 wurde mit dem Bau des ersten Rathauses begonnen, fünf Jahre später mit dem ersten Bau der Pfarrkirche St. Jakob. Von der romanischen Stadt Wasserburg nimmt man an, sie sei eine Rundstadt gewesen. Im Osten blieb die Ausdehnung dieser Siedlung im Verlauf des Nagelschmiedgäßchens erkennbar, auch die Fletzingergasse zeichnet wohl eine Verlaufslinie dieser Stadt nach. Ebenso könnte in den als „Hinter den Mauern“ bezeichneten Resten eines ehemaligen Wehrgürtels, der später verstärkt wurde, der ursprüngliche Verlauf der romanischen Anlage sichtbar sein. mini|150px|Das Rathaus von Wasserburg Die Stadt, die 1248 in den Besitz der bayerischen Herzöge übergegangen war, stand später in hoher Gunst Kaiser Ludwigs des Bayern. Er stattete sie 1332 nicht nur mit dem ausschließlichen Recht der Salzniederlage aus, er unterstützte auch ihren Wiederaufbau nach dem verheerenden Brand von 1339. Neue Achsen wurden in die Rundsiedlung gelegt, die zur Anlage des breiten Stadtplatzes und dem System rechtwinklig verstrebter Längs- und Querstraßen führten. Der heutige Grundriss von Wasserburg ist weitgehend identisch mit diesem einheitlichen Bebauungsplan des 14. Jahrhunderts. In diesem und dem Jahrhundert darauf hatte die Stadt ihre expansivste Phase. Bereits in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts wurde der Bau einer zweiten Kirche notwendig, der am Stadtplatz liegenden Frauenkirche (1324). 1341 entstanden Spital und Kirche von Hl. Geist, 1374 der erste Bau des Brucktores, 1392 der Salzstadel auf dem Gelände der heutigen Hofstatt. 1410 wurde mit dem heutigen Bau von St. Jakob, 1457 mit dem weiteren Ausbau des Rathauses begonnen. 1415 war die Stadtbefestigung durch Herzog Ludwig den Gelehrten so erhöht und verstärkt worden, dass weder 1422 Herzog Heinrich von Landshut noch 1648 die Schweden und Franzosen die Stadt einnehmen konnten. Die alte Grafenburg wurde 1531–40 durch das neue herzogliche Schloss ersetzt. Den Endpunkt der eindrucksvollen wirtschaftlichen und städtebaulichen Entwicklung setzte bei Beendigung des Landshuter Erbfolgekrieges 1504 Herzog Albrecht IV., der die Stadt für ihre Politik während des Krieges mit Entzug des Monopols des Salzstapelrechts strafte, das er dem Markt Rosenheim einräumte. mini|150px|Pfarrkirche St. Jakob Dem wirtschaftlichen Niedergang, der daraus folgte, entsprach der politische mit der Auflösung des Rentamtes 1505. Lediglich als Flusshafen wahrte die Stadt ihren alten Rang. Über das Spätmittelalter hinaus brachten Wasserburger Schiffermeister aus Österreich und Ungarn Getreide und Wein an die Wasserburger Lände. Die Stadt galt als Handels- und Kriegshafen von München. Seit 1749 wurde auf dem Schwemmland außerhalb der Stadtmauer und im Anschluss an die Gries-Bebauung Hopfenanbau eingeführt, woran auch die Bebauung rechts des Inn erinnert: Brauereigebäude, Gasthöfe und Sommerkeller. Mit dem Bau der Saline Rosenheim, 1810, war der Salzhandel fast ganz erloschen, 1865 fuhr das letzte Dampfschiff auf dem Inn.

Primär am Grundriss zeigt sich der funktionale Aufbau der Stadt: Östlich der Burgbergerhebung entwickelt sich zur Innlände immer mehr absteigend ein Stadtkörper, dessen ehemals fast vollständige Ummauerung der längsovalen Form der Landzunge nachgeht, dessen Hauptstraßensystem jedoch streng rechtwinklig ist. Dichte Zeilenbebauung auf schmalen Grundstücken zeigt die intensive Nutzung des durch die Innschleife vorgegebenen Terrains. Als „Rückgrat“ der Stadt muss der Zug der Salzstraße gelten. Sie erreichte über die Innbrücke und durch das Brucktor die Stadt und bog im rechten Winkel in den Marktraum ein. Die Salztransporte wurden bis zum Ende des 15. Jahrhunderts durch die Salzendergasse bewegt, wo sich bei der heutigen Hofstatt der älteste Salzstadel befand; der Weg führte dann westwärts durch die Ledererzeile und über den Fuhrtaller Berg (Bergstraße) zur Alten Landstraße. Nach dem Bau des neuen Mauthauses an der Ecke der Schmiedzeile zum Markt wurde der Weg direkt über die Schmiedzeile zur Burg und zur Landstraße genommen. Die älteren Stapel- und Ladeplätze lagen östlich der Salzsendergasse bis hin zur Stadtmauer und in den Nebengassen. mini|150px|Am Kaspar-Aiblinger-Platz Im späteren Mittelalter, bei beginnendem Raummangel innerhalb der Stadt, hatte man den Stapelplatz hinter die Mauer auf das angeschwemmte Gelände des Gries ausgedehnt. Etwa in parallelem Bogen zur Mauer wie zur Uferzone wurde das Gelände bebaut; die geschlossene Häuserwand am Kaspar-Aiblinger-Platz folgt dieser Linie. Die erstaunliche Größe des Marktplatzes bedingte der umfangreiche Frachtverkehr, der vor den Handels- und Geschäftshäusern Platz für das Abstellen und das Be- und Entladen der Fuhrwerke beanspruchte. Zusammen mit der nur wenig schmaleren Herrengasse entstand hier das vornehme Viertel der Ratsherren, Kaufherren und Schiffmeister, das Repräsentations-, Geschäfts- und Verwaltungszentrum der Stadt. Marktkirche, Rathaus und Mauthaus veranschaulichen die funktionale Dichte dieses Stadtbereichs. Neben diesen platzartig weiten Straßen haben die restlichen, meist mit Handwerkerhäusern bebauten, Gassenbreite. Ausgedehnter ist nur die Ledererzeile, die bis 1836 auch als Viehmarkt diente. Vom Verkehr des Marktes abgewendet und durch eine Häuserzeile von ihm getrennt, liegt die Pfarrkirche zwischen Burg und Stadt, hochwassersicher in den leichten Winkel gebettet, den der Burghügel an seinem östlichen Auslauf bildet.

Charakteristisch für Wasserburg ist die Struktur der Grundstücksparzellen. Die Begrenztheit der Flächen zwischen den Mauern, der große Bedarf an Lagerraum und das Bestreben, den Bürgern gleich breite Anteile an den Straßenfronten zu sichern, haben einen Haustyp hervorgebracht, der sich über extrem tiefen, zur Straße schmalen Grundstücken erhebt. So treten im Straßenbild der Herrengasse Rückfronten von Bürgerhäusern der Nordseite des Marienplatzes, in der Färbergasse solche der parallel laufenden Herrengasse auf. Lediglich der Marienplatz selbst ist ausschließlich von Frontfassaden eingefasst; die Rückseiten seiner südlichen Häuserzeile bilden darüber hinaus zusammen mit den Spitalbauten eine geschlossene Innfront aus. Die Tiefe der Anwesen füllen Wohnbauten, Nebenhäuser, Wirtschaftsgebäude, Ställe und Lagerhäuser. Üblich ist die Trennung der vorderen von den hinteren Gebäuden durch einen Hof, der Belichtung und Belüftung ermöglicht, oder wenigstens durch Lichtschächte. Die durch die Höfe getrennten Teile wurden durch Galerien verbunden, die häufig aufwendig ausgestaltet sind. mini|150px|Häuser in der Salzsenderzeile